9punkt - Die Debattenrundschau

Die Schlüssel der Kirche

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2018. Die Debatte über Mesut Özils Rücktrittsbrief dominiert die Medien. Viele machen sich seinen Rassismus-Vorwurf zu eigen. In der SZ widerspricht Migrationsforscher Özkan Ezli. Sehr kritisch äußert sich auch der deutsch-türkische Boxer Ünsal Arik in der FAZ, der vor allem Özils Engagement für Erdogan anprangert. Die NZZ staunt über die vielen Fraktionen unter den wenigen Christen in Israel. In politico.eu mahnt der polnische Politiker Robert Biedroń die EU, Polen keine Subventionen zu entziehen - statt dessen sollte sie vor allem proeuropäische lokale Initiativen unterstützen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Debatte um Mesut Özil dominiert die Medien. Seinem Rassismus-Vorwurf wird weithin zugestimmt, wie ein Link auf Twitter zeigt.

Jan Feddersen verteidigt Özils Rassismus-Vorwurf in der taz gegen die DFB-Spitze und sieht eher einen Fall Reinhard Grindel als einen Fall Özil: "Es spricht viel dafür, dass Özils bittere Abrechnung mit dem undankbaren DFB zu einem Verzicht türkischstämmiger deutscher Spieler auf die Dienste für den DFB führt. Sie könnten schließlich auch für die türkische Nationalmannschaft spielen. Man darf insofern formulieren: Reinhard Grindel hat, aus intellektueller Unterkomplexität oder politischer Dummheit, Deutschlands Fußballzukunft zu einer offenen Frage gemacht."

FAZ-Redakteur Patrick Bahners setzt sich vor allem kritisch mit der Bild-Zeitung auseinander, die Özil Larmoyanz vorgeworfen hat: "Spielverderber, Heulsuse, Memme: das sind Klischees aus der untersten Schublade der Bolzplatzausrüstung. In der Özil-Affäre entfalteten sie eine toxische Wirkung, weil sie dafür eingesetzt wurden, die staatsbürgerliche Loyalität des Deutschen Mesut Özil in Zweifel zu ziehen."

Anders sieht es sein FAZ-Kollege Michael Hanfeld, für den Özils Statement ganz auf der Linie Erdogans liegt: "Denn jetzt hat sein Justizminister Abdulhamit Gül die Gelegenheit zu sagen, Mesut Özil habe mit dem Verlassen des deutschen Nationalteams 'das schönste Tor' geschossen - 'gegen das Virus des Faschismus'. Diesen 'Faschismus'-Vorwurf haben Erdogan und seine Lautsprecher in den vergangenen Jahren immer wieder erhoben, wenn es darum ging, Politik und Gesellschaft in Deutschland maximal einzuschüchtern und zu spalten. Faschismus plus Rassismus plus Opfer-Legende. Darauf lautet der kommunikative Dreisatz Erdogans."

Der Migrationsforscher Özkan Ezli stellt im Gespräch mit Kathleen Hildebrand von der SZ als einer der wenigen den Begriff des "Rassismus" entschieden in Frage. Diskrimierung habe es gegeben, ja, aber auch hier sei die Sache komplex: "Der Punkt ist ja, dass etwas vorgefallen ist. Özil wird nicht einfach nur wegen seiner Herkunft ausgegrenzt. Das macht die Angelegenheit so komplex. Özil ist zum Teil Opfer, aber er ist auch Täter. Er hat dieses Foto machen und verteilen lassen, er hat dazu nichts gesagt. Er hat an der Pressekonferenz nicht teilgenommen - und tritt danach von sich aus zurück. Er hat ja eine Handlungsmacht als Spieler. Zugleich gibt es eine Diskriminierungswelle, die eingesetzt hat, weil ein Makel ins Spiel gekommen ist: Özil ist ein Erdoganist. Mit diesem Makel umzugehen, ist extrem schwierig für eine Branche, die von Werbung lebt."

Kritisch auch Gökalp Babayigit im Leitartikel der SZ: "Wer der Türkei verbunden ist und das Land seiner Eltern liebt, der sollte nicht nur das höchste Staatsamt respektieren. Der sollte auch auf der Seite des Volkes stehen, wo zurzeit viele Menschen gegängelt und unterdrückt werden." Eines will Babayigit aber nicht hinnehmen: "In Deutschland ist es immer noch die nicht-betroffene Mehrheit, die definiert, wer Rassismus ausgesetzt ist und wer nicht."

Der deutsch-türkische Boxer Ünsal Arik kritisiert Özil sehr scharf im Gespräch mit Sebastian Eder von FAZ.Net: "Er hat sich politisch auf die Seite eines Diktators gestellt und ihn im Wahlkampf unterstützt. Ich engagiere mich seit Jahren gegen Erdogan, weil Tausende unschuldige Menschen wegen ihm im Gefängnis sitzen. Viele Sponsoren und Veranstalter in Deutschland sagen mir deswegen: Tut uns leid, aber mit Politik wollen wir nichts zu tun haben. Dann kann man auch zu Özil sagen: 'Du vermischst Sport und Politik und unterstützt politische Werte, für die wir nicht stehen. Also können wir dich leider nicht mitnehmen.' Das ist nicht rassistisch, sondern richtig."

Das News-Portal Watson hat Äußerungen von Funktionären, Mitspielern und Politikern zu dem Özil-Erdogan-Wahlkampffoto zusammengetragen - rassistisch sind sie nicht.
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Religion

Der Anteil der Christen in Israel ist winzig, 1,7 Prozent, obwohl sie dort Religionsfreiheit genießen. Gleichzeitig sind sie die einzige Gemeinde im Nahen Osten, die noch wächst. Aber Streit gibt's hier natürlich auch, berichtet Daniela Segenreich, die mehrere christliche Familien besucht hat, in der NZZ: So viele regionale Versionen gibt es - von griechisch-katholisch bis zu den Maroniten - da funktioniert die Kommunikation nicht immer glatt. "So wird die Grabeskirche in Jerusalem von sechs verschiedenen christlichen Konfessionen verwaltet, wobei die griechisch-orthodoxe, die durch den Orden der Franziskaner vertretene römisch-katholische sowie die armenisch-apostolische Kirche federführend sind. Das hatte in der Vergangenheit immer wieder Streitigkeiten zur Folge und machte gemeinsame Entscheidungen, wie etwa für eine Renovierung, unmöglich. Wegen dieser Uneinigkeit verwahrt seit Jahrhunderten eine alteingesessene muslimische Familie die Schlüssel der Kirche und trat auch immer wieder als Vermittlerin auf."
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Stichwörter: Israel, Christen in Israel

Europa

Man kann nicht mit rechter Politik Rechtspopulisten bekämpfen, schreibt Isolde Charim in ihrer taz-Kolumne. Und wer hoffe, mit der Eindämmung der Flüchtlingszahl den Furor zu bekämpfen, irrt. "Warum? Weil die populistische Gesellschaft der Homogenität ein Fake ist. Weil Populismus ein Projekt der Spaltung ist. Weil er eine Einheit suggeriert, die immer wieder neue Spaltungen in der Gesellschaft eröffnet. Weil er immer wieder neue Nicht-Zugehörigkeiten ausmachen wird. Orban hat das bereits vorgemacht. Nach den Flüchtlingen zauberte er den nächsten Sündenbock aus dem Hut: den Juden Soros."

Der Widerstand gegen die Gerechtigkeitspartei wird in Polen vornehmlich auf lokalpolitischer Ebene geleistet. Wenn die EU Polen Subventionen entzieht, wird genau diese Ebene am meisten leiden, schreibt Robert Biedroń, Bürgermeister von Slupsk in Polen und Gründer einer Kampagne gegen die Diskriminierung Homosexueller, in politico.eu: "Der Entzug der finanziellen Unterstützung für Länder, die sich nicht an die Rechtsstaatlichkeit halten, ist ein gefährlicher Vorschlag. Es besteht die Gefahr, dass der Rückhalt der Bevölkerung für das europäische Projekt unter den Wählern schwindet und es für die demokratischen Kräfte Polens äußerst schwierig wird, eine EU-freundliche Agenda zu verteidigen." Die richtige Reaktion wäre es stattdessen, diejenigen direkt zu treffen, die das Recht in Polen untergraben und statt dessen lokale und NGO-Aktivitäten zu unterstützen, so Biedroń.

Der Brexiteer Daniel Johnson, einst Deutschlandkorrespondent des Daily Telegraph, nimmt in der Welt Abschied von den Deutschen: "In der gegenwärtigen Krise muss die Pflicht, unserem Volksentscheid vor zwei Jahren treu zu bleiben, schwerer wiegen als die Hoffnung, jenseits des Kanals beliebt zu sein."

Unterdessen sollten die Briten die stiff upper lip trainieren, meint Polly Toynbee im Guardian: "John Manzoni, der oberste Beamte des Landes, sagte letzte Woche zu Abgeordneten, ein No-Deal-Break wäre 'fast unvorstellbar' und hätte 'fürchterliche Konsequenzen'... Manzoni mahnt, dass Nahrung und Medikamente eingelagert werden. 'Wir müssen Reserven anlegen.' Nahrungsreserven anlegen - eine Order in Panikzeiten. Aber klar, die Hälfte unserer Nahrung wird importiert, 80 Prozent davon aus Europa via Dover."
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