Außer Atem: Das Berlinale Blog

Kernkraft als Retro-Utopie in Volker Sattels 'Unter Kontrolle'

Von Thomas Groh
13.02.2011.

In Science-Fiction-Filmen, die etwas auf sich halten (und also nicht nur Fantasy ins Techno-Hokuspokus-Gewand verkleiden), reist der Mensch in eine Umgebung, die nicht für ihn geschaffen ist. Damit dies gelingt, hüllt er sich in einen Kokon, er schafft eine künstliche Zone inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung, die dem Zweck dient, sein bedrohtes Leben zu erhalten. Der schönste und konsequenteste Science-Fiction-Film in dieser Hinsicht ist Kubricks "2001", der fortwährend von Ummantelungen und Kokons erzählt - und von einer lebenserhaltenden Zone, die lebensbedrohlich wird.


In Science-Fiction-Filmen, die etwas auf sich halten (und also nicht nur Fantasy ins Techno-Hokuspokus-Gewand verkleiden), reist der Mensch in eine Umgebung, die nicht für ihn geschaffen ist. Damit dies gelingt, hüllt er sich in einen Kokon, er schafft eine künstliche Zone inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung, die dem Zweck dient, sein bedrohtes Leben zu erhalten. Der schönste und konsequenteste Science-Fiction-Film in dieser Hinsicht ist Kubricks "2001", der fortwährend von Ummantelungen und Kokons erzählt - und von einer lebenserhaltenden Zone, die lebensbedrohlich wird.

Dass sich "Unter Kontrolle", Volker Sattels Dokumentarfilm über die nötigen Maßnahmen, Kernkraft in den Griff zu kriegen, gerade auch ästhetisch in der Nähe von Kubricks Weltraumodyssee bewegt, macht daher Sinn: Im Innern der Kernkraftwerke, vor allem aber je näher man sich den wirklichen Gefahrenzonen annähert, wird der Mensch vollends zum umhüllten Wesen: Ein Taucher, ein Astronaut, ein Nuklearonaut. Auch die Kontrollzentren, die Simulationszentren: reinste, in Sattels Cinemascopebildern prächtig entmenschlichte Science-Fiction der 70er Jahre! Schon auch deshalb, weil die Inneneinrichtungen der meisten Kernkraftwerke noch aus dieser oder vorherigen Zeiten stammen: Kernkraft als Retro-Utopie.



In dieser lebensfeindlichen Welt, die ein Kernkraftwerk darstellt, gibt es Ummantelungen und voneinander getrennte Zonen, zwischengeschaltete Zellen für den Kontaminationstest, säuberlich voneinander getrennte Kleidungen und wiederum Zwischenzonen, durch die man in bademantelartiger Kleidung läuft. Später dann die Castorbehälter, säuberlich aufgereiht, wuchtig anzusehen, auch Kokons. Oder die Salzbergwerke, in denen der strahlende Müll schließlich landet - noch ein Kokon. Sattel zeigt dies alles mit ruhigem Blick, in genau kadrierten Beobachtungen, langen Einstellungen - mal mit enormem ästhetischen Mehrwert, gelegentlich etwas langatmig geraten.

Gänzlich frei von Panikmache, von Dramatisierungen aller Art entsteht eine Ahnung, welche Kräfte mit der Nuklearenergie in die Welt geraten sind. Kräfte, die zu Hause das Licht zum Leuchten bringen, wenn man diese Kräfte denn zu bändigen versteht. Und die im Titel schon anklingende Bändigung, da macht Sattel keinen Hehl, ist selbst eine enorm kräftezehrende Angelegenheit, die längst ins Absurde umgekippt scheint. Das Werbe- und Managerdeutsch zahlreicher Kernkraftindustrievertreter, das zu Beginn des Films die Tonspur dominiert (Sattel bereist zahlreiche Institutionen, die direkt oder indirekt mit Kernkraft zu tun haben), erfährt in der zweiten Hälfte ein galliges Echo im Konkreten: Beim immensen Aufwand zur Atommülllagerung, beim langwierigen, schwierigen, oft jahrelangen Rückbau von Kernkraftwerken, bei der etwas hilflos ins Groteske gekippten Neunutzung von AKW-Anlagen als fröhlich angestrichene Kinderparadiesparks, steht die Frage nach den Kosten, und wer diese trägt, zumindest latent im Raum.

Dennoch, eine politische Streitschrift ist dies nicht - kein Kommentar, keine Kritik. Sattel beobachtet, montiert noch nicht einmal suggestiv. Das Material spricht für sich.

"Unter Kontrolle". Regie: Volker Sattel. Dokumentarfilm. Deutschland 2011, 98 Minuten. (Forum, Vorführtermine)