9punkt - Die Debattenrundschau

Nur fair trade, nur bio, flüchtlingsfreundlich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2018. Die Eta löst sich auf und gibt das in einem Abschiedsschreiben bekannt. Was sich nicht auflöst ist aber die "teigige Revolutionsprosa" der Terrorgruppe, so Paul Ingendaay in der FAZ. Siebzig Jahre Israel haben nur einen größeren Nachteil: siebzig Jahre Israelkritik aus Deutschland, meint Marko Martin in Dlf Kultur. In der SZ schlägt Adrian Lobe einen Datenemissionshandel vor, der nach Michael Sandel in der NZZ sicher auch unserem Gehirn bekommen würde. In der taz blickt Isolde Charim auf den durch den Neoliberalismus erzeugten Riss in ihr.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2018 finden Sie hier

Europa

Siebzig Jahre Israel, das heißt  auch siebzig Jahre Israelkritik aus Deutschland. Die könnte man aber auch abschaffen, meint Marko Martin bei Dlf Kultur: "Das geografisch winzige Israel, bis auf den heutigen Tag existenziell bedroht und gleichzeitig als Besatzungsmacht in einer hoch-ambivalenten Situation, ringt und streitet seit Jahrzehnten mit sich selbst und braucht darin gewiss keine Nachhilfe, schon gar nicht aus Deutschland."

Er fühle sich "erstarrt" von dem "Manifest gegen einen neuen Antisemitismus" (unser Resümee), schreibt der bekannte Publizist Claude Askolovich bei slate.fr. Von solchen Leuten, die die Muslime gegen die Juden ausspielten,  wolle er sich nicht beschützen lassen: "Der Antisemitismus ist eine alte Geschichte. Was in Frankreich passiert, ist nicht neu. Wir straucheln, weil wir es vergessen hatten. Der Ausdruck 'neuer Antisemitismus' zeugt von einer französischen Sicht, in der man umso lieber (den katholischen Antisemiten) Charles Maurras weiß wäscht in Zeiten, wo es nicht mehr seine Adepten sind, die auf die Juden einprügeln, sondern jene Muslime, die für uns den kommoden Fremden spielen."

Die Zeit hat inzwischen ihre Reportage über Antisemitismus an deutschen Schulen online gestellt.

Die baskische Terrororganisation Eta hat in der letzten Woche ihre Selbstauflösung bekanntgegeben. In dem Schreiben steht sogar eine Bitte um Verzeihung. Beendet wird damit ein "verlorenes halbes Jahrhundert in der Südwestecke des wohlhabenden Europa", so Paul Ingendaay in der FAZ. Die Bitte um Verzeihung stellt ihn nicht zufrieden: "Nicht ein einziges Mal fällt das Wort 'Terrorismus' oder 'Attentat', geschweige denn 'Mord', und eine teigige Revolutionsprosa bemäntelt sowohl die eigene Schuld als auch die jetzige Kapitulation. Besonders zynisch ist die Unterscheidung zwischen zufälligen Todesopfern und denen, auf die Eta-Attentate tatsächlich zielten. Deren Angehörige werden nämlich nicht um Verzeihung gebeten, denn in den Augen der Terroristen richtete sich der 'bewaffnete Kampf' ja völlig zu Recht gegen die Urheber des 'politischen Konflikts'."
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Ideen

Der moderne Antikapitalist hat mit einem Widerspruch in sich zu kämpfen, diagnostiziert Isolde Charim, auf ein Buch Heinz Budes Bezug nehmend, in ihrer taz-Kolumne. Schuld ist wie so häufig der Neoliberalismus: "Linke Parteien bauen auf einem äußeren Widerspruch auf - jenem zwischen Arbeit und Kapital. Die Komplexität des Neoliberalismus aber beruht darauf, diesen Widerspruch zwischen Lohn und Profit, zwischen Preis der Arbeitskraft und Rendite 'ins Individuum selbst verlegt zu haben'. Mit anderen Worten: Die Front, gegen die man antreten will, verläuft quer durch einen selbst."

Aufmerksamkeitsstörungen und Populismus sind das Merkmal unserer Zeit, meint im Interview mit der NZZ der amerikanische Philosoph Michael Sandel. Und an allem ist - klarer Fall - das Internet schuld, das uns das Hirn zermantscht. "Es ist fast schon eine Sucht. Die Nutzer glauben, sie müssten permanent auf ihr Gerät schauen, um zu sehen, ob etwas passiert ist. Das ist natürlich sehr störend in einem Unterricht. Aber es ist vor allem eine schlechte Gewohnheit. Eine Gewohnheit, deren Folgen weit über den Klassenraum hinausgehen und zerstörerisch auf unser gesellschaftliches Leben wirken. Gesellschaftliches Leben erfordert ein bestimmte Maß an Aufmerksamkeit, Überlegen, Zuhören, Lernen, Argumentieren, die Fähigkeit, logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Das verlangt eine bestimmte Präsenz des Menschen. Doch die Fähigkeit, aufmerksam zu sein, wird untergraben durch diese Geräte und die dazugehörige Technologie."
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Gesellschaft

Der Autor Thomas Chatterton Williams - ein Kritiker von Ta-Nehisi Coates Essays über Rassismus - bezweifelt im Gespräch mit Volkan Agar auf taz.de die Aussagekraft von Zuschreibungen wie "schwarz" und "weiß": "Wenn ich mich in den USA bewege, habe ich kein erhöhtes Risiko, von der Polizei erschossen zu werden. Statistisch gesehen ist eine solche Gefahr nicht der Fall, wenn eine Person ein bestimmtes Einkommen und einen bestimmten Bildungsstandard hat. Wenn Menschen die Bezeichnung 'schwarz' aber trotzdem auf einer solch abstrakten Weise verwenden, verdeckt das die Probleme statt sie sichtbar zu machen. Das ist auch der Fall, wenn man dem Weißsein automatisch eine privilegierte Position zuweist. In diesem Fall bleibt der Fakt ungeachtet, dass so viel weißes Leben arm ist."

Das Moralisieren beim Konsumieren - nur fair trade, nur bio, flüchtlingsfreundlich - findet Wolfgang Ullrich in der Süddeutschen beim näheren Hingucken ganz schön elitär: "Denn auch in einer Wohlstandsgesellschaft gibt es Ärmere: Menschen, die an einem solchen Bekenntniswettbewerb nicht oder nur beschränkt teilnehmen können. Ihre ökonomische Schieflage impliziert damit aber, dass sie sich zugleich moralisch unterlegen fühlen müssen. Und der Bekenntnisstolz manches Konsumbürgers steigert dieses Gefühl noch. In einer Gesellschaft, in der Produkte zu einem Hauptmedium geworden sind, findet also in großem Umfang Exklusion statt."
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Archiv: Gesellschaft

Überwachung

In der SZ möchte Adrian Lobe die Datensammelei der großen Konzerne (vom Staat spricht er nicht) gern wie Umweltverschmutzung behandeln. Dann könnte man besser rechtlich darauf reagieren: "Vielleicht sollte man den Datenkapitalismus wie den Emissionsrechtehandel organisieren, wo jeder Emittent nur eine bestimmte Datenmenge freisetzen darf und Schürfrechte an einer Börse handeln kann. Das hätte über den Charme einer Marktlösung den Vorteil, dass man Datenschutz nicht von der Nutzung, sondern von der Generierung her denkt und ihr Grenzen setzt. Nur so lässt sich langfristig die Integrität von Informationen und Informationsträgern sichern."

Derweil streiten die Juristen darüber, ob Facebook ein Monopolist ist oder nicht, berichtet süddeutsche.de mit Reuters und dem Standard. Der Chef des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, meint ja, weil Facebook in Deutschland einen Marktanteil von 90 Prozent habe und damit praktisch nicht zu umgehen sei, wenn man ein soziales Netzwerk nutzen wolle: "'Wenn Facebook marktbeherrschend ist, dann ist die Einwilligung, die der Nutzer gibt, dass seine Daten voll umfänglich genutzt werden, eben auch nicht mehr freiwillig, weil er gar nicht ausweichen kann', kritisierte Mundt." Andererseits jedoch soll das Wettbewerbsrecht "vor allem die Kunden vor Nachteilen schützen, etwa vor überhöhten Preisen bei Monopolisten. Facebook und Google bieten ihre Dienstleistungen aber kostenlos an - Nachteile für Kunden sind also schwierig nachzuweisen".
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Medien

(Via turi2) Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm erklärt im Interview mit der Zeitschrift promedia, warum er einerseits keine weiteren Sparprogramme und andererseits im Internet expandieren will: "Unsere Nutzer verstehen nicht, warum beispielsweise Lizenzware bei Filmen und Serien sowie Sportberichte nicht online gestellt werden können, selbst wenn wir über die entsprechenden Rechte verfügen. Auch die bestehenden starren Regeln zur Presseähnlichkeit sind angesichts der Multimedialität des Internets überholt und in Europa einmalig." Im gleichen Dossier erklärt ZDF-Chef Thomas Bellut, dass er ein öffentlich-rechtliches Netflix will.

Außerdem: turi2 meldet, dass der Spiegel für seine digital-Inhalte eine Flatrate in Höhe von schlappen 19,99 Euro einführen will - was aber wohl nicht für die üblichen Inhalte von Spiegel online, sondern für den digitalen Spiegel und weitere Angebote  gilt.
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