Mord und Ratschlag

Klappmesser und blaue Augen

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
05.05.2017. In Gary Victors Haiti-Roman "Suff und Sühne" kämpft Inspektor Dieuswalwe Azémar heroisch gegen den Soro, die Verzweiflung und mörderische UN-Trupps. Antonio Ortuños Roman "Madrid, Mexiko" erzählt von Flucht und Verbrechen, von Bürgerkrieg und Unversöhnlichkeit.
Inspektor Dieuswalwe Azémar gehört zu den ganz großen Ermittlern der internationalen Kriminalliteratur. Sein Name ist die kreolische Version des französischen Dieusoitloué, Gott sei gelobt. Dieuswalwe ist durch und durch Haitianer. Verzweifelt, ohnmächtig und dem soro verfallen. Den billigem Zuckerrohrschnaps muss man sich vorstellen wie ein Destillat der Insel: "Der soro besaß einen bitteren Geschmack, eine Aggressivität, ein Ungestüm, eine Sinnlichkeit, die einzigartig waren." Immer wieder verliert sich Dieuswalwe im Fieberwahn, gejagt von Dämonen, voller Sehnsucht nach Schönheit, lächerlich. Nun liegt er wieder einmal im Delirium, diesmal jedoch im Entzug, seiner kleinen Tochter Mireya zuliebe. Schwarze Taranteln schlagen mit ihren Klauen nach ihm, als eine Frau von geradezu "tellurischer Sinnlichkeit" an sein Bett tritt: "Sie war so stark, dass sie die solideste männliche Festung zerstören konnte."

Die schöne Amanda Racelba ist die Tochter des brasilianischen UN-Kommandanten, der sich wenige Monate zuvor in einem Hotelzimmer in Port-au-Prince das Leben genommen haben soll. Er war ein aufrechter Mann, der den Machthabern in die Quere kommen wollte. Sie weiß, dass ihr Vater sich nicht selbst getötet hat, er wurde ermordet, weil er im Weg war. Und die Fotos in ihrer Hand zeigen, dass niemand anderes als Dieuswalwe Azémar diese Tat ausgeführt hat. Sie will Rache nehmen. Sie wird ermordet. Von einem Offizier der Blauhelme.

Die Ereignisse reißen Dieuswalwe mit wie ein Tropensturm: Auf einmal jagen ihn Polizeikommandos, UN-Truppen und die Banden der Cité Soleil. Wenn sie nicht verbündet sind, dann konkurrieren sie um die Profite aus Schmuggel und Drogenhandel, um Posten und Hilfsgelder. Das Land wird von Lumpen regiert, die UN unterstützen die Herrschenden und bringen die Cholera über das Land. Die Habgier und die Korruption haben sich ihre Rechtfertigung ausgerechnet vom Priester der Slums geholt: "La pè nan vant, la pè nan tèt." Friede im Bauch, Friede im Kopf.  Dieuswalwe findet Hilfe nur in den Abgründen von Port-au-Prince, beim bòkò, der im Unterschied zu den Voodoo-Priestern auch schwarze Magie beherrscht.

Gary Victor lebt als Journalist in Port-au-Prince, er ist Chefredakteur der Zeitung Le National (korrigiert) und einer der meistgelesenen Autoren Haitis. Seine Romane strotzen vor Lebenslust - und vor Verzweiflung darüber, dass ein Land vor den Augen der Vereinten Nationen vor die Hunde geht. "Suff und Sühne" heißt sein neuester Roman in Anspielung an Dostojewski, ein fantastischer Titel, und tatsächlich geht es um Dichtung und Freiheit, Verbrechen und Strafe. Dieuswalwe Azémar tötet viel, er nimmt die Justiz gern selbst in die Hand. Auf eines legt er jedoch Wert: "Niemals hatte er einen anständigen Menschen, einen Menschen mit Herz, getötet." Und was sagt die Sonia in diesem Roman? Sie räkelt sich in ihrem Hurenbett, sie glaubt nicht an Gut und Böse, höchstens an die Liebe.

Die literarischen Anspielungen ziehen sich durch den gesamten Roman, doch lasten sie nicht wirklich schwer auf ihm. Gary Victor taucht mit seinem kraftvollen, kreolischen Erzählen recht ausgelassen die Klassiker der Weltliteratur in karibische Farben. Wie seine anderen Romane auch, ist "Suff und Sühne" nicht länger als hundertfünfzig Seiten. Doch darin steckt so viel Sinnlichkeit, Sehnsucht und Schönheit wie in einer ganzen Kiste soro. Bei aller Bitternis sind die Romane reiner Genuss, ganz ohne Reue.

Gary Victor: Suff und Sühne. Roman. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt Verlag, Trier 2017, 150 Seiten, 11,90 Euro (Bestellen)

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Schon mit seinem Romandebüt "Die Vergessenen" hatte der mexikanische Autor Antonio Ortuño einen faszinierenden, wenn auch schockierenden Blickwechsel vorgenommen. Denn er erzählte darin nicht einmal mehr die Leidensgeschichte mexikanischer Migranten in den USA, sondern vom ebenso realen Horror, den mittelamerikanische Flüchtlinge auf ihrem Weg in die USA in Mexiko erleiden. Auf entsetzliche Weise werden sie von Behörden und Drogenkartellen gleichermaßen ausgeraubt, misshandelt und missbraucht, wenn sie nicht das Glück haben, in einem plombierten Güterzug durch das Land zu rauschen.

In seinem neuen Roman "Mexiko, Madrid" geht es wieder um Flucht und Verbrechen, Gewalt und Exil. Wieder verrückt Ortuño die Perspektive auf grandiose Weise. In Neuer Sachlichkeit erzählt er - das Cover deutet es an - die Geschichte spanischer Flüchtlinge, die dem Bürgerkrieg entrinnen und sich nach Mexiko retten, ohne ihrem Unglück ganz zu entkommen und ohne wirklich Aufnahme zu finden. Mühelos schlägt Ortuño dabei den Bogen bis ins heutige Mexiko, mit wenigen Strichen skizziert er Zeit und Ort und verschachtelt dabei höchst kunstvoll die wechselnden Perspektiven.

Ihren Ursprung nimmt die Geschichte in der Rivalität von Yago Almansa und Benjamin Lara, die im Madrid der zwanziger Jahre um die Liebe der schönen Maria ebenso konkurrieren wie um die Gunst ihres Großvaters, eines alten Anarchisten, der sich selbstverständlich das Don verbietet, denn weder Javier Mina noch Kropotkin oder Durruti haben etwas auf solche Schmeicheleien gegeben. Yago gewinnt im Wettstreit um die Anarchistenherzen, Benjamin schließt sich in seinem Groll den Kommunisten an. Damit ist eine Feindschaft besiegelt, die sich im Bürgerkrieg noch verfestigen wird. Sie entkommen den Faschisten nach Mexiko, nicht jedoch ihrer eigenen Unversöhnlichkeit. Am Strand von Veracruz begegnen sie sich wieder.

Sechzig Jahre später steckt Yagos Enkel Omar in Guadalajara in der Klemme. Der Junge ist ein absoluter Nichtsnutz und Feigling obendrein, aber mit ausgeprägtem Überlebensinstinkt, das Gegenteil seines Großvaters, doch wie dieser gilt er in seiner Familie noch immer als gachupino, als Scheißspanier. Omar hat ein Verhältnis mit seiner Chefin, der zwanzig Jahre älteren Antiquitätenhändlerin Catalina, auf die jedoch auch der Ganove El Mariachito Anspruch erhebt. Der Mariachito ertappt die beiden in flagranti und während er gerade seine untreue Geliebte zu Tode prügeln will, werden die beiden von einem Unbekannten erschossen. Der jämmerliche Omar kauert unterm Bett und hält sich Augen und Ohren zu. Aus Furcht vor Mariachitos rachelüsternem Leibwächter flieht er nach Madrid.

Ortuño wartet mit einer Fülle von großartigen eigenwilligen Figuren auf, deren Pfoten nicht zu den Ohren passen. Interessant ist auch sein Blick auf die zerstörerische Generation, die Spanien in Gewalt und Krieg versinken ließ. An anderer Stelle beschreibt er mit wenigen Sätzen das Aufwachsen im mexikanischen Armenviertel so prägnant, dass einem noch lange der Gestank von Ziegen, Scheiße und gelutschten Schwänzen in der Nase bleibt.

Es sind nur Schlaglichter, die Ortuño auf das Geschehen wirft. Insgesamt bleibt er ganz auf die Generallinie seines schlanken Romans fokussiert: auf die irre Hassliebe der Mexikaner zu den Spaniern, über deren Heimtücke sie sich nicht genug ereifern können: Klappmesser und blaue Augen! Ausgerechnet die Mexikaner, Exportweltmeister in Sachen Migration, kennen keine Gnade mit ihren eigenen Zuwanderern: Wer nicht schreckliche Musik und Bohneneintöpfe liebt, der muss verrückt sein, ein Heuchler oder Angeber. Wie ein spanischer Gefährte Yago bei der Ankunft in der neuen Welt warnte: "Die Mexikaner verabscheuen uns Spanier, und das Einzige, was sie von uns wollen, ist, dass wir ihre Töchter heiraten."

Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Roman. Aus dem Spanischen von hans-Joachim hartstein. Antje Kunstmann Verlag, München 2017, 224 Seiten, 20 Euro (Bestellen).