9punkt - Die Debattenrundschau

Diesmal in Zeitlupe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2018. Ist Italien in einer Sackgasse, fragt die Welt. Die Kommentare aus Italien selbst klingen jedenfalls ungewohnt dramatisch - der Corriere beklagt nebenbei eine Kampagne deutscher Medien gegen Italien. taz und politico.eu thematisieren die zwiespältige Stimmung in Europa nach dem Brexit und den großen Auftritten Macrons. Der Guardian berichtet über die schockierende Zahl von Zwangsheiraten in Großbritannien. In der NZZ spricht der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa über die Zerstörung der Revolution in seinem Land.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2018 finden Sie hier

Europa

In Italien ist der Versuch einer Regierungsbildung der doppelten Populisten am Veto des italienischen Präsidenten Sergio Mattarella gescheitert, der um seine Rolle wahrlich nicht zu beneiden ist, kommentiert Thomas Schmid in der Welt: "Hätte er dem Wunsch der Lega nachgegeben, Paolo Savona zum Finanzminister zu ernennen,  hätte er wider besseres Wissen auf sein verbrieftes Vetorecht verzichtet. Und er hätte die Sorge der EU über die Entwicklung in Italien noch weiter gesteigert. Installiert er aber eine 'technische' Regierung, dann nährt er den ohnehin schon weit verbreiteten Verdacht, die Eliten machten alle wichtigen Dinge ohne Rücksicht auf das Volk unter sich aus. Italien befindet sich, vorsichtig ausgedrückt, in einer Sackgasse."

Die Italiener sind an gescheiterte Regierungsbildungen gewöhnt. Der Ton in den italienischen Zeitungen und Blogs ist allerdings dramatischer als sonst: Luciano Fontana unterstützt im Leitartikel des Corriere die Entscheidung des Präsidenten, einen EU-feindlichen Finanzminister nicht zu akzeptieren: "Der Präsident der Republik hat in Ausübung seiner Befugnisse die beiden Parteien aufgefordert, eine geeignetere Person zu benennen, um uns bei den heiklen Wirtschaftsverhandlungen, die uns bevorstehen, zu vertreten.  Eine Persönlichkeit, die vor allem den Verdacht auslöscht, dass Italien seine Schulden nicht begleichen will und den Zusammenbruch des gesamten europäischen Aufbauwerks anstrebt. Die Entscheidung hilft auch, der vulgären und ungerechten Kampagne der deutschen Medien gegen unser Land entgegenzutreten und zu zeigen, dass wir von Europa zurecht verlangen, eine Seite umzublättern."

Bei Linkiesta spricht der Mailänder Journalist Massimo Fina dagegen von einem "Staatsstreich" des Präsidenten, der die Absetzung riskiere. Und bei politico.eu erzählen Jacopo Barigazzi and Paul Dallison das Geschehen als "Oper in hundert Akten".

Die in Paris lebende Autorin Annabelle Hirsch schreibt in der taz eine schöne Kolumne über die Stimmung in Frankreich. Das großartige Gebaren Emmanuel Macrons habe auch dazu geführt, "dass innerhalb eines Jahres all die Tragik der letzten drei fantastisch erfolgreich verdrängt wurde. Dass sich keiner mehr daran erinnert, wie sagenhaft schlecht es Frankreich ging, wie depressiv und schwer die Stimmung über den Straßen von Paris hing, wie dramatisch die Wahl hätte ausgehen können." Als Gegengift gegen diese leichte Benebelung empfiehlt Hirsch Philippe Lançons Buch "Le Lambeau" (der Fetzen): "Lançon, selbst Journalist, saß bei dem Anschlags auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in jenem Konferenzraum, in dem die Karikaturisten Cabu, Charb, Wolinski von den Kouachi-Brüdern erschossen wurden, er verlor dort seinen Unterkiefer. Heute, drei Jahre und 16 Gesichtsoperationen später, hat er alles aufgeschrieben."

Nicht nur Macron hatte die Stimmung in Europa verändert, sondern vorher schon der Brexit, schreibt Matthew Kaminski in politico.eu. Allerdings ist der Aufbruchsgeist nach Macrons Wahlsieg inzwischen wieder verflogen. Die Wahlergebnisse in Deutschland, Österreich und in Italien haben gezeigt, dass die Populisten keineswegs auf dem Rückzug sind: "Vielleicht ist es Verdrängung oder Müdigkeit. Die Krise bewegt sich diesmal in Zeitlupe und ist noch nicht voll ausgebrochen. Europa weiß, wie sich das anfühlt. Aber so wie manche sagen, dass die Europäer nach dem Brexit ihre Liebe zu Europa wiederentdeckten - und das taten sie -, so unbestreitbar ist, dass mehr Länder denn je von Leuten regiert werden, die gegen 'das Projekt' sind."

Georgien wird dieses Jahr Gastland der Buchmesse sein. So häufen sich die Journalisten-Reisen und die Artikel in den Zeitungen: Vor hundert Jahren schon war Georgien mal eine freie Republik, schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ, aber nur für drei Jahre, dann wurde es von den Bolschewiken einkassiert. Heute wird der freien Republik in vielen Veranstaltungen gedacht: "Dass es immer wieder um das Verhältnis zu Russland geht, wenn man in Tiflis mit Georgiern spricht, erstaunt nicht weiter, selbst dort, wo die Konfliktlinien eindeutig innerhalb der Gesellschaft verlaufen, zwischen Traditionalisten, Nationalisten, der georgischen Kirche und jenen, die sich Richtung Westen orientieren. Da ist etwa der weit über die Grenzen des Landes äußerst beliebte Techno-Club Bassiani in Tiflis, in dem die Polizei kürzlich eine Drogenrazzia durchführte." Über die Clubszene und den Protest gegen die harte Drogenpolitik in Georgien spricht auch Pola Kapuste in der taz mit den Clubbetreibern und Aktivisten Beqa Tsiqarishvili und Paata Sabelashvili (siehe efeu).
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Gesellschaft

In drei Jahren wurden der Polizei in Britannien über 3.500 Zwangsheiraten gemeldet, berichtet Hannah Summers im Guardian. Eine Hilfseinrichtung erhielt im selben Zeitraum gar 22.030 Anrufe. "The new figures reveal the shocking extent of forced marriage in Britain - a crime that experts say should be investigated and prosecuted as a form of modern slavery. They point to the fact that a guilty verdict last week against a mother who trafficked her daughter to be married in Pakistan was the first of its kind in the country despite the large number of reported offences." In einem zweiten Bericht schildert Summers einige grausame Beispiele für diese Art der modernen Sklaverei.

Dass in Syrien lange unterschiedliche Religionen friedlich zusammenlebten, ist gewiss nicht Assad zu verdanken, meint im Interview mit der NZZ der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa: "Wo das Zusammenleben in Syrien funktioniert, verdankt sich das einer uralten Tradition - aber sicher nicht dem Regime." Aber auch den radikalen Islam lehnen die Syrer ab, erklärt er: "Diese Organisationen wurden als Widerpart bestehender Regime aufgebaut, damit diese durch den Kampf gegen den radikalen Islam ihre Existenz und ihre Politik rechtfertigen konnten. ... Denn wenn die syrische Revolution erfolgreich gewesen wäre, dann hätte sich die Bewegung vielleicht weiter ausgebreitet, nach Saudiarabien, nach Iran. Darauf war man in diesen Ländern ganz sicher nicht erpicht, und man tat alles, um die Revolution zu zerstören."
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Medien

Liegt es auch an der gefürchteten ePrivacy-Verordnung der EU? Spiegel und Spiegel online haben mal wieder ihr Bezahlmodell für digitale Inhalte auf den Kopf gestellt. Jetzt kostet das digitale Bezahlangebot 20 Euro im Monat. Einzelne Artikel bezahlen, geht nicht mehr. Spiegel daily wird abgeschafft. Produktchef Stefan Plöchinger erklärt das neue Modell im Gespräch mit Marvin Schade von Meedia: "Sie brauchen einen möglichst großen Reichweiten-Trichter, damit am Ende möglichst viele Menschen in Ihr Abo-Modell purzeln. In diesem Sinne muss Reichweite aber etwas differenzierter gesehen werden als früher. Sie ist kein Zweck an sich mehr. Eine moderne Traffic-Strategie legt Wert darauf, Leserloyalität zu fördern und nicht einfach Klicks zu sammeln." Spiegel online gehört wie Bild online zu den Medien, die anonymen Nutzern oder Nutzern mit Adblockern, die sich nicht tracken lassen wollen, den Zugang zu ihrem Inhalt versperren.
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Internet

Alles in allem verteidigt Constanze Kurz bei Netzpolitik die Datenschutzgrundverordnung (DGSVO): "Es bleibt dabei, dass wir alle immer wieder über Datenschutz und damit zusammenhängende fundamentale Rechte aller Europäer reden sollten und darüber, was das unter den Bedingungen einer weit überwiegend werbeorientierten Digitalwelt bedeutet. Denn das war erst der Anfang von vielen Diskussionen, die unweigerlich auf uns zukommen werden. Wartet mal erst die Schlacht um ePrivacy und Tracking ab." (Unser Resümee) Die der Netzpolitik nahestehende Digitale Gesellschaft hat mit Mitteln des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz ein nützliches Portal "Deine Daten Deine Rechte" aufgebaut, das es Internetnutzern erlaubt, sich über Datenschutz und Sanktionsmöglichkeiten gegen Seitenbetreiber zu informieren.

Wir müssen lernen, wie Künstliche Intelligenz funktioniert - wo ihre Vorzüge und wo ihre Grenzen liegen. Kunst ist dafür ein gutes Anschauungsfeld, meint im Interview mit der SZ Googles "Creative Technologist" Ross Goodwin. Er lässt Computerprogramme Gedichte und Filmdrehbücher schreiben. Die Resultate sind vom künstlerischen Standpunkt aus offenbar nicht besonders gelungen, aber darauf kommt es Goodwin nicht allein an: "Wenn ich einen Computer anhand eines Bildes automatisch ein Gedicht generieren lasse, ist das Gedicht allein nicht das Kunstwerk, sondern die Maschine. Ich bin der Künstler. ... Ich schreibe meine Gedichte mit einer neuen Art von Stift, einer sehr komplizierten Schreibmaschine. So erst wird es künstlerisch interessant.
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