Efeu - Die Kulturrundschau

Solo auf der Festplatte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.11.2022. Der Guardian entdeckt Witz und Melancholie in den Skulpturen der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz. Die FAZ erkennt im Fahrraddesign technische Revolution und Konzeptstudie zugleich. Die taz gibt zu bedenken, dass vielleicht auch der identitätsstiftende Konsum des Neoliberalismus schuld ist am Zuschauerschwund. In der SZ plädiert Karoline Herfurth für mehr Elternfreundlichkeit am Filmset. Außerdem wiegt sich die taz im Jazz der Harfenistin Alina Bzhezhinska.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 finden Sie hier

Kunst

Nase oder Hoden: Magdalena Abakanowicz' "Abakan Vert", 1967. © Fundacja Marty Magdaleny Abakanowicz Kosmowskiej i Jana 

Ziemlich klasse und vor allem auch witzig findet Adrian Searle im Guardian die textilen Skulpturen der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz, der die Tate Modern eine große Ausstellung widmet: "Es gibt hier großartige Dinge, verrückte Strudel aus Rosshaar und ungezupften Sisalseilen, sorgfältige Schnitte und unerwartete Schatten, verschlossenen Innenräumen, Faltungen und Ausbuchtungen, schalldämpfendes Gewicht und organischen Duft. Unweigerlich werden wir eingenommen von den immer offenkundigeren Darstellungen des weiblichen Körpers, den geöffneten Schamlippen, den Körperöffnungen und -vorwölbungen. Es gibt Brüste und schwangere Bäuche, Falten und Tunnels. Wie nah sie auch an Kleidung sein mögen, diese hängenden Formen sind zu Phantomkörpern geworden. In 'Abakan Red' ragt ein schrumpeliger Bugspriet oder eine ausgestülpte Nase in den Raum, die durch ein cartoonhaftes Missgeschick leicht verbogen ist (vielleicht wurde sie in etwas hineingesteckt, wo sie nichts zu suchen hatte). Je mehr ich hinschaue, desto anzüglicher und lustiger wird diese Form. Sind das Hoden, die in der Falte neben der Nase baumeln, wenn es denn eine Nase ist? In der Nähe baumelt ein großes, angenehm unförmiges Sisalknäuel, das wie eine schwarze Wolke oder ein Felsen aussieht, von der Decke. Als ich darunter stand, dachte ich an eine Denkblase, eine sichtbar gemachte schreckliche Melancholie, die für alle sichtbar über meinem Kopf schwebte."

Im Observer bespricht Laura Cumming die Schau "Making Modernism" in der Royal Academy in London deutlich wohlwollender als Jonathan Jones im Guardian (unser Resümee). Sie ist besonders berührt von der Vertrautheit und Intimität, die in den Bildern Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Gabriele Münter und Marianne Werefkin zu spüren seien.

Weiteres: Der Standard meldet, dass nun auch in Wien Gustav Klimts "Tod und Leben" zum Ziel von Klimaaktivisten wurde. Sie bespritzten das glasgeschützte Gemälde mit Öl. Reinhart Bürger informiert im Tagesspiegel en detail über den Kauf von Hamburger Bahnhof und Rieckhallen.
Archiv: Kunst

Bühne

In der taz erklärt sich Uwe Mattheis den Zuschauschwund in den Theatern als Folge einer neoliberalen Denkweise, die Selbstverwirklichung durch identitätsstiftenden Konsum verspricht: "Große Theater sind Anachronismen in einer Gesellschaft, die sich immer mehr in voneinander abgrenzende Milieus ausdifferenziert, die ihre Identitäten entlang einer ausgesuchten (alltags)kulturellen Praxis herausbildet und sie nicht mehr nur vom ökonomischen Status ableitet. Der gesamte Kulturbetrieb gerät immer mehr in den Dienst der Reproduktion von Milieuidentitäten, die 'feinen Unterschiede' zeigen sich im Kulturkonsum. Die politische Bedeutung der Theater liegt aber gerade darin, Orte zu sein, an denen sich unterschiedliche gesellschaftliche Milieus überhaupt noch begegnen können, sie sind Teil des raren Zwischen-Raums, in dem über öffentliche Angelegenheiten mit den Mitteln der Kunst verhandelt werden kann."

Besprochen werden Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" in der Urfassung in Baden-Baden (die SZ-Kritiker Michael Stallknecht mit einem größeren Chor und höheren Sopranrollen überwältigte, in der FAZ dagegen vermisste Lotte Thaler unter anderem "kantablen Opernschmelz"), Albert Lortzings Oper "Undine" in Leipzig (deren Wiederentdeckung Welt-Kritiker Manuel Brug ebenso zu schätzen weiß wie deren "filigrangliedrige Musik zwischen Melancholie und Frohsinn"), Verdis "Maskenball" in Klagenfurt (Standard).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Publikumsschwund

Film

Im SZ-Gespräch plädiert die Schauspielerin und Regisseurin Karoline Herfurth dafür, weibliche Sexualität im Kino authentisch zu erzählen und den erzählerischen Korridor für alternative Familienentwürfe zu weiten. Auch die elternunfreundlichen Arbeitsbedingungen beim Dreh sind ihr ein Dorn im Auge: "Meine Produzenten sind sehr wachsam in dieser Hinsicht, sowohl was den Gender-Pay-Gap und die Gleichbehandlung angeht als auch familienfreundlichere Arbeitsbedingungen." Bei ihrem letzten Film wurde "ein Modell ausprobiert, bei dem man nach einer Fünftagewoche immer eine Viertagewoche im Wechsel macht, sodass man alle zwei Wochen drei Tage am Stück für die Familie hat. ... Kürzere Drehtage wären auch eine Option. Man muss aber auch sagen: Es ist immer eine Budgetfrage, denn das verlängert die Dreharbeiten, und das wiederum kostet viel Geld."

Besprochen wird Christophe Cotterets von Arte online gestellte Doku "Terror in Paris: Chronik einer Fahndung" (taz).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Mit spürbaren Anflügen von Amüsement wirft Christian Zaschke für die SZ einen Blick auf den Nachlass von Joan Didion, der heute nachmittag online versteigert werden soll. "Auch Didions Kochbücher stehen zum Verkauf. Sie kochte gern, weshalb die Kochbuch-Sektion auf den Regalen nicht eben klein war. Zu den womöglich interessantesten Bänden dieses Segments zählt die sechsbändige Reihe 'Mastering the Art of French Cooking'. Erwarteter Erlös: 200 bis 400 Dollar. Man kann vermutlich jedes dieser Rezepte im Internet finden, aber womöglich schmeckt ein Gratin dauphinois anders, wenn man weiß, dass Didion es aus einem dieser Bücher nachgekocht hat."

Weitere Artikel: In der NZZ setzt Sergei Gerasimow sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Bestseller-Autorin Cornelia Funke hat einen Nachwuchs-Schreibwettbewerb ausgerufen, meldet Tilman Spreckelsen in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Elfriede Jelineks "Angabe der Person" (Standard), Dmitri Prigows "Katja chinesisch" (Standard), Frauke Buchholz' "Blutrodeo" (FR), Christoph Peters' "Der Sandkasten" (Freitag), Johannes Groschupfs Berlin-Thriller "Die Stunde der Hyäne" (Freitag), Jürgen Wertheimers "Mischwesen. Tiere, Menschen, Emotionen" (ZeitOnline) und Max Ernsts "Die Schriften" (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Pinakothek der Moderne (@pinakothekdermoderne)


Angeregt flaniert FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier durch die Ausstellung "Das Fahrrad. Kultobjekt. Designobjekt" in der Pinakothek der Moderne in München: "Fahrradgeschichte ist immer auch Materialgeschichte. Holz, Stahl, Aluminium, Magnesium, Titan, Karbon, Kunststoff kamen und kommen zum Einsatz. Erst 1936 gelang es das erste Mal, Aluminiumrohre zu schweißen, eine von vielen Revolutionen im Fahrradbau. Im Kern ist Fahrraddesign nicht von der Technikgeschichte zu trennen. ... Design wirkt oft im Verborgenen, in den Komponenten, in Details: Insofern leistet der Katalog ausgezeichnete Dienste, indem er sich mit Nahaufnahmen Formgebungen widmet, die man beim Rundgang allzu leicht übersieht. Und natürlich wirken manche Räder wie Konzeptstudien."
Archiv: Design
Stichwörter: Fahrraddesign, Fahrrad

Architektur

In der NZZ schildert Hubertus Adam, wie sich das schweizerische Dorf Valendas durch die Restaurierung seiner wuchtigen Patrizierhäuser als Gemeinde und touristisches Ziel wieder attraktiv macht: "Dabei erwies sich die relative Abgeschiedenheit als Vorteil: Das Dorf blieb von Modernisierungswellen verschont, welche andere Orte bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatten. Außerdem ist es zu weit von Chur entfernt, um zum Schlafvorort zu verkommen, und es besitzt ein Ortsbild von nationaler Bedeutung."
Archiv: Architektur

Musik

Eine Harfe würde tazlerin Katja Kollmann zwar nicht von vornherein zwingend mit Jazz in Verbindung bringen. Aber das Experiment der ukrainischen, in London lebenden Harfenistin Alina Bzhezhinska auf deren neuen Album "Reflections" hat sie überzeugt: "Der musikalischen Interaktion zwischen den klassischen Jazzinstrumenten Bass, Saxofon, Trompete und Drums und dem Außenseiter-Instrument Harfe zuzuhören, ist extrem spannend für das Jazz-Gewohnheits-Ohr. Man muss sich an die neue Klangsignatur erst gewöhnen. Interessant ist, wie sich die entfernten Verwandten Kontrabass und Harfe zueinander verhalten. Das Zusammenspiel beider Zupfinstrumente hört sich wie eine Symbiose an, so wirken die tiefen Basstöne und die hohen Harfentöne wie die linke und rechte Hand beim Klavier. Aber auch die Drums, vor allen die Hihat-Becken, schaffen ein Klangfeld, auf dem sich die Harfe virtuos bewegen kann. Das aber führt interessanterweise dazu, dass man auch die Drums noch mal ganz neu hört." Fazit: "Bzhezhinska dehnt den Radius der Möglichkeiten, was eine Harfe kann, anregend aus."



14 Jahre nach dem Tod von Esbjörn Svensson erscheint mit "HOME.S" nun ein postumes Soloalbum des Jazzpianisten. Die im eigenen Keller entstandenen Aufnahmen schlummerten lange Zeit unentdeckt auf einem Festplatten-Backup. Dass ihr Mann damals etwas anderes tat, als üben, war ihr nicht bewusst, erzählt seine Witwe Eva Svensson ZeitOnline: "Es gab eine Datei namens Solo auf der Festplatte, die wir schließlich abspielten. Wir waren erst einmal still, hörten gebannt und fasziniert das erste Stück. Danach sahen wir uns an - und schwiegen weiter. Dann noch ein Solostück. Und noch eins. ... Wie das klang! Es war pure Magie. Als würden wir Esbjörns Stimme hören, die da zu uns sprach. Es hätte niemand anders als er sein können, der da spielte. Ohne jeden Zweifel: Das war er! Ein bewegender, ein nicht zu beschreibender Moment, in dem sich etwas öffnete, das wir nie und nimmer dort vermutet hätten. ... Ich denke, dass er etwas probieren wollte, zunächst nur ganz für sich allein. Und so etwas kannst du nur zu Hause tun. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob er diese Musik überhaupt veröffentlichen wollte. Aber die Aufnahmequalität ist so bestechend, ganz zu schweigen von der Tiefe der Musik."



Besprochen werden ein Bruckner-Gastspiel des Zürcher Tonhalle-Orchesters unter Paavo Järvi in der Elbphilharmonie (NZZ), ein Konzert des Pianisten Fazil Say in Berlin (Tsp), das neue Album von M.I.A. (Standard), ein Konzert von Ezra Furman in München (taz) und Bill Callahans neues Album "YTILAER" (FR). Wir hören rein:

Archiv: Musik