Herausgegeben, zum Teil neu übersetzt und eingeordnet von Marie Luise Knott und Ursula Ludz. "Jude sein gehört zu den unbezweifelbaren Gegebenheiten meines Lebens." - Hannah Arendt beginnt mit ihrer Arbeit zu Rahel Varnhagen, sich mit der jüdischen Geschichte in Deutschland zu beschäftigen, aber erst nachdem sie Deutschland 1933 verlassen hatte, setzte sie sich verstärkt mit ihrer Identität als Jüdin und der "jüdischen Frage" auseinander. Dieses Buch versammelt chronologisch alle zu Lebzeiten veröffentlichten Aufsätze Arendts zum Thema und zeigt so auch ihre Entwicklung in den diskutierten Fragen, beispielsweise ihre teilweise sehr wechselnde Haltung zu Israel und dem Zionismus.
Für Micha Brumlik ist und bleibt Hannah Arendt Zeitgenossin. Was die Philosophin zu Holocaust, Israels Staatsgründung und Antisemitismus zu sagen hat, erscheint ihm dringlicher und diskussionswürdiger als je zuvor. Herausragend erscheint ihm das Arendtsche Denken , weil es deutschen Existenzialphilosophie, antikes Denken und ihr Selbstverständnis als Jüdin verbindet. Die Texte, die Ursula Ludz und Marie Luise Knott in ihrem Band versammeln, waren zum teil bisher nicht veröffentlicht, und Brumlik lobt die Herausgeberinnen für Auswahl, Übersetzung und Kommentierung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2020
Laut Rezensent Alexander Gallus lohnt die Lektüre der von Marie Luise Knott und Ursula Ludz ausgewählten Essays aus den 40er Jahren. Einige Texte von Hannah Arendt kann der Rezensent hier sogar erstmals auf Deutsch lesen. Was die Schriften eint, ist für Gallus die geistesgeschichtliche Argumentation für ein kulturelles jüdisches Selbstbewusstsein. Wie sich die Autorin "im Spannungsfeld" zwischen Zionismus und jüdischer Diaspora positioniert, erfährt der Rezensent ebenso wie Arendts mal sozialwissenschaftlich analytische, mal philosophische Sicht auf Themen wie Flucht, Genozid und Nationalstaatgründung. Stets tritt die Autorin dem Rezensenten politisch, urteilsstark und im Bewusstsein eigener Fehlannahmen entgegen. Dass der Eichmann-Komplex eher knapp im Band präsent ist, lässt Gallus weiterhin ergänzend zu den "Jewish Writings" greifen. Die vorliegende Edition, wenngleich lückenhaft, findet er allerdings sachkundig genug, um als Basis für eine kritische Gesamtausgabe von Arendts Werk zu dienen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.12.2019
Rezensent Natan Sznaider hebt die besondere Bedeutung des von Marie Luise Knott und Ursula Ludz herausgegebenen Bandes über Hannah Arendt hervor. Für ihn leistet das Buch eine Korrektur am Arendt-Bild, indem es die Denkerin vor allem als politisch denkenden und handelnde Jüdin und Amerikanerin zeigt. Die einundzwanzig zwischen 1942 und 1950 entstandenen Texte vermitteln Sznaider Einblick in Arendts Beschäftigung mit der jüdische Emanzipation, mit dem Zionismus-Begriff, mit dem jüdischen Außenseiter (Heine, Chaplin, Kafka) und mit der Judenvernichtung. Letztere scheint Sznaider hier sprachlich nüchterner behandelt als im Eichmann-Buch.
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