Außer Atem: Das Berlinale Blog

Kein Plot, viele Details: Rodrigo Morenos 'Un Mundo Misterioso'

Von Thomas Groh
17.02.2011.

An einer Stelle diskutieren drei in einem argentinischen Bücherantiquariat über einen Bestseller aus längst vergangenen Dekaden. In dem passiert nichts, sagt der eine, der Plot werde zweitrangig und es gehe nur noch um Details. Aber wieso passiert denn da nichts, fragt der zweite. Antwortet der dritte: Warum sollte denn überhaupt etwas passieren?


An einer Stelle diskutieren drei in einem argentinischen Bücherantiquariat über einen Bestseller aus längst vergangenen Dekaden. In dem passiert nichts, sagt der eine, der Plot werde zweitrangig und es gehe nur noch um Details. Aber wieso passiert denn da nichts, fragt der zweite. Antwortet der dritte: Warum sollte denn überhaupt etwas passieren?

An dieser Stelle lacht das Pressepublikum, wenn auch schon etwas nervös, wie über einen Insiderwitz, denn in diesem Moment kommentiert der Film vor allem auch sich selbst. Geschehen im Sinne eines Plots ist bis dahin nämlich wirklich so gut wie nichts. Rund eine Stunde später hat sich das mit dem nervösen Mitlachen dann auch erledigt: "A Mysterious World" dürfte locker den diesjährigen Rekord an "Walkouts" aufstellen. Die meist langen, nur durch gelegentliche Schwenks bewegten Einstellungen, in denen plotmäßig sich kaum was tut, werden nach einer Weile vom konstanten Kritikertraben auf den Treppen im Kinosaal unterlegt, dazu aus allen Sitzreihen des Saals geflüstertes "Excuse me/Scusi/Entschuldigung", wenn sich mal wieder einer verzweifelt einen Weg an Kollegenfüßen und Berlinaletaschen vorbei zu bahnen versucht.

Verdenken kann man es ihnen nicht. Am Anfang liegen zwei im Bett, wachen auf, finden eine Tasse Kaffee, ein Höschen, er kommt mit der Zeitung zurück und sie macht Schluss, weil sie eine Weile Pause brauche. Er diskutiert noch, eher ungläubig als kämpferisch, über die Bemessung dieser Weile. Dann mietet er sich in einem Hotel ein, kauft ein Auto, kauft ein Buch, fährt zu Freunden, spielt dort leicht alberne Spielchen, knutscht, fährt nach Uruguay und zurück. Immer mal wieder trifft er seine Ob-Ex-oder-nicht-Freundin, das Auto macht Probleme. Lange Einstellungen ohne Plot, aber viele Details.

Man kann erahnen, wohin Rodrigo Moreno mit seinem Film will oder an welches Kino er sich anschmiegen möchte. An einer Stelle fällt der Name Aki Kaurismäki und der gelegentlich aufblitzende Humor lässt natürlich an den finnischen Regisseur denken - nur dass hier noch weniger passiert als bei ihm. Man ahnt auch, dass sich Moreno Konventionen von Plot und Psychologismus, von Bild- und Filmsprache ganz bewusst entziehen will, dass er den überstandardisierten Bildern von Beziehungskrisen im Film (das Gegenstück dazu lief auch im Wettbewerb: "The Future" von Miranda July) bewusst leere, arme Bilder entgegen stellen möchte.

Bleibt die Frage: Zu welchem Zweck?

"Un Mundo Misterioso". Regie: Rodrigo Moreno. Darsteller: Esteban Bigliardi, Cecilia Rainero, Rosario Blefari, German de Seilva, Leandro Uria. Argentinien, Deutschland, Uruguay 2011, 107 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)