9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2696 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 270

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Gesellschaft

Rituale können der Identitätsbildung dienen, funktionieren aber vor allem, wenn sie mit dem Erleben von Gewalt, Bloßstellungen oder Ekstase einhergehen, sagt der Ethnologe Thomas Hauschild im FAZ-Gespräch, in dem er der dafür plädiert, etwa mit Blick auf das umstrittene Klaasohm-Fest auf Borkum, Rituale mit Menschenrechten zu vereinbaren. Auch auf Trump, der die Idee einer sogenannten brutalen Stunde, in der Gewalt und Brutalität kurzzeitig straffrei möglich sind, äußerte, kommt er zu sprechen: "Trump ist für mich der folklorische Politiker, nach Berlusconi und Hitler. Als eine Art blutiger Clown der Folklore bindet er eventfreudige Wähler mit Märchen - man könnte auch sagen Fake News - und der Androhung von Austreibungen und Bestrafungen an sich. Seine Idee eines rechtsfreien Tages im Jahr erinnert stark an den Horrorfilm 'The Purge - die Säuberung' von 2013, ein apokalyptisches Anarchieszenario."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 - Gesellschaft

Man sagt jetzt nicht mehr "Ehrenmord", man sagt "Femizid", betonen zwei Artikel in der taz zum zwanzigsten Jahrestag des Mords an Hatun Sürücü in Berlin. Sie wurde, wohl auf Betreiben ihrer ganzen Familie, von ihrem jüngsten Bruder erschossen, weil sie sich entschlossen hatte, selbstbestimmt zu leben. Die Debatte, die nach dem Mord folgte, sei "rassistisch" gewesen, schreibt Frederik Eikmanns: "Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak brachte das einst für das Beispiel des kolonialisierten Indiens so auf den Punkt: 'White men are saving brown women from brown men'." Das einzige Problem bei dieser Diagnose, der Eikmanns eigentlich zustimmt, sind die Tatsachen, wie er selbst einräumt: "Wer den Fall Sürücü und die Reaktionen ausschließlich als Ausdruck rassistischer Ressentiments in der deutschen Gesellschaft deutet, geht auch an der Realität vorbei. Oder kollidiert viel mehr mit ihr." Für Eikmanns ein schwieriger Fall: "Der Fall Sürücü liegt damit in einer Art Knautschzone. Hier überlagern und überschneiden sich die Perspektiven und Deutungsangebote."

Uta Schleiermacher berichtet im Berlin-Teil der taz über konkrete Sozialarbeit zum Thema. "Entgegen der medialen Sichtbarkeit sei es schlichtweg falsch, dass Feminizide in den einen Kulturen öfter geschähen als in den anderen", zitiert sie Rebecca Zorko vom "Netzwerk gegen Feminizide ". Aber zum Glück gibt es Beratungsstellen für Frauen, die den Zwangsverhältnissen ihrer Familie entkommen wollen. "Der Mord damals habe 'einen Stein ins Rollen" gebracht', sagt Bahar Haghanipour, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. 'Daraus sind Maßnahmen entstanden, aber es gab auch eine rassistische Debatte', sagt sie."

Franziska Pröll erläutert in der FAZ recht interessant die Problematik hinter Begriffen wie "Femizid", "Ehrenmord" oder "Trennungstötung". Organisationen wie "Terre des Femmes" halten aus guten Gründen am Begriff des "Ehrenmords" fest, so Pröll, die mit Myria Böhmecke von der Organisation gesprochen hat: "Sie seien dabei geblieben, weil es eben der Begriff sei, mit dem man 'genau diese Gewalttaten kennzeichnen kann'. Und: 'Wenn wir Workshops, zum Beispiel in Schulen, machen, wissen die Personen genau, wovon wir sprechen.'" Juristisch aber wird ein "Ehrenmord" anders eingeschätzt als eine "Trennungstötung", die auch unter den Begriff des "Femizids" fällt, so Pröll unter Bezug auf eine Studie zum Thema: "Dem verlassenen Mann, der eine Frau kurz nach der Trennung tötet, schreiben die Richter demnach also zu, aus einem verständlichen Motiv zu handeln - und verurteilen ihn wegen Totschlags. Dagegen verorten sie den 'Ehrenmord' außerhalb des Nachvollziehbaren - also als besonders verwerflich, was ein Mordurteil nach sich zieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2025 - Gesellschaft

Die Täter von Würzburg, Magdeburg oder Aschaffenburg (und übrigens auch Hanau) waren psychisch krank, aber sie waren nicht festgesetzt worden, und die Psychiater, die mit ihnen zu tun hatten, hätten dies auch gar nicht tun können und verfügten möglicherweise nicht mal über alle Informationen über sie, erläutert Karin Truscheit im Leitartikel der FAZ. So etwa der Fall in Aschaffenburg: "Dreimal war der Afghane 2024 in der Psychiatrie untergebracht, meist konnte er noch am selben Tag wieder gehen. Denn eine Risikoeinschätzung, wie sie in der forensischen Psychiatrie praktiziert wird, um das Gefährdungspotenzial von verurteilten psychisch kranken Gewalttätern - längerfristig - zu bewerten, ist in der Allgemeinpsychiatrie nicht vorgesehen. Doch forensische Psychiater fordern spätestens seit der Tat von Würzburg, dass ähnliche standardisierte Verfahren auch dort zum Einsatz kommen sollten. Um Risiken von Gefährdern einschätzen zu können, braucht man die Vorgeschichte des Patienten."
Stichwörter: Hanau, Magdeburg, Psychiatrie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2025 - Gesellschaft

Die "sekundäre Auslöschung" der Juden hat begonnen, ruft die Schriftstellerin Mirna Funk in der Welt, auch mit Blick auf einen Instagram-Post von Olaf Scholz zum Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust (unser Resümee), "nämlich die Auslöschung der Juden aus dem Holocaust. Denn die Universalisierung des Ereignisses entbindet jeden Einzelnen von der Verantwortung, sich mit den Ursachen des Holocaust zu beschäftigen, ergo den eigenen internalisierten Antisemitismus zu reflektieren. Geht es nur noch darum, dass Menschen Menschen ermordeten, muss man sich lediglich als Humanist definieren und schon ist man kein Nazi mehr. Und Humanisten sind generell gegen Krieg, weil da ja Menschen Menschen ermorden. Zack. Dilemma gelöst. Das Unbehagen, das entstünde, wenn man Israel einen Genozid vorwirft und es anpfeift, ja offensichtlich nichts - im Gegensatz zu einem Selbst natürlich - aus dem HOLOCAUST GELERNT ZU HABEN, weicht einem wohligen Gefühl auf der richtigen, der humanistischen Seite zu stehen."

Der Ex-Grüne Thomas Ebermann und der Soziologe Thorsten Mense touren derzeit mit ihrem Programm "Normal - eine Besichtigung des Wahns" über deutsche Bühnen. Im taz-Gespräch erklären sie, warum sie sich der Norm widmen. Ebermann meint, man beobachte derzeit, "wie allgegenwärtig das Lob des 'normalen Menschen' ist. Der Slogan 'Deutschland, aber normal' der AfD offenbart ja schon, dass es ein rechter Kampfbegriff ist: 'Normal' gegen das 'rotgrün Versiffte', das Uneindeutige, das Perverse, das 'Entartete', das Rebellische. Es ist ein Synonym für die gesellschaftliche Rechtsentwicklung, dieses Lob, und für die Repression gegen alles, was nicht als normal empfunden wird." Zudem könne man sagen, "dass sich der Sozialdarwinismus auf einem Siegeszug befindet. Der postuliert, dass der Untergang der Schwachen nicht zu sehr durch Kultur und Zivilität verhindert werden darf. Das wandert in die Menschen ein. Dann ist natürlich der Kranke - übersetzen wir es ruhig einmal: der Arbeitsunfähige, der Nicht-Produktive, der nicht zum Standort beitragende - assoziativ eine feindliche Figur. In besseren Zeiten hätte sich kaum jemand dieser Rhetorik noch so freimütig befleißigt, wie Sie das beobachtet haben. Und jetzt kann man das einfach wieder so aussprechen."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der taz fragt sich Gilda Sahebi, weshalb Migranten in Deutschland die AfD wählen. Die AfD nutze sie die Vermögensungleichheit aus, meint sie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2025 - Gesellschaft

Dominik Johnson kommt in der taz auf Messermorde wie den von Aschaffenburg oder Southport zurück, die nicht islamistisch motiviert waren. Die Täter waren von den Konflikten in ihren Heimatländern traumatisiert, so Johnson, auch in der zweiten Generation. "Wie geht in einem indifferenten Umfeld ein ruandisches Kind aus einer Familie von Völkermordüberlebenden mit traumatischen Erinnerungen seiner Angehörigen um? Wie verarbeitet ein desertierter Assad-Soldat seine Taten? Wie bewältigen Flüchtende aus Sudan, Somalia oder Eritrea den Horror, den sie womöglich auf ihrer Odyssee aus Afrika nach Europa erlebt haben? Die kurze Antwort: Sie bewältigen es ganz oft nicht. Sie werden davon heimgesucht. Der britische Flüchtlingsrat hat ermittelt, dass 61 Prozent aller Asylsuchenden schwere psychische Belastungen aufweisen. In Deutschland ergaben Studien, ein Drittel aller Flüchtlinge weise eine posttraumatische Belastungsstörung auf. Aber kein Land geht adäquat mit Traumatisierung unter Geflüchteten um."

35 Jahre nach der Wiedervereinigung wirft eine Soziologengruppe in der FAZ einen Blick auf die Unterschiede zwischen Ost und West bei der Erwerbstätigkeit und der Bezahlung von Frauen, die bis heute prägen. Während in Westdeutschland das Alleinverdienermodell vorherrschte, war der Anteil berufstätiger Frauen in der DDR wesentlich höher. Aber "auch das wird klar: An der Norm, dass Frauen in erster Linie für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig sind, wurde auch in der DDR nicht gerüttelt. In beiden Gesellschaften waren Frauen für den Großteil der Hausarbeit verantwortlich. Im Osten war dies sogar institutionalisiert, da vollbeschäftigte und verheiratete Frauen mit Kindern einmal im Monat einen "Haushaltstag" erhielten. Die in der DDR aufgewachsene Autorin Kathrin Aehnlich formulierte die faktische Geschlechterverhältnisse treffend mit den Worten: 'Bei uns endete die Gleichberechtigung an der Wohnungstür.'"

In einem sehr langen Text, der leider zum Schluss hin etwas ausläppert, denkt Johannes Böhme auf Zeit online über den Erfolg des Rechtspopulismus nach. Er hat dafür auch einige Studien gelesen, die interessante Erkenntnisse bieten, und lernt dabei: Erstens, Menschen sind "missgünstig bis hin zur kompletten Destruktivität. Es gibt haufenweise Beispiele, in denen Menschen große Anstrengungen auf sich genommen haben, keine Kosten und Mühen gescheut haben, um anderen weh zu tun, um sie kleinzuhalten, sie zu bestrafen. Der Philosoph und Biologe Patrick Forber von der Tufts Universität in Boston setzt das Ultimatum-Game ein, um zu verstehen, was solch destruktives Verhalten begünstigt. Er hat dabei herausgefunden, dass dies meistens im Kampf um sozialen Status passiert. Wenn sich der Wettkampf um Plätze in der sozialen Hierarchie intensiviert, versuchen die Zurückgelassenen anderen zu schaden, um ihren Platz in der Rangordnung wiederherzustellen". Interessant ist aber auch, dass die Zunahme an Flüchtlingen nicht zwangsläufig zu einem Rechtsruck führt - jedenfalls nicht dort, wo diese Flüchtlinge leben, lernt Böhme in einer Studie von Marco Giesselmann von der Universität Zürich: "Ausgerechnet jene Landkreise, die viele Flüchtlinge aufgenommen hatten, widersetzten sich dem Trend. Der Rechtsruck war dort sehr viel kleiner ausgefallen als anderswo. ... Es waren vor allem diejenigen, die die Flüchtlinge nur aus der Ferne sahen - durch Bilder und Video-Ausschnitte in den Nachrichten und in sozialen Medien - die besonders stark nach rechts rückten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2025 - Gesellschaft

"Nur 48 Prozent der Weltbevölkerung erkennen an, dass der Holocaust stattgefunden hat und dass sechs Millionen Juden ermordet wurden", sagt Marina Rosenberg, internationale Präsidentin der Anti-Defamation League in den USA, im Zeit-Gespräch: "Der Prozentsatz liegt bei jungen Erwachsenen noch deutlich niedriger, 39 Prozent bei den 18- bis 34-Jährigen. Eine wichtige Erkenntnis: Seit dem 7. Oktober sind antisemtische Übergriffe in Westeuropa und Nordamerika explosionsartig angestiegen, obwohl hier weiterhin das geringste Maß an antisemitischen Einstellungen herrscht." Die ADL führt regelmäßige Studien zu Antisemitismus durch, auch andere Zahlen sind erschreckend. So zeigen ihre Befragungen in 102 von 195 Ländern außerdem, dass sich die Zahl der Menschen mit antisemitischen Überzeugungen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat.

In der taz ärgert sich Lotte Laloire über journalistisches Kauderwelsch in der aktuellen Berichterstattung: "Den Wahlkampf prägen bestimmte Gewalttaten. In Berichten darüber belästigen Journalist:innen ihr Publikum oft mit sinnlosen Adjektiven. Besonders vernarrt sind sie zurzeit in 'geltendes Recht', gegen das abwechselnd Attentäter und Behörden verstoßen. Gegen welches Recht denn sonst, gegen ungültiges? Dass bei Adjektiven weniger mehr sein kann, gilt auch für Sätze wie diese: 'Die politischen Reaktionen auf den tödlichen Messerangriff mutmaßlich eines offenbar psychisch kranken …' Viele relativieren sich lieber tot, als eine Klage zu riskieren. Aber an vielen anderen Stellen könnten Journalist:innen das 'wohl' oder 'offenbar' einfach weglassen, würden sie über Fakten berichten, für die sie zwei Quellen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2025 - Gesellschaft

In der SZ klärt Sebastian Hermann über Forschungsergebnisse der Psychologen Ann Krispenz und Alex Bertrams auf, die die dunkle Seite des Aktivismus untersuchen: "Ihre Hypothese lautet, dass manche Formen des Aktivismus insbesondere auf Menschen mit finsteren Persönlichkeiten anziehend wirken. Demnach würden Personen mit narzisstischem Charakter, einem Hang zu Machtstreben, Manipulation und Psychopathie politische Ziele nicht vorrangig verfolgen, weil sie sich mit diesen identifizieren. Sie treibt vielmehr der Wunsch nach einer Bühne an, auf der sie ihr Bedürfnis nach Bewunderung, Aufmerksamkeit, Geltung und moralischer Selbstüberhöhung befriedigen können." Es stecke ein "hohes Schadenspotenzial darin, wenn Menschen mit antagonistischen Charakterzügen als Aktivisten auftreten, so die Berner Forscher. 'Diese Personen werden womöglich von der schweigenden Mehrheit als typisch für ein Anliegen wahrgenommen und beschädigen dieses', sagt Krispenz. Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus, Geltungsdrang, Machtstreben, dem Bedürfnis nach Nervenkitzel und moralischer Selbstüberhöhung sind schließlich oft auch jene, die sich in Vordergrund und Rampenlicht drängeln."

In der taz findet Ralf Nestmeyer es an der Zeit, Gedenkfeiern nach Anschlägen oder Naturkatastrophen nicht mehr in Kirchen stattfinden zu lassen: "Kirchen sind in einer säkularen Gesellschaft als Gedenkorte ungeeignet, da sie Menschen ohne Glaubenszugehörigkeiten ausgrenzen. Dazu erscheint es fragwürdig, wenn die Staatsspitze an Trauergottesdiensten teilnimmt, obwohl viele Opfer wahrscheinlich nicht christlichen Glaubens waren. Aus Rücksicht auf Atheisten, Agnostiker und Nichtchristen sollte die Politik darauf verzichten, allen Opfern mit Bibelversen und bischöflichem Segen unter einem christlichen Deckmantel zu gedenken. Kollektive christliche Trauergottesdienste sind nicht nur übergriffig, sondern auch respektlos gegenüber den Opfern. Der Staat sollte zentrale Trauerfeiern an religionsneutralen Orten organisieren, die allen Hinterbliebenen ermöglichen, würdevoll und ohne ideologische Vorgaben zu trauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2025 - Gesellschaft

Elon Musk hat AfD-Anhängern vor Kurzem zugerufen, dass sie wieder "stolz" auf ihr Land sein sollten und dass sie "zu viel Schuld" an der Vergangenheit auf sich nehmen. Dies geht auf den allgemeinen Irrglauben zurück, alle Welt wüsste bestens über die NS-Verbrechen Bescheid und jetzt könnte endlich nach vorne geblickt werden, schreibt Johan Schloemann in der SZ. Dem ist aber mitnichten so. "Keineswegs ist das Wissen über den Nationalsozialismus bei allen, die in Deutschland leben, heute groß, bei vielen sogar sehr dürftig. Das gilt auch für die handfesten Lehren, die man daraus über das Völkerrecht oder über Radikalisierung ziehen kann. Die Wissenschaft, ihre Vermittler, die Zivilgesellschaft und die Schulen haben da in Wahrheit noch viel zu tun. Und zu den Momenten des Gedenkens sollte einkehren, was unserer Gegenwart oft abgeht: Stille, Demut und Mitgefühl. Und ja, auch Scham."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2025 - Gesellschaft

In der SZ denkt die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer über die Forderung der Steve Bannons dieser Welt nach, "die Zone mit Scheiße zu fluten". Gemeint ist damit, "'eine Wahrheitsumgebung zu zerstören, eine Umgebung, in der Fakten zählen', beschreibt das der Schweizer Publizist Roger de Weck jüngst in einem Radiointerview. Er ortet auch 'in halb Europa eine Generaloffensive gegen die öffentlichen Medienhäuser', ihrem Bestreben nach antiaufklärerisch und antidemokratisch". Doch man kann sich wehren, ermuntert Präauer: "'Protect the zone', heißt das im Basketball. Es bedeutet, dem Gegner keine einfachen Korbwürfe zu ermöglichen. Das Eindringen von Scheiße zu verhindern, sie wegzuschaufeln. Sich von diesem Speak nicht vorführen, anleiten und dirigieren zu lassen. Sich in eine bestimmte Zone nicht abdrängen zu lassen, abzuwarten und sich zu fürchten. Nicht mitzumachen, wenn wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird. Den Shit zu ignorieren und dumm sterben zu lassen, sofern man das über einen Haufen sagen kann."

Die Affäre Gelbhaar ist ein Alptraum des Feminismus, denn hier scheint es, als sei eine wohl begründete Devise der #MeToo-Bewegung - glaube den Opfern - zynisch zu einer Intrige missbraucht worden. Dem Berliner Bundestagsabgordneten Stefan Gelbhaar waren bekanntlich Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gemacht worden - von jungen Politikerinnen der Berliner Grünen, die dafür Opfer erfunden haben. Der RBB ist in der dümmsten möglichen Weise auf diese Fiktion hereingefallen (unsere Resümees). Dass sich die Bundesgrünen im Wahlkampf nur mit spitzen Lippen zum Fall äußern, kann die Spiegel-Autorin Anna Clauß mit Blick auf den Wahlkampf noch verstehen. Aber "wo bleibt der Aufschrei der #MeToo-Bewegung? Falsche Verdächtigungen schaden ja nicht nur Männern, sondern auch allen Frauen. Vor allem den Opfern echter Übergriffe, denen künftig noch zögerlicher geglaubt werden dürfte. Als die Chefin der Grünen Jugend Jette Nietzard vor ein paar Tagen sinngemäß sagte, die Unschuldsvermutung gelte vor Gericht, aber nicht in einer Partei - gab es da Widerspruch von Feministinnen?"

Als Feministin versteht sich allerdings auch die junge Berliner Grünen-Politikerin Hacer Aydemir, die sich kurz vor der Affäre mit dem unten stehen Video erfolglos für eine Bundestagskandidatur bewarb. Aydemir arbeitete wie Shirin Kreße, die die Aussage eines Opfers erfunden haben soll, im Büro des Grünen-Poltikers Ario Mirzaie - Kreße ist inzwischen aus der Partei ausgetreten, Aydemir hat ihren Posten bei Mirzaie aufgegeben. In der BZ gibt es mehr über den aktuellen Stand. Unabhängig von der Frage, ob Aydemir an einer Intrige beteiligt war, scheint uns das Video als Zeitdokument für eine bestimmte Mentalität wichtig zu sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2025 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel berichten Alexander Fröhlich und Christian Latz neues vom Fall Gelbhaar und gehen Hinweisen nach, ob die Grünen-Abgeordnete Hacer Aydemir an der Intrige gegen Gelbhaar beteiligt war. Interessanter sind aber die letzten Absätze, denn bis jetzt blieb völlig unklar, was Gelbhaar eigentlich noch vorgeworfen wird: "Die Bundesparteizentrale der Grünen lässt nun eine Kommission die Vorwürfe im Fall Gelbhaar untersuchen und will nicht erneut gefälschten Vorwürfen erliegen. 'Es wurden angemessene Maßnahmen ergriffen, sich von der Identität der meldenden Personen zu überzeugen', heißt es in einem Schreiben des Justiziars der Grünen, das dem Tagesspiegel vorliegt. Die Fälle seien 'dahingehend plausibilisiert' worden, dass die Meldungen 'sich zu einem relevanten Vorwurf grenzverletzenden Verhaltens verdichten'. Grenzverletzung? Nach dem typischen Sprachgebrauch von Ombudsstellen, so das Schreiben, sei das 'nicht mit strafrechtlich relevantem Verhalten gleichzusetzen'. Grenzverletzung meine vielmehr 'eine durch die betreffenden Personen selbst als solche empfundene Überschreitung des persönlichen Wohlbefindens'." Was für eine Steilvorlage für Denunzianten.

Tobias Schulze fragt in der wochentaz derweil, was genau eigentlich die "Ombudsstelle" der Grünen macht: "Es ist auch nicht erkennbar, dass die Ombudsstelle etwas dafür getan hätte, die Vorwürfe aufzuklären. Die Identitäten derjenigen, die Beschwerden eingereicht hatten, hat sie nicht geprüft. Offenbar ermöglichte sie Gelbhaar nicht mal, sich zu verteidigen: Seinen Angaben zufolge erhielt er keine Details zu den Vorwürfen. Erst als der RBB berichtete, hatte Gelbhaar Anhaltspunkte, die er widerlegen konnte. Aufklärung sei auch gar nicht die Aufgabe der Ombudsstelle, heißt es jetzt vielfach aus der Partei. Sie sei keine Ermittlungsbehörde. Stellt sich die Frage: Was macht sie dann? Mit solchen Fragen stößt man in diesen Tagen bei den Grünen auf Schweigen. Verantwortliche im Bund und in den Ländern wollen noch nicht mal darüber sprechen, wie die Strukturen grundsätzlich aussehen. Aus wie vielen Menschen besteht eine Ombudsstelle? Keine Antwort. Noch nicht mal eine vertrauliche Antwort? Nein."

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Im FAS-Interview erzählt Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pélicot, vom Prozess gegen ihren Vater und Dutzende Männer, die sich an ihrer Mutter vergangen hatten, während diese betäubt war. Darian weist auf die lange verkannte Gefahr durch "chemische Unterwerfung" hin: "Es gibt wahrscheinlich Abertausende Opfer allein in Frankreich, die mit Medikamenten, Schlaftabletten, Schmerzmitteln betäubt wurden. Und da geht es nicht nur um Frauen, auch um Kinder. Das weiß ich, weil ich in den letzten drei Jahren, seit wir diese Bewegung gegründet haben, so viele Berichte bekommen habe. Das beschränkt sich nicht nur auf unseren Fall, auf unsere Familie. Sie müssen sich nur anschauen, wie viele Männer kamen, um meine Mutter in diesem Zustand zu vergewaltigen." Darians Buch über den Fall ist kürzlich erschienen.

Im Tagesspiegel-Interview äußert sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zu wachsendem Antisemitismus, deutscher Erinnerungskultur und dem erstarkenden Populismus. Ein Gespräch mit der AfD kann er sich nicht vorstellen: "Worum sollte sich das Gespräch denn drehen, und wer hätte überhaupt den Wunsch? Die Rede von Parteichefin Alice Weidel beim Bundesparteitag der AfD hat doch gezeigt, dass sie sich längst einer zerstörerischen Ideologie verschrieben hat. Ich habe die Rede als sehr populistisch wahrgenommen und sehe keine Möglichkeit, ein Gespräch mit demokratischen Regeln zu führen."