Efeu - Die Kulturrundschau

Bis ans Ende des Kaninchenbaus

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05.10.2018. So lässt man sich von der AfD vorführen, schäumt die SZ angesichts von Olu Oguibes abgebautem Obelisken in Kassel. In der NZZ fragt die Dramaturgin Eva-Maria Voigtländer angesichts der Proteste gegen die Wiener Inszenierung von Bernard-Marie Koltès' "Der Kampf des Negers und der Hunde" mit Jean Genet: "Wer ist überhaupt ein Neger, und welche Farbe hat er?" In der Welt freut sich Intendant Peter Theiler über die Fans von Dynamo Dresden in der Semperoper. Die FAZ feiert die goyadunkle Musik von Cat Power.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2018 finden Sie hier

Bühne

Philipp Hauß (Horn), Markus Meyer (Cal). Foto: Copyright Georg Soulek/Burgtheater


Miloš Lolićs Inszenierung von Bernard-Marie Koltès' "Der Kampf des Negers und der Hunde" am Wiener Burgtheater hat vorhersehbar zu einigen Protesten geführt, die Dramaturgin Eva-Maria Voigtländer angesichts der Thematik des Stücks eher überflüssig findet, erzählt Bernd Noack in der NZZ: "Der beste Konter, den Voigtländer vorbringt, stammt von Jean Genet: 'Wer ist überhaupt ein Neger, und welche Farbe hat er?' Vor dieser Frage stehen alle am Ende von Koltès' Stück, das in Wien als ein stilles, eindringliches Kammerspiel gegeben wurde. Dass der schwarze Alboury (Ernest Allan Hausmann) gar nicht stirbt, sondern wie ein vergessener Heiliger aufrecht eine blinkende, bedrohliche Drohne mit der Hand abfängt, macht das Schlussbild nur noch klarer: am Boden verknäult und über die eigene Arroganz der herrschenden und selbstherrlichen Klasse gestolpert, die weißen Eroberer und Ausbeuter, lächerlich, betrunken, desavouiert. Das Fremde hat Lolić aus dem Afrika-Korsett gelöst: Seine Bühne ist ein leerer Ort in einer unbenannten Zeit."

Politisch will er sein, aber nicht ausgrenzend, erklärt der neue Intendant Dresdner Semperoper, Peter Theiler, im Interview mit der Welt. So hat er für das Plakat von Meyerbeers "Hugenotten" die Fankurve von Dynamo Dresden ins Opernhaus geholt: "Wir haben vor dem Fotoshooting unser Anliegen genau erklärt. Nämlich dass es in dieser Oper um einen Riss in der Gesellschaft geht, um eine Gesellschaft, die an den Punkt gelangt ist, wo nicht mehr geredet wird, sondern die Emotionen hoch und die Schwelle zur Gewaltbereitschaft niedrig sein könnten. Die Fans haben sich im Übrigen im Haus sehr diszipliniert verhalten. Und was aus der Rückschau mit unserer Aktion sicherlich funktioniert hat: Sie haben die Semperoper und den Zuschauerraum, in dem sie möglicherweise noch nie waren, als einen Teil ihrer Dresdner Identität erkannt und ihn angenommen. Ist das nicht wunderbar?! Menschen in ihrer eigenen Stadt das Gefühl zu geben, an einem für sie untypischen Ort willkommen zu sein."

Besprochen werden die Uraufführung von Jacques Offenbachs "Les Fées du Rhin" in Tours (nmz), die Uraufführung von Rimini Protokolls und Thomas Melles Stück "Unheimliches Tal/Uncanny Valley" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), Marta Gornickas Performance des Grundgesetzes am Brandenburger Tor (nachtkritik), Mozarts "Nozze di Figaro" am Mainzer Staatstheater (FR), Milo Raus Stück "Lam Gods" in Gent (FAZ, SZ) sowie die Uraufführung von Michael Jarrells Oper "Bérénice" und Meyerbeers "Hugenotten" an der Opéra Garnier in Paris (nmz, SZ).
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Literatur

Für Roman Bucheli ist die Schwedische Akademie in ihrer jetzigen Form gestorben. Er fordert in der NZZ eine vollständige - auch institutionelle - Erneuerung: "Die jetzigen Mitglieder haben sich nicht nur im Krisenmanagement als inkompetent erwiesen, es ist auch auf ihr ästhetisches, literarisches Urteil kein Verlass mehr." Mit großem Kummer blickt Harry Nutt in der Berliner Zeitung auf die Selbstdemontage nicht nur dieser Kulturinstitution: "Das einst stolze Selbstverständnis, Eckpfeiler und Korrektiv einer zivilgesellschaftlichen Ordnung zu sein, ist dahin. Als Leuchtturm der literarischen Welt war der Literaturnobelpreis zugleich auch deren kulturelles Gedächtnis. Über Preise und Würdigungen vergewissert sich eine Gesellschaft ihrer Bedeutung und Wertschätzung. Wenn sie verschwinden, geht mehr verloren als nur eine überholte Zeremonie."

Weitere Artikel: Die FAS hat Anne Ameri-Siemens' Gespräch mit der Schriftstellerin María Cecilia Barbetta online nachgereicht, deren Roman "Nachtleuchten" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Die FAZ bringt einen Comic der Zeichnerin Barbara Yelin zur Flüchtlingskrise.

Besprochen werden Inger-Maria Mahlkes "Archipel" (FR), Philipp Weiss' Mammut-Debüt "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" (online nachgereicht von der FAZ), Leonard Cohens Gedichtband "The Flame" (Tagesspiegel), Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft" (Zeit), der Kafka-Reader "Ein Käfig ging einen Vogel suchen - Komisches und Groteskes" (Tagesspiegel), Frank Schulz' Textsammlung "Anmut und Feigheit" (SZ), die Ausstellung "Frankenstein. Von Mary Shelley zum Silicon Valley" im Museum Strauhof in Zürich (NZZ) und die Ausstellung "Medeas Liebe" im Frankfurter Liebieghaus (FAZ).
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Kunst

Olu Oguibe, Fremdlinge und Flüchtlinge Monument, 2017, Königsplatz Kassel. Foto: Michael Nast/Documenta 14
Jetzt ist er also abgebaut, der umstrittene Obelisk von Olu Oguibe in Kassel. In der SZ ist Catrin Lorch empört über die "Nacht-und-Nebel-Aktion" der Kasseler Lokalpolitik, die sich von den Rechten, so Lorchs Vorwurf, habe treiben lassen. Bei den Bürgern sei das Kunstwerk ausgesprochen beliebt gewesen und der Künstler hatte dem Ankauf trotz des geringen Kaufangebots zugestimmt. "Da hatte aber die AfD, die in Kassel im Stadtparlament vertreten ist, bereits die Propaganda gegen 'entstellende Kunst' formuliert -  in gezielter Anlehnung an die nationalsozialistische Diffamierung 'entartete Kunst' - und die Diskussion um den Ankauf, die sie verloren hatte, in eine Debatte um den Standort verwandelt. Deren ultimative Forderung klang bald weniger nach Umsetzung oder Rückbau denn nach Abschiebung und Auslöschung. Das konzeptuelle Kunstwerk wurde in der Rhetorik der AfD-Politiker zum Körper des Fremden, der abgesondert und ausgeschieden werden sollte. Nicht als Mahnmal oder Stellvertreter, sondern als einer der Tausenden unwillkommenen Zugezogenen."

Die Stadt hatte zuvor angeboten, den Obelisken an einem weniger zentralen Ort aufzubauen. Das hatte Oguibe allerdings abgelehnt, berichtet die Welt mit dpa: "Oguibe machte es Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) nicht leicht: Er verteidigte den Standort Königsplatz. Die Debatten, die sein Kunstwerk auslösten, freuten ihn. Es handele sich um 'die lebendigste und wichtigste Debatte in der Stadt' seit Beuys, hatte Oguibes Galerist im Sommer gesagt. Das Kunstwerk '7000 Eichen' von Joseph Beuys war 1982 auch zunächst umstritten gewesen. Seinen Obelisken einfach zurückzunehmen, wollte Oguibe auch nicht: 'Wenn die Stadtoberhäupter ihn so lange leihen wollen, bis sie ihre Meinungsverschiedenheiten gelöst haben, können sie das gerne tun', hatte er am Montag gesagt, nachdem eine von der Stadt gesetzte Frist verstrichen war."

Besprochen werden die Ausstellung "Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies" im Frankfurter Liebieghaus (FAZ) und die Ausstellung "Ekstase" im Kunstmuseum Stuttgart (SZ).
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Stichwörter: Oguibe, Olu, AfD, Medea

Film

Kino der Sünder(-innen): Abel Ferraras "Ms 45"
Heute beginnt im Berliner Kino Arsenal eine von Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster kuratierte Werkschau mit Filmen von Abel Ferrara. "Das Kino des Abel Ferrara ist das der Sünder", schwärmt dazu Robert Wagner auf critic.de. Der New Yorker Regisseur "erzählt von Männern, die tatsächlich das Gute tun wollen, aber immer wieder an sich und ihren Obsessionen scheitern. Sie ringen mit und leiden an sich - und die Perspektive, die die Filme konsequent einnehmen, ist die ihre. Die eingangs erwähnten Bilder aus 'Bad Lieutenant' gewinnen ihre Intensität gerade daraus, dass er seinen Sündern bis ans Ende des Kaninchenbaus folgt und dort Verzweiflung, Gewalt und Traumata/Traumatisierendes findet, uns dabei mit in ihre Abgründe reißt. Und zugleich bleiben die klebrigen (Selbst-)Romantisierungen und Selbstfixierungen der Protagonisten bestehen."

Weitere Artikel: Peter von Becker empfiehlt im Tagesspiegel die Filmreihe "DokuArts" im Berliner Zeughauskino. Aus deren Programm bespricht Katrin Doerksen im Perlentaucher Tony Zierras "Filmworker" über Leon Vitali, der jahrelang an der Seite von Stanley Kubrick arbeitete. In der NZZ freut sich Urs Bühler über Judi Denchs Besuch beim Zurich Film Festival. Für die FAZ hat Marco Schmidt das Filmfestival in San Sebastián besucht. David Steinitz hat für die SZ ein Gespräch mit Kameramann Roger Deakins geführt, der so ziemlich jeden edel aussehenden Hollywood-Film der letzten 20 Jahre geschossen hat und über die Filmmaterial-Debatte der letzten Jahre Ungeheuerliches von sich gibt: "Das ist doch nur was für Nerds und Fachleute. Sie gehen ja nicht ins Kino und sorgen sich darum, ob es sich um eine digitale oder eine analoge Projektion handelt." Aber sowas von selbstverständlich, sagen dazu die Filmkritiker des Perlentaucher!

Besprochen werden Ruth Beckermanns Dokumentarfilm "Waldheims Walzer" (Zeit, mehr dazu hier), Bradley Coopers "A Star is Born" mit Lady Gaga (FR), Simon(e) Jaikiriuma Paetaus und Thais Guisasolas queeres Trip-Movie "The Whisper of the Jaguar" (Tagesspiegel) und die Comicverfilmung "Venom" mit Tom Hardy (Standard).
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Musik

Die Kritiker gehen auf die Knie vor Cat Powers neuem Album "Wanderer". Laut FAZ-Kritiker Niklas Maak hatte sich Powers ursprüngliches Label eingängigen Bombast-Pop im Adele-Stil gewünscht, weshalb die Musikerin zu einer anderen Plattenfirma wechselte - woran man sehen kann, "welche Kämpfe es kostet, sich als Musiker der Vergrützung, dem Synthie-Geschmiere, der Eingängigmachung zu entziehen. 'Wanderer' ist davon unbeschädigt und so schön und reduziert und dunkel wie ein spanisches Gemälde von Zurbarán oder Goya. ... Eine ähnliche Überlagerung von Trauer und Witz, Wärme und Sehnsucht findet man sonst so vielleicht nur bei Leonard Cohen." In der SZ freut sich Julian Dörr  über eine "uramerikanische Platte", "eine Platte im Geist der Wanderer, der Folk-Hobos und Güterzugspringer, der Blues-Prediger und Gospel-Reisenden, eine Platte im Geiste Woody Guthries und Bob Dylans. Im wundervoll schlingernden 'Horizon' lässt Cat Power zuerst ihre Familie am Horizont verschwinden und zerbröselt dann mit elektronischen Hilfsmitteln ihre Stimme. Alles löst sich auf, der Song, seine Geschichte, das ganze Land." Hier Cat Powers Duett mit Lana del Rey:



In der taz ärgert sich Philipp Rhensius enorm darüber, wie sich Musiker und Journalisten von der Red Bull Music Academy für Projekte und Podcasts einspannen lassen. Er wirft dem Getränkehersteller vor, mit seinem TV-Sender ServusTV gezielt Rechtspopulisten und anderen Stimmen vom rechten Rand ein Forum zu bieten (hier dazu ein taz-Überblick). Derzeit hat die Academy im Funkhaus Berlin ihre Zelte aufgeschlagen - auf Anfragen äußern will sich keiner der an den Projekten beteiligten Musiker. Selber rechts sei die Academy zwar nicht, räumt Rhensius ein, doch man müsse "nur einen Blick in die Empfangshalle des Funkhauses Nalepastraße werfen, dort prangt ein Marmorschild mit dem Slogan 'Actions, Positivity, Opportunity, Self-Awareness'. Kennworte einer Kultur, in der Mitarbeitersolidarität durch Ich-Unternehmertum ersetzt ist. ... So funktioniert Gentrifizierung."

Besprochen werden das neue Album von Element of Crime (Berliner Zeitung), Prince' postum veröffentlichte Songskizzen-Sammlung "Piano & a Microphone '83" ("Prince bleibt magisch", schwärmt taz-Kritiker Maurice Summen), Jaakko Eino Kalevis Album "Out of Touch", zu dem laut taz-Kritiker Thomas Lindemann "nur ein Hawaii-Hemd passt", Long Tall Jeffersons CD "Lucky Guy" (NZZ) und weitere Pop-Veröffentlichungen, darunter "Stranger" von Tunde Olaniran, der darauf für ZeitOnline-Rezensent Fabian Wolffs Geschmack "fast zu viele Ideen" unterbringt.

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