Efeu - Die Kulturrundschau

Etwas genuin Substanzielles

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2018.
Aktualisiert: Der Georg-Büchner-Preis 2018 geht an Terézia Mora.  Die taz studiert die Modewelt der Schimpansen in Simbabwe. Die NZZ lernt von Lord Byron, dass auch Büchermenschen veritable Athleten sein können. Die SZ feiert Toshio Hosokawas "Erdbeben" als das Beste, was die Opernwelt derzeit zu bieten hat. Außerdem sieht sie mit der Alten Pinakothek sehr schön vorgeführt, wie teuer zwanghafte Einsparversuche werden können. Und The Quietus erinnert daran, wie sich vor dreißig Jahren dem Westen mit "Akira" die Anime-Kultur offenbarte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2018 finden Sie hier

Bühne

André Morsch , Sophie Marilley und Sachiko Hara in Toshio Hosokawas Oper "Erdbeben. Träume" in Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Jossi Wieler beendet seine Intendanz in Stuttgart mit einer neuen Oper von Toshio Hosokawa, der für SZ-Kritiker Reinhard Brembeck schlichtweg "der derzeit beste Opernkomponist auf dieser Erde" ist. In seinem Werk "Erdbeben. Träume", jubelt Brembeck, bricht die Musik mit der Urgewalt einer Höllenfantasien über die Hörer ein: "Toshio Hosokawa setzt nicht, wie so oft in der Oper üblich, seine kleinen privaten Gefühle absolut und stellt sie dann als Wunderwerke aus. Er begnügt sich auch nicht wie so viele seiner Vorgänger mit einer Liebesgeschichte. Nein, er hält in 'Erdbeben. Träume' der Menschheit einen Spiegel vor, in dem sie ihre Urängste und Albträume erkennt." In der NMZ wagt Wolf Loeckle noch kein Urteil. In der FAZ sieht Jan Brachmann zwar einige Schwächen im zweiten Teil der Oper, lobt aber ausdrücklich auch Marcel Beyers Libretto, das Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" von 1807 um Vorstellungen von Traumzeit und Dialog mit den Ahnen erweitert.

Weiteres: In der Berliner Zeitung diskutiert Petra Kohse mit den DT-Intendanten Ulrich Khuon, dem Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne und der Schauspielerin Laura Kiehne über Gendergerechtigkeit, den neuen Verhaltenskodex und Solidarität an den Bühnen. Von einer Gagentabelle, die Untergrenzen für die Gehälter festlegt, wollen die beiden Arbeitgeber aber nichts wissen: "Ulrich Khuon: Die Gagentabelle ist ein Problem." In der Nachtkritik spricht Thomas Ostermeier über das Modell der Berliner Schaubühne und "das Ensemble als utopisches Moment des Theaters".

Besprochen wird Frank Castorfs Inszenierung von Molieres "Don Juan" am Münchner Residenztheater (FR).
Archiv: Bühne

Design

Ist Mode ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen? Oder haben auch Tiere etwas Vergleichbares? Mit diesen Fragen im Hinterkopf durchstreift tazler Helmut Höge die ästhetische Theorie der letzten Jahrzehnte und zieht auch einige Bücher aus der Biologie zurate, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Mimikry als Grundimpuls für Mode auch bei Tieren durchaus anzutreffen ist. "Holländische Primatologen berichteten aus einem Affenreservat in Simbabwe, dass die Schimpansin Julie 2007 anfing, mit einem Grashalm hinterm Ohr herumzulaufen, woraufhin es ihr immer mehr Schimpansen in ihrer unmittelbaren Umgebung und dann auch darüber hinaus nachtaten. Laut Eva Meijer war dies 'das erste nachweisliche Beispiel einer Mode' bei Tieren. ...  Bei Julie handelte es sich um einen typischen 'style-leader', vergleichbar etwa dem Fernsehstar Sue Ellen aus der Fernsehserie 'Dallas', deren Frisur von Zigmillionen Frauen nachgeahmt (kopiert) wurde: eine fast globale Mimikry." In diesem Sinne: Falls Sie Inspiration für den nächsten Besuch beim Friseur brauchen -



Besprochen werden die beiden Pariser Ausstellungen - im Palais Galliera und im Musée des Art décoratives - über Modedesigner Martin Margiela (taz).
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Tiere, Dallas, Fernsehserien

Literatur

Update: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Terézia Mora.

In der NZZ räumt Claudia Mäder auf mit der Klischeevorstellung, dass Bücherfreunde quasi schon ihrem Naturell entsprechend Bewegungsmuffel seien: Dass Intellektuelle den Ohrensessel der körperlichen Betätigung vorziehen, ist nämlich eine relativ junge Erscheinung. "Goethe konnte der körperlichen Stärke einiges abgewinnen. Einerseits war er selber als Schwimmer oder Eisläufer aktiv, andererseits blickte er wohlwollend auf andere Dichter-Sportler und registrierte den positiven Einfluss der Aktivität auf die Produktivität", etwa auf "'Lord Byron, der täglich mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde, bald zu Boote segelnd oder rudernd, dann sich im Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben.' Lord Byron war nicht nur ein romantischer Poet, sondern auch ein veritabler Athlet - unter anderem durchschwamm der Engländer die Dardanellen."

Weitere Artikel: Andreas Breitenstein hat für die NZZ das Literaturfestival Leukerbad besucht. Besprochen werden Bodo Kirchhoffs "Dämmer und Aufruhr" (Zeit), Anne Holts Krimi "Ein kalter Fall" (Standardund Christoph Nix' "Muzungu" (NZZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Kunst

Für die taz besucht Beate Scheder die bereits vielgelobte Manifesta in Palermo und erkennt, was die Kunstschau etwa von der Documenta unterschiedet: "Während sich die documenta auf bereits bestehende Institutionen konzentrierte und Fremdkörper blieb, gräbt die Manifesta die Stadt vielmehr von innen um, nimmt auf, was in ihr brodelt, und verwandelt auf diese Weise Ruinen und brachliegende Prunkarchitektur erst in Kunsträume und in Stätten der Reflexion."

Besprochen werden die Gerhard-Richter-Schau im Museum Barberini in Potsdam (FR) und die Ausstellung "Faszination Norwegen" im "sehr feinen" Museum Kunst der Westküste auf Föhr (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Richter, Gerhard, Norwegen

Film

Für The Quietus erinnert sich David Bennun an Katsuhiro Otomos Zeichentrickfilm "Akira", der vor dreißig Jahren den Westen mit der Anime-Kultur Japans jenseits von "Heidi" und Co. vertraut machte: Nicht nur lässt sich anhand des Films nachvollziehen, wie tief das apokalyptische Denken in die japanische Kultur eingraviert ist, schreibt er. Sondern heute wird ihm auch klar, "was für ein außergewöhnliches Stück Kino 'Akira' ist - wie komplex, aufregend und verstörend. Heute sehe ich, aus wie vielen Quellen der Film schöpft: Sie reichen vom Körperhorror (bis dahin für Anime kaum von Belang) bis zu Stanley Kubrick, dessen '2001' und 'Uhrwerk Orange' stilistische und thematische Fingerabdrücke hinterlassen haben. Wie sich der Film von Quantenphysik faszinieren lässt - damals ein modisches Thema unter Kreativen, vor allem unter jenen, die kaum einen Hauch von Ahnung hatten - und etwas genuin Substanzielles damit macht. Der Film ist eine herausragende Leistung, die seinem Ruf mehr als gerecht wird. Und seine bemerkenswerteste Eigenschaft ist vielleicht die: Unkundige, die etwas von dem Land, in dem dieser Film entstanden ist, verstehen wollen, sollten ihn dringend ansehen." Hier ein Trailer des Films mit Eindrücken:



Weitere Artikel: Für den Standard spricht Michael Pekler mit der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel über deren Comeback-Film "Zama". Oliver Berbens beim Filmfest München präsentierter Adaption von Patrick Süskinds "Das Parfüm" in Form einer ins Hier und Heute versetzten Miniserie kann ZeitOnline-Kritikerin Marietta Steinhart nicht viel abgewinnen: Das Frauenbild der Serie findet sie schauderhaft und die sinnliche Poesie der Vorlage ging auch verloren.
Archiv: Film

Musik

Für ZeitOnline vergleicht Daniel Gerhardt Kanye West - den 41-jährigen etablierten Rap-Superstar - mit dem eben auf offener Straße erschossenen Rapper XXXTentacion, der mit Anfang 20 gerade erst am Anfang des Superstar-Daseins stand. Eigen ist beiden die starke Auseinandersetzung mit ihren emotionalen Achterbahnfahrten: "Depressionen, Zurückweisung und Selbstmordgedanken, aber auch nach außen und innen gerichtete Gewalt waren Konstanten in XXXTentacions Leben und Songs. ... Die Offenheit indes, mit der West auf 'Ye' sein Leben und Schaffen vermengt, trotzt einem kaum mehr als ein Schulterzucken ab. Was bei Onfroy alternativlos erscheint, zielt bei West auf einen kalkulierten Effekt."

Weiteres: Christian Wildhagen spricht in der NZZ mit Gianandrea Noseda über seine Pläne für die Oper Zürich, der er ab Herbst 2021 Generalmusikdirektor vorstehen wird: Insbesondere auf Wagner freut er sich, "aber auch generell reizt mich die Möglichkeit, mit den Musikerinnen und Musikern der Philharmonia intensiv das sogenannte deutsche Repertoire zu erarbeiten." Für Billboard hat Joe Lynch ein vergnügliches Gespräch mit dem 81-jährigen Trompeter und Komponisten Jon Hassell geführt, der sich unter anderem noch gut daran erinnert, mit Can halluzinogene Drogen genommen zu haben.

Besprochen werden das neue Album von Drake, das derzeit alle Streamingrekorde bricht (Berliner Zeitung, Spex), ein Konzert von King Crimson (taz), ein Konzert des Pianisten Lahav Shani (Tagesspiegel), ein Konzert der Sängerin Caro Emerald (Standard), ein Ravel- und Debussy-Abend mit dem Orchester Les Siècles (FR), neue Metal-Veröffentlichungen (The Quietus) und das zweite Album des Duos Let's Eat Grandma, das Pitchfork-Kritikerin Meaghan Garvey ziemlich umhaut: "Es klingt wie derzeit nichts anderes im Pop." Hier eine Hörprobe:

Archiv: Musik