9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2026 - Gesellschaft

SZ-Redakteurin und Berlinerin Johanna Adorjan hasst Berlin gar nicht mehr, sie ist einen Schritt weiter, bekennt sie. Sie trauert um die Stadt, die einst das Gegenstück zu den "arrivierten großen Weltstädten" zu sein schien. Und nun? Ein "Grad von Verwahrlosung, der selbst für Berliner Verhältnisse überraschend ist. Es gibt Brücken in bester Innenstadtlage, in unmittelbarer Nähe großer Theater, die niemals gereinigt werden. Man hat sie den Tauben überlassen. Es riecht unter diesen Brücken so beißend wie in einem Raubtierstall. In U-Bahnen wechseln die Fahrgäste geschlossen den Wagen, nachdem wieder eine wirklich zutiefst bedauernswerte, offenbar obdachlose Person zugestiegen ist, die sich vor Wochen derart eingekotet haben muss, dass ihr Beinkleid braun und steif ist und einen Gestank verbreitet, den man nicht beschreiben kann … Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Stadt weitgehend unregiert ist. Dass die Bürger sich selbst überlassen sind."
Stichwörter: Berlin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2026 - Gesellschaft

Collien Fernandes und Christian Ulmen sind vor Ewigkeiten als Viva- und MTV-Moderatoren bekannt geworden, sind dann ins schauspielende Fach gegangen und gehörten zu jenen Leuten, die man kennt, weil sie bekannt sind. Zuletzt spielten sie zusammen in der Comedyserie "Jerks". Nun wirft Fernandes ihrem Ex vor, er habe sie virtuell vergewaltigt - es ist Aufmacher im heutigen Spiegel. Was sie ihm vorwirft, klingt in der Tat überaus abstoßend, wie Nicola Erdmann in der Welt schreibt: "Es geht um Gewalt, körperliche, psychische, es geht aber auch um 'Anmaßung des Personenstandes', was der holprig-juristische Ausdruck für etwas ist, was wahrlich schwer zu beschreiben ist: Ulmen soll über zehn Jahre bereits existierende Deepfake-Pornografieaufnahmen seiner heutigen Ex-Frau verschickt haben, über Profile etwa auf LinkedIn, die er unter ihrem Namen angelegt hatte. Es sollen höchst demütigende, mit künstlicher Intelligenz erstellte Aufnahmen sein, die Fernandes in erniedrigenden Posen bei sexuellen Handlungen zeigen." Ulmen scheint in der Beziehung allerdings auch physisch gewalttätig geworden zu sein, so Erdmann: "Fernandes selbst gibt an, sie habe immer wieder die Hoffnung gehabt, dass ihr Mann sich noch ändern würde, er habe Reue gezeigt, sie hätten auch eine Therapie gemacht. Es ist die klassische Gewaltspirale, die in der Forschung beschrieben wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2026 - Gesellschaft

Die Wahl von Cem Özdemir in Baden Württemberg gefällt nicht jedem: Für Islamisten ist er ein "Islamfeind", für Rechtsextreme ein "Kolonisator" und für die "moralisch aufgeladene Linke" ist er der "falsche Migrant", schreibt Ninve Ermagan in der FAZ - eine Kritik, die sie nicht nachvollziehen kann: "Özdemir hat sich immer wieder mit der AfD angelegt, deren fremdenfeindliche Rhetorik scharf kritisiert und sich gegen Rassismus positioniert. Doch er spricht auch über andere Extremismen und Gewalt, worüber seine Kritiker gerne hinwegsehen: Islamismus, türkischer Rechtsextremismus und das Frauenbild in streng muslimischen Communitys. ... Migranten, die Missstände in den eigenen Communitys ansprechen, werden schnell selbst zum Problem erklärt. Dürfen Migrantinnen dann auch nicht über Gewalt in 'Ehrkulturen' sprechen, über die rigide Sexualmoral, über Antisemitismus und Queerfeindlichkeit, die sie selbst erlebt haben? Wer sich ehrlich macht, weiß: Traditionen und Normen aus dem Herkunftsland bleiben identitätsstiftend. Ihre Schattenseiten zu benennen, ist kein Rassismus - sondern Voraussetzung für Veränderung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2026 - Gesellschaft

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Im Standard-Interview mit Michael Wurmitzer spricht Navid Kermani über seinen neuen Roman, in dem er sich über die politischen Fragen Gedanken macht, die seit dem "Sommer 2024" (so sein neuer Roman) virulent sind (Trump, Debattenkultur, et cetera). Er spricht auch über das deutsche Verhältnis zu Israel. "Deutschland wird in der Israel-Unterstützung und auch in der Israel-Kritik immer neurotisch sein. (...) Man muss sich einfach der Neurose bewusst sein und vielleicht ein bisschen zurückhaltender operieren mit seinen Urteilen und Meinungen. Nicht Vorreiter sein bei der Unterstützung der israelischen Kriegsführung, nicht der Lautsprecher der israelischen Regierung, aber auch nicht die Speerspitze des Widerstands gegen den israelischen Kolonialismus oder so etwas. Man kann in Deutschland seine Meinung äußern, aber sie ist weder für das Geschehen im Nahen Osten besonders relevant, noch scheren sich dort viele um die deutsche Öffentlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2026 - Gesellschaft

In New York gibt es einen weiteren prominenten Fall von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch in großem Umfang, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Die bekannten Luxusimmobilienmakler Tal und Oren Alexander sollen gemeinsam mit Bruder Alon einen ganzen Ring unterhalten haben und stehen vor Gericht. Diese Netze hätten sich gewissermaßen selbst als Gegenkraft zu woken linken Diskursen stilisiert, vermutet Steffens: "Epstein schrieb, er sei durch die MeToo-Bewegung zum gefragten Ratgeber beschuldigter Männer geworden. Nicht nur der Multimillionär bekämpfte die MeToo-Bewegung, auch viele Unterstützer von Trump lehnen sie ab. Trump hat es etwa auf die Gender Studies abgesehen, die unter anderem die Zusammenhänge von Macht, Frauenhass und sexueller Gewalt beleuchten."

Toxische Männlichkeit ist schuld an der Befürwortung von Kriegen, sagt der Soziologe Alexander Yendell im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ. Er ist Autor einer Studie über "gewaltlegitimierende Männlichkeitsvorstellungen", die der "stärkste Einzelfaktor hinter Kriegsbefürwortung" seien. "Besonders Männlichkeitsvorstellungen, die stark mit Härte, Dominanz und Gewalt verbunden sind, hängen mit der Unterstützung von Krieg zusammen. Gewalt kann dabei eine Möglichkeit sein, Unsicherheit zu überdecken und Stärke zu demonstrieren. Interessant ist, dass dieser Zusammenhang bestätigt, was Klaus Theweleit schon vor rund fünfzig Jahren beschrieben hat. In 'Männerfantasien' argumentiert er, dass militarisierte Männlichkeit häufig eine Abwehr von Verletzlichkeit ist. Bedrohlich wirkt dabei das, was kulturell mit dem Weiblichen verbunden wird - etwa Emotionalität oder Ambivalenz -, weil manche Männer darin eine Gefahr für ihre eigene Kontrolle erleben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2026 - Gesellschaft

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Bei einer Lesung von Alice Schwarzer im Deutschen Schauspielhaus, wo sie ihr Buch "Feminismus pur. 99 Worte" vorstellen wollte, kam es zu Protesten und der Stürmung der Bühne bei der Lesung, berichtet Christoph Twickel bei Zeit Online. In einem offenen Brief war zuvor die Einladung Schwarzers kritisiert und ihre Ausladung gefordert worden, unterzeichnet hatte ihn unter anderen Saskia Tsitsigias, die bei einem Verein für die Beratung queerer Menschen arbeitet. Im Gespräch erklärt sie, warum sie Schwarzers kritische Position zum Selbstbestimmungsgesetz für überholt hält: "Wissenschaftlich sind diese Argumente ausgiebig geprüft und als unzutreffend bewertet worden. Die Reduktion von Geschlechtsidentität auf einen Rollenkonflikt widerspricht dem wissenschaftlichen Konsens. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet strikt zwischen Identität, Rolle und medizinischer Indikation. Das Selbstbestimmungsgesetz regelt im Übrigen ausschließlich die rechtliche Anerkennung, so wie es Menschenrechtsorganisationen zum Schutz vor Diskriminierung ausdrücklich empfohlen haben." Tsitsigias hofft, mit den Protesten dazu beigetragen zu haben, "dass derartige Booking-Entscheidungen zukünftig besser überdacht werden können".

Ebenfalls im Interview mit Zeit online würdigt Alice Schwarzer das Hamburger Schauspielhaus, das die Veranstaltung mit ihr trotz der Proteste - auch im eigenen Haus - durchführte. Selbstverständlich sei das nicht: "Das geht schon seit ein paar Jahren so. Ich gehe davon aus, dass es Menschen gibt oder Institutionen, die gar nicht mehr erwägen, mich einzuladen. Und viele schweigen, weil sie beschämt und erschrocken sind. ... Die Woke-Bewegung erteilt ja schon lange Redeverbote. Und sie hat eine bestimmte Ideologie, die muss man zu 100 Prozent vertreten, sonst darf man weder reden noch veröffentlichen. Ich habe im Theater mehrfach versucht zu beruhigen und gesagt, dass es nach der Lesung ein Gespräch mit dem Publikum geben wird. Ich habe auch gesagt: Ihr dürft auch etwas anderes denken als ich. Natürlich! Aber ich darf bitte auch etwas anderes denken als ihr!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2026 - Gesellschaft

Ob im Fall Epstein oder in der Katholischen Kirche: Pädokriminelle handeln sehr oft in Netzwerken. Neben Institutionen wie der Kirche, die den Missbrauch ermöglichten, kommt es auch darauf an, diese Netzwerke zu erforschen, schreiben der Rechtsanwalt Ulrich Wastlist und der Rechtsprofessor Stephan Rixen auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Dabei gehe es nicht darum, die Verantwortung der einzelnen zu relativieren, "wohl aber darum, die miteinander verbundene Verantwortung Einzelner in Strukturen, auch in Denkstrukturen (Mentalitäten), sowie in (Handlungs-)Systemen sichtbar zu machen und zu verändern: Wer hat welche Motive wegzusehen? Wer erhofft sich materielle oder immaterielle Vorteile bis hin zur gemeinsamen illegalen Befriedigung des Sexualtriebs? Wer ist aus welchen Gründen erpressbar? Was heißt es genau, wenn jemand etwas 'geahnt' hat? Wieso meint eine Person, die etwas 'ahnt', nicht intervenieren zu müssen? Warum glaubt jemand, der Ruf einer Institution sei wichtiger als der Schutz gefährdeter Kinder?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2026 - Gesellschaft

Die taz bringt ein Dossier anlässlich des morgigen Internationalen Frauentages: Die Philosophie-Professorin Sally Scholz widmet sich dem Begriff der weiblichen "Solidarität": "Feministische Solidarität ist daher nicht einfach Solidarität unter Frauen. Gemeint ist vielmehr eine Solidarität zwischen Feministinnen unterschiedlicher politischer Richtungen und sozialer Hintergründe, die gemeinsam die Verhältnisse untersuchen und verändern wollen, unter denen geschlechterbasierte Ungerechtigkeit entsteht (...) Solidarität bedeutet nicht nur ein gemeinsames Engagement für feministische Ziele, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber den Beziehungen von Feministinnen untereinander. Wie in allen Beziehungen erfordert dies Zeit, Aufmerksamkeit und Energie sowie die Bereitschaft, Differenzen und Konflikte auszuhalten."

Die Politikerin und Soziologin Constanza Moreira sieht derweil den Feminismus in Lateinamerika auf dem Vormarsch: "Wenn ich an Lateinamerika in den vergangenen 30 Jahren denke, dann gehört der Feminismus zu den wichtigsten politischen Entwicklungen - gemeinsam mit indigenen und dekolonialen Perspektiven. Was die Welt in Bewegung setzt, was sie aus ihrer konservativ-patriarchalen Achse herausrückt, das sind in der Regel die Linken, die Progressiven. Der Feminismus ist in diesem Sinne eine radikale Neuheit in Lateinamerika. Und das unterscheidet uns von Europa: die Verflechtung von Dekolonisierung und Feminismus."

Im FAS-Interview resümieren Meron Mendel und Saba-Nur Cheema die Debatten um die Berlinale. Die Idee Wolfram Weimers, eine Art "Code of Conduct" für öffentlich geförderte Institutionen zu verabschieden, sieht Cheema erstmal als nicht so tragisch - aber auch nicht als besonders hilfreich an: "Ein Verhaltenskodex klingt erst einmal dramatischer, als er wahrscheinlich ist. Wenn Kunst und Kultur zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ist es nicht ungewöhnlich, dass es bestimmte Leitlinien gibt, das gibt es in vielen Bereichen. Vermutlich wird ein solcher Kodex aber wenig verändern. Denn auf der abstrakten Ebene sind sich ja alle einig: Niemand wird öffentlich sagen, er sei für Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus. Der Konflikt entsteht immer im konkreten Einzelfall, und dort entscheidet der Kontext. Gerade beim Thema Antisemitismus sehen wir doch, wie stark die Bewertungen auseinandergehen, je nachdem wie Äußerungen eingeordnet werden. Ein Kodex löst diese Konflikte nicht. Am Ende geht es eher darum, auszuhalten, dass es Streit gibt. In einer pluralen Gesellschaft gehört das dazu, auch und gerade im Kulturbetrieb."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2026 - Gesellschaft

Auf Zeit online machen sich eine Gruppe Reporter Sorgen, ob der Angriff auf den Iran hierzulande die Islamisten befeuern könnte. Sicherheitsexperten hielten Anschläge für möglich, heißt es. "Was den Hass der Islamisten schüre, sei 'der Eindruck einer Doppelmoral des Westens', erläutert der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch, der im Präventionsnetzwerk KN:IX gegen Radikalisierung und Antisemitismus arbeitet. 'Niemand in der deutschen Politik erklärt Jugendlichen, warum man das Völkerrecht zum Beispiel in der Ukraine hochhält, aber den Angriff auf den Iran unterstützt. Solche Lücken finden Islamisten sofort.'"

Da können wir weiterhelfen: Die Zeit könnte ihr Interview mit dem Völkerrechter Matthias Herdegen freischalten (wir haben ihn gestern zitiert), der den Vergleich mit dem Ukrainekrieg nicht nur "naiv, sondern auch gefährlich" fand: "Denn es läuft letztlich darauf hinaus, dass man eine durchaus umstrittene Militäroperation zur Abwehr existenzieller Bedrohung und zur Befreiung von staatlichem Terror, an der man aus völkerrechtlicher Sicht auch Kritik üben kann, gleichsetzt mit einem erbarmungslosen Vernichtungskrieg, bei dem die elementarsten Standards des humanitären Völkerrechts missachtet werden und in dem der Angreifer bewusst die Vernichtung der Zivilbevölkerung zum militärischen Leitmotiv macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2026 - Gesellschaft

In der FAZ verteidigen der Jurist Matthias C. Kettemann und der Medienrechtler Wolfgang Schulz in einem maximal abstrakten Artikel den "Digital Services Act" der EU gegen Vorwürfe, er gestehe mit üppigen Staatsgeldern ausgestatteten NGOs einen zu großen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung aus. Auch Zensurvorwürfe wurden erhoben. Doch von Zensur könne hier keine Rede sein, meinen die beiden, schließlich würden die Plattformen am Ende selbst bestimmen, was sie löschen und was nicht. "Besonders zugespitzt wird diese Kritik im Bild eines angeblichen 'Zensur-Industrie-Komplexes', wie es Andrew Lowenthal in einem NZZ-Interview (unser Resümee) formulierte: Ministerien, NGOs, Stiftungen, Faktenchecker, Medien, Wissenschaft und Plattformen arbeiteten alle zusammen. Gerade NGOs, so lautet der Vorwurf, seien zu Auftragnehmern des Staates geworden, finanziert mit stetig wachsenden öffentlichen Mitteln. Diese Nähe sei demokratietheoretisch gefährlich und führe faktisch zu Meinungslenkung. Hier liegt ein berechtigter Diskussionspunkt, der nicht abgetan werden sollte. ... Doch aus Förderung automatisch 'Zensur' und den Versuch der 'Meinungslenkung' abzuleiten, verkennt die Machtverhältnisse. NGOs löschen keine Inhalte" und sie verfügen auch über keine hoheitlichen Befugnisse, so die beiden Wissenschaftler.

In der SZ kritisieren Felix Stephan und Jörg Häntzschel das "Haber-Verfahren", das mit Hilfe des Verfassungsschutzes sicherstellen soll, dass keine staatlichen Gelder bei Extremisten landen. Jetzt hat es tatsächlich drei linke Buchhandlungen getroffen, die keine staatliche Unterstützung mehr bekommen sollen: "Das Vorgehen stellt einen Bruch mit der jahrzehntelang gültigen Übereinkunft dar, dass in der staatlichen Kulturförderung ästhetische Kriterien gelten und politische keine Rolle spielen. ... Das Haber-Verfahren, das selbst renommierten Juristen oft nicht bekannt ist, funktioniert wie eine Blackbox. Wenn die Ministerien beim Verfassungsschutz um eine Überprüfung bitten, erhalten sie von dort nur den Bescheid, dass 'Erkenntnisse' vorliegen - oder eben nicht. Worin diese Erkenntnisse genau bestehen, teilt der Verfassungsschutz nicht mit."

In der NZZ nimmt Kacem El Ghazzali eine Studie des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) auseinander, die insbesondere die laizistischen Bestrebungen des Staates unter den Verdacht des "antimuslimischen Rassismus" stellt. Um diese These "als systemisches Phänomen zu verkaufen, bemüht die Studie einen gigantischen Kontextualisierungsapparat, der von der Kolonialgeschichte über den Schweizer Transithandel bis hin zu den 'Menschenschauen' des 19. Jahrhunderts reicht. Diese massive Historisierung dient einem klaren Zweck: Jede heutige Skepsis gegenüber islamischen Praktiken soll als historisch kontaminiert und als bloßes Echo kolonialer Überlegenheitsphantasien entlarvt werden. Doch beim Kopftuch selbst wird dieser analytische Eifer abrupt abgeschaltet: Es erscheint ausschließlich als individueller religiöser Ausdruck und freie Entscheidung. Der reichhaltige und ambivalente globale Kontext - der systematische Kopftuchzwang in Iran oder in Afghanistan sowie die blutigen Kämpfe von Frauen gegen diesen Zwang - bleibt im Text vollkommen unerwähnt."