Außer Atem: Das Berlinale Blog

Ein Herz für dicke Kinder: Ulrich Seidls 'Paradies: Hoffnung' (Wettbewerb)

Von Elena Meilicke
09.02.2013.

Fast hatte ich Angst vor dem, was Ulrich Seidels gnadenloser Blick mit einem Teenager-Diätcamp anstellen würde – und vielleicht auch bisschen hämische Vorfreude. Schließlich ist es gerade die Denunziation von Figuren und Exploitation von Darstellern, die Seidl immer wieder vorgeworfen wird, bei allem Respekt für den aufklärerischen Impetus, der Seidl treiben mag. Man kann Entwarnung geben: in "Paradies: Hoffnung" zeigt Seidl ein Herz für dicke Kinder.


Fast hatte ich Angst vor dem, was Ulrich Seidels gnadenloser Blick mit einem Teenager-Diätcamp anstellen würde – und vielleicht auch bisschen hämische Vorfreude. Schließlich ist es gerade die Denunziation von Figuren und Exploitation von Darstellern, die Seidl immer wieder vorgeworfen wird, bei allem Respekt für den aufklärerischen Impetus, der Seidl treiben mag. Man kann Entwarnung geben: in "Paradies: Hoffnung" zeigt Seidl ein Herz für dicke Kinder.

Der Film erzählt von der dreizehnjährigen Melanie. Sie ist die Tochter der Sextouristin aus "Paradies: Liebe" und die Nichte der Religionsfanatikerin aus "Paradies: Glaube". Melanie verbringt den Sommer in einem Diätcamp, und die sportlichen, die psychotechnischen Exerzitien, denen sie hier unterworfen wird, fasst Seidl in seine wohlbekannten, mittig orientierten Trademark-Tableaus. Immer wieder Kinder in Reihe, nebeneinander, hintereinander, im Gänsemarsch, im Stuhlkreis. Hier solidarisiert sich Seidl auf bislang ungekannte Weise mit seinen Figuren. Denunziert wird, wenn überhaupt, das Gefüge der Institution, in das die Kinderkörper eingespannt sind, ein Gefüge, das konkret und sichtbar wird in der Uniform des Camps: hautenge und halbdurchsichtige weiße Shirts und Radlerhosen, die ihre Träger absolut bloßstellen, jede Unterhosenkante, jede Fettwulst ausstellen.

Seidl hat seine Tableaus diesmal sparsamer eingesetzt – was gut ist, weil sich ihr ästhetisches Innovationspotential mittlerweile abgenutzt hat, sie fast schon zur leeren Form geronnen sind. "Paradies: Hoffnung" ist deshalb in der Form offener und viel weniger streng als "Paradies: Glaube" etwa. So erfahren die starren und wuchtigen Kompositionen, die die Disziplin des Camps ins Bild setzen, ein Gegengewicht in den intimeren, halbnahen, dunkler ausgeleuchteten Aufnahmen aus dem Mädchenzimmer. Zwei Doppelstockbetten, viel Pink und Reden über Sex. Freundinnen, die dabei miteinander im Bett liegen und sich im Arm halten. Flaschendrehen. In diesen Szenen zeigt Seidl, was man sonst nicht oft zu sehen bekommt, nicht im Kino und schon gar nicht im Fernsehen: dicke Körper, die nicht unter dem Unstern von Gesundheitsrisiko, Obszönität und mangelnder Selbstbeherrschung stehen, sondern schön, erotisch, blühend sind. Das sind sehr schöne Szenen.



Melanie verliebt sich in den Arzt des Camps und fügt sich damit ein in die Reihe ungleicher Paare, von denen Seidls Paradies-Trilogie erzählt: die europäische Touristin und der afrikanische Beach Boy in "Paradies: Liebe", die katholische Fanatikerin und ihr querschnittsgelähmter, muslimischer Ehemann in "Paradies: Glaube". Nie sind die Machtverhältnisse eindeutig, nie sind Macht und Ohnmacht klar verteilt. Auch hier bleiben die Dynamiken der (Nicht-)Beziehung zwischen Melanie und dem Arzt auf angenehme Weise unklar und vieldeutig.

Letztlich fehlt "Paradies: Hoffnung", der einen sanfteren Ton anschlägt, als man von Seidl bislang gewohnt ist, ein bisschen an Dringlichkeit und Schärfe. Ein wenig plänkelt der Film vor sich hin. Und das Potential, das der schöne Schauplatz Diätcamp bietet, schöpft der Film nicht wirklich aus: Während Seidls Technik der grotesken Überzeichnung ja immer auch Derealisierungseffekte bewirkt, die das Gezeigte abschließen von der Welt, hätte mich ein genauerer Blick auf die soziale und politische Funktion der Abnehm-Industrie interessiert. Der Gewichtsverlust, der in säkularisierten, postheroischen Gesellschaften die letzte große mögliche Heldentat zu sein scheint, tausendfach besungen im Privatfernsehen, wäre auf jeden Fall weitere Kino-Erzählungen wert.

Elena Meilicke

"Paradies: Hoffnung". Regie: Ulrich Seidl. Mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas u.a., Österreich / Frankreich / Deutschland 2013, 91 Minuten (alle Vorführtermine)