In der FRkommt die KulturwissenschaftlerinAleida Assmann nochmal auf die Rede von Jason Stanley vor der jüdischen Gemeinde in Frankfurt zurück (unsere Resümees). Die Rede in der Westend-Synagoge, betont sie, "war historisch und ist es Wert, dass sie auch außerhalb dieser Mauern Gehör findet". Endlich habe einmal jemand an die deutsch-jüdische Symbiose vor 1933 erinnert. Besonders beeindruckt sie der Satz, dass sein Vater 'in der Enteignung und dem Verlust der Palästinenser immer etwas Ähnliches wie seine eigene Familiengeschichte' sah." Auf seine Verteidigung von Masha Gessens Gleichsetzung von Gazastreifen und den Ghettos der Nazis (Stanley spricht von "Analogie") geht Assmann nicht ein, hält aber fest: "Vergleichen ist für die, die es verbieten, dasselbe wie Gleichsetzen, denn sie unterstellen, dass jeder Vergleich in eine Gleichsetzung mündet. Und mit der Gleichsetzung, so befürchtet man, ist automatisch eine Herabsetzung dessen verbunden, was grade verglichen wird. Auf diese Weise wird das Vergleichen als Versuch entlarvt, Unterschiede zu negieren. Wer vergleicht, führt etwas Böses im Schilde: er oder sie will die Größe, die Bedeutung, die Einmaligkeit und den Umfang der Verbrechen, die das Wort Holocaust in sich zusammenfasst, in Frage stellen."
Die Debatte über den angeblichen oder tatsächlichen Eklat, den der Philosoph Jason Stanley am 9. November in der Frankfurter Westend-Synagoge auslöste (unsere Resümees), geht weiter. Für Eugen El im Spiegel ist hier das in Sicherheit aufgewachsene amerikanische Judentum mit dem traumatisierten Judentum aus Europa zusammengestoßen. Die von Stanley im Geiste Masha Gessens gezogene Analogie zwischen Warschauer Ghetto und Gazastreifen verteidigt El als eine Art Wahrheit, die man hiesigen Juden nicht zumuten sollte: "Was Jason Stanley am 9. November 2025 missachtet hat: Für die meisten Juden im heutigen Deutschland ist die Gemeinde - und erst recht die Synagoge - ein Safe Space innerhalb einer potenziell feindseligen, unterschwellig alte Antisemitismen pflegenden und neue Formen des Judenhasses adaptierenden Mehrheitsgesellschaft. In einem solchen Safe Space gibt es Grenzen des Sagbaren."
Daniel Neumann sieht den eigentlichen Skandal in der Jüdischen Allgemeinen dagegen im "Umgang der deutschen Printpresse mit diesem Thema. Die Art und Weise, wie ohne wirklich zu wissen, was eigentlich geschehen war, darüber berichtet wurde. Und wie schnell und geschmeidig eine der größten, streitbarsten und liberalsten Jüdischen Gemeinden in Deutschland als Musterbeispiel herangezogen wurde, um den Juden etwas anhängen zu können."
Falls jemand Lust hat, Kokain zu konsumieren, sollte er zunächst mal Kati Schneiders FAZ-Interview mit John Cook lesen, der das Podcast "Sucht & Süchtig" betreibt und aus eigener Erfahrung sprechen kann: "Ich habe Kokain nasal konsumiert, und in den letzten Jahren des Konsums lief es dann direkt den Rachen herunter. Da meine Nasenscheidewand kaputt ist, hatte ich immer das Gefühl, es läuft direkt in die Bronchien und die Lunge. Ich habe mich dann über die Bettkante gehängt, geröchelt und versucht, irgendwie nicht zu ersticken."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FR erklärt die Historikerin Dagmar Herzog, was mit dem Titel ihres Essaybands "Der neue faschistische Körper" genau gemeint ist: Die Botschaft der alten und neuen Rechtsextremen laute: "Enthemmung - du darfst." Dazu gehört für sie auch eine "erotisch aufgeladene Bildsprache, die rassistische Botschaften transportiert - eine Mischung aus Blickfang und Gehässigkeit. Davon gibt es verschiedene Formen, und die AfD hat hier bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. In der Anfangszeit, um 2017 herum, dominierte ein vermeintlich humorvoller, spielerisch erotisierter Ton: Plakate mit schönen Frauen am Strand und Sprüchen wie 'Burkas? Wir steh'n auf Bikinis' und 'Unser Land, unsere Regeln'. Und dann darf man sich an den knackigen Hintern der jungen Damen erfreuen. Implizit rassistisch, aber verpackt in eine vermeintlich witzige, flirtende Bildsprache." Dass die Linken mit ihrer Identitätspolitik Fehler gemacht haben sollen, die den Aufstieg der AfD zumindest begünstigt haben, weist sie weit von sich.
In der FAZ fasst Thomas Thiel nochmal all die antisemitischen Ausschreitungen an Berliner Unis in den letzten Wochen zusammen und kommt zu einem bitteren Resümee: "Die Universitäten haben die Wahl, sich in Sicherheitszonen mit hoher Polizeipräsenz umzuwandeln oder der schleichenden Vertreibung von Juden zuzusehen." Dabei ist der Asta der TU Berlin gar nicht antisemitisch, wie er lauttaz in einer Erklärung beteuert: "Die 'klare und uneingeschränkte Ablehnung von Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus und antipalästinensischem Rassismus' sei einer seiner 'unveränderlichen Grundsätze'."
Die FAZ hat den angeblichen Skandal um den amerikanischen Philosophen Jason Stanley ganz schön aufgebauscht. Dort hieß es, es sei in der Frankfurter Westend-Synagoge zum Eklat gekommen, er habe seine Rede dort abbrechen müssen. In der FR stand gar, er sei "zum Schweigen gebracht" worden (unser Resümee). In Wirklichkeit hat man ihn nur höflich gebeten, eine ausufernde Rede endlich zu beenden, sagtBenjamin Graumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, im Gespräch mit Michael Thaidigsmann von der Jüdischen Allgemeinen: "Nachdem er die vereinbarte Redezeit weit überzogen hatte, bedeutete ihm unser Gemeinderabbiner Julien Chaim Soussan, dass er bitte zum Ende kommen möge. Rabbiner Soussan saß hinter Stanley auf dem Podium. Der sprach daraufhin noch einen Moment lang weiter und beendete dann die Ansprache - übrigens mit exakt jenen Schlusspassagen, die anschließend in der FAZ veröffentlicht wurden. Er ließ lediglich ein paar Absätze, die im Redemanuskript standen, wegfallen. Stanley ging zu seinem Platz. Es folgte ein Gebet des Rabbiners, dann war die Veranstaltung beendet." Dass es Unmut gab, leugnet Graumann nicht: Ausgelöst wurde er unter anderem durch die Gleichsetzung des Gaza-Streifens mit dem Warschauer Ghetto durch Masha Gessen, die Stanley auch nach Nachfrage als eine "Analogie, die man so oder so sehen kann", verteidigte. Graumann dazu: "Er hat ausdrücklich eine Gleichsetzung von Gaza und dem Warschauer Ghetto offen gelassen. Das ist eine Schande! Ganz unabhängig davon, dass die Aussage Gessens historisch gesehen blanker Unsinn ist." LautFR bleibt Stanley bei seiner Darstellung, will aber nicht weiter kommentieren.
Was haben die westlichen Gesellschaften aus den Anschlägen in Paris vor zehn Jahren mit 130 Toten und über 700 Verletzten gelernt? Wohl nicht so viel, fürchtet Bernd Rheinberg bei den Salonkolumnisten: "Es ist den verbesserten geheimdienstlichen und polizeilichen Maßnahmen zu verdanken, dass viele Terrorpläne in den vergangenen Jahren vereitelt werden konnten, wenn auch nicht alle. Gedankt wird den Behörden diese schwierige Arbeit nicht. Stattdessen wird über Motive spekuliert, obwohl sie offen auf dem Tisch liegen. Und statt Kenntnisse über Islam und Islamismus zu vertiefen, schließt man in Deutschland zum Beispiel das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Empört äußert sich Güner Balci, Integrationsbeauftragte von Neukölln und Buchautorin, darüber, wie die Neuköllner SPD den beliebten Bürgermeister Martin Hikel hat abrutschen lassen - nach einem zu mageren internen Abstimmungsergebnis in der SPD will er nicht wieder kandidieren (unser Resümee). Im Interview mit Christoph Schult vom Spiegel stellt sie einige recht krasse Behauptungen auf, die vielleicht eine weitere Recherche lohnen. Über Meldestellen, die sich mit "antimuslimischem Rassismus" befassen, sagt sie: "Im Moment haben wir Meldestellen, die teilweise bei Islamisten und Aktivisten angesiedelt sind, von denen einige vom Verfassungsschutz mindestens als muslimbrudernah eingestuft wurden. Dahinter steckt eine perfide Strategie der Muslimbruderschaft, die auf lange Sicht erfolgreich ist. Da geht es gar nicht darum, die Diskriminierung von Muslimen tatsächlich zu evaluieren und Maßnahmen zu ergreifen. Diese Islamisten und Aktivisten haben auch Teile der Politik und auch der SPD und der Verwaltung unterwandert. Sie treten aber auch als vermeintlich unabhängige NGOs in Erscheinung und werden auch vom Verfassungsschutz beobachtet. "
Berlin galt mal als die Stadt, die "immer wird". Jetzt ist klar, dass nichts geworden ist. Für eine anonyme Reportage streift die "NZZ-Redaktion" durch die trübe Szenerie - und macht eine Beobachtung, die jeder Berliner bestätigen kann: "Wer für seinen neuen Wagen vor Wochen eine Anwohnerparkerlaubnis beantragt, sie aber noch immer nicht erhalten hat, wird von Mitarbeitern des Ordnungsamtes im 18-Stunden-Takt mit 20-Euro-Strafzetteln traktiert, die den 'Tatort' und den 'Tatvorwurf' (Falschparkieren) festhalten. Rechtlich ist das natürlich korrekt. Aber wenn die Kollegen Ordnungshüter, die selbstverständlich nur ihre Pflicht tun, schon so oft vor Ort sind - warum scheint es dann so komplett ausgeschlossen zu sein, dass sie, zumindest auf dem Verwaltungswege, gegen den wild abgelegten Sperrmüllhaufen an der Straßenecke vorgehen, der dort sogar noch länger vor sich hin rottet, als man auf den Parkausweis wartet?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Psychologin Marina Chernivsky spricht im Interview mit der taz über ihr neues Buch "Bruchzeiten", den 7. Oktober und das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland: "Der genozidale Angriff des 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das wir für kontrollierbar geglaubt haben. Eine Bedrohung, die nicht neu ist, die aber in dieser extremen Form lange nicht gespürt worden war. Nachträglich waren es die Reaktionen der Welt - die Indifferenz, aber auch die Freude an den Massakern, die Lust an der Enthemmung, am Antisemitismus -, die tief verstörten... Der Angriff traf uns mit einer Wucht, die sich nicht allein aus biografischen oder historischen Bezügen erklären lässt. Es ist das Gedächtnis von Vernichtung, das Wissen um die Zerbrechlichkeit des kollektiven, jüdischen Lebens."
Es gibt einen großen Graubereich in der Prostitution. Das könnte man - als Diskussionsgrundlage - erst mal anerkennen, statt pauschal vom "Bordell Europa" zu sprechen, wie es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner kürzlich tat, und ein "ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild Schwedens" zu fordern, meint Anna-Lena Ripperger in der FAZ: Weder gebe es Belege für eine massive Zunahme von Prostitution noch Zahlen über die tatsächliche Größe des gesamten Rotlichtmilieus. An den beiden Prostitutionsgesetzen von 2002, dass Prostitution aus der "Sittenwidrigkeit" holte, und von 2017, das eine Anmeldung und Beratung von Prostituierten zur Pflicht macht, "gab und gibt es reichlich Kritik. Die Gefahr für Frauen, in Armut oder Illegalität zu rutschen, sei durch die neuen Regeln größer geworden, hieß es 2019 etwa in einer Auswertung des Prostituiertenschutzgesetzes für Nordrhein-Westfalen. ... Dem Gesetz wird aber auch Potenzial bescheinigt. Das Anmeldeverfahren und die Beratung bewertete die Mehrzahl der 2.350 befragten Prostituierten als positiv, 70 Prozent gaben an, die Arbeitsbedingungen in Prostitutionsbetrieben hätten sich verbessert."
In der Zeit verteidigt sich Ahmad Mansour gegen Vorwürfe im Jacobin und von Correctiv (unser Resümee, mehr hier, hier und hier), ein mit 9,5 Millionen Euro gefördertes Projekt zum Kampf gegen Antisemitismus bei muslimischen Schülern könne diese diskriminieren. "Correctiv erweckte den Eindruck, das Projekt, betreut von einem unabhängigen Beirat, sei unwissenschaftlich, womöglich rassistisch. Kein Wunder, dass wir bald Post von einer Zeitung bekamen, die uns unverblümt fragte: 'Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Projekt muslimische Jugendliche nicht pauschal problematisiert oder stigmatisiert?' Nachdem wir zusammen mit federführenden Wissenschaftlern des Projekts alle Fragen sachlich beantwortet hatten, zog die Zeitung diese zurück. Immerhin. Ist nun alles gut? Nein. Denn der Vorwurf des Rassismus ist schwerwiegend. Wieso müssen mein Team und ich nachweisen, dass wir keine Islamfeinde sind? Auch wir sind Muslime!"
Der Strafrechtler Michael Kubicielist kritisiert in der FAZ deutsche und EU-Gesetzgeber scharf für ihre geplante Verschärfung des Terrorismusstrafrechts: "Der Gesetzentwurf führt nämlich eine Entwicklung fort, welche die Strafrechtswissenschaft seit Langem kritisiert: die Verlagerung der Strafbarkeit weit ins Vorfeld von Straftaten. Dadurch reagiert das Strafrecht nicht auf eine risikoerhöhende und sozialinadäquate Handlung, sondern letztlich nur auf die böse Absicht. Angesichts des vorliegenden Entwurfes muss man sich in der Tat fragen, was vom Tat- und Schuldprinzip noch übrig bleibt."
Im Perlentauchersehnt sichNasrin Amirsedghi nach einem Denken, das wieder Farbe zeigt: "Ich habe die Farblosigkeit satt. Die Farblosigkeit der Wiederholung, der sich endlos drehenden Floskeln, der gepflegten Langeweile einer Gesellschaft, die sich selbst hypnotisiert. Ich habe die Farblosigkeit der Politikerlüge satt, dieses immergleiche Vokabular aus Verantwortung, Haltung und Dialog, hinter dem nichts als das taktische Zittern einer erschöpften Klasse steht. Ich habe die Farblosigkeit der woken Narrative satt, die in schrillen Farben daherkommen und doch nur das Grau ihrer moralischen Selbstgefälligkeit ausstrahlen. Ich habe die Farblosigkeit eurer Demokratie satt, die so korrekt geworden ist, dass sie jeden Funken Leidenschaft misstrauisch beäugt."
Einen "Eklat" würde Ronen Steinke in der SZ die Ereignisse um die Rede des Faschismus-Forschers Jason Stanley zum 9. November (unser Resümee) jetzt nicht gerade nennen, aber ein bisschen Aufregung gab es schon in der Frankfurter Westend-Synagoge. Die Reaktionen waren durchaus gemischt, meint Steinke: "Als Stanley dann noch die Formulierung 'Massenvernichtung in Gaza' in den Raum stellte, soll es in Teilen des Auditoriums sogar Applaus gegeben haben, wie Teilnehmer berichten - zugleich aber auch hörbares Entsetzen. Die Rede, die Stanley in der Westend-Synagoge hielt, enthielt schließlich auch noch den knalligen, wenn auch intellektuell eher dürftigen Talking point, die historischen Zionismus-Skeptiker Hannah Arendt und Albert Einstein 'dürften heute in Deutschland nicht mehr sprechen'. Als sei der Gegenwind, den man bei streitbaren Nahost-Thesen heute in Talkshows, Zeitungskolumnen oder auf Bühnen erhält, bereits gleichbedeutend mit Zensur." Steinkes Artikel ist ein bisschen ambivalent, einerseits hält er es für "legitim" eine "gefühlsschonende Trauer- und Gedenkveranstaltung" und "einen Raum für Tränen, Stille und Schmerz" schaffen zu wollen, andererseits hätte man Jason Stanley zu Ende reden lassen sollen, findet er. In der FRformuliert es Michael Hesse ein bisschen melodramatischer: "Faschismus-Experte Jason Stanley aus Synagoge in Frankfurt geworfen - Zum Schweigen gebracht".
In der Frankfurter Westend-Synagoge kam es am 9. November zum Eklat. Dort redete der Philosoph Jason Stanley (der neulich ins Gespräch kam, weil er von Yale an die Uni von Toronto wechselte). Die Rede ging laut FAZ in Protesten der Anwesenden unter. Stanley sagte unter anderem: "Einzelne Juden für Israels Handeln verantwortlich zu machen, ist Antisemitismus... Kritik an den Gräueltaten Israels im Gazastreifen hingegen ist kein Antisemitismus. Kritik an Israels langjähriger ungleicher Behandlung des palästinensischen Volkes ist ebenfalls kein Antisemitismus." Nachtrag um 10.30 h: Absurd (danke der Kommentatorin "Lassmiranda Dennsiewillja" für den Hinweis) ist allerdings die Passage zur 7.Oktober-Relativiererin Masha Gessen und zu Hannah Arendt: "Die jüdische Schriftstellerin und Journalistin Masha Gessen wurde kürzlich mit dem Hannah-Arendt-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung wurde jedoch abgesagt, da sie in einem Artikel eine Analogie zwischen Gaza und dem Warschauer Ghetto gezogen hatte. Aber auch Hannah Arendt erkannte die Ungleichbehandlung der Palästinenser deutlich und befürwortete einen Staat, der Juden und Palästinensern die gleichen Rechte als gleichberechtigte Bürger einräumt. Hannah Arendt dürfte heute in Deutschland nicht mehr sprechen."
Val ist Autor des Buchs "La Gauche et L'Antisémitisme" in den Editions de l'Observatoire, mehr hier.Martina Meister interviewt in der Welt den einstigen Charlie-Hebdo-Chef Philippe Val zu den islamistischen Attentaten vom 13. November 2015. Val hat sich nach den Anschlägen intensiv mit der Geschichte des Antisemitismus auseinandergesetzt und kommt zu keinem guten Ergebnis für den Anteil der Linken daran: "Im 19. Jahrhundert sorgten Figuren wie Pierre-Joseph Proudhon, Auguste Blanqui, aber vor allem Karl Marx für die Säkularisierung des religiösen Antisemitismus. Der weltliche Antisemitismus ist fortan die Grundlage des modernen Antisemitismus, der später von den nationalistischen Rechtsextremen und dann von Hitler übernommen wurde. Der Antisemitismus, der jetzt hier wie auch in Deutschland wieder hochkocht, ist der Antisemitismus einer Linken, die die Erwartungen eines Teils der muslimischen Wählerschaft bedienen will." Val findet mit Blick auf Jean-Luc Mélenchon und seine Anhänger auch die Formel: "Die extreme Linke ist nicht antisemitisch geworden, weil sie propalästinensisch ist. Sie ist propalästinensisch geworden, weil sie antisemitisch ist."
Donald Trump kritisiert zwar gern den Antisemitismus vieler Linker in den USA, den in der eigenen Maga-Bewegung ignoriert er lieber, berichtet Frauke Steffens in der FAZ: "Die Verleumdung liberaler Milliardäre wie George Soros, die angeblich eine organisierte Antifa finanzieren, betreiben Rechte von Carlson bis Trump. Trump bezeichnete Juden auch schon als 'Shylocks', beteuerte, dass er ihnen gern sein Geld anvertraue, und beschimpfte jüdische Amerikaner als 'illoyal gegenüber Israel', wenn sie Demokraten wählten. Der Begriff 'Globalisten' für Gegner fällt häufig und ist nach Meinung von Fachleuten eine antisemitische Chiffre. Elon Musk stimmte beispielsweise einem Post bei X zu, in dem es hieß, Juden stünden hinter angeblichem Rassismus gegen Weiße und einer Verschwörung, diese zu 'ersetzen'. Diese 'Great Replacement Theorie' verbreitete auch [der vor kurzem ermordete Charlie] Kirk. Zur Strategie rechter Bewegungen gehört es, sich rhetorisch von Extremen wie [den Neonazi Nick] Fuentes abzugrenzen, während man von der Verschiebung des Sagbaren, die diese Akteure vorantreiben, profitiert."
Die schnellen Fahndungserfolge beim Juwelendiebstahl im Louvre verdanken sich auch einer israelischen Sicherheitsfirma, erzähltMichael Wolffsohn in der NZZ. Für die Franzosen ist das ein bisschen peinlich: "Trotz der nicht erst seit dem Gaza-Krieg bestehenden Spannungen zwischen Paris und Jerusalem wandte sich das französische Sicherheitspersonal an eine Adresse in Israel. Zur Gesichtswahrung erfolgte die Beauftragung über die Dépendance der Israeli in Rom. Der lautstarke Boykott israelischer Verteidigungsunternehmen durch den Präsidenten Macron und der Hilferuf an die Sicherheitsfirma passen nicht zusammen." Wolffsohn erkennt darin ein Muster: "In ihrer rund dreitausendjährigen Geschichte wurden Juden von Nichtjuden, sogar von ihren Kritikern, Gegnern und Feinden, nur und vor allem dann toleriert oder sogar umworben, wenn man sie brauchte."
Deutschland hat ziemlich liberale Prostitutionsgesetze: "Männer in Deutschland, die einen anderen menschlichen Körper kaufen wollen, werden derzeit vom Staat dabei geschützt, also unterstützt", schreibt Valérie Catil in der taz. Sie befürwortet den Vorschlag von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, das "nordische Modell" einzuführen, das Sexkauf, aber nicht -verkauf illegalisiert. Denn die deprimierende Wirklichkeit sieht so aus: "Als Freier kann man auf der Welt nur selten auf Prostituierte treffen, die ihre Körper freiwillig verkaufen. Laut einer Studie üben weltweit lediglich rund zehn Prozent ihre Tätigkeit freiwillig aus. Dass männliche Gewalt und weibliche Unterdrückung Prostitution innewohnt, ist somit unumstritten. Einige Aussteigerinnen sagen, dass sie sich an die vermeintliche eigene Freiwilligkeit klammern mussten, um in dem Job zu überleben. Ob und wie freiwillig diese Arbeit selbst in den besten Fällen stattfindet, kann man nur den Frauen glauben, die sich als frei bezeichnen."
Der Berliner Grüne Stefan Gelbhaar versucht weiter, sich zu rehabilitieren. Ihm wurde in einer abgekarteten Aktion von grünen Kolleginnen und dem RBB Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gemacht (unser Resümee). Er wehrte sich juristisch und bekam Recht - aber es läuft immer noch ein Prozess, berichtet Stefan Alberti in der taz. Mehrere Medien, auch die SZ und die Sendung "Zapp" hatten angestrengt versucht herauszufinden, ob nicht doch "was dran" ist an den Vorwürfen. Nun ist Gelbhaar bei der Kandidatenaufstellung der Grünen in Pankow für das Berliner Abgeordnetenhaus gescheitert. Die Partei sei erleichtert: Die "fortgesetzte gerichtliche Auseinandersetzung sowie weiter vorliegende Berichte von Frauen über als übergriffig oder belästigend empfundenes Verhalten Gelbhaars hätten den Grünen-Wahlkampf landesweit bei einem geglückten Comebackversuch begleiten können. Denn der von ihm angestrebte Wahlkreis 6, Prenzlauer Berg Nordost, ist der berlinweit sicherste bei den Grünen. Gelbhaar hätte der nächsten Fraktion im Abgeordnetenhaus genauso angehört wie die aktuelle Vizefraktionschefin Klara Schedlich, die zugleich seine Prozessgegnerin ist."
Während der Schweizer Bundesrat vor kurzem entschied, ein Kopftuchverbot an Schulen wäre nicht verfassungskonform, hat in Kosovo jüngst das Oberste Gericht das Kopftuchverbot, das in den meisten Schulen des Landes gilt, als rechtens erachtet. Kosovo war nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien unter den Einfluss radikaler Prediger aus Saudi-Arabien geraten, erläutert die Feministin Saïda Keller-Messahli im Gespräch mit Bettina Weber vom Tages-Anzeiger. Aber das Land wehrt sich gegen den Einfluss: "Kosovo ist gemäß seiner Verfassung laizistisch. In den meisten arabischen Ländern hingegen ist der Islam Staatsreligion, obwohl es früher etwa in Syrien, dem Irak, Algerien oder Tunesien Reformen gab, um den Einfluss der Religion auf die Politik zu reduzieren. Aber mit dem Durchbruch des politischen Islam 1979, als Khomeini im Iran den Schah stürzte und ein Mullah-Regime errichtete, errang die islamistische Muslimbruderschaft einen großen Sieg. Ihre Ideologie sprang auf andere Länder über - auf einmal trugen Frauen dort ebenfalls viel öfter Kopftuch. Die Ideologie der Muslimbruderschaft und ihre Auslegung eines 'reinen' und politischen Islam haben diese Gesellschaften vollkommen verändert."
In der Jüdischen Allgemeinentritt die Ethnologin Susanne Schröter ihrem Kollegen Ahmad Mansour zur Seite, dem von der Bundesregierung Gelder für ein Antisemitismusprojekt zugesagt wurden (unsere Resümees). Gutachter hatten sich dagegen geäußert, das Projekt wurde überarbeitet, die Gutachter waren nicht zufrieden. Aber das ist ein normaler Vorgang, schreibt Schröter: "In meiner eigenen langjährigen Erfahrung als Gutachterin sowohl in kleinen Vorhaben als auch in sehr großen und kostspieligen Verbundprojekten war ich auch nicht immer begeistert, hätte so manches Mal eine Ablehnung begrüßt oder ein anderes Projekt befürwortet. Doch darum geht es nicht. Entscheidungsbefugt sind letztendlich die fördernden Institutionen. Und das ist gut so. Denn wäre dies anders, würden viele Forschungen niemals beginnen, weil sich immer jemand findet, die nicht einverstanden ist." Religionskritische Forscher muslimischen Ursprungs mussten sich immer wieder Vorwürfe mangelnder Wissenschaftlichkeit anhören. Dahinter steckt für Schröter das "Bemühen eines sozialwissenschaftlichen Mainstreams, islamistische, antisemitische oder frauenfeindliche Einstellungen innerhalb der muslimischen Communities zu verschleiern."
"Während Zürich über 'Mohr' streitet, wird in Kairo 'Sklavenkopf' serviert und in Libyen mit Menschen gehandelt." Das zeugt von einem Antirassismus, der "paradoxerweise tief eurozentrisch" ist, meint in der NZZ der marokkanisch-schweizerische Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali, total unbeeindruckt von hiesigen Rassismus-Diskursen. Der Mohr zum Beispiel "war in der Geschichte kein Opfer, sondern ein selbstbewusster Akteur. Zur Zeit der Griechen und Römer war Nordafrika integraler Teil der mediterranen Zivilisation." Und im Mittelalter war er "ein Eroberer. Die maurische Herrschaft erstreckte sich über die Iberische Halbinsel und drängte bis nach Frankreich vor, wo sie erst 732 in der Schlacht von Tours gestoppt wurde. ... In Marokko feiert eine junge Generation von Nationalisten, was sie als 'maurische/mohrische Kultur' bezeichnet. Sie besetzen den Begriff positiv und betonen ausschließlich die Heldentaten der Vorfahren - oft in bewusster Abgrenzung und sogar abwertend gegenüber Arabern und anderen nicht nordafrikanischen Ethnien, inklusive schwarzer Afrikaner. Hier ist der Mohr wieder kein Opfer, sondern selbst Rassist und Täter. Diese Perspektive findet in der eurozentrischen Zürcher Debatte kaum Beachtung. Es entsteht der Eindruck, dass ein postkolonial geprägter Diskurs ein Opfernarrativ über jene Gruppen legt, die sich selbst gar nicht primär als Opfer dieses Begriffs verstehen."
Man muss diese Zahlen mal auf sich wirken lassen: 25 Prozent der 18 bis 24-Jährigen stimmen für die Linkspartei, 21 Prozent für die AfD. CDU und SPD kommen gerade mal auf 13 und 12 Prozent. Tobias Blanken macht dafür in der Welt einerseits die immer schlechtere Schulbildung der Jugendlichen verantwortlich. Andererseits allerdings gebe es einen regelrechten Generationskonflikt, in dem die Politik stets zugunsten der Rentner entscheide. Ein anderes Beispiel ist die Wehrpflicht. Da wird gesagt, "dass der Gesellschaft etwas zurückgegeben werden soll. Nur - wofür? Für die ramponierten Schulen, die zu kleinen Mietwohnungen, die Sondervermögen oder die schwierigen Zukunftsaussichten? Denn auch das ist Teil der bitteren Wahrheit, über Stellenentlassungen wird groß berichtet, über die ausbleibenden Neueinstellungen kaum. Und dass die Jugendarbeitslosigkeit zurückkehrt: Seit 2019 hat sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren fast verdoppelt."
Auch Matthias Heine diagnostiziert in der Welt einen akuten Bildungsverfall, nicht nur in Deutschland, und auch an Universitäten: "Britische Universitäten bieten Kurse an, in denen Studenten lernen, sich wieder so zu konzentrieren, dass sie überhaupt lange Romane lesen können. Ein ehemaliger Dozent einer englischen Elite-Uni spottet: 'Die Frage lautet nicht mehr 'Was lesen Sie an der Universität?', sondern 'Lesen Sie an der Universität?' Die New York Times fragte kürzlich ihre Leser: 'Wurden Sie im High-School-Englisch-Unterricht verpflichtet, ganze Bücher zu lesen? Erzählen Sie uns davon!' Als handele es sich um eine existenzielle Grenzerfahrung!"
Die akademische Welt ist in Aufruhr: Schockiert durch den 7. Oktober hat die Bundesregierung Mittel zu einem Forschungs- und Schulprojekt Ahmad Mansours gegen Antisemitismus vergeben (unsere Resümees), auch in der Stadt Berlin wurden Gelder an Antisemitismusprojekte vergeben (unser Resümee). Der an der FU lehrende Integrationsforscher Ruud Koopmans hat für die Empörung nur eine maliziöse Bemerkung übrig:
Die nicht-kompetitive Vergabe von Forschungsmitteln, oft im Eilverfahren in Haushaltsbereinigungssitzungen, ist nicht unüblich. So ging es beim DeZIM seit Anfang, so ging es bei dem millionenschweren "Rassismusmonitor". Sogar ohne jegliche Gutachten. https://t.co/lEm69QTdI8
Inzwischen hat auch die SZ das Thema aufgegriffen: Dem ehemaligen Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) wird vorgeworfen, Mittel aus dem Berliner Budget "Projekte mit besonderer politischer Bedeutung" ohne weitergehende Prüfung mutmaßlich an dubiose Firmen weitergeben zu haben, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dies haben die Grünen-Abgeordneten Susanna Kahlefeld und Daniel Wesener herausgefunden, deren Dossier zum Fall der SZ vorliegt. "Besonders brisant ist eine Aktennotiz vom März 2025, mit der 'die Hausleitung', also der Senator, 'die volle zuwendungsrechtliche Verantwortung (einschließlich Haftung im Schadensfall) im Sinne der Landeshaushaltsordnung' übernimmt. Das zuständige Referat III A wird angewiesen, 'für die in der beigefügten Liste aufgeführten Projekte ohne inhaltliche und umfassende zuwendungsrechtliche Prüfung Zuwendungsbescheide rein technisch zu erstellen und diese der Hausleitung zur Unterzeichnung vorzulegen'. Das wirkt zumindest wie die Umgehung gängiger Verwaltungspraxis."
In der Zeit fürchtet sich Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, schon vor den Sonntagsreden am 9. November. "Der 9. November ist für viele Juden mittlerweile ein Tag, dem wir mit Schrecken entgegengesehen. Denn er ist nicht so vergangen, wie wir dachten... Was mich angesichts meiner familiären Verbindung zum Nahen Osten besonders schmerzt: dass die verbale und physische Bedrohung in Deutschland längst nicht mehr nur auf das Konto von Neonazis und Rechtsextremen geht. Es ist eine unbequeme Wahrheit, doch sie muss ausgesprochen werden: Hass auf Juden und Israel kommt besonders aggressiv aus der muslimischen Community - und von linksorientierten Deutschen ohne Migrationshintergrund. ... Heißt das, dass Rechtsextremismus weniger gefährlich geworden ist? Nein! Aber wer an Gedenktagen so allgemein spricht, dass unklar bleibt, welch unheilige Allianz aus Rechtsextremen, Islamisten und Linken entstanden ist, der gefährdet uns."