Efeu - Die Kulturrundschau

Die schiere Kunstbehauptung

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07.04.2021. In Monopol überlegt Hans-Joachim Müller, ob er wirklich Teil der Revolution war, die Joseph Beuys ausgerufen hatte. In der FAZ ärgert sich der Literaturwissenschaftler Achim Hölter, dass aus dem Entenhausener Fridolin Freudenfett ein Fridolin Freundlich wurde. Wer kennt eigentlich noch die Filme, die für die Oscars nominiert sind, fragt die SZ. Und die Welt bedankt sich bei beim Designer Luigi Colani, dass er ihr das Flegeln und Fläzen erlaubte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2021 finden Sie hier

Kunst

Joseph Beuys: La rivoluzione siamo Noi. Bild: Tate Modern


Hans-Joachim Müller hat Joseph Beuys 1971 in Neapel entdeckt, wo das Plakat "La rivoluzione siamo Noi" vor der Galerie von Lucio Amelio hing, gleich neben dem Eisladen von Alberto. Aber, fragt Müller jetzt in Monopol, waren wir wirklich Teil der Revolution? Wem galt der Umsturz? "Es genügt, daran zu erinnern, dass Moderne nur ein anderes Wort für den Kollaps aller kunstbetrieblichen und kulturgesellschaftlichen Vereinbarungen ist. Nach der systematischen Sprengung des alten framework, das künstlerischen Ausdruck - in all seinen Varianten - immer als solchen erkennbar werden ließ, muss es Leute geben, die 'La rivoluzione siamo Noi' sagen und, indem sie das sagen, Kunst machen. Oder so herum: Es reicht nicht mehr aus, einfach Kunst zu machen. ... Gerade an Beuys lässt sich wunderbar zeigen, wie die willentliche Dekonstruktion ästhetischer Konventionen dazu führt, dass die schiere Kunstbehauptung zum eigentlichen Kriterium wird und ins Zentrum aller kunstbegierigen Aufmerksamkeit rückt."

Weiteres: Im Standard zeigt Olga Kronsteiner auf, wie schwer sich Wiens Museen damit tun, die "Scheißquote" zu erfüllen, allen voran das Kunsthistorische Museum unter Generaldirektorin Sabine Haag. Joana Nietfeld porträtiert im Tagesspiegel den Berliner Künstler Olaf Holzapfel, der seine Textilien von Frauen der indigenen Gemeinschaft der Wichí im Norden Argentiniens weben lässt. Frauke Steffens besucht für die FAZ die Triennale "Estamos Bien" mit der Kunst lateinamerikanischer Einwanderer und ihrer Nachkommen im New Yorker Museo del Barrio. Juliane von Herz, Gründerin der Euphoria GmbH für Kunst im urbanen Raum, plädiert in der FAZ für, naja, mehr Kunst im urbanen Raum.
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Literatur

Achim Hölter, Universitätsprofessor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien, ist beim Lesen der neuen (im wenig bibliophilen "Lustiges Taschenbuch"-Format erscheinenden) "Carl Barks"-Ausgabe auf ein großes Ärgernis gestoßen, berichtet er in der FAZ: Der Verlag Egmont hat - entgegen anders lautenden Beteuerungen - still und heimlich Erika Fuchs' Entenhausener Namensgebungen verändert: Aus einem stämmigen Zeitgenossen namens Fridolin Freudenfett wurde so ein Fridolin Freundlich. "Man hat offenbar aus Sorge vor einem abwegigen Vorwurf unter dem heute modischen Stichwort des Bodyshaming eine maximal harmlose Alternative zu dem typischen charakterisierenden Namen gesucht, die nur noch formal, dank der Alliteration, ins Duck-Universum passt. Klar ist: Entenhausener Namen müssen nicht boshaft sein, es finden sich auch nett-verschrobene wie derjenige der Gewerbeoberlehrerin Greta Gründlich, aber ist das ein Grund, nun Comic-Schweine umzubenennen wie missliebig gewordene Kolonialstraßen?"

Weitere Artikel: Paul Jandl beobachtet für die NZZ gespannt auf Martin Suters Website, wie der Schweizer Schriftsteller Bastian Schweinsteigers Leben in Literatur verwandelt. Vom langen Oster-Wochenende übrig geblieben: Es gibt eine neue Ausgabe vom CrimeMag - hier das Editorial mit Links zu allen Essays, Rezensionen und Kolumnen.

Besprochen werden unter anderem Dana Grigorceas "Die nicht sterben" (Zeit), Andreas Maiers "Die Städte" (FR), Juliane Lieberts Gedichtband "lieder an das große nichts" (taz), Lina Ehrentrauts Comic "Melek + ich" (taz), Ban Zarbos Comic "Cold - die Kreatur" (Tagesspiegel), Charlie Kaufmans "Ameisig" (SZ) und Sorj Chalandon "Wilde Freude" (FAZ).
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Design


Links: Loetz Witwe, Klostermühle, Vase vermutlich um 1901, Bröhan Museum, Foto: Martin Adam. Rechts: Luigi Colani, Sessel-Plastik, 1965, Sammlung POPDOM. Foto: Colya Zucker. © Colani Design Germany GmbH

Alles so rund, so schwungvoll hier, schwärmt Welt-Kritiker Tilman Krause in der Ausstellung "Luigi Colani und der Jugendstil" im Berliner Bröhan-Museum. Bei Colani soll selbst eine ergonomische Teekanne "ein bisschen an schnelle Autoschlitten erinnern. Auch die hinreißend elegante Fernsehliege 'TV-Relax' in Form einer ausgestreckten Zunge oder die wohl bekannteste und verbreitetste von Colanis Erfindungen, der Kunststoffstuhl 'Der Colani', fanden Produzenten und wurden unters Volk gebracht. Ein Volk, das jetzt ganz anders sitzen lernte, mit 'Der Colani' oder auch mit der Wohnlandschaft 'Pool', rittlings, seitwärts, die Beine überhängend. Aber auch sich Flegeln, sich Fläzen waren erlaubt. Nicht zuletzt habe er 'Gesichtspunkte wie Onaniestellungen miteinbezogen', pries Colani seine Produkte an. Masturbationstauglichkeit als Qualitätskriterium für zeitgemäße Möbel - darauf muss man kommen!"

Den Aprilscherz von Porsche - der Autokonzern pries zum Ärger seiner Kunden eine Rost-Patina-Edition an - findet Gerhard Matzig in der SZ gar nicht so sehr aus der Zeit gefallen: Schließlich ist der "Used Look" in diversen Provinzen des Ästhetischen bereits völlig normalisiert und geht als eigener Zauber durch.
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Archiv: Design

Bühne

Judith von Sternburg lässt sich in der FR Vincent Huguets Inszenierung von Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" an der Berliner Staatsoper als "quirligen Achtziger-Jahre-Retro-Spaß" gefallen, wobei sie Daniel Barenboims Dirigat "nicht lahm, sondern würdig" nennt.
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Stichwörter: Barenboim, Daniel

Film

Mads Brüggers investigative, im ZDF gezeigte Undercover-Doku "Der Maulwurf" haut FAZ-Kritiker Oliver Jungen völlig um. Der für seine Coups bekannte dänische Filmemacher dringt hier tief vor in Nordkoreas Waffenhandel. "Relevanter und spannender kann Fernsehen kaum sein. Damit man das nicht so sehr merkt, versendet das ZDF die Ausnahme-Doku mitten in der Nacht (und verweist auf Mediathek und Spartenkanal). Zur besten Sendezeit bringt man lieber einen Nutella-Check."

In drei Wochen gibt's die Oscars. Nur von den nominierten Filmen hat kaum jemand gehört, geschweige denn, sie gesehen, hat nun eine Variety-Studie herausgefunden - dabei wären nicht wenige der Filme via Streaming ja eigentlich ruckzuck auf den Schirm zu holen. "Mit dem Problem, dass zu wenige Zuschauer die nominierten Filme kennen, kämpfen die Veranstalter schon länger", schreibt David Steinitz in der SZ. "Allein deshalb wurde vor ein paar Jahren die Kategorie Bester Film von fünf auf zehn Nominierte ausgeweitet, in der Hoffnung, mehr Hochglanz-Hollywoodware würde es in die Endrunde schaffen und so für mehr Aufmerksamkeit sorgen."

Außerdem: Auf Cargo denkt Matthias Dell nochmal nach Benedikt Schwarzers derzeit noch in der ARD-Mediathek abrufbaren Dokumentarfilm "Die Geheimnisse des schönen Leo" von 2018 über den mutmaßlich von der DDR bestochenen CDU-Abgeordneten Leo Wagner - ein Film, "der durch die aktuellen Korruptionsfälle in CDU/CSU in neuem Licht erscheint." Das Jüdische Museum Wien hat den Nachlass der Schauspielerin Hedy Lamarr erhalten, meldet Katharina Stöger im Standard. Claudius Seidl schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Filmkritiker Hans Schifferle (weitere Nachrufe bereits hier). Besprochen wird der Netflix-Neowestern "Concrete Cowboys" mit Idris Elba (Tagesspiegel),
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Architektur

Offenbar als Auftakt zu einer Artikelreihe über Raumgestaltung vergleicht Gotffried Knapp in der SZ den Petersplatz in Rom mit der Asamkirche in München: "Am Beispiel des Petersplatzes in Rom und der Asam-Kirche in München kann man erleben, wie die horizontalen Erlebnisformen Weite und Enge, Ferne und Nähe, auf unsere Sinne wirken. Der Petersplatz öffnet sich mit einer spektakulären Geste in Richtung Stadt und Erdkreis, er zielt ins Weite, ja vor dem Massiv der dahinterliegenden Kirche wirkt er wie ein festlich geschmückter Landeplatz für himmlische Heerscharen. Die Hauskirche von Asam aber lenkt den Blick nach innen, sie macht Dichte zum Erlebnis, lädt ein zur intimen Andacht."
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Musik

Jürgen Kesting ärgert sich in der FAZ gewaltig über die Umbaupläne einiger Kultur-Radiosender, die ihre klassische Musik im Programm anschmiegsamer und unauffälliger machen wollen. "Dabei verteidigen eine 'Teamleiterin Musik' im WDR oder die Programmchefin des RBB mit in Seidenpapier umwickelten Floskeln die 'Verblödungsspirale', die Holger Noltze in seiner Kritik an der 'Leichtigkeitslüge' - so der Titel seines Buches über 'Musik, Medien und Komplexität' - konstatiert hat.  ... Wenn nur die Hörer nicht wären! Überall stören die Hörer! Sie wollen nicht verstehen, warum und wie 'ein neuer, erweiterter Kulturbegriff auch musikalisch zum Ausdruck gebracht werden' soll; warum das 'Musikprofil um Filmmusik und Neo-Klassik' erweitert werden muss; was unter einem 'modernen, urbaneren, tief in der Region verankerten Kulturprogramm' zu verstehen ist; warum ein trauriges Lied von Gustav Mahler wie 'Revelge' zu düster sein soll für eine Sendung am Vormittag." Der marktwirtschaftlich auftretende Perlentaucher hat mit "Revelge" am frühen Morgen indessen kein Problem:



Besprochen werden Adrian Younges "The American Negro" (FR, mehr dazu bereits hier), Nick Caves Bildband "Stranger than Kindness" (Jungle World) und neue Popveröffentlichungen, darunter Matthew E. Whites und Lonnie Holleys Album "Broken Mirror: A Selfie Reflection", das laut SZ-Popkolumnist Jakob Biazza beim ersten Eindruck so klingt "als hätte man einen Schwarzen Jim Morrison ins All geschossen, damit er den Aliens dort zu digitalen Störgeräuschen seine Welt erklärt."Wir hören rein:

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