9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2764 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2026 - Gesellschaft

Der Iran-Krieg bringt den Tourismus mindestens so stark durcheinander wie vor ein paar Jahren die Corona-Pandemie, erzählt Jakob Strobel y Serra im Aufmacher des FAZ-Feuilletons: "Qatar Airways parkt Dutzende von Flugzeugen in Spanien, weil ein schnelles Ende des Konflikts nicht in Sicht ist. Fast alle Luftlinien erheben Kerosinzuschläge, denn der Preis für das Flugbenzin hat sich seit Kriegsbeginn auf 200 Dollar pro Barrel verdoppelt - ein Desaster für die Unternehmen, da Kerosin durchschnittlich ein Viertel der Betriebskosten ausmacht. Air France und KLM schlagen auf jede Langstrecke pauschal 50 Euro auf, Thai Airways erhöht die Ticketpreise um bis zu 15 Prozent, Direktflüge von Europa nach Asien sind dreimal teurer als vor dem Krieg."

Ist Hamburg noch sicher?

Stichwörter: Tourismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2026 - Gesellschaft

"Digitale Gewalt setzt reale Machtverhältnisse im digitalen Raum fort", konstatiert die Verfassungsrechtlerin Dana-Sophia Valentiner im SZ-Gespräch mit Blick auf die Causa Fernandes/Ulmen (unsere Resümees). Eine Verschärfung des Strafrechts hält sie nur bedingt für sinnvoll: "Geschlechterverhältnisse werden nicht im Strafrecht verhandelt und sie werden vor allem auch nicht durch das Strafrecht gewandelt. Das heißt: Auch wenn wir beispielsweise den Grundsatz 'Nur Ja heißt Ja' im Sexualstrafrecht verankern, wird das nicht die Beweisschwierigkeiten in Vergewaltigungsprozessen lösen. Bildung und Prävention müssen schon in der Schule anfangen. Aber auch in der Justiz und bei der Polizei müsste eine Sensibilisierung für diesen Bereich schon in der Ausbildung stattfinden. Denn da ist das Sexualstrafrecht im Prinzip ausgeklammert."

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Die politische Dimension von Einsamkeit erklärt die Psychologin Maike Luhmann, die zum Thema auch ein Buch geschrieben hat, im SZ-Gespräch. Die Einsamkeit in der Gesellschaft nimmt zu und ist nicht nur eine Belastung für das Gesundheitssystem (denn einsame Menschen werden häufiger krank), sie kann auch gefährdend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, lesen wir: "Wenn wir unter Einsamkeit leiden, sind Gruppierungen anziehend, die uns das Gefühl von Zugehörigkeit geben. Dabei können vielleicht auch mal Gruppen abseits des Mainstreams interessant werden, wenn wir bedürftig sind und wenig andere Kontakte haben. Das muss nicht unbedingt eine politische Organisation sein, das können zum Beispiel auch Sekten sein. Viele Verschwörungserzählungen benutzen die Vorstellung, dass es da draußen irgendwelche dunkle Mächte gibt, die daran schuld sind, dass es mir schlecht geht. Daran zu glauben, kann entlastend sein, wenn man sich abgelehnt fühlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2026 - Gesellschaft

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War die knappe Hälfte des Menschengeschlechts ein Fehltritt der Evolution? Die Frage muss man sich stellen, wenn man wie Jan Küveler in der Welt über die Fälle Epstein, Pelicot, Ulmen nachdenkt. Mit der Philosophin Manon Garcia, die ein Buch über den Pélicot-Prozess geschrieben hat, glaubt Küveler, dass "der Generalverdacht berechtigter scheint als seine radikale Verneinung". Ihr Beleg ist, dass es Monsieur Pelicot gelang, "aus einem Umkreis von nur fünfzig Kilometern mindestens siebzig verschiedene Männer in einen winzigen Flecken wie das Dörfchen Mazan in der Nähe des Mont Ventoux zu locken", um seine bewusstlose Frau zu vergewaltigen. Und was Collien Fernandes erzählt, bestätigt für Küveler den Verdacht: "Eine 'erotische Geschichte' sei verschickt worden, schreibt Fernandes auf Instagram, in der ihr virtuelles Alter Ego von knapp zwei Dutzend Männern vergewaltigt wurde. Immer wieder werde beschrieben, "wie sehr ich WEINE, dass ich ANGST habe, SCHMERZEN habe, immer wieder sage, dass ich das NICHT WILL. Die Geschichte endet damit, dass ich nach der GRUPPENVERGEWALTIGUNG noch eine Weile regungslos und SPERMAVERSCHMIERT auf dem Boden liege - 'Collien flossen Tränen aus ihren ka!eebraunen Augen'."

In Frankreich wird dieser Verdacht durch den Fall Tariq Ramadan bestätigt. Der angebliche Islamwissenschaftler (an seiner Dissertation gab es Zweifel) war jahrelang ein Liebling der Medien, Antipode Ayaan Hirsi Alis. In der Perlentaucher-Debatte über Antirasssismus und Islamkritik, die vor zwanzig Jahren geführt wurde (und die der Deutschlandfunk einst so resümierte), feierten Ian Buruma und Timothy Garton Ash Ramadan als einen, der Aufklärung und Religion versöhnt - anders als die "Fundamentalistin der Aufklärung" Hirsi Ali. Ash wollte Ramadan zum "Professor of Contemporary Islamic Studies" in Oxford ernennen. Aber Ramadan, stellte sich in mehreren Prozessen heraus, vergewaltigte gern seine Verehrerinnen, und zwar in grausamer Weise, und wurde jetzt in Abwesenheit zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Laurent Joffrin erinnert in lejournal.info an den Status des Lieblings der Linksliberalen, den Ramadan auch in Frankreich genoss sowie an die frühen Recherchen Caroline Fourests. "Trotz aller Hasskampagnen und Drohungen, die gegen sie gerichtet waren, hatten Fourest und einige andere klarsichtige Beobachter also Recht. Ramadan, das Idol der Dekolonialen, war in der Tat ein gefährlicher Heuchler, der Tausende aufrichtiger Gläubiger getäuscht hat, ebenso wie eine ganze Schar radikaler Intellektueller."

Weitere Artikel: Zum Fall Ulmen/Fernandes von Simone Schmollack in der taz (hier, "Der Fall Fernandes ist Sinnbild für das Patriarchat, das brutaler denn je zurückschlägt"), die taz sammelt auch Stimmen ("Mein Gesicht, mein Körper"), von Jens Christian Rabe in der SZ ("Was hat das mit mir zu tun?") und von Philipp Bovermann in der SZ ("Deine Qual ist meine Freude"). Livia Gerster und Mina Marschall haben für die FAS in Chatgruppen mitgelesen, wie Männer einander erklären, wie sie Deepfake-Pornografie herstellen. Und im Interview mit der FAS spricht der Sozialpsychologe Rolf Pohl über Sex, Gewalt und selbst ernannte Feministen: "Ich glaube, dass die Bezeichnung den Frauen vorbehalten sein sollte, weil sie aus der Frauenbewegung entstanden ist. Wenn Männer sich 'Feminist' nennen, ist das etwas vermessen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2026 - Gesellschaft

Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt sich die Juristin Laura Leogrande nicht überrascht von dem Spiegel-Bericht über die Klage Collien Fernandes' gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Fernandes wirft ihm vor, in sozialen Medien Fake-Profile angelegt und Männern pornografische Fotos und Videos geschickt zu haben, in denen angeblich sie zu sehen sei. "In unserer Gesellschaft drückt sich männliche Sozialisierung immer auch in der Unterdrückung der Frau aus, was sich oft in der Partnerschaft und der Sexualität widerspiegelt", meint dazu Leogrande. "Und das gilt auch für Männer in vermeintlich woken Kreisen, die sich 'I'm a feminist' aufs T-Shirt schreiben. Es gibt nicht den einen Täter, Partnerschaftsgewalt zieht sich durch alle sozialen Schichten und kulturellen Hintergründe." Deutschland sei ein "Täterparadies", nicht weil es an Gesetzen fehle, sondern weil bei Polizei und Justiz "ein grundlegendes Verständnis davon (fehle), was geschlechtsspezifische Gewalt eigentlich ist."

Im Interview mit der SZ plädiert der Psychotherapeut Josef Aldenhoff derweil dafür, dass sich langsam auch mal "Männer so klar äußerten, dass deutlich würde, was sie für richtig und für falsch halten. Sonst setzt sich so ein demoliertes Männerbild im Bewusstsein fest." In der NZZ wiederum warnt Birgit Schmid davor, Männer unter Bekenntniszwang zu setzen, zumal Distanzierungen jetzt "billig zu haben" seien.

In der SZ ärgert sich Katharina Riehl über Friedrich Merz' Einlassung zum Fernandes-Fall: Merz hatte die zunehmende Gewalt gegen Frauen beklagt und dann angefügt: "Und dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt." Musste das sein, fragt Riehl. "Natürlich darf ein Bundeskanzler auch über Gewalt von Zuwanderern sprechen. Mit der Causa Fernandes, die ja den Anlass zur Debatte gab, hat das Thema Migration aber nun wirklich gar nichts zu tun. Und hier liegt das Problem: Mit seiner Einlassung verschiebt der Kanzler den Fokus, weg von einem ernsthaften Problem, das in der gesellschaftlichen Debatte ohnehin meistens zu kurz kommt - hin zu einem, das ihm und seiner Partei politisch womöglich näher liegt. Die Empörung darüber mag erwartbar sein, aber sie ist auch berechtigt."

Es ist aber doch nicht falsch, was er sagt, hält auf Zeit online Elisabeth Raether dagegen, die darauf hinweist, "dass der Anteil nicht deutscher Täter im Bereich häuslicher Gewalt beachtlich ist, nämlich überproportional hoch im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil. Im Dunkelfeld häuslicher Gewalt verschwinden so viele Taten, dass die Interpretation von Statistiken schwierig ist. Die Zahlen sind jedoch mehr oder weniger gesichert zur Extremform häuslicher Gewalt, dem Femizid durch den Partner oder Ex-Partner, dem jedes Jahr über hundert Frauen zum Opfer fallen - ein Tötungsdelikt lässt sich nicht so leicht verstecken. Und wenn man den Anteil Nichtdeutscher an der Gesamtbevölkerung berücksichtigt, kommt man für das Jahr 2023 beispielsweise zu einem um das 1,7- bis 2,2-Fache erhöhten Risiko für Frauen, getötet zu werden, wenn sie mit einem Nichtdeutschen zusammen sind (das zeigt unsere Recherche zu Femiziden)."

Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch ein Artikel im Tagesspiegel, den Alexander Fröhlich und Madlen Haarbach bereits vorgestern veröffentlichten: In einem Neuköllner Jugendclub gab es offenbar eine Vergewaltigung, das 16-jährige Opfer soll anschließend mit einem Video von der Tat erpresst worden sein. Doch "Mitarbeiterinnen des Jugendamtes wollten die Polizei nicht einschalten, damit die arabischstämmigen Jugendlichen nicht marginalisiert und stigmatisiert werden". Stadträtin Sarah Nagel (Linke) hatte den Vorwurf, der Fall sei vertuscht worden, zurückgewiesen. Mitarbeiterinnen des Mädchenzentrums, das die mutmaßlich vergewaltigte 16-Jährige betreut, haben dem in einem Brief widersprochen. Sie hätten von einer Mitarbeiterin des Jugendamtes gefordert, "dass eine Strafanzeige gestellt werde. Doch die Bedienstete habe eine 'Marginalisierung der Tätergruppe' befürchtet. Sie soll der Erklärung zufolge gesagt haben, dass die muslimischen Jungen bereits genug im Visier der Polizei stünden und ein Generalverdacht verhindert werden müsse. ... Die Mitarbeiterin des Jugendamtes habe im Anschluss, sowie auch noch einmal Mitte Februar, erklärt, die Leiterin der Behörde über die Vorfälle 'vollumfänglich' informiert zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2026 - Gesellschaft

Familienministerin Karin Prien will das Programm "Demokratie leben" neu aufstellen. Dies ursprünglich von der SPD erfundene und von den Grünen auch sehr gern gemochte Programm stattet sogenannte "Organisationen der Zivilgesellschaft" mit teils recht behaglichen Fördermitteln aus. Sie bekämpfen dafür in der Regel Rassismus und Rechtsextremismus oder setzen sich für Diversity ein. In der taz macht man sich große Sorgen um das Programm, das in der linken Szene viele Arbeitsplätze geschaffen hat - die Förderungen belaufen sich auf fast 200 Millionen Euro. Im Gespräch mit Kersten Augustin und Konrad Litschko von der taz versucht Prien zu beruhigen: "Wir setzen das Programm 'Demokratie leben' fort, Demokratiebildung und Extremismusprävention sind in diesen Zeiten unverzichtbar. Es geht mir heute nicht um Kürzungen, sondern darum, dass wir andere Schwerpunkte setzen: mehr Pluralismus, mehr Transparenz, demokratische Legitimation." Allerdings will sie die Programme neu definieren: "Gesellschaftliche Vielfalt ist grundsätzlich positiv - aber als staatliches Förderziel sehe ich das nicht." Dennoch versichert sie, dass all die Protagonisten heutiger Debatte wie die Bildungsstätte Anne Frank, die Amadeo-Antonio-Stiftung oder HateAid sich neu bewerben dürfen.

Tariq Ramadan war früher auch in Deutschland als muslimischer Intellektueller ein beliebter Gesprächspartner der Medien - er ist der Enkel des Erfinders der Muslimbrüder, Hassan Banna und gehörte deshalb zur Crème de la Crème des politischen Islam. Frauen und Mädchen hielt er gern zu "bescheidener Mode" an. Nun ist er wegen sexueller Gewalt zu 18 Jahren Gefängnis verurteil worden, berichtet unter anderm Jérôme Lefilliâtre in Le Monde. "Tariq Ramadan stand wegen Vergewaltigungen vor Gericht, die er an drei verschiedenen Frauen begangen haben soll - 2009 in Lyon sowie 2012 und 2016 in Paris. In allen Fällen ereigneten sich die Taten in Hotelzimmern. Die Opfer, die alle eine gewisse Bewunderung für den Intellektuellen empfanden, den sie über soziale Netzwerke kennengelernt hatten, beschrieben auf ähnliche Weise die extreme Gewalt, mit der Tariq Ramadan ihnen bei diesen kurzen Begegnungen Geschlechtsverkehr aufgezwungen hatte, begleitet von Schlägen, Beleidigungen und Demütigungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2026 - Gesellschaft

Ob ein Gedenken in Buchenwald angesichts eines komplett vergifteten Streits um das Vermächtnis überhaupt noch möglich ist, wird sich in den nächsten Wochen erweisen. Nicht nur will dort am 12. April, an dem die jährliche Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers geplant ist, eine Gruppe mit Palästinensertüchern protestieren. Nun wenden sich auch Gruppen wie die "Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora" und die "Lagergemeinschaft Buchenwald" gegen eine Rede Wolfram Weimers bei der Veranstaltung. Grund: Er hat in einem Aufsatz, der über zehn Jahre eine sarkastische Formulierung Heinrich Heines -  der christliche Taufzettel sei das Entréebillet zur europäischen Kultur - positiv gewendet. Hierüber berichtet heute Martin Krauss in der taz - und greift einen Artikel Gerrit Bartels' im Tagesspiegel auf. Weimer hatte 2013 im Schweizer Monat geschrieben: "Der Taufschein ist die Eintrittskarte in die europäische Kultur, wie einst Heinrich Heine - wenngleich polemisch - formulierte. Das Christentum aber wird seit einigen Jahrhunderten relativiert, bekämpft, letztlich aufgegeben."

Bei den Lagergemeinschaften handelt es sich um "Zusammenschlüsse von Angehörigen ehemaliger politischer Häftlinge des Lagers", informiert dpa, hier bei Zeit online. Weimers Bezug auf Heine, so werden die Gruppen zitiert, "bedeute 'für viele der ehemaligen Häftlinge des Lagers Buchenwald - und auch uns als Nachkommen und politischen Nachfolgern von Überlebenden, dass wir aus ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören'". Ebenfalls dpa, hier in der Jüdischen Allgemeinen, meldet, dass sich der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein und der Zentralrat der Juden hinter Weimer stellen.

Auch Weimers Gebaren gegenüber linken Buchhandlungen spielt für die Debatte eine Rolle, ergänzt Jörg Häntzschel in der SZ: "Der dritte (und größere) Hinterbliebenenverband, das 'Internationale Komitee Buchenwald Dora und Kommandos', hat Weimer schon vor einigen Tagen in einer Presseerklärung für sein Vorgehen beim Buchhandlungspreis kritisiert: 'Die öffentliche Stigmatisierung von Buchhandlungen oder Verlagen durch staatliche Stellen (…) erinnert an Traditionen von Ausgrenzung und kultureller Kontrolle, deren Folgen verheerend waren', hieß es darin." Welche politische Ausrichtung die Verbände haben und worin sie sich unterscheiden, wird leider nirgends näher beleuchtet. 
 
Der jüdische FU-Student Lahav Shapira ist mit einer Klage gegen die FU Berlin gescheitert, der er unzureichende Sicherheitsmaßnahmen vorwarf. Das ändert aber nichts an dem Problem, berichtet Thomas Thiel in der FAZ, der unter anderem mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Studierendenunion Ron Dekel gesprochen hat: "Es sei heute unmöglich, den Campus zu betreten, ohne Antisemitismus zu begegnen, von Hamas-Dreiecken an den Wänden bis zu Schmierereien auf den Toiletten. Dafür macht Dekel auch das Präsidium verantwortlich, das viel zu lange brauche, um antisemitische Slogans zu entfernen. 'Die FU ist innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu einem Symbol dafür geworden, wie Antisemismus geduldet und unterstützt wird', sagt er." Shapira war von einem iraelkritischen Kommolitonen krankenhausreif geprügelt worden (unsere Resümees).

Schon wieder verweigert die Bundesregierung einem linken Projekt, das sie kritisiert, die verdiente Förderung. Konrad Litschko erzählt om der taz, dass die Gruppe "Radikale Töchter", der es um Demokratie und "Fempowerment" zu tun ist, und die dafür bis Ende des Jahres 286.000 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zugesprochen bekam, plötzlich vom übergeordneten Innenministerium aus der Förderung herausgenommen wurde - trotz Protestes der Bundeszentrale! Die Gruppe hatte unter dem Motto "Wir sind die Töchter" zum Protest gegen die "Stadtbild"-Äußerung Friedrich Merz' aufgerufen. Das Innenministerium äußert sich nicht zur Streichung der Mittel. "Cesy Leonard von den 'Radikalen Töchtern' glaubt sehr wohl an einen Zusammenhang mit der Merz-Kritik. 'Wenn politisch unliebsame Organisationen wie meine ohne Begründung ihre Förderung verlieren, ist das ein absoluter Skandal', sagte Leonard der taz. 'Eine starke Demokratie muss Kritik aushalten können, ohne sie abzustrafen.' Leonard sieht dabei ein größeres Muster. 'Wir erleben gerade ein mutwilliges Demontieren von demokratischem Engagement durch die Bundesregierung.'"

Privatpersonen sind nicht an die Unschuldsvermutung gebunden, erklärt Martin Niewendick in der taz mit Blick auf die Vorwürfe gegen Christian Ulmen (unser Resümee). Die Presse aber schon! Niewendick zitiert den Pressekodex, Ziffer 13: "Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse." Das heißt, dass Menschen nur als Täter bezeichnet werden dürfen "wenn sie ein Geständnis abgelegt haben und Beweise gegen sie vorlägen, heißt es weiter, oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen habe. Ziel der Berichterstattung dürfe in einem Rechtsstaat nicht eine 'soziale Zusatzbestrafung' Verurteilter mithilfe eines 'Medienprangers' sein: 'Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2026 - Gesellschaft

Schockierend an den Vorwürfen, die die Moderatorin Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen macht (unser Resümee), ist unter anderem, dass Ulmen als genau der Typ Mann galt, der so etwas niemals machen würde, hält Aurelie von Blazekovic in der SZ fest. Von sich selbst behauptete er: "Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat", während ihm nun vorgeworfen wird, jahrelang Deepfake-Pornos seiner Frau im Netz verschickt zu haben. Wie auch bei Gisèle Pélicot wäre der Täter hier der eigene Mann, der nette Typ von nebenan, so Blazekovic: Es scheine, "dass Frauen in ihrer Erfahrungswelt dann wohl wirklich auf einem völlig anderen Planeten leben als Männer. Und dass sie sich ihnen deshalb nie wirklich verständlich machen können. Denn auch der gesellschaftliche und mediale Denkprozess geht selten über das hinaus, was vermeintlich andere, böse, kranke Männer tun, die übrigens, wie dann immer betont wird, aus tiefen persönlichen Nöten handeln. Es ist viel schwieriger zu beschreiben, was strukturell geschieht, im Kleinen und jeden Tag, häufig ohne bösen Willen."

In der Folge der Ulmen-Affäre fordern nun viele vehement eine Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts. Der Anwalt Udo Vetter findet diese Dimension der Diskussion etwas übertrieben, wie er auf seinem Blog schreibt. Erstens hat Fernandez in Spanien Strafanzeige gestellt, zweitens biete das deutsche Recht schon ausreichende juristische Grundlagen: "Und § 238 Abs. 1 Nr. 7 StGB - das ist die eigentliche juristische Trumpfkarte - stellt unter Strafe, wer Inhalte unter Vortäuschung der Urheberschaft des Opfers verbreitet, um diese Person verächtlich zu machen oder herabzuwürdigen. Fake-Profile, über die im Namen des Opfers kommuniziert wird? Das ist geradezu der Lehrbuchfall dieser Norm. Interessanterweise stehen in den diversen Gesetzesbegründungen für die seinerzeitige Verschärfung mehrere Sachverhaltsbeispiele, die wie eine Blaupause des Falls Ulmen wirken. Und was die Zeitkomponente angeht, gäbe es nun die geringsten Probleme. Immerhin sollen sich die Handlungen über Jahre hingezogen haben. Wenn das nicht beharrlich und andauernd im Sinne des Gesetzes wäre, was dann?"

In der taz informiert Christian Rath über einen Gesetzentwurf gegen sexualisierte Übergriffe im Netz, den Justizministerin Stefanie Hubig nun vorgelegt hat. Dort heißt es "Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder einer dritten Person zugänglich macht, die mittels eines Computerprogramms so verändert, umgestaltet oder mit weiteren Inhalten verbunden wurde, dass der Anschein erweckt wird, dass sexuelle Handlungen oder die unbekleideten Genitalien, das unbekleidete Gesäß oder die unbekleidete weibliche Brust einer anderen Person abgebildet seien." Bisher "war dies in Deutschland lediglich als Verletzung des Rechts am eigenen Bild nach dem Kunsturhebergesetz strafbar", so Rath: "Erfasst wurde damit bisher aber nur das 'Verbreiten' solcher Deepfakes, nicht das Anfertigen. Auch die maximale Strafdrohung war mit einem Jahr bisher deutlich niedriger als die von Hubig jetzt vorgeschlagenen zwei Jahre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2026 - Gesellschaft

SZ-Redakteurin und Berlinerin Johanna Adorjan hasst Berlin gar nicht mehr, sie ist einen Schritt weiter, bekennt sie. Sie trauert um die Stadt, die einst das Gegenstück zu den "arrivierten großen Weltstädten" zu sein schien. Und nun? Ein "Grad von Verwahrlosung, der selbst für Berliner Verhältnisse überraschend ist. Es gibt Brücken in bester Innenstadtlage, in unmittelbarer Nähe großer Theater, die niemals gereinigt werden. Man hat sie den Tauben überlassen. Es riecht unter diesen Brücken so beißend wie in einem Raubtierstall. In U-Bahnen wechseln die Fahrgäste geschlossen den Wagen, nachdem wieder eine wirklich zutiefst bedauernswerte, offenbar obdachlose Person zugestiegen ist, die sich vor Wochen derart eingekotet haben muss, dass ihr Beinkleid braun und steif ist und einen Gestank verbreitet, den man nicht beschreiben kann … Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Stadt weitgehend unregiert ist. Dass die Bürger sich selbst überlassen sind."
Stichwörter: Berlin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2026 - Gesellschaft

Collien Fernandes und Christian Ulmen sind vor Ewigkeiten als Viva- und MTV-Moderatoren bekannt geworden, sind dann ins schauspielende Fach gegangen und gehörten zu jenen Leuten, die man kennt, weil sie bekannt sind. Zuletzt spielten sie zusammen in der Comedyserie "Jerks". Nun wirft Fernandes ihrem Ex vor, er habe sie virtuell vergewaltigt - es ist Aufmacher im heutigen Spiegel. Was sie ihm vorwirft, klingt in der Tat überaus abstoßend, wie Nicola Erdmann in der Welt schreibt: "Es geht um Gewalt, körperliche, psychische, es geht aber auch um 'Anmaßung des Personenstandes', was der holprig-juristische Ausdruck für etwas ist, was wahrlich schwer zu beschreiben ist: Ulmen soll über zehn Jahre bereits existierende Deepfake-Pornografieaufnahmen seiner heutigen Ex-Frau verschickt haben, über Profile etwa auf LinkedIn, die er unter ihrem Namen angelegt hatte. Es sollen höchst demütigende, mit künstlicher Intelligenz erstellte Aufnahmen sein, die Fernandes in erniedrigenden Posen bei sexuellen Handlungen zeigen." Ulmen scheint in der Beziehung allerdings auch physisch gewalttätig geworden zu sein, so Erdmann: "Fernandes selbst gibt an, sie habe immer wieder die Hoffnung gehabt, dass ihr Mann sich noch ändern würde, er habe Reue gezeigt, sie hätten auch eine Therapie gemacht. Es ist die klassische Gewaltspirale, die in der Forschung beschrieben wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2026 - Gesellschaft

Die Wahl von Cem Özdemir in Baden Württemberg gefällt nicht jedem: Für Islamisten ist er ein "Islamfeind", für Rechtsextreme ein "Kolonisator" und für die "moralisch aufgeladene Linke" ist er der "falsche Migrant", schreibt Ninve Ermagan in der FAZ - eine Kritik, die sie nicht nachvollziehen kann: "Özdemir hat sich immer wieder mit der AfD angelegt, deren fremdenfeindliche Rhetorik scharf kritisiert und sich gegen Rassismus positioniert. Doch er spricht auch über andere Extremismen und Gewalt, worüber seine Kritiker gerne hinwegsehen: Islamismus, türkischer Rechtsextremismus und das Frauenbild in streng muslimischen Communitys. ... Migranten, die Missstände in den eigenen Communitys ansprechen, werden schnell selbst zum Problem erklärt. Dürfen Migrantinnen dann auch nicht über Gewalt in 'Ehrkulturen' sprechen, über die rigide Sexualmoral, über Antisemitismus und Queerfeindlichkeit, die sie selbst erlebt haben? Wer sich ehrlich macht, weiß: Traditionen und Normen aus dem Herkunftsland bleiben identitätsstiftend. Ihre Schattenseiten zu benennen, ist kein Rassismus - sondern Voraussetzung für Veränderung."