Bücherbrief

Poesie der Übergänge

04.03.2024. Timon Karl Kaleyta zeigt mit viel Action in einem mysteriösen Nobel-Sanatorium, wie das Streben nach Höherem in faschistisches Gedankengut umschlagen kann, Diaty Diallo erzählt pulsierend und ohne Klischees von Polizeigewalt in Pariser Banlieues, Michael Köhlmeier lässt Lenin auf einem Philosophenschiff in See stechen, und Sofi Oksanen analysiert Putins Krieg gegen die Frauen. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats März.
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Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Timon Karl Kaleyta
Heilung
Roman
Piper Verlag. 208 Seiten. 22 Euro

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Keine Kritik, die es unter dem Vergleich mit Thomas Manns "Zauberberg" macht, aber Timon Karl Kaleyta legt die Spur natürlich auch selbst aus, wenn er uns an der Seite eines Mittvierzigers mit Schlafstörungen und Ehemüdigkeit in ein mysteriöses Nobel-Sanatorium führt. Und hält der Roman dem Vergleich stand? Wenn wir den hymnischen Besprechungen glauben können: definitiv. Für Zeit-Literaturchef Adam Soboczynski ist das gar der "beste Roman des Frühjahrs", wie er im Aufmacher des Zeit-Feuilletons jubelt: Bestens amüsiert, auch wegen Kaleytas Lust an der Groteske, begleitet der Kritiker den namenlosen Helden in jene Stätte, in der viel Wert auf Wohlfühlen und Achtsamkeit gelegt wird. Der unaufgeregte Schein trügt allerdings, erfahren wir, geheimnisvolle Knechte und verführerische Frauen tauchen auf, Bären werden erschossen, die zivilisatorische Firniss erweist sich als brüchig. Später taucht im Roman dann auch noch ein Jugendfreund auf und mit ihm die Idee eines naturverbundenen, kraftvollen Lebens, die am Ende in Gewalt umschlägt, resümiert Soboczynski. Das Streben nach Höherem, hinter dem sich nicht selten faschistisches Gedankengut verbirgt, ist dem Protagonisten nicht auszutreiben, führt Soboczynski aus, der darin auch eine Warnung für die heutige Zeit erkennt. Wie uns Kaleyta in unheimlichen, absurden, aber auch humorvollen Szenen, eine "zersplitterte Gegenwart" zeigt, bewundert Cornelia Geißler in der FR, während taz-Kritiker Michael Wolf nach diesem Mix aus Mann, Stephen King und Grimmschen Märchen begeistert ruft: "Endlich mal wieder Action!" Geschickt bekomme Kaleyta die Haltlosigkeit der Postmoderne zu fassen, staunt Niklas Schniederjahn im Dlf. Nur in der SZ hätte Christiane Lutz der subtile Humor noch besser gefallen, wenn der Autor auf den bisweilen affektierten Ton verzichtet hätte.

Yavuz Ekinci
Das ferne Dorf meiner Kindheit
Roman
Antje Kunstmann Verlag. 352 Seiten. 26 Euro

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Die Geschichte, die uns der kurdische, auf Türkisch schreibende und im deutschen Exil lebende Autor Yavuz Ekinci hier schildert, ist auch seine eigene, weiß SZ-Kritikerin Ayca Balci. Aus kindlicher Perspektive erzählt Ekinci laut Balci zunächst vom Aufwachsen im Südosten der Türkei in den 1980er Jahren, ehe er im zweiten Teil in einem wuchtigen Sterbemonolog der Großmutter das ganze Trauma des armenischen Volkes beschreibt. Ein Roman, der eindringlich vom "verlorenen Leben" dreier Generationen erzählt und der vor allem besticht durch eine bildhafte Sprache, die selbst das Grauen des Völkermords an den Armeniern und den Kurdenkonflikt in Sanftheit hüllt, so Balci. Auch FAZ-Kritikerin Amira El Ahl liest den bereits 2012 im türkischen Original erschienenen Roman atemlos. Heute würde der Roman in der Türkei nicht mehr publiziert, glaubt sie. Denn Ekinci entfaltet vor uns ein ganzes Gewaltpanorama, in dem sowohl das armenische, als auch das kurdische Trauma verhandelt werden: Und dabei sind die einen durchaus auch die Mörder der anderen, und beide Gruppen werden wiederum brutal verfolgt von den Türken. Ekinci spiegelt das in den Hauptfiguren und deren inneren Monologen. Besonders beeindruckt ist El Ahl von der Figur der Armenierin Almast, ursprünglich eine Christin. Sie kann nur als Hatice und als Muslimin unter Kurden überleben, die an der Verfolgung der Armenier beteiligt sind, bevor sie "selbst zu Gejagten" werden.

Michael Köhlmeier
Das Philosophenschiff
Roman
Carl Hanser Verlag. 224 Seiten. 24 Euro

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Es ist gar nicht einfach, die Handlung des neuen Romans von Michael Köhlmeier zusammenzufassen. Worum geht's? Der Schriftsteller Michael, unschwer als Alter Ego des Autors erkennbar, wird von der berühmten, inzwischen hundert Jahre alten Architektin Anouk Perleman-Jacob einberufen, die Köhlmeier mit biografischen Details der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ausstattet. Michael soll ihre Lebensgeschichte aufschreiben: Im Alter von vierzehn Jahren befand sie sich mit ihren bolschewistischen Eltern auf einem der sogenannten Philosophenschiffe, die auf Lenins Anordnung unliebsame Wissenschaftler, Künstler und Ärzte außer Landes bringen sollten. Auf jenem Schiff aber, das Köhlmeier mit zwei Dutzend Passagieren in See stechen lässt, befindet sich Lenin höchstselbst, Anouk ist die einzige, die ihn entdeckt, sie lauscht seinen Erzählungen Nächte lang, bis Stalin ihn ins Meer werfen lässt. Die Kritiker sind hingerissen! Allein wie Köhlmeier Fakten und Fiktion verwebt, findet Karl-Markus Gauß in der SZ "furios". Darüber hinaus aber verfällt er ganz dem Sog des so klugen wie eleganten Erzähltons Köhlmeiers. Dass der Autor die Kunst des Erzählens nicht nur beherrscht, sondern in seinem "durchtriebenen Spiel von Wahrheit und Erfindung" auch immer wieder thematisiert, ist für Gauß ein zusätzlicher Gewinn dieses virtuosen Romans. In der FR bewundert Judith von Sternburg nicht nur, wie Köhlmeier Strukturen des Terrors offenlegt, sondern auch aktuelle linksradikale Strömungen dem lenistischen und stalinistischen Terror gegenüberstellt. Ein spannendes Spiel mit "Historia und Fabula", das auch Parallelen zum Krieg in der Ukraine erkennen lässt, liest Michael Eggers im Dlf. In der NZZ empfiehlt Paul Jandl den Roman, im Dlf Kultur Verena Auffermann.

Diaty Diallo
Zwei Sekunden brennende Luft
Roman
Assoziation A Verlag. 192 Seiten. 20 Euro

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Diaty Diallo, französische Autorin mit westafrikanischem Migrationshintergrund, weiß, wovon sie schreibt, wenn sie uns von Rassismus und Polizeigewalt in den Pariser Banlieues erzählt: Sie ist selbst dort aufgewachsen. Entsprechend aktuell und nahe an der Realität ist ihr 2022 in Frankreich erschienener und viel diskutierter Roman, der kein Betroffenheitsbericht, sondern eine literarische Analyse der Konflikte in den Vorstädten ist, wie Florian Schmid auf Zeit Online versichert. Fast wie ein "lyrischer Popsong" erscheint ihm die Geschichte um eine Gruppe Zwanzigjähriger, deren ganze Wut sich entlädt, nachdem ein Mitglied des Freundeskreises auf einer angeblichen Flucht nach einer Party von einer Polizeikugel getroffen wird. Dass Diallo keine Klischees bedient, sondern mit Gefühl, Details, Sozialrealismus und Tempo schreibt, ist für Schmid ein zusäzzliches Plus dieses Romans. Einen "dichten, pulsierenden" Text, der die Bedrohung, der die Jugendlichen Tag für Tag ausgesetzt sind, anschaulich macht, liest Claudia Kuhland in der ARD-Sendung "Titel Thesen Temperamente". Und Dlf-Kultur-Kritikerin Nora Karches bewundert die  komplexe literarische Architektur, die Diallo erschaffen hat, um von Gewalt und Schuld zu erzählen.

Sanaka Hiiragi
Die Erinnerungsfotografien
Roman
Hoffmann und Campe Verlag. 176 Seiten. 22 Euro

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Ein "bezauberndes Büchlein" legt uns Steffen Gnam in der FAZ mit diesem Roman der japanischen Autorin Sanaka Hiiragi ans Herz. Es greift den japanischen Trend zur selbstbestimmten Ausgestaltung des Sterbens ("shukatsu") auf, erklärt uns Gnam. Hiiragi erzählt von dem Erinnerungsfotografen Hirasaka, der gerade Verstorbene in einer Zwischenwelt empfängt, ihnen Fotografien aus ihrem Leben vorlegt und ihnen schließlich dabei hilft, eine vergangene Fotografie per Zeitreise neu aufzunehmen, so der Kritiker. Die Autorin führt uns in diesen Zeitreiseepisoden unter anderem in die Nachkriegszeit zwischen Inflation, Schwarzmarkt und Demokratisierung. Wie Hiiragi ihre parabelhafte Jenseitserzählung mit einer "Poesie der Übergänge" und einem Gespür für die Vielfalt und Kontingenz menschlicher Lebenswege auflädt, findet Gnam grandios. An dieser Stelle wollen wir auch auf die jüngst unter dem Titel "Drei Schalen" (bestellen) erschienenen Erzählungen der im vergangenen Jahr verstorbenen italienischen Schriftstellerin Michela Murgia hinweisen, deren letzte Texte sich dem Tod offenbar schon annähern, wie Judith von Sternburg in der FR vermutet: Und zwar mit "ökonomischer Eleganz", wie sie versichert.


Sachbuch

Sofi Oksanen
Putins Krieg gegen die Frauen
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 336 Seiten. 24 Euro

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Die Vergewaltigungen und Folterungen israelischer Frauen durch die Hamas am 7. Oktober sind spätestens seit dem Bericht des israelischen Association of Rape Crisis Centers in ihrer Grausamkeit und Perversion offenkundig. Aber auch Putin führt Krieg gegen die Frauen, in der Ukraine - und im eigenen Land, wie die estnisch-finnische, hierzulande vor allem für ihre Romane gefeierte Autorin Sofi Oksanen ausführt. Sexualisierte Gewalt sei das am meisten vernachlässigte Kriegsverbrechen, zudem gelten Frauenrechte in Russland heute als "westliche Importware", sagt sie im NZZ-Gespräch: "Würden die Frauen in Russland ihre Macht beanspruchen, wäre das revolutionär. Das würde die Machtstrukturen verändern, das würde die Gesellschaft verändern, das Wertesystem, alles." Mit großem Interesse hat der in der SZ rezensierende französische Journalist und Schriftsteller Olivier Guez den Essay gelesen, in dem Oksanen zwei Anliegen verfolgt: Zum einen ordnet sie den Krieg gegen die Ukraine in eine lange Tradition des russischen Kolonialismus ein, zum anderen legt sie dar, wie sich dieser Kolonialismus auch in Aggression gegen Frauen äußert - sowohl in Form politischer Ausgrenzung als auch ganz konkret durch sexuelle Gewalt. Ein wichtiges, mutiges Buch, lobt auch Ulrich Rüdenauer im Dlf: Die Autorin, deren Großmutter von russischen Soldaten vergewaltigt worden war, zeichnet Rüdenauer zufolge nach, wie Gewalt gegen Frauen von Putin noch einmal forciert eingesetzt wird, indem er Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter mithilfe antifeministischer Hetze über Staatsmedien bekämpft. Damit steht er in einer russischen Tradition der Geschichtsklitterung, die auch die Umdeutung des Begriffs Nazi umfasst: So werden inzwischen schlicht alle Feinde Russlands bezeichet, liest Rüdenauer.

Uwe Wittstock
Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck Verlag. 351 Seiten. 26 Euro

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Ein Buch, dass man nicht nur jenen auf den Nachttisch legen möchte, die den Ausschluss israelischer Juden von Kulturveranstaltungen fordern: Der Literaturredakteur Uwe Wittstock schildert hier nämlich die Schicksale der jüdisch-deutschen Künstler und Intellektuellen, die in den Jahren 1940 und 1941 vor den Nationalsozialisten nach Marseille flohen und dort nach weiteren Fluchtmöglichkeiten suchten. Sie fanden sie zu Hunderten, insbesondere dank Varian Fry und seines Emergency Rescue Committees, seiner amerikanischen und deutschen Mitstreiter und auch französischer Grenzbeamter, die sich den Flüchtenden oftmals nicht in den Weg stellten. Wir begegnen etwa Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger oder Heinrich Mann, denen die Flucht glücklicherweise gelang. Ein enorm wichtiges Buch hat Wittstock geschrieben, urteilt Zeit-Kritiker Florian Illies, und zwar weil es uns ermöglicht, die Geschichte des Selbstmords Walter Benjamins auf der Flucht vor den Nationalsozialisten zu ergänzen um die Geschichte vieler Künstler und Intellektueller. Extrem präzise ist Wittstock in seiner Aufarbeitung diverser Erinnerungsberichte, so Illies, einerseits nüchtern in der Darstellung der rechtlichen Zwickmühle, in der sich die Flüchtenden befanden, andererseits anschaulich in erzählerischen Miniaturen zum Beispiel über die Flucht Alma Mahler-Werfels und Heinrich Manns. Ein klug montiertes und keineswegs verkitschtes, sondern eng an den Quellen entlang geschriebenes Werk liest Hilmar Klute in der SZ, während Joseph Haniman in der FAZ den filmhaften Sog der Schilderungen hervorhebt: "Ein historischer Thriller", meint er.

Frank Bösch
Deals mit Dikaturen
Eine andere Geschichte der Bundesrepublik
C.H. Beck Verlag. 622 Seiten. 32 Euro

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Die deutsche Russlandpolitik war ein Desaster, aufgearbeitet ist sie bis jetzt nicht. Kein Einzelfall, wie der Historiker Frank Bösch in seinem aktuellen Buch und im taz-Gespräch skizziert: Er zeichnet kein besonders sympathisches Bild von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Deckmantel friedlicher Gesinnung, weil man ja aus der Geschichte gelernt habe, zielte die Politik - vor allem übrigens seit Helmut Schmidt - auf Kungelei mit Diktaturen um der ökonomischen Vorteile willen. Da zählte noch nicht mal der Einspruch Amerikas: "Brasilien und der Iran etwa erhielten trotz der US-Proteste deutsche Atomkraftwerke. Ebenso baute die Regierung Schmidt die Zusammenarbeit mit Libyen aus", erinnert er. Mehr noch: Die deutsche Nachkriegspolitik versuchte kritische Presseberichterstattung über die Diktaturen in Griechenland, Portugal oder Chile zu unterbinden, um den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg nicht zu gefährden, erfährt Peter Carstens, der im Dlf noch heute sprachlos über den "kalten Pragmatismus" der Nachkriegszeit ist. Ein wichtiges Buch mit ein paar Schönheitsfehlern annonciert in der SZ auch Rainer Stephan. Wenig überraschend, aber in der geballten Faktendichte lesenswert, findet er die Chronik des Appeasements gegenüber diktatorischen Regimen wie der Sowjetunion und China - stets im Namen von Wirtschaftsinteressen und unter Ignorierung von Menschenrechtsfragen. Probleme sieht Stephan allerdings, wenn Bösch neben der Kontinuität der wirtschaftsfreundlichen Machtpolitik auch den Wertewandel hin zu mehr Problembewusstsein in der Öffentlichkeit darstellen will. Auf harte Empirie kann er sich bei Letzterem zumeist nicht stützen, was in einem Ungleichgewicht resultiert, so Stephan. Zudem hätte der das Buch gleichwohl mit Interesse lesende Rezensent gern mehr über die Rolle des Bundestages erfahren, der seiner Meinung nach bei Bösch noch zu gut wegkommt.

Hannes Leidinger/Verena Moritz
Lenin
Die Biografie
Residenz Verlag. 656 Seiten. 38 Euro

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Pünktlich zum hundertsten Todestag Lenins räumen die beiden Historiker Verena Moritz und Hannes Leidinger in dieser Biografie mit allerlei Mythen um den kommunistischen Revolutionär auf, freut sich in der taz Robert Misik, der einzige Kritiker, der das Buch bisher besprochen hat. Das Autorenduo konzentriert sich entgegen heutiger Gewohnheiten auf den intellektuellen Werdegang Lenins, der immer noch oft als Genie gefeiert oder als Gegenpol zum stalinistischen Terror umgedeutet wird, resümiert Misik. Die Autoren zeichnen Lenins Lebensweg nach, vom Hass auf das Zarentum über die Hinwendung zum Marxismus und die Zeit im Exil. Lenin entwickelt in seinen Schriften ein entmenschlichendes Vokabular, lernt der Kritiker aus dem Buch, er war jovial, aber auch ein uncharismatischer Erbsenzähler, dessen herrschaftskritische Staatstheorie auf eine Legitimation von Gewaltherrschaft hinauslief. Die Lenin-Idealisierungen halten einer kritischen Relektüre, wie Moritz und Leidinger sie leisten, nicht stand, schließt Misik, was sich nicht zuletzt in Lenins Sprache, etwa in seiner Vorliebe für das Wort "erschießen", zeige.

Paulin Ismard
Welten der Sklaverei
Eine vergleichende Geschichte
Jacoby und Stuart Verlag, 1200 Seiten, 78,00 Euro

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Paulin Ismard ist Althistoriker, Absolvent der Ecole Normale Supérieure in Lyon. Sein Thema ist die Sklaverei in der Antike, besonders in Griechenland, zu der er gerade in Frankreich ein neues Buch vorlegt. Vor zwei Jahren hat Ismar zusammen mit über fünfzig anderen Historikern das Buch "Welten der Sklaverei" publiziert, das nun auch ins Deutsche übersetzt wurde.  Auf 1200 Seiten entreißen die Historiker das Thema den Simplifikationen des Postkolonialismus, denn Sklaverei war ein globales Phänomen und ist in manchen Formen auch heute noch in Afrika und der arabischen Welt anzutreffen. In der FAZ wurde dieses Standwerk von der Historikerin Claudia Jarzebowski begrüßt. Besonders betont sie, dass die Autoren Möglichkeiten vorstellen, mit denen die Standpunkte versklavter Menschen hörbar gemacht werden konnten. In Le Monde staunte Nicolas Weill über die Perspektivenvielfalt des Bandes. Sklaverei sei in vielen Weltregionen praktiziert worden, die man damit nie in Verbindung bringt, von Indien bis Korea. "Auch bei den nomadischen Yuqui-Indianern in Bolivien, die von dem französischen Ethnografen David Jabin untersucht wurden, werden Erbsklaven erwähnt - in jenem Amazonien also, das von einigen Ethnologen einst als retrospektive, von grausamen Hierarchien freie Utopie par excellence geschildert wurde."