9punkt - Die Debattenrundschau

Haufen von Dingen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2019. Die taz vermisst bei der Frankfurter Ausstellung über muslimische Mode denn doch eine irgendwie geartete politische Position. In der Welt antwortet Thea Dorn auf Kritik an ihrem Zeit-Essay über Toleranz und macht sich Gedanken über den Zustand der Debatte. SZ und FR fragen, wie parteiisch die Thüringer Staatsanwaltschaft ist, die gegen das Zentrum für Politische Schönheit ermittelt. In Frankreich erregt ein Buch über "Qatar Papers" Aufsehen, das zeigt, wie der katarische Geheimdienst die Politik in europäischen Ländern zugunsten der Muslimbrüder beeinflusst.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Als Gesamtgesellschaft können wir nicht auf jede "subjektiv-individuelle Befindlichkeit" Rücksicht nehmen, sagt im großen Welt-Gespräch mit Mara Delius Thea Dorn, noch einmal auf ihren Zeit-Essay - und die erwartbare Kritik daran - (hier und hier) Bezug nehmend, in dem sie vom permanenten, milieuübergreifenden Beleidigtsein und den Grenzen von Toleranz sprach. (Unser Resümee) "Der entscheidende Unterschied zwischen mir und den meisten, die sich über meinen Artikel ereifert haben, scheint mir darin zu liegen, dass ich das dringende Bedürfnis verspüre, unsere freiheitlich-liberale Gesellschaft zusammenzuhalten, dass ich versuche, zwischen den auseinanderdriftenden und sich zunehmend feindselig gegenüberstehenden politischen Lagern zu vermitteln - während diejenigen, die sich ereifern, für ihr Milieu sprechen und den Beifall in ihrem Milieu suchen. Ich bin überzeugt, dass man als Intellektueller heute zwischen allen Stühlen sitzen muss - anstatt das Geschäft der gesellschaftlichen Radikalisierung und Spaltung zu betreiben. Wenn Sie sich umschauen auf der Welt, stellen Sie fest, dass die offene, pluralistische Gesellschaft ein krasser Sonderfall ist. Und ich möchte ergänzen: ein fragiler Sonderfall."

Heute berichtet Katharina Cichosch in der taz über die Frankfurter Ausstellung "Contemporary Muslim Fashion", und sie ist um einiges ambivalenter als die Redakteurinnen von FAZ, SZ und Zeit. Die Ausstellung wolle "ausdrücklich muslimische Mode als globales Phänomen untersuchen. Gerade hier gerät das Konzept an die Grenzen der eigenen Perspektive. So werden die real existierenden Machtverhältnisse in Ländern von Saudi-Arabien bis Iran, in denen der Islam Staatsreligion und die weibliche Verhüllung in unterschiedlichster Form und unter Androhung diverser Strafen Pflicht ist, zwar nicht verschwiegen, aber im Gesamtbild doch zur Fußnote, zu einer Art Verhandlungsmasse des jeweiligen Individuums. Wäre dieser Milliardenmarkt der muslimischen Mode, der insbesondere in Modezeitschriften immer wieder schwärmerisch vorgebracht wird, ohne diese Länder und ihre ganz handfeste Bestimmungsgewalt über Frauen, immer noch ein solcher?" Cichosch lernt in der Ausstellung auch, dass in Deutschland "nur 28 Prozent der Muslimas fürs Kopftuch optieren. Dieser bemerkenswerte Umstand schwebt dann auch eher kontextlos im Raum."

Mehr zur Ausstellung: Alexander Jürgs empfiehlt im Freitag einen unvoreingenommenen Blick. Denn "mit den Klischeebildern muslimischer Kleidung (die, niemand wird das bestreiten, immer auch einen Teil der Wirklichkeit abbilden) haben die Entwürfe im Museum nichts gemein".

In der FR greifen Katja Thorwarth und Ulrich Weih den Verdacht des Zentrums für Politische Schönheit auf, der ermittelnde Staatsanwalt stehe der AfD nahe. Auch Politiker der Linken teilen den Verdacht, wie Matthias Meisner im Tagesspiegel zusammenträgt: "Die thüringische Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss veröffentlichte auf ein Twitter einen Thread mit der Zusammenfassung, dass Zschächner seit seit mehreren Jahren 'insbesondere mit Ermittlungen gegen linke Strukturen auffällt'. Er werde, wenn es gegen diese gehe, 'hyperaktiv'. Gegen Nazis gebe es im Vergleich wenig. 'Ich unterstelle mittlerweile eine politische Motivation bei den Ermittlungen des Herrn Zschächner', schrieb König-Preuss."

So weit geht Alex Rühle in der SZ nicht, meint aber: "Zumindest merkwürdig ist, dass der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gera, Martin Zschächner, der am Mittwoch den meisten Medienvertretern, so auch der SZ, beschied, die Staatsanwaltschaft könne keine Auskünfte erteilen, justament derselbe Staatsanwalt ist, der gegen das ZPS ermittelt. Er hätte diese Doppelfunktion zumindest erwähnen sollen. Zum anderen gab er wohl doch verschiedentlich Auskunft, während er den Anwälten des ZPS jede Akteneinsicht verwehrte. So erfuhr der Spiegel, dass das Verfahren eingeleitet wurde wegen der Behauptung des ZPS, Höcke observiert zu haben."

Eine der größten ökologischen Katastrophen in Europa ist das Verschwinden der Wiesen, schreibt Michael Miersch bei den Salonkolumnisten. Dieser Rückgang trage maßgeblich zum Insektensterben bei. Die meisten Wiesen heutzutage seien überdüngte Grünäcker, auf denen weniger Grassorten wachsen als auf einem Fußballfeld. Und dann gibt's da noch ein anderes Problem: "Zwischen 1990 und 2013 wurden 600.000 Hektar Grünland umgepflügt. Wichtigster Treiber dieser Entwicklung war die Energiewende. Viele Landwirte errichteten subventionierte Biogasanlagen und wandelten ihr Grünland in Maisäcker um. Heute wächst auf über 2,5 Millionen Hektar Fläche Mais. Die Landschaft ganzer Regionen wird von Mais geprägt. Im Mais fühlen sich Wildschweine wohl. Fast alle anderen Tiere leider nicht."

Im Interview mit Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) spricht die Schriftstellerin Jagoda Marinic über Frauenrechte und den #vonhier, unter dem Kinder von Einwanderern fordern, den Migrationshintergrund nicht mehr zu thematisieren: "Es ist gefährlich, die eigene Herkunft unsichtbar zu machen, als wäre sie ein Stigma. So zu tun, als gäbe es keine sichtbare Differenz, wäre für mich vorauseilende Assimilation. Sehen Sie in die USA: Der Bindestrich in der Identität war immer existenzieller Bestandteil des Narrativs, wie etwa Irish-American zu sein. Man erzählt von den Vorfahren, die mit ihren Schiffen auf Ellis Island ankamen und so weiter. In dem Moment, in dem ich nur 'von hier' bin, da ich nicht mehr gefragt werde, wie ich heiße und woher mein Name kommt, verstummen diese Geschichten."
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Kulturpolitik

Für die SZ resümiert Jörg Häntzschel die vom Kulturausschuss des Bundestages anberaumte Sitzung zur Kolonialgeschichte, an der neben Monika Grütters auch Hermann Parzinger und Benedicte Savoy teilnahmen: "Kirsten Kappert-Gonther von den Grünen verlangte, die Herkunftsländern sollten einen rechtlichen Anspruch auf gestohlene Objekte bekommen. Andere, wie Guido Gryseels vom Afrika-Museum im belgischen Tervuren, erwiderte: 'Zurückgeben, gerne, aber an wen?' Für Savoy hingegen beginnt das Problem bei der Kultur in den Museen", die ihre Bestände nicht ausreichend erforscht und dokumentiert hätten. "Was jetzt schon existiere an Inventaren, müssten die Museen endlich zugänglich machten. Heute seien sie wie Bibliotheken ohne Kataloge, 'Haufen von Dingen'. Parzinger und Wiebke Ahrndt vom Überseemuseum Bremen wiesen die Schuld daran von sich. Das Geld reiche ja kaum, um die Anfragen nach einzelnen Objekten zu beantworten."

Medien

Sehr verdienstvoll stellt Friedhelm Greis bei golem.de einige fromme Lügen Mathias Döpfners zum "Leistungsschutzrecht" richtig. Er bezieht sich dabei auf ein Interview Döpfners in Meedia (unser Resümee), in dem der Springer-Chef unter anderem behauptete, dass gerade auch kleinere und mittlere Medien vom Leistungsschutzrecht profitieren würden. Falsch, so Greis: "Döpfner bezeichnete in dem Interview den 'Vorwurf', dass Axel Springer besonders von der neuen Regelung profitieren würde, als 'absurd'. Das ist er aber nicht. Denn die Vergütungen der Verwertungsgesellschaft (VG) Media richten sich zu 98 Prozent an den Klickzahlen der IVW aus. Daher würden die Angebote des Axel-Springer-Verlages wie Bild.de, Welt.de und viele weitere derzeit fast zwei Drittel der Einnahmen nach dem deutschen Leistungsschutzrecht verbuchen. Kleine und mittlere Verlage würden kaum vom Leistungsschutzrecht profitieren, falls es jemals zu nennenswerten Lizenzzahlungen kommen sollte."  Ganz abgesehen davon, dass sie viele kleine Verlage die Mitgliedschaft in der IVW schlicht nicht leisten können und Blogger von dem Gesetz ganz ausgeschlossen sind! (Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung, kurz IVW, misst für Medien die Verbreitungszahlen, die wederum Grundlage der Anzeigenpreise sind. D.Red.)

Die SZ berichtet unterdessen, dass Bundesjustizministerin Katarina Barley der Regierung empfehlen wird, der EU-Urheberrechtsreform zuzustimmen.

Weitere Artikel: Für Zeit Online untersucht der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff die medialen Taktiken der Neuen Rechten.
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Europa

In letzter Minute deuten sich Kompromisse zwischen Theresa May und Jeremy Corbyn an, um den Brexit doch noch in eine vernünftigere Bahn zu bringen. Paul Taylor diagnostiziert in politico.eu bereits auf eine Anwandlung von Common sense und gewinnt dem Spektakel der letzten Monate damit fast eine patriotisch-tröstliche Qualität ab. "Obwohl Britannien weltweit im Ruf einer geschickten Diplomatie, des Pragmatismus und gesunden Menschenverstands steht, ist die Wahrheit, dass die Briten Jahrhunderte damit verbracht haben, gegeneinander zu kämpfen und dass sie dazu tendieren, weniger den Patriotismus als den Kompromiss als letzte Ausflucht eines Schurken zu betrachten. Diese zentrale Element britischer Politik hat sich als historisch inkompatibel mit einer Mitgliedschaft in der EU erwiesen - eines Orts stetiger Kompromisse und langwieriger Prozeduren."

Im Dlf-Kultur-Gespräch mit Frank Meyer erklärt der französische Philosoph Bernhard-Henri Levy, der aktuell mit seinem Ein-Personen-Stück "Looking for Europe" durch Europa tourt, weshalb sich so viele Menschen von der europäischen Idee abwenden: "Der eine ist, dass in ganz Europa populistische Ideologien auf dem Vormarsch sind. Schauen Sie nach Frankreich, die gilets jaunes, die Gelbwesten: das ist ein Neofaschismus, vielleicht ein softer Faschismus, aber ich würde durchaus sagen, das kann man als Faschismus bezeichnen. Der zweite Grund ist der, die Europäische Kommission hat sich selbst in ein bürokratisches Monster verwandelt. Sie ist kalt, hat den Enthusiasmus der Europäer zum Erliegen gebracht, getötet."
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Politik

Das Buch "Qatar Papers" der Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot erregt in Frankreich und der Romandie Aufsehen. Es weist nach, wie der katarische Geheimdienst den Muslimbrüdern nahestehende Organisationen in ganz Europa durch großzügige Geldmittel unterstützt, um Änderungen in der Politik der Länder durchzusetzen. Nebenbei ist dort auch von Tariq Ramadan die Rede. Bernadette Sauvaget und Willy Le Devin konnten für Libération Dokumente einsehen, wonach Katar Ramadan 35.000 Euro monatlich für seine Dienste zahlte. Er leitete unter anderem ein theologisches Zentrum namens Cile in Doha. "Aber seit seiner Freilassung aus der Untersuchungshaft im vergangenen November hat sich Katar deutlich distanziert. Zwar besteht er auf seiner Unschuld, aber der Theologe ist untragbar geworden, seit er ein Doppelleben eingestand, das sehr wenig im Einklang mit der islamischen Moral stand. Ramadan wurde als Chef des Cile inzwischen ersetzt. Nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter soll sein Vertrag mit Katar in den kommenden Monaten auslaufen."
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