Efeu - Die Kulturrundschau

Die Zukunft gehört der In-Betweenness

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17.05.2017. Endlich was Konkretes: In Berlin hat Chris Dercon sein erstes Programm an der Volksbühne vorgestellt. Überzeugt ist die Presse allerdings nicht: Sprechtheater werde künftig eher die Ausnahme sein, dafür gibt es viele ästhetische Mischformen. Die Dichter Teherans erinnern den Tagesspiegel an die Dichter der DDR. Das ArtMagazin genießt die Momente des Stillstands bei Irving Penn. Die NZZ wirft Cannes künstlerische Inzucht vor.

Kunst


Irving Penn: Naomi Sims © The Irving Penn Foundation

Für Irving Penn machte es nie einen Unterschied, ob er Models, Prominente oder Stammeskrieger in Neuguinea fotografierte, meint im Art Magazin eine beeindruckte Claudia Bodin anlässlich einer großen Penn-Retrospektive im Metropolitan Museum in New York zum 100. Geburtstag des Fotografen. Charakteristisch für seine Bilder ist immer die "bestechend klare, direkte Bildsprache, ein klassischer, minimalistischer Stil und ein bis auf das letzte Detail durchdachter Bildaufbau. Penn kreierte Momente des absoluten Stillstands. Die Menschen in seinen Bildern sind nicht in Bewegung, sie sind wie Statuen in ihren Posen eingefroren. Das ist die Magie von Penns Fotos und der Grund, warum das Mädchen des afrikanischen Dahomey-Stammes so elegant wie das überirdisch schöne Fotomodel aussieht."

Weiteres: In der NZZ stellt Markus Bauer Olga Stefans Projekt "Fragments of a Life" vor, das die Zerstreuung der Über- und Nachlebenden des Holocaust und das "Schweigen in deren Familien zum Gegenstand eines differenzierten Kunstprojekts macht, das Recherche, Diskussion und zeitgenössische künstlerische Repräsentation verbindet". Besprochen wird Lena Henkes Installation "Schrei mich nicht an, Krieger!" in der Rotunde der Frankfurter Schirn (FR).
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Stichwörter: Irving Penn

Bühne


(Bild: Ansgar Koreng / CC BY-SA 3.0 (DE))

Gestern stellten Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock in Berlin ihr langerwartetes erstes Programm für die Volksbühne vor (mehr dazu in der nachtkritik). Im Interview mit der Süddeutschen präzisieren Dercon und Piekenbrock ihren Ansatz. Dercons Ansatz ist eine Weiterentwicklung des Begriffs vom Theater: "Heute versuchen viele andere Medien, das Theater zu imitieren, auch in der bildenden Kunst. Das hat mich irritiert. ... Um Alexander Kluge zu paraphrasieren: Es ist weder Theater noch Kunst, es ist etwas In-Between. Die Zukunft gehört der In-Betweenness. Es geht uns um Künstler, die nicht nur über ihre eigene Sparte nachdenken wollen, sondern über unterschiedliche Sparten. Egal, ob Kunst, Theater, Kino." Und dieses Nachdenken soll sich vor allem auf die Form beziehen, erklärt Piekenbrock: "Wir sind im Begriff, ein Sprechen über Kunst zu verlernen zugunsten von Inhalt, Themen, Konzepten, Tagespolitik. Die Künstler, die wir einladen, sind für uns hochpolitisch, aber es verbindet sie, dass alle an einer Rückgewinnung der Form arbeiten. Form ist ein sehr starkes Motiv innerhalb ihres Werks."

In der taz skizziert Katrin Bettina Müller die Probleme des Duos: "Wie viel Theater wird es denn noch unter diesem Kunstmann geben? Wenig, ist der Verdacht der Dercon-Gegner, und wenn er von Michael Schmidt, einem wichtigen Berliner Fotografen redet, dessen Zyklus 'Waffenruhe' im Februar 2018 groß auf die Fassade projiziert wird, sehen sie sich bestätigt. Zwar sind 120 Schauspieler in den Projekten der ersten Spielzeit eingebunden, doch namentlich wurden sie erst erwähnt, als es um ein Internettheaterformat ging. Und vom Aufbau eines Ensembles ist man noch weit entfernt."

Außerdem zur Volksbühne: In der Berliner Zeitung ist Ulrich Seidler hin- und hergerissen: fordert einerseits mehr Fairness im Umgang mit der neuen Volksbühnenmannschaft, bedauert andererseits die Abkehr vom "dialogbasierten Schauspiel ... so wird hier dem Theater durch das Museum das vielleicht einzig gebliebene Genuine ausgetrieben: die schwer hinzunehmende und doch auch tröstliche Vergänglichkeit im Augenblick". Welt-Redakteur Matthias Heine kam mit den besten Absichten, Chris Dercon lieb zu haben, aber das klappte dann doch nicht so recht: "So viel ist klar: Theater, bei dem sich Schauspieler unter der Anleitung eines Regisseurs mit literarischen Texten beschäftigen, wird es künftig an der Volksbühne nur noch in Ausnahmefällen geben." Und im Tagesspiegel beruhigt Rüdiger Schaper: "Der Übergang kann - trotz allem Wehgeschrei - so hart nicht sein. Von den insgesamt 227 Mitarbeitern der Volksbühne bleiben 206. Alle Gewerke werden erhalten."

Andere Themen: Die nachtkritik setzt ihr Liveblog vom Theatertreffen fort. Im Tagesspiegel stellt Patrick Wildermann den Gewinner des Stückemarkts vor: den Berliner Autor Bonn Park. Helmut Ploebst berichtet im Standard über Aufführungen bei den Wiener Festwochen.

Besprochen werden Niklaus Helblings Inszenierung von Benjamin Brittens "Midsummer Night's Dream" in Mainz (FR), Tianzhuo Chens Opern-Happening "Ishvara" zur Eröffnung der Wiener Festwochen (FAZ, SZ), 
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Film

Mit Arnaud Desplechins "Les Fantômes d'Ismaël" beginnen heute die Filmfestspiele in Cannes: Die dorthin delegierten Filmkritiker Tim Caspar Boehme (taz), Dominik Kamalzadeh (Standard) und Tobias Kniebe (SZ) freuen sich auf neue Filme von unter anderem Sofia Coppola, Hong Sang-soo, Michael Haneke, Todd Haynes, Giorgos Lanthimos, Noah Baumbach, Valeska Grisebach, Fatih Akin, Michel Hazanavicius, Claire Denis, Roman Polanski und François Ozon. Klingt inzestuös? Ist es auch, meint zumindest Susanne Ostwald von der NZZ: Der künstlerische Leiter des Festivals, Thierry Frémaux, halte sich hier einen erlesenen Garten mit eng umfassten Grenzen, lautet der Vorwurf. Er betreibe "eine Auswahlpolitik, die den Ruf des Festivals nachhaltig zu beschädigen droht, weil sie unflexibel ist - und elitär. Die erlauchte Gesellschaft des Autorenkinos bleibt an diesem 'Klassentreffen' dank Frémaux weitgehend unter sich. ... Das einstige Prädikat 'Cannes' droht durch diese Art der Selbstbefruchtung zum Kassengift zu werden." Dazu passend: Für SpOn hat Frédéric Jaeger das anekdotengesättigte Tagebuch des Festivalleiters gelesen.

Weiteres: Frédéric Jaeger (critic.de), Ekkehard Knörer (Standard) und Bert Rebhandl (FAZ) berichten von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Für den Freitag resümiert Madeleine Bernstorf die osteuropäischen Filmemacherinnen gewidmete Retrospektive des goEast-Festivals in Wiesbaden. Lutz Herden erinnert im Freitag an Konrad Wolfs Dreharbeiten zum DEFA-Film "Sonnensucher" im Jahr 1957.

Besprochen werden Bertrand Bonellos "Nocturama" (ZeitOnline), Mike Mills' "Jahrhundertfrauen" mit Greta Gerwig (taz, Welt), Sonia Kennebecks Dronen-Dokumentarfilm "National Bird" (critic.de), die sechste Staffel von "Homeland" (Freitag), die BR-Serie "Hindafing" (Welt) und Ridley Scotts "Alien: Covenant" (FAZ, mehr dazu hier und hier).
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Musik

Was ist vom Summer of Love 1967 in San Francisco eigentlich übrig geblieben? Nicht viel, stellt Freitag-Autor Lennart Laberenz beim Besuch in der Stadt fest, wo zwei Ausstellungen (eine davon hier) den historischen Rückblick wagen. Ein trübes Stimmungsbild: "Aus wolkiger Mystik wurde viel schaurige Weltabgewandtheit. Von der Umweltbewegung blieb in der Bay Area nicht viel mehr übrig als strenger formulierte Auflagen, Tesla und sündteure Käseboutiquen. Ohne ein Organic-Product-Schild lässt sich nicht mal mehr ein Supermarktlutscher verkaufen. Yoga ist trotz Präsident Trump noch immer wichtiger als Lokalpolitik. Auf der Haight Street gibt es noch einiges zu kiffen, aber es wirkt so, als wären das eher Zwischenmahlzeiten von Leuten, die sich ansonsten von Härterem ernähren, während ihnen Großfamilien aus Kansas mit leisem Schauer begeistert beim langsamen Verschimmeln zuschauen."

Weiteres: Nicklas Baschek weint auf ZeitOnline dem NuMetal der 90er Jahre nach. Louise Brown erinnert auf The Quietus an das vor 30 Jahren veröffentlichte, einflussreiche Album "Under the Sign of the Black Mark" der Metalband Bathory. Im Guardian geht Tim Jonze der Frage nach, wann Rockbands endlich im Weltall Konzerte geben.

Besprochen werden das neue Album von Do Make Say Think (Pitchfork), ein Konzert von All Diese Gewalt (taz), Comebuckleys Album "Zofia" (NZZ) und ein Chopin-Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters mit dem Pianisten Nobuyuki Tsujii unter Vladimir Ashkenazy (Tagesspiegel).

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Literatur

Der Lyriker Jan Volker Röhnert berichtet im Tagesspiegel von seiner Reise nach Teheran, wo er sich mit iranischen Dichtern traf, um einen gemeinsam erstellten Band auf der Teheraner Buchmesse zu präsentieren. Die Neugier auf den Westen sei groß, versichert er, ebenso "der Wunsch, mit der Welt in Kontakt zu treten." Besonderen Eindruck machte auf ihn eine nächtliche Autofahrt quer durch die Stadt, bei der es vertonte Verse und Johnny Cash zu hören gab: "Das ist das Teheraner Gefühl: nach außen allgegenwärtig die humorlosen patriarchalen Staatsinszenierungen, zugleich aber auch unendlich viel Poesie, Erfindungsreichtum und Kreativität, nach innen eine nahezu grenzenlose Freiheit, sich alles, was man tun möchte, zu erlauben. Eine Alltagskultur ist so entstanden, wie man sie aus der Spätzeit der DDR kennt, die dem Regime den Hintern zeigt, indem sie den Kotau vor ihm macht. Das schlägt sich auch in der Lyrik nieder, im Iran unangefochten die Königsdisziplin der Literatur. Die Worte entfalten einen doppelten Boden, mit dessen Hilfe sich die Konterbande des Unsagbaren an der Zensur vorbeischmuggeln lässt."

Weiteres: Für die SZ porträtiert Pia Ratzesberger Brad Bigelow, der im Hauptberuf als Informatiker bei der NATO arbeitet und daneben seit über 10 Jahren auf seinem Blog Neglected Books im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit geratene Bücher bespricht. Erhard Schütz liest im Freitag Bücher über den Kuss in der Literatur und geht mit Hanns Zischler und Franz Kafka ins Kino.

Besprochen werden u.a. zwei neue Romane von Margaret Atwood (taz), Miljenko Jergovićs Roman "Die unerhörte Geschichte meiner Familie (NZZ), Brigitta Falkners "Strategien der Wirtsfindung" (NZZ) und Gedichte von Levin Westermann (NZZ), Anke Stellings "Fürsorge" (Berliner Zeitung), Marcel Beyers Essay "Das blindgeweinte Jahrhundert - Bild und Ton" (Freitag), Ulrike Edschmids "Ein Mann, der fällt" (Freitag), Roman Ehrlichs "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" (Welt), Katie Kitamuras "Trennung" (Freitag), Candice Fox' Thriller "Fall" (Welt), António Lobo Antunes' "Ich gehe wie ein Haus in Flammen" (SZ) und Helmuth Kiesels "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918-1933" (FAZ).
Archiv: Literatur