9punkt - Die Debattenrundschau

Mit dem Teufel rechnen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2018. In der Welt glaubt Robert Menasse: Ohne die Briten und ihre Sonderstatus aus Privilegien und Aunahmen wird die EU viel besser dastehen! Die taz besingt den tragischen Helden Alexis Tsipras, der nicht nur Griechenland, sondern auch die Eurozone rettete. Netzpolitik erklärt die Ideologie von Blockchain. Die FAZ wirft einen Blick auf die neue Industriekulturindustrie. Und in der NZZ bekennt Giorgio Fontana: Im Elfenbeinturm lernt man, der Rhetorik zu misstrauen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2018 finden Sie hier

Europa

Um die Schotten tut es ihm wirklich leid, doch ansonsten ist der österreichische Schriftsteller Robert Menasse heilfroh über den Brexit. In der Welt macht er seinem ganzen Unmut über die Briten Luft, die nicht einmal die Menschenrechtscharta unterzeichnen wollten: "In Wahrheit war Großbritannien nie ein Mitglied der Europäischen Union. Es hatte einen Sonderstatus aus Privilegien, Ausnahmen und Vorbehalten, und dieser Sonderstatus wurde eben 'Mitgliedschaft' genannt. Der Brexit ist zunächst nichts anderes als die Enttäuschung nach der Täuschung, die ins Recht gesetzte beziehungsweise ins Recht zu setzende Realität, nur eben künftig ohne Privilegien für Großbritannien. Zumindest wird es so sein, wenn es der Kommission gelingt, in dieser Frage zur Abwechslung keinen gravierenden Fehler zu machen."

In der taz besingt Jürgen Gottschlich Alexis Tsipras als tragischen Helden, der Griechenland und die Eurozone vor dem Abgrund bewahrt habe, dem das aber niemand danken wird: "Längst ist er in weiten Teilen der Bevölkerung zum Gesicht der Krise geworden, bei der Rechten verhasst und von vielen Linken als Verräter geschmäht. Zudem ist er in einem weiteren Akt der Verantwortung dem nationalistischen Furor im Namensstreit mit Mazedonien entgegengetreten und hat mit der Regierung in Skopje einen Kompromiss ausgehandelt, der bei der bevorstehenden Abstimmung im Parlament dazu führen wird, dass sein rechter Koalitionspartner dagegen stimmt und er seine Mehrheit verliert. Die dann fälligen Neuwahlen wird er wohl nicht überstehen. Alle Europäer, die für ein soziales, demokratisches Europa kämpfen, verlieren dann einen wichtigen Mitstreiter. Auch weil sie ihn über Jahre alleingelassen haben."

Matt Seaton versucht im Blog der NYRB, in NYR Daily, den AmerikanerInnen zu erklären, warum Jeremy Corbyn den Antisemitismus bei Labour nicht in den Griff bekommt. Er sieht den Streit um die Frage als Stellvertreterkrieg zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten: "No one seriously believes that Corbyn himself is an anti-Semite, nor disbelieves his protestations that he is a lifelong anti-racist. It is necessary to understand, though, that his mishandling of the anti-Semitism crisis is not a display of incompetence; it comes from his being unwilling and, in fact, unable to disavow one iota of the hard-left ideology, including reflexive solidarity with any group describing itself as a national liberation movement, to which he has adhered all his adult life. His foot-dragging on this issue is thus a feature, not a bug."

Internet

Auf netzpolitik.org widerspricht Franz von Weizsäcker einigen verbreiteten Meinungen in Sachen Blockchain, etwa dass es dasselbe sei wie Bitcoin. Oder dass Blockchain eine Ideologie sei: "Ein Meinungsartikel von Michael Seemann in der taz beschreibt die Blockchain-Technologie als eine Ideologie. Und da hat Michael Seeman auch ein kleines bisschen Recht. Auf den zahlreichen Blockchain-Konferenzen kann dieser Eindruck entstehen, denn dort findet man Evangelisten, Liberalisten, Showmaster und Visionäre, die in der Community einen regelrechten Guru-Status erlangt haben. Aber anders als in einer Sekte ist das Spektrum der Meinungen sehr vielfältig. Wenn man eine Gemeinsamkeit in der Ideologie erkennen möchte, dann fällt mir dazu am ehesten dieser Punkt aus der Hacker-Ethik ein: 'Misstraue Autoritäten, fördere Dezentralisierung'."

Der Urheberrechtslobbyist und Blogger Volker Rieck ärgert sich in der FAZ nicht nur über die griffigen Schlagworte, mit denen die Gegner der neuen EU-Richtlinie "Linksteuer" und "Uploadfilter" belegt haben, sondern auch über die Methoden, mit denen amerikanische Internetkonzerne im Verbund mit NGOs wie die Electronic Frontier Foundation (EFF) agiert haben: "In der Woche vor der Abstimmung wurden die Mail-Postfächer der EU-Abgeordneten nämlich mit automatisch generierten Mails überflutet. Einige EU-Abgeordnete berichteten von zirka 60.000 Mails, die sie erreicht haben. Insgesamt sollen sechs Millionen Mails auf diese Weise an die EU-Abgeordneten geschickt worden sein. Man vergleiche das mit dem Grüppchen Demonstranten in Berlin. Fast alle Mails waren inhaltsgleich, vorformuliert und vorformatiert, etliche mehrfach vom selben Absender, viel soll ja viel helfen."

Gesellschaft

In der NZZ erklärt Hoo Nam Seelmann, warum es in Korea so wenig Familiennamen gibt: Allein Kim heißen 21,5 Prozent aller Koreaner mit Nachnamen, die fünf häufigsten Familiennamen - Lee, Park, Cho - teilen sich 53,6 Prozent der Bevölkerung: "Wie in den meisten anderen Ländern auch breiten sich die Familiennamen in Korea von der Oberschicht in mehreren Phasen nach unten aus. Manche historischen Umwälzungen beschleunigten diesen Prozess. Ende des 10. Jahrhunderts fand ein Dynastiewechsel statt, und der neue König verlieh Namen an viele einflussreiche Familien, um diese an sich zu binden. Hier entstand die bis heute gültige Tradition, den Familiennamen und den Heimatort desjenigen Ahnen, der als Erster den Namen führte, stets als eine Einheit zu sehen. Die Bindung des Namens an einen bestimmten Ort wird 'Bon' genannt, was Ursprung bedeutet."

Entsteht im Ruhrgebiet eine neue Industriekulturindustrie? Den beiden Historikern Pia Eiringhaus und Jan Kellershohn behagt der propagierte Wandel nicht, wie sie in der FAZ deutlich machen: "Der Blick hinter die Kulissen der postindustriellen Dreifaltigkeit von Kultur, Natur und Wissen verdeutlicht die unbemerkte Präsenz systematischer Ausschlüsse. Die lineare Erfolgsgeschichte der achtziger Jahre, die Erzählung vom Fortschritt durch Reindustrialisierung, machte die damaligen Strukturwandelverlierer immerhin eindeutig identifizierbar. Dagegen bleibt die binäre Erzählstruktur von heute mit ihren Leitdifferenzen von Unkultur und Hochkultur, Schmutz und Reinheit, Dummheit und Wissen hochgradig undurchsichtig."
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Stichwörter: Korea, Familiennamen

Ideen

Daniele Dell'Agli denkt im Perlentaucher über den seit den neunziger Jahren dank der Kulturwissenschaften und Medien immer weiter aufgeblähten Rassismusbegriff nach: "Längst hat die Dialektik der Begriffsaufblähung den kritischen Impetus entwertet: am Ende steht die Verwunderung über gute Sprachkenntnisse neben der verweigerten Wohnung und dem Anzünden eines Flüchtlingsheims unter demselben Rassismusverdacht."

Leichtes Unbehagen beschleicht den italienischen Schriftsteller Giorgio Fontana, der als Stipendiat in Montricher den Luxus kreativen Schaffens in idyllischer Abgeschiedenheit genießen durfte. Womit hat er das Privileg verdient? Wie lässt sich der Elfenbeinturm rechtfertigen? "Ich gestehe freilich, dass mir die Vorstellung einer moralischen Gegenleistung nicht fremd ist. Es müsste eine Gegengabe sein, die dem Privileg der Klausur ebenbürtig wäre. Für die Rückkehr in den komplexen und konfliktreichen Alltag werde ich brauchen können, was ich in diesem Turm aus Beton und Glas einübe: weniger Rhetorik, weniger reflexartige Antworten auf die Fakten, einen gemäßigten Skeptizismus, vor allem aber: gelassene Nüchternheit."

Welt-Autor Thomas Schmid erklärt, wie Liberale sein müssten, wenn es in Deutschland Liberale oder gar eine liberale Partei gäbe. Sie dürften "nicht einem anthropologischen Optimismus anhängen, sie müssen die Gefahren, die etatistische Versuchung, die allgegenwärtigen Hindernisse und auch das Böse in Rechnung stellen. Der Philosoph Helmuth Plessner hat schon neun Jahre vor Hitlers Griff zur Macht festgestellt: 'Mit der Wirklichkeit rechnen heißt mit dem Teufel rechnen.' Das selbstgenügsame Verwalten scheinbar ewiger Gewissheiten macht den Liberalismus zahnlos und entkräftet ihn."