Efeu - Die Kulturrundschau

Als ich einmal in Greta Garbos Kopf war

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31.12.2018. So macht man spannende Ausstellungen aus den Beständen, ruft die Berliner Zeitung den übrigen Staatlichen Museen nach einem Besuch im Hamburger Bahnhof zu. Wenig ruhmreich findet sie hingegen deren Umgang mit dem Mäzen James Simon. Im CulturMag-Interview erklärt Judith Schalansky, wie sie Abwesendes erahnbar macht. In der SZ erinnert sich David Grossman an Amos Oz. Und die taz erinnert sich an ihre erste J.D. Salinger-Lektüre.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2018 finden Sie hier

Kunst

Lee Bontecou. Ohne Titel, 1960 © bpk. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie.

Während der Pariser Louvre 2018 allein 8 Millionen Besucher verzeichnete, kamen alle 19 Ausstellungshäuser der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nur auf 3,5 Millionen Besucher, schreibt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung und wundert sich nicht: Die Dahlemer Museen geschlossen, Humboldt Forum, Pergamonmuseum und Neue Nationalgalerie sind Baustellen und auf die Idee, spannende, "kunstvertiefende" Ausstellungen aus den Beständen zu machen, kommt niemand - mit Ausnahme des Hamburger Bahnhofs, wo die Ausstellung "Local Histories" derzeit Werke aus der Flick-Collection mit Werken aus der Neuen Nationalgalerie in Beziehung setzt und von überraschenden Künstler-Begegnungen erzählt, so Ruthe: "Architektur als Körper begriffen der Bildhauer Paul McCarthy aus L.A. und sein Schüler Jason Rhoades gleichermaßen. Beide ließen sich von der Malerei Picabias inspirieren und trieben dessen kühl-erotische Figuren ins Dreidimensionale und Kuriose. Rhoades' skurriler, vertrackter, nicht funktionstüchtiger Flugapparat mit Putzkolonnen-Zubehör dürfte seine Qualitäten als (optischer) Familienspaß entfalten, derweil sich im Saal mit buntschimmernden Skulpturen von Isa Genzken und szenischem Großfoto von Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans durch die Spiegelung der jeweiligen Kunst in der des anderen anregende Freundschaft offenbart."

Ebenfalls in der Berliner Zeitung kann Nikolaus Bernau mit Blick auf die dem Großkaufmann James Simon gewidmete Inschrift in der Eingangshalle des neu eröffneten Eingangsbaus zur Museumsinsel nur staunen - erfährt er doch über Simon, der den Staatlichen Museen unter anderem die Büste der Nofrete vermachte, kaum etwas. Und auch dessen Nachfahren werden nicht erwähnt: "In den Schenkungsverträgen steht, dass seine Sammlungen in eigenen Räumen und mit Kennzeichnung des Stifters ausgestellt werden müssen. Die Staatlichen Museen aber stellen die Sammlungen schon seit 1937 verstreut in vielen Räumen aus - was zwar museumsdidaktisch sinnvoller, aber trotzdem Vertragsbruch ist. Jahrzehntelang fehlte auch der Name Simons an den Objekten. Trotzdem haben dessen Nachfahren nie die Rückgabe der kostbaren Werke gefordert, obwohl sie von den Direktoren der Museen zwischen 1933 und 1945 − als Deportation und Ermordung drohten − kaum Unterstützung erhalten hatten. Es gibt da herzzerreißend grausame Briefe, die allein schon gerechtfertigt hätten, dass auch Simons Nachfahren von den heutigen Museumsdirektionen als 'ungewöhnlich großzügig' geehrt werden."

Weitere Artikel: Unbedingt sehenswert findet David-Seymour-Biografin Carola Naggar in der NYRB die dem Magnum-Fotografen gewidmete Retrospektive "Chim, Legendary Photojournalist" im Jüdischen Museum in Amsterdam. Im Gespräch mit Sebastian Frenzel (Monopol-Magazin) erklärt die Fotografin Heji Shin, weshalb sie Kanye West porträtiert hat. In den Berliner Landesmuseen soll es künftig freien Eintritt zu bestimmten Zeiten geben, sagt Kultursenator Klaus Lederer im Interview mit der Berliner Morgenpost: "Wir reden gerade mit den Häusern, was sie leisten können und wie sie etwas bieten können, was dann auch das Publikum anspricht." Im Dlf-Kultur spricht Kerstin Schweighöfer mit den niederländischen Kuratoren Marlies Stoter und Gregor Weber über die Bedeutung von Rembrandt im Wandel der Geschichte und das kommende Jubiläumsjahr.

Besprochen wird Martin Dammans Bildband "Solder Studies" über Cross-Dressing in der Wehrmacht (Standard) und die Ausstellung "68. Pop und Protest" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (FAZ).
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Film

Im Tagesspiegel verabschiedet Andreas Busche den Filmhistoriker und -publizisten Wolfgang Jacobsen in den Ruhestand: Damit "geht an der Deutschen Kinemathek auch eine Ära zu Ende. ... Jacobsen ist ein Nerd fürs Detail, jedoch mit einem ausgesprochenen Stilbewusstsein für das geschriebene Wort und geschliffene Formulierungen. Faktenhuberei hat bei ihm nichts Angeberisches, er weiß im Gespräch mit seinem Wissen zu glänzen - ob es sich um das Kino oder klassische Musik dreht -, will sein Gegenüber aber nicht in den Schatten stellen."

Benedikt Wolf erinnert in der Jungle World an "Coming Out", den ersten Film über Homosexualität in der DDR, der zudem am 9. November 1989 Premiere feierte. Heiner Carows Film kennzeichnet eine Melancholie, die ihn von westdeutschen Klassikern wie Rosa von Praunheims ätzender Kritik "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) und Frank Ripplohs hedonistischem "Taxi zum Klo" (1980) unterscheidet: "Aus der Sicht dieser zweifachen Differenz scheint 'Coming Out' in einer literarischen Tradition homosexueller Melancholie zu stehen, die durch die wichtigsten schwulen Schriftsteller - Hans Henny Jahnn, Guido Bachmann, Hubert Fichte, Ronald M. Schernikau, Detlev Meyer und andere - negiert, aufgebrochen, ironisiert wurde. Doch 'Coming Out' weist der Melancholie eine andere Funktion zu, eine Funktion, die der Melancholie nur im real existierenden Sozialismus zukommen kann."

Weitere Artikel: Esther Buss wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Berliner Festivals "Unknown Pleasures", das ab morgen ausgesuchte Perlen des amerikanischen Independentkinos zeigt, darunter Paul Schraders neuen Film "First Reformed". Wie in jedem Jahr sehr schön, sehr ausführlich, sehr literarisch: Der Jahresrückblick von Cargo samt Freundeskreis. Für Polygon hat Dan Schindel die besten Videoessays des Jahres zusammengestellt. Am besten gefiel dieser Videoessay über David Lynch:

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Literatur

"Als ich einmal in Greta Garbos Kopf war, den Ton für ihren von Kraftausdrücken strotzenden Monolog gefunden hatte, schrieb sich der Text von alleine", sagt Judith Schalansky im CulturMag-Interview über ihr aktuelles Buch, das "Verzeichnis einiger Verluste". Schön ist das Gespräch mit Alf Mayer aber auch insbesondere deshalb, weil es um die aufwändige Gestaltung ihres Buches (und der von ihr herausgegebenen popuären "Naturkunden") geht: Bei den visuellen Elementen ihres Buches "handelt es sich um Schwarz-Weiß-Abbildungen, die ich auf dunkelgraues Papier drucken ließen. Der Kontrast ist minimal, aber ausreichend, um das Abgebildete zu erahnen. Es war eine Idee, die ich schon während des Studiums hatte, um 'Abwesendes' mehr erahn- als sichtbar zu machen. Als ich die Idee zu meinem Verlustkatalog hatte, fiel sie mir wieder ein. ... Da ich jede Geschichte von diesem dunkelgrauem, beinahe schwarz durchgefärbten Papier ummantelt haben wollte, war klar, dass ich mich mit jedem Text auf einen Bogen beschränken muss. Erst dachte ich, ich käme mit 12 Seiten aus. Dann haben sich die 16 Seiten als optimale Länge herausgestellt. Das sind in etwa 30.000 Zeichen."

Dirk Knipphals erinnert sich in der taz anlässlich des morgigen hundertsten Geburtstags von J.D. Salinger an seine Lektüren des "Fängers im Roggen", mit dem sich bis heute gut in die Literatur des 20. Jahrhunderts einsteigen lässt. Von dem insbesondere in der Adoleszenz gegebenen, hohen Identifikationsangebot müsste man sich allerdings emanzipieren, meint er: "Die Figur des durch die Straßen tigernden Außenseiters ist in die Jahre gekommen - vielleicht hat sie sich auch totgesiegt; so viele Caulfield-Kopien bevölkern mit ihrer Kulturkritik bis heute die literarischen Neuerscheinungen! Dabei gilt doch: Wer seine eigene Stimme sucht, kann nicht ständig Holdens Stimme hinterherlaufen. Sich fremd fühlen, als eine Art einziger Gerechter in der Welt, das ist auch eine (männliche) Selbstermächtigungsstrategie. Was bleibt, ist diese verdammte Sorgfalt, die Salinger in die Sprache gezaubert hat. Selbst mit auf feinste Stufe gestellten Bullshit-Detektoren wird man keine Szene, keine Dialogstelle finden, die ausgedacht erschiene." In der NZZ schreibt Michael Schmitt über Salinger.

In der SZ erinnert sich Schriftsteller David Grossmann an Amos Oz: "Er war es, der Israel ein Bild von sich selbst gegeben hat. Er erzählte uns eine der möglichen Geschichten über uns selbst, über das Volk, das Land, die Nation." In der taz schreibt Susanne Knaul einen nachgereichten Nachruf, weitere Nachrufe hier.

Weitere Artikel: Lennart Laberenz geht für den Freitag mit dem Schriftsteller Zoltán Danyi spazieren. Für ZeitOnline arbeitet sich Tobias Haberkorn durchs literarische Werk von Grünen-Politiker Robert Habeck. Paul Jandl schreibt in der NZZ über die in Berlin lebende Kritikerin Rebecka Kärde, die zu jenem Gremium zählt, das die Schwedische Akademie künftig beraten soll. Für die FAZ liest Tilman Spreckelsen nach, wie Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Arno Schmidt oder Judith Hermann über den Jahreswechsel geschrieben haben.

Besprochen werden die Neuübersetzung von Elena Ferrantes Frühwerk "Lästige Liebe" (online nachgereicht von der FAZ), der Abschluss von Virginie Despentes' "Vernon Subutex"-Trilogie (Zeit, Tagesspiegel), Beka Adamaschwilis Bestseller" (FR) und Eduard von Keyserlings "Landpartie" mit den gesammelten Erzählungen (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hubert Spiegel über Charles Simics "So":

"Der lange Tag, an dem so viel
Und so wenig geschah, ist zu Ende.
Große Hoffnungen wurden zunichte,
..."
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Bühne

Weitere Artikel: Hingerissen kehrt Stefan Ender im Standard von Bellinis "La sonnambula" unter dem Dirigat von Friedrich Haider bei den Tiroler Festspielen Erl zurück: Ein "Bellini, der neben Kantabilität und Sensibilität auch mit Frische und Verve begeistert." Für die Berliner Zeitung legt Ulrich Seidler die Stadt Berlin nach dem Desaster um das Mauerkunstprojekt DAU  auf die Psychotherapeuten-Couch.

Besprochen wird die Uraufführung der Oper "Stillhang" des Komponisten Christian Spitzenstaetter bei den Tiroler Festspielen Erl (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

In der FAZ spricht Gerald Felber mit Hans-Christoph Rademann anlässlich des nahenden Abschluss dessen mit dem Dresdner Kammerchor geleisteten Zyklus' von Heinrich-Schütz-Aufnahmen über die damit geleistete Arbeit. Das eingespielte Werk bilde auch einen Lernprozess ab, "schon deshalb, weil es ja bei diesem Komponisten noch keine gefestigten, quasi kanonisierten Aufführungstraditionen gibt; eine Reihe von Stücken aus seinem über fünfhundert Positionen umfassenden Werkverzeichnis haben wir überhaupt zum ersten Mal eingespielt."

Weitere Artikel: Im US-Rap haben antisemitische Seitenhiebe Tradition, schreibt Einav Schiff im Tagesspiegel in einem leider sehr kursorisch bleibenden Kurz-Überblick anlässlich dessen, dass der Rapper 21 Savage auf seinem neuen Album über "jewish money" bramarbasiert. In der taz wundert sich Jan Jekal, warum es eigentlich nicht schon längst keine große Elvis-Costello-Renaissance gibt, dabei ist dessen neues Album "Look NoW" doch "ziemlich gut geworden."  Die letzte Printausgabe der Spex - online soll es ab Februar bekanntlich weitergehen - stellt sich für FAZ-Kritiker Axel Weidemann als "Nachvorneschauen in die Ausweglosigkeit" dar. Für den Tagesspiegel hat Jonas Zerweck die Geigenbauwerkstatt von Mira Gruszow und Gideon Baumblatt besucht. Till Lindemaann von Rammstein hat den Rapper Haftbefehl bei einer gemeinsamen Kollaboration kräftig aufs Kreuz gelegt, meint Cigdem Toprak in der Welt.

Besprochen werden das Beastie-Boys-Buch (Berliner Zeitung), das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel) und Mark Knopflers "Down the Road Wherever" (FAZ).
Archiv: Musik