Efeu - Die Kulturrundschau

Unerschrocken pathetisch

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08.12.2017. Die NZZ geißelt den Schmus des Authentischen in der Literatur. Nichts steht einem Geist so gut, wie ein übergeworfenes Bettlaken, lernt der Tagesspiegel in David Lowerys "A Ghost Story". Die taz hätte sich mehr Mut beim "Rework" von George Clintons Funkadelic gewünscht. Und sie besucht Palermo, wo demnächst die Kunstbiennale "Manifesta" stattfinden soll.

Literatur

Felix Philipp Ingold trauert in der NZZ jenen Zeiten hinterher, als der Autor noch eine "Wirkung des Werks" war und von Strukturalisten für tot erklärt wurde. Heute hingegen herrscht der Schmus des Authentischen, der Offenlegung und der Beichte vor: Wer derlei schreibt, meint Ingold, "bringt sich in jedem Fall selbst ins Spiel, will als Person und nicht bloß als impliziter Verfasser des Werks ernst genommen werden. Um dies zu unterstreichen, suchen heutige Literaten gern die Öffentlichkeit, geben Interviews, lassen Homestorys publizieren, nehmen an Talkshows teil, absolvieren ausgedehnte Lesereisen, um 'hautnah' an ihr Publikum heranzukommen und ihr Werk persönlich zu beglaubigen. Human touch geht über literarische Qualität. Über Alkoholismus, Depression und anderes Ungemach lässt sich verständlicherweise leichter und überdies mit ergiebigerem Praxisbezug diskutieren als über formale Fragen der Erzähl- oder Dichtkunst."

Außerdem: Willi Winkler bringt in der SZ historische Hintergründe zu dem bislang unbekannt gewesenen Brief Heinrich Bölls an Horst Mahler, den der Schriftsteller im Mai 1972 an den damals inhaftierten RAF-Terroristen geschrieben hatte und der in der aktuellen Ausgabe der Zeit präsentiert wird (dem vorausgegangen war im Spiegel ein Aufruf Bölls an die RAF, die Waffen zu strecken - hier steht der Text von damals online). Im Freitag antizipiert Katharina Schmitz die Rezeption von Joachim Meyerhoffs "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" durch die heutige Ausgabe des Literarischen Quartetts, dem diesmal Thomas Gottschalk als Gast beiwohnen wird. Für den Tagesspiegel besucht Nadine Lange den einzigen Comicbuchlachen in Sarajevo. Hartwig Isernhagen schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schriftsteller William Gass.

Besprochen werden Christoph Meckels Gedichtband "Kein Anfang und kein Ende" (NZZ), Ferdinand Sauters "Durchgefühlt und ausgesagt. Ausgewählte Werke" (Standard), Ulrich Kochs Gedichtsband "Selbst in hoher Auflösung" (Tagesspiegel), Edward St Aubyns "Dunbar und seine Töchter" (Welt), Volker Weidermanns "Träumer" (Zeit) und Karin Wielands "Das Geschlecht der Serie" (FAZ).
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Film


Zeitgefühl der Verlorenheit: Casey Affleck als Hui Buh in "A Ghost Story".

In David Lowerys "A Ghost Story" stirbt Casey Affleck, um dann als Gespenst seine von Rooney Mara gespielte Ehefrau zu begleiten. Klingt nach Schmus, ist es aber nicht, versichert Andreas Busche im Tagesspiegel - schon alleine, weil sich Affleck für diesen Film schlicht ein Laken mit zwei Gucklöchern über den Körper wirft. Was erstmal albern klingt, aber schlussendlich funktioniert: "Dieser Hui Buh ist ein entfernter Verwandter der sprechenden Welse und Affengeister aus dem Zwischenreich von Apichatpong Weerasethakuls Kino. ... David Lowery findet einen traumhaften Rhythmus für dieses Zeitgefühl der Verlorenheit, zwischen fließenden Langeinstellungen und elliptischen Bildmontagen, die den Lauf der Zeit fast unmerklich aufheben."

Dazu regt sich Widerspruch bei Daniel Kothenschulte in der FR: Die Bilder "stehen freilich meist lange über ihre ideale Betrachtungszeit hinaus auf der Leinwand", sagt er. Auch er muss an Weerasethakul und andere asiatische Regisseure denken, doch "wäre diesen Minimalisten dieser Stoff zu dürftig. ... Das Wort 'Kunst' ist diesen Bildern wie ein Stempel aufgedrückt, als sei das phantastische Kino in seiner Geschichte nicht immer wieder ein Quell der Kunst gewesen. "

Weiteres: Für die SZ besucht Alexandra Föderl-Schmidt Dani Levy bei Dreharbeiten in Jerusalem.

Besprochen werden die zweite Staffel von Jane Campions "Top of the Lake" (FR), Hari Kondabolus Dokumentation "The Problem with Apu", die sich kritisch mt der indischstämmigen Simpsons-Figur Apu befasst (ZeitOnline), Yeşim Ustaoğlus "Clair Obscur" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), die zweite Staffel der Netflix-Serie "The Crown" (FAZ) und der deutsch-französische Donnerstagabendkrimi im Ersten "Über die Grenze", dessen "Intensität" FR-Fernsehkritiker Harald Keller sehr positiv auffällt.
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Kunst

Im nächsten Jahr findet in Palermo die Kunstbiennale "Manifesta" statt, eine Non-Profit-Veranstaltung, von der sich die Stadt einiges erwartet. Die Künstlernamen sind bisher noch geheim. Annegret Erhard nutzt den Anlass in der taz für die Schilderung Lage in der Stadt: Der Zugriff der Mafia löst sich, aber die Verhältnisse bleiben chaotisch. Der mutige Bürgermeister "Leoluca Orlando sieht eine große Chance in der kulturellen Aufwertung seiner Stadt. Das begeistert nicht alle, die Arbeitslosigkeit ist exorbitant, die Armut hoch, soziale Projekte sollten Vorrang haben, meinen viele. Palermo, sagt Leoluca Orlando, gleiche mit seiner Geschichte und seinem Völkergemisch einem wertvollen Mosaik, dessen Rahmen allerdings Menschenrechte und Respekt bilden müsse. Sonst funktioniere das nicht. Er kämpfe gegen ein ökonomisches, religiöses und kriminelles Gewaltsystem. Unerschrocken pathetisch fügt er hinzu, sein Schwert sei die Kultur."

Weiteres: In der NZZ berichtet Philip Meier von der Art Basel in Miami.
 
Besprochen werden eine Ausstellung mit  Fotografien und Filmen aus dem New Bauhaus Chicago im Bauhaus Archiv in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung über zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution im Museum für Fotografie in Berlin (NZZ), eine Ausstellung über den "Meister von Messkirch - Katholische Pracht in der Reformationszeit" in der Staatsgalerie Stuttgart (FAZ), die Ausstellung "L'ultima gloria di Venezia", mit der die Galleria dell'Accademia in Venedig das künstlerische Schaffen in ihre Gründungszeit dokumentiert (SZ) und die Ausstellung "Parapolitik" über den Einfluss der CIA auf die Nachkriegskunst im Haus der Kulturen der Welt (FAZ).
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Bühne

Besprochen werden Tatjana Gürbacas Inszenierung von Wagners "Ring des Nibelungen" am Theater an der Wien (Welt) und Alexander Ekmans Choreografie "Play" in Paris (SZ).
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Musik

Detlef Diederichsen ist nicht gerade im vollen Maße überzeugt von dem Tributalbum "Funkadelic Reworked By Detroiters", auf dem sich titelgemäß Detroiter Acts dem musikalischen Erbe von George Clintons Funkadelic widmen. Gewürdigt werden allerdings nur dessen "lysergischen Anfangsjahre", schreibt Diederichsen in der taz und stellt sanft bekümmert fest, dass sich kaum einer getraut hat, das Material beherzt umzuformen und zu gestalten. Erstaunlich findet er es, "welche Angstreflexe eine solche Aufgabenstellung bei einigen gestandenen Akteuren der globalen elektronischen Tanzmusik auslöst, während andere, um ihre tiefe Liebe zu einer Musik zum Ausdruck zu bringen, sehr persönliche, emotionale Resultate erzielen." Hier eine Hörprobe (und hier das Original):



Weiteres: Nachdem die Unesco Orgeln und Orgelbau zum Weltkulturerbe ausgerufen hat, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel über Wissenswertes zum Thema.

Besprochen werden Laura Cahens Debütalbum "Nord" (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter Jim James' "Tribute to, Vol. 2" (ZeitOnline). Darauf findet sich unter anderem diese Coverversion eines Beach-Boys-Songs:    


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