9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2023 - Religion

KI könnte dem traditionellen Glauben unter die Arme greifen, meint die Technikethikerin und katholische Theologin Anna Puzio im SZ-Interview mit Moritz Baumstieger und Andrian Kreye. Wir müssten uns nur darauf einlassen. "Im Westen scheuen wir uns noch, Verbundenheit zu Maschinen aufzubauen. Doch wenn man genauer hinschaut, gibt es auch im Christentum viele Gegenstände, die religiöse Bedeutung haben: Reliquien sind heilig, Gebäude wie Kirchen werden geweiht, wir segnen Autos und sogar Waffen. In Hinblick auf technologische Neuerungen hängen unsere Kirchen sicher zurück, aber meine These ist, dass sich das ändern wird: Je mehr Technik in unserem Alltag präsent ist, desto mehr wird sich auch das theologische Augenmerk darauf richten."

Springer-Chef Mathias Döpfner scheint der erste Gläubige dieser von Puzio geforderten Sakralisierung der KI zu sein. Im Welt-Leitartikel schreibt er über die Auswirkungen von KI auf den Journalismus. Durch ChatGPT habe er gelernt: "Das meiste, was wir im Journalismus in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, werden künftig diese Maschinen tun. Das wird uns entweder überflüssig oder besser machen. Das, worauf es wirklich ankommt, rückt jetzt wieder in den Mittelpunkt: die Nachricht, mittelhochdeutsch: die Zeitung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2023 - Religion

In der SZ glaubt Heribert Prantl, dass die Politik bei der Entscheidung über die Ablösezahlungen an die Kirchen einfach auf Zeit spielt: "Die Länder wollen keine Ablösezahlungen; lieber lässt man die bisherigen Jahreszahlungen vorläufig weiterlaufen und lässt die Zeit arbeiten: Die öffentliche Stimmung entwickelt sich schlecht für die Kirchen; der Zeitgeist heute ist kirchenkritisch. Rückblickend hätten die Kirchen wohl lieber vor fünfzig Jahren, als sie gegen das Papier der FDP agitierten, über Ablösezahlungen verhandelt. Sie befürchten heute, nach den Missbrauchsskandalen, eine Art moralische Inflation bei den ihnen juristisch zustehenden Geldern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2023 - Religion

Die Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken Irme Stetter-Karp fordert einen Ausschluss von AfD-Mitgliedern für kirchliche Ehrenämter. Kirchenrechtlich gibt es dafür keine Grundlage, erklärt der Jura-Experte Gregor Thüsing in der Welt: Jeder Gläubige darf solche Ämter bekleiden, solange er nicht aus der Kirche ausgetreten ist oder exkommuniziert wurde. "Rechtsextreme Positionen sind mit christlichem Denken unvereinbar", das ist für Thüsing klar, trotzdem ist er gegen ein Verbot: "Dem Auftrag der Kirche widerspricht es, Menschen zurückzuweisen, die sich zu Gott und seiner Gemeinschaft bekennen - mögen sie auch in wichtigen gesellschaftlichen Fragen anders denken als kluge kirchliche Verlautbarungen. Alle Menschen sind zum Heil berufen - auch solche, die einer Partei angehören, die die Mehrheit der Gesellschaft aus guten Gründen für gefährlich, destruktiv oder zumindest unappetitlich hält."
Stichwörter: Katholizismus, Kirche, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2023 - Religion

Bei hpd berichtet Werner Koch, wie die Katholische Kirche - hier die Diözese Rottenburg-Stuttgart - mit staatlichen Mitteln eine Islamberatung auf die Beine stellt und versucht, muslimischen Gruppen einen ähnlichen Zugang auf kommunaler Ebene zu ermöglichen, wie sie selbst ihn hat. Das hat durchaus auch Vorteile für die Katholiken: "Durch die Islamberatung trägt die katholische Kirche offensichtlich zur Stärkung der Religiosität bei. Ein Ziel, das auch dem Ministerpräsident von Baden-Württemberg am Herzen liegt, der besorgt ist über die Entkirchlichung und Säkularisierung der Gesellschaft. Die Gleichstellung der islamischen Gruppen mit den Kirchen ist im Interesse der Kirchen. Deshalb treten sie dafür ein, den islamischen Religionsunterricht zu etablieren und Staatsverträge zu ermöglichen - sie wollen nicht, dass der Religionsunterricht abgeschafft wird oder Staatsverträge mit Religionsgemeinschaften in Frage gestellt werden." Ein großer Teil der Muslime wird jedoch bei den Beratungen ausgegrenzt, kritisiert Koch: "Dass ein Großteil der Muslime, ebenso ein Teil der Geflüchteten, keine religiösen Muslime sind, wird nicht angesprochen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2023 - Religion

In Buxtehude sind gerade 381 Stellen für ErzieherInnen in Kindergärten ausgeschrieben. In der Kindertagesstätte "Wilde Hummeln" wurde einer Mitarbeiterin dennoch fristlos gekündigt. Grund war keineswegs mangelnde Qualifikation, sondern die einfache Tatsache, dass sie aus der Kirche ausgetreten war, berichtet Helmut Ortner bei hpd.de. Dazu muss man wissen, dass die kirchlichen Unternehmen Diakonie (evangelisch)  und Caritas (katholisch) zu den größten Arbeitgebern in Deutschland gehören. Die Kirchen betreiben Tausende von Kindergärten und anderen Einrichtungen - und diese werden nicht aus Kirchensteuern finanziert. Als "Tendenzbetriebe" haben sie ein eigenes Arbeitsrecht, das Kündigungen gestattet: "Ob Kita oder Einrichtungen in anderen sozialen Bereichen, etwa in der Jugendarbeit, der Sucht-Prävention, der Altenpflege sowie den vielfältigen Beratungszentren in kirchlicher Trägerschaft: der Staat bezahlt. Warum aber wird das kirchliche Arbeitsrecht dann dem staatlichen Arbeitsrecht nicht angeglichen? Tatsache ist: An die 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in kirchlichen Einrichtungen sind auch im Jahre 2023 noch immer Beschäftigte minderen Rechts. Ein unhaltbarer Zustand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2023 - Religion

Die katholische Kirche befindet sich momentan in einem "Bürgerkrieg", sagt Publizist Marco Politi im Zeitonline-Interview mit Raoul Löbbert. Währenddessen befördert Papst Franziskus Vertraute in wichtige Ämter und versucht die Kirche im Stillem zu reformieren. Dabei begegnet dem Papst viel Angst: "Selbst viele Reformer wollen nicht die Einheit der Weltkirche aufs Spiel setzen. Da dient die anglikanische Kirche als Negativbeispiel: Im Norden ist sie liberal, da können Frauen und Homosexuelle Priester und Bischöfe werden. Im Süden, vor allem in Afrika, ist das völlig undenkbar. Da können Anglikaner mit Anglikanern nicht mehr miteinander reden. Und bei den Protestanten, die all das haben, was die Deutschen wollen - Frauenpriestertum et cetera - sind die Kirchen ebenfalls leer. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2023 - Religion

Niklas Zimmermann schildert in der FAZ die Konflikte um die "Ukrainische Orthodoxe Kirche" (UOK). Das Problem sei, dass weder ukrainische Politiker noch die Russische Orthodoxe Kirche die Eigenständigkeit der UOK ernstnähmen: "Seit Präsident Selenski im vergangenen Dezember das Ziel einer 'spirituellen Unabhängigkeit' der Ukraine formuliert hat, wird der UOK vorgeworfen, sie werde noch immer aus Moskau gesteuert. Diesem Eindruck tritt der dortige Patriarch nicht entgegen. Im Gegenteil: Diese Woche ließ Kirill verlauten, dass die UOK ein untrennbarer Teil der Russischen Orthodoxen Kirche sei. Und die Ukraine überhaupt ein Teil des 'Heiligen Russlands'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2023 - Religion

Genüsslich zitiert Inge Hüsgen bei hpd.de eine (hier bereits erwähnte) Umfrage, die besagt, dass fast drei Viertel der Menschen in Deutschland (74 Prozent) das Einziehen der Kirchensteuer als nicht mehr zeitgemäß betrachten. "Wie die Befragung weiter zeigte, denken viele Kirchenmitglieder über einen Austritt nach. 43 Prozent von ihnen gaben an, dass die Kirchensteuerzahlungen sie zum Austritt bewegen könnten. Nur der Missbrauchsskandal hat größeres Potenzial, die Gläubigen aus den Kirchen zu treiben: Immerhin 49 Prozent würden deshalb ihrer Glaubensgemeinschaft den Rücken kehren. Als weitere Gründe wurden schwindender Glaube (25 Prozent) und Reformstau (20 Prozent) genannt." Trotz der sinkenden Mitgliederzahlen sind die Kirchensteuern wegen der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands auf ein Rekordniveau von 13 Milliarden Euro gewachsen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2023 - Religion

"Fast drei Viertel der befragten Deutschen haben jetzt in einer repräsentativen Umfrage erklärt, sie hielten die Kirchensteuer für nicht mehr zeitgemäß", schreibt Alexander Kissler in der NZZ. Aber: "Im vergangenen Jahr sprudelte diese Quelle mit insgesamt über 13 Milliarden Euro reichlich. Das Plus gegenüber 2021 betrug 247.000 Euro, ein neuer Gipfel wurde erreicht Allein bei den Katholiken stiegen die Steuereinnahmen seit 2010 dank einer florierenden Wirtschaft um über 40 Prozent, während im selben Zeitraum die Mitgliederzahl um etwa 15 Prozent zurückging."

Matthias Kamann macht sich in der Welt trotzdem große Sorgen. Trotz Denkmalschutzmitteln und staatlicher Zuschüsse würden historische Kirchen oder christliche Museen zu einem großen Teil von Kirchen und deren Mitgliedern finanziert, schreibt er, und fragt sich, wie die Finanzierung religiöser Kulturtraditionen angesichts des Mitgliederschwunds künftig vonstatten gehen soll. Die Staatsleistungen will er zwar beenden, schlägt aber gleich auch eine neue Form der Subvention vor. Es sei zu überlegen, "ob man die Staatsleistungen vom Kopf der Enteignungstheorien auf die Füße gesamtgesellschaftlicher Aufgaben stellt, die von den Kirchen nicht mehr zu erfüllen sind. Anders gesagt: Die Länder zahlen weiterhin Geld, aber dafür wird eine nachvollziehbare Grundlage geschaffen, die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben entspricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2023 - Religion

Es sind inzwischen so viele Menschen aus den Kirchen ausgetreten, dass sie nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung repräsentieren. Da drängt sich die Frage auf, ob den Kirchen in Deutschland nicht die Privilegien gestrichen werden sollten, schreibt Wirtschaftskolumnist Rainer Hank in der FAS. Dies gilt auch für karitative Einrichtungen wie Krankenhäuser und Kindergärten, die der Caritas oder der Diakonie zugeordnet sind. Theologen sehen eine solche Diskussion zwar kritisch, weil der sozialarbeiterische Aspekt von Kirche verloren ginge. Aber das ist für Hank ein Scheinargument: "Was viele nicht wissen: Die kirchliche Nächstenliebe speist sich nicht mit kirchlichem Geld, sondern zum weitaus größten Teil aus Zuwendungen des Staats, aus Gebühren der Kunden (Eltern, Pflegebedürftige, Kranke) und aus Spenden. Ein katholischer Kindergarten erhält Mittel vom Staat und nimmt Preise von den Eltern. Das Gehalt der Erzieherinnen wird zwar formal von der Kirche bezahlt, die es sich aber vom Staat zurückholt."