Efeu - Die Kulturrundschau

Die Energie eines Zeitenbruchs

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26.06.2019. Die Schweiz möchte sich lieber nicht mit ihrer Rolle in der Kolonialära beschäftigen, stellt die SZ nach einem Besuch in Basel fest. Der Guardian entdeckt in London die Traurigkeit der Cindy Sherman im Schweinekostüm. Tagesspiegel und Standard goutieren verhalten die überraschend junge Auswahl der Bachmannpreis-Teilnehmer. Theater sollen keine Besserungsanstalten sein, sagt Barbara Frey in der NZZ. Der Nachtkritik gefällt das. Und in der SZ träumt Markus Söder beim Filmfest München jetzt doch von YouTubern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2019 finden Sie hier

Kunst

Unheimlich vertraut erscheint Adrian Searle im Guardian Cindy Sherman, die er schon in allen Rollen und Posen gesehen hat und der er dennoch auch in der großen Retrospektive in der Londoner National Portrait Galley nicht auf die Schliche kommt: "Die Rollen ziehen vorbei, rasen von Genre zu Genre, die Künstlerin schnallt sich Latexbrüste, Masken, Perücken, Nasenprothesen an, schminkt sich, trägt Kostüme. Die Show eilt von Szene zu Szene, von Serie zu Serie. Sie erschafft Renaissance-Porträts mit bloßen Brustwarzen, Schnurrbärten und Botticelli-Zöpfen. Sie erschafft Frauen am Rande und Frauen, die über den Rand hinaus gegangen sind. Eine verrückte Frau kriecht an einem Strand, eine andere starrt auf ein stilles Telefon und fleht, dass es klingelt. Dann ist sie eine Verrückte mit Reißzähnen im Wald bei Nacht, ein märchenhaftes menschliches Schwein, ein gruseliger Clown und eine reiche Sammlerin, entstellt durch Botox und Privilegien. In einer Arbeit nach der anderen nimmt Sherman soziale Sitten und die Absurditäten der Mode auf. Das alles macht Spaß und ist nie bloß langweilige Kritik. Es gibt immer einen gewissen Schmerz in ihren besten Arbeiten - die Traurigkeit menschlicher Verletzlichkeit."

"Restitution hat für mich etwas Statisches, etwas Abgeschlossenes", sagt Anna Schmid, Direktorin des Basler Museums der Kulturen und bringt damit die eher verhaltene Bereitschaft der Schweizer, sich ihren Verstrickungen in die kolonialen Raubzüge zu stellen, auf den Punkt, erkennt Isabell Pfaff in der SZ: "Solche Äußerungen überraschen den Historiker Bernhard Schär nicht. Er forscht an der ETH Zürich zur Rolle der Schweiz während der europäischen Kolonialära. 'Die Schweiz würde am liebsten eine Phase überspringen - die schmerzhafteste, die der kritischen Selbstreflexion.' In seinen Augen hat das Land nicht aufgearbeitet, dass Schweizer mit ihren Reisen, ihrem Sammeln, ihren Geschäften durchaus Akteure einer rassistischen Kultur waren."

Im Interview mit Laura Raicovich (Hyperallergic) sprechen Gina Borromeo und Jan Howard, Kuratoren im Kunstmuseum der Rhode Island School of Design, das ebenfalls eine Benin Bronze besitzt, über ihre Bemühungen, aber auch die Schwierigkeiten, die Bronze zurückzugeben: "Die nationale Regierung ist vom Palast des Königreichs Benin getrennt, und ich glaube, das ist ein Grund, warum viele andere Museen nur zögerlich vorankommen. Was passiert, wenn Sie erklären, dass Sie ein Objekt zurückführen wollen? Wer beansprucht es?"

Besprochen werden die dem Großbrand des Grenfell Towers im Londoner Westen gewidmete Ausstellung "Never Forget Grenfell" mit Fotografien von Tom Cockram (taz) und die Ausstellung "Geheimnis der Materie. Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff" im Städelmuseum, Frankfurt (FAZ).
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Design

Bei all der mitunter auch etwas geschichtsvergessenen Bauhaus-Seligkeit des laufenden Jubiläumsjahrs genießt es SZ-Kritiker Till Briegleb doch sehr, dass das Museum Marta in Herford mit der Ausstellung "Rebellische Pracht - Design-Punk statt Bauhaus" daran erinnert, dass in der funktionalen Bauhaus-Moderne früher mitunter erheblicher Widerstand geleistet wurde. Zu sehen gibt es wilde Design-Artefakte aus den 80ern, die mit form- und farbenfrohen Experimenten auf den Bürokratismus der 70er rebellierten. Zwar sind die gezeigten Objekte heute auch schon wieder im Kontext ihrer Zeit gefangen, "doch der Aufstand der Objekte trägt ganz klar noch die Energie eines Zeitenbruchs in sich, der sich ähnlich wie im parallel sich entladenden Punk in der Musik zum schlechten Geschmack als neue Ästhetik bekannte. Und als Ideologiekritik. Gesellschaftlichen Gewissheiten begegnete man mit Ironie, der deutschen Effizienz mit Partylaune, der Uniformität mit Selbstdarstellung. ... Man wollte sich möglichst sinnlich absetzen von der Konformität der Masse, ohne sie dabei völlig vor den Kopf zu stoßen."
Archiv: Design
Stichwörter: 80er, Bauhaus, 70er

Film

Zum heutigen Auftakt des Filmfests München plaudert David Steinitz im seitenfüllenden Feuilletonaufmacher der SZ mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der die Gelegenheit nutzt, sich im Glanz des Festivals zu sonnen und im unverbindlichen Konjunktiv hochtrabende Pläne für das Festival (mehr Games, mehr Youtube, mehr Influencer) zu formulieren, für deren Realisierung er allerdings stets auf die Stadt München verweist. Schade - gab es zu diesem tollen Festival denn wirklich keine interessanteren Gesprächspartner als so einen Selbstdarsteller?

Außerdem hat die FAZ Jan Brachmanns Laudatio auf den Dokumentarfilmemacher Volker Koepp online nachgereicht.

Besprochen werden Susanne Heinrichs "Das melancholische Mädchen" (Berliner Zeitung, mehr dazu hier und hier), Jean-Jacques Annauds Serienadaption von Joël Dickers Bestseller "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" (NZZ), Peter Jacksons Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old" über den Ersten Weltkrieg (taz, Presse), die Ausstellung "Kino der Moderne" im Berliner Filmmuseum über den Film der Weimarer Republik (taz, FAZ), die Serienadaption von Joseph Hellers Kultroman "Catch-22" (Freitag) und die Sky-Serie "The Rookie" (FAZ).
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Musik

Für Pitchfork plaudert Alphonse Pierre mit dem nigerianischen Rapper Rema, der mit seiner Mischung aus Afrobeat und Trap gerade sensationelle Erfolge in seiner Heimat feiert. Unter anderem spricht der junge Musiker auch über die Lage der jungen Generation in seinem Land: "Uns bleibt bloß die Hoffnung. Die momentane Regierung stresst das ganze Land, auf die Jugend hört sie nicht. Die ganzen letzten Jahre ist es schwer gewesen für die Jugend, aber sie muss wissen, dass es möglich ist, Präsident zu werden oder Arzt oder eben Musik zu machen. In diesem Land gibt es keine Berufschancen für uns. Die Regierung kümmert sich nur darum, wenn sie Wahlstimmen braucht. Wir werden fortlaufend ausgenutzt." Das aktuelle Video ist sehr schön:



Weitere Artikel: Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel vom Auftakt der ersten Berliner Jazzwoche, wo ihn der Pianist Stefan Schultze ziemlich umgehauen hat. Antonia Munding hat für den Freitag das Mitmach-Cellokonzert des Rundfunksinfonieorchesters auf dem Tempelhofer Feld in Berlin besucht. Im "Remain in the Light"-Blog des Standard erinnert Karl Fluch an Johnny Cashs im Knast aufgenommenes Live-Album "Live at San Quentin": "Das war Punk, lange bevor es Punk gab."



Besprochen werden Black Midis "Schlagenheim" (Pitchfork), neue Alben von Cassius und Hot Chip (ZeitOnline), Kraftwerks Auftritt in Wien (Standard, Presse) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Rap-Album "T.H.I.S." von Khary, das uns SZ-Popkolumnist Jens-Christian Rabe wärmstens ans Herz legt. Ein aktuelles Video:

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Literatur

Heute abend wird in Klagenfurt der Bachmann-Lesewettbewerb eröffnet. Bemerkenswert jung und unbekannt sind in diesem Jahr viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ist Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels aufgefallen (und, was Bartels hier nicht explizit anspricht, mehr Frauen als Männer sind es zum ersten Mal auch). Man könnte glatt meinen, "dass der 43. Ingeborg-Bachmann-Preis mehr an den Berliner Nachwuchswettbewerb Open Mike erinnert als an einen hoch dotierten Literaturwettbewerb", doch scheint ihm "Jugend forscht womöglich besser als Gnadenbrot fürs Mittelmaß. Und muss man erwähnen, wer in Klagenfurt schon alles aufgetreten ist, auch ohne einen Preis zu gewinnen, und heute in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Rang und Namen hat, von Sibylle Lewitscharoff bis Saša Stanišic, von Arno Geiger bis Inger-Maria Mahlke, von Katharina Hacker bis Marcel Beyer?" Insbesondere Daniel Heitzler ist ein bislang völlig unbeschriebenes Blatt, ein bislang unveröffentlichter Neuling auf dem literarischen Parkett. Ihn eingeladen zu haben, "könnte dem Preis und seiner Wahrnehmung guttun", mutmaßt Andrea Heinz in ihrem Auftaktbericht für den Standard.

Weitere Artikel: Die rumänische Schriftstellerin Dana Grigorcea berichtet in der NZZ davon, wie sie einmal darauf gestoßen wurde, dass der rumänische Dichter Mihai Eminescu sich für ein Gedicht offenbar sehr von Gottfried Keller inspirieren ließ. Nantke Garrelts spricht im Tagesspiegel mit dem Schriftsteller Jan Brandt, der in den letzten drei Jahren um seine Berliner Wohnung kämpfen musste, die er schlussendlich doch aufgeben musste - eine Erfahrung, die er auch in seinem neuen Buch "Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt" verarbeitet. Christoph Haas berichtet im Tagesspiegel vom Comicfestival München, wo unter anderem über Sexismus im Comic diskutiert wurde.

Besprochen werden unter anderem Marlene Streeruwitz' "Flammenwand" (taz), Hermann Kurzkes "Was mein Vater nicht erzählte" (Tell-Review), Artur Beckers "Drang nach Osten" (Tagesspiegel), Zinzi Clemmons' "Was verloren geht" (Presse), Gershom Scholems "Poetica. Schriften zur Literatur, Übersetzungen, Gedichte" (NZZ), Joey Goebels Erzählband "Irgendwann wird es gut" (online nachgereicht von der FAZ) und Ryu Murakamis "In Liebe, Dein Vaterland" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

Nachtkritiker Michael Wolf beobachtet eine immer strikter werdende Trennung zwischen einem Theater, das allein die ästhetische Erfahrung in den Vordergrund stellt und einem Theater, das sich nur auf seine sozialen und (identitäts-)politischen Entstehungsbedingungen konzentriert: "Scheuklappen tragen beide Fraktionen, die Reformer wie die Romantiker. Die eine Seite ignoriert den Zuschauer, wenn sie das Ergebnis, die Aufführung als weniger wichtig erachtet als die Produktion selbst. Zudem scheinen sie wenig Interesse an dem zu haben, was Ulrich Matthes einmal Eros des Theaters nannte. Sie arbeiten für sich selbst und nicht für die großen Teile eines Publikums, das sich unverbesserlich an 'Kunstkacke' (Matthias Lilienthal) erfreut. Die andere Fraktion verschanzt sich hinter der Kunstfreiheit und vergisst dabei gern, dass jedes Werk natürlich in einem politischen und historischen Rahmen entsteht, es also nie so unabhängig und unbefleckt sein kann, wie der freie Künstler gerne behauptet."

Nach mehr als zehn Jahren am Schauspielhaus Zürich zieht die Intendantin Barbara Frey im Gespräch mit Daniele Muscionico eine nüchterne Bilanz: "Theater soll wieder eine Besserungsanstalt sein! Da sträubt sich bei mir alles. Ich glaube nicht, dass das Theater oder die Literatur oder die bildende Kunst belastet werden sollen, unsere Welt zu verbessern. Theater soll übers Leben reflektieren, spielerisch einen Denkraum öffnen, wo es nicht um Effizienzsteigerung, Optimierung oder Maximierung geht."

Berührt berichtet Patrick Wildermann im Tagesspiegel vom Hannoveraner Festival Theaterformen, das dieses Jahr unter dem inoffiziellen Motto "Untold Stories disappear" stattfindet: "'Aleppo. A Portrait of Absence' des syrischen Autors Mohammad Al Attar zum Beispiel ist ein beeindruckendes Puzzle des Verschwindens. Je zehn Zuschauerinnen und Zuschauer wählen eingangs ein Stück aus einer Stadtkarte der zerbombten syrischen Metropole, mit dem sie sich dann an Tische begeben, die verteilt in der großen Halle des Hannoverschen Kulturzentrums Pavillon stehen. Je ein Schauspieler gesellt sich dazu und trägt die Geschichte eines ehemaligen Bewohners jenes Viertels vor, das man sich ausgewählt hat. Erinnerungen, die vom Verblassen bedroht sind, in mehrfacher Hinsicht. Weil den vom Krieg Vertriebenen teils die Details im Gedächtnis entgleiten. Und weil es die Orte, von denen sie erzählen, heute möglicherweise gar nicht mehr gibt."

Besprochen werden Dirk Schmedings Inszenierung von Albéric Magnards "Guercœur" am Theater Osnabrück (taz) und zwei Uraufführungen des Choreografen Mats Ek für das Ballett der Pariser Oper (SZ) die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci - bleiben auch unter der neuen Intendantin Dorothee Oberlinger in"kerngesunder Verfassung", freut sich Clemens Haustein in der FAZ.
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