Magazinrundschau - Archiv

El Pais Semanal

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Magazinrundschau vom 14.01.2014 - El Pais Semanal

"Was ich den Nationalisten nie verzeihen werde, ist, dass sie eine so europäische Stadt wie Barcelona in eine Provinzhauptstadt verwandelt haben." So der 1944 in Barcelona geborene, 2011 nach Madrid umgesiedelte spanische Philosoph und Schriftsteller Félix de Azúa, der auch einige Jahre das Instituto Cervantes in Paris leitete, im Gespräch mit Juan Cruz. "Der katalanische Präsident Artur Mas ist Teil einer Mafia aus Dienern der einhundert Familien, die seit dem Zeitalter des Barock über Katalonien bestimmen. Da hat sich kaum etwas verändert: Während des Franquismus sind zwei, drei sozusagen 'ausländische' Familien dazugekommen, aber davon abgesehen war Katalonien immer das Landgut von einhundert Familien. Dass Mas ihr Diener ist, sieht man ihm außerdem an: der Angestellte eines vornehmen Bestattungsunternehmens."

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - El Pais Semanal

"Nein zur Katastrophe!" Weitgehend allein auf weiter Flur macht Javier Cercas sich weiterhin große Sorgen angesichts der aus dem Ruder laufenden katalanischen Unabhägigkeitsbestrebungen: "Geben wir es lieber zu: Unsere Gesellschaft hat sich gespalten, es gibt keinen Dialog, keine Bürger mehr, sonder bloß noch Fans, Anhänger der einen oder anderen Seite. Vor allem zwei Dinge haben uns an diesen Punkt gebracht: Zum einen die Verantwortungslosigkeit einer Gruppe 'Erleuchteter', die sich hemmungslos die Folgen der Wirtschaftskrise und den sentimentalen Idealismus und die schlecht informierte Gutwilligkeit vieler guter Leute zunutze machen. Zum anderen die politische Unfähigkeit und unheilbare Dummheit der gesamtspanischen Nationalisten. Gerne würde ich sagen: Wir haben noch Zeit, wenn wir uns zusammenraufen, können wir die Katastrophe vermeiden - also gut: Jawohl, sie lässt sich vermeiden! Nein zur Katastrophe! Inzwischen frage mich aber, ob ich das hier nicht bloß schreibe, damit ich meinem Sohn wenigstens diesen Artikel zeigen kann, wenn er mich in 20 oder 30 Jahren fragt, warum wir ein Desaster, für dessen Folgen er und seine Kinder werden aufkommen müssen, nicht verhindert haben."

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - El Pais Semanal

Mehr Demokratie wagen auf Brasilianisch: Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva äußert sich im Interview mit Jesús Ruiz Mantilla über die neue Protestbewegung im Land: "Die Proteste in Brasilien sind gesund: Ein hungriges Volk zeigt wenig Bereitschaft zum politischen Kampf. Unsere Gesellschaft hat entdeckt, dass es durchaus möglich ist, sich mehr vom Leben zu erhoffen. Wir müssen die demokratische Teilhabe hochhalten und dürfen nicht zulassen, dass die jungen Leute sich von der Politik lossagen, denn wenn das passiert, kommt am Ende der Faschismus. Wir wollen, dass die jungen Leute offen diskutieren, damit sie die Erfahrung machen, dass die demokratische Teilhabe der einzige Weg ist. Was die Presse angeht, so verteidige ich unbedingt die Pressefreiheit - meinen Erfolg habe ich ihr zu verdanken. Allerdings kontrollieren bei uns immer noch neun Familien sämtliche Medien, erst durch das Internet hat sich das ein wenig verändert. Es geht natürlich nicht darum, Einfluss auf die Inhalte zu nehmen, sondern auch hier für mehr Demokratie zu sorgen, den Zugang zu erweitern."

Magazinrundschau vom 08.10.2013 - El Pais Semanal

Lola Huete Machado unterhält sich mit dem mosambikanischen Schriftsteller Mia Couto, der in diesem Jahr mit dem Premio Camoes ausgezeichnet wurde, dem wichtigsten Preis der portugiesischsprachigen Literatur: "Hierzulande ist das, was man nicht sieht, wichtiger als das, was man sieht. Die meisten Menschen hier haben zum Beispiel zwei Religionen. Was keinen Konflikt nach sich zieht - die Leute sind nicht ausschließlich entweder das eine oder das andere, nicht entweder Muslime oder Animisten. Man betet zu den jeweils funktionellen Göttern. Und das sollte man unbedingt wissen. Wüsste ich zum Beispiel nichts über den Katholizismus, hätte ich Schwierigkeiten, Spanien zu verstehen. Und die Logik der hiesigen Verhältnisse versteht man nicht ohne den Animismus. Die Spezialisten in Politik oder Wirtschaft begreifen nicht, dass es hier eine andere, tiefere, weniger sichtbare Logik gibt, die schwierig zu erklären ist." In seinen Büchern versucht er erst gar nicht, das zu erklären. "Ich möchte bloß darauf aufmerksam machen, dass das, was man sieht, nicht alles ist. Schlimmer als nicht zu begreifen ist nämlich, zu glauben, man habe längst begriffen. Selbst für Mosambikaner ist das in seiner Komplexität nicht einfach zu verstehen."

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - El Pais Semanal

Javier Cercas zählt auf, "worüber ich dieses Jahr gerne alles geschrieben hätte. Zum Beispiel hätte ich, weil derzeit alle über Deutschland wettern, gerne ein Lob Deutschlands angestimmt. Aus einem einfachen Grund: Niemand kann die Europäische Union heutzutage besser anführen als Deutschland, weil niemand in Europa näher daran ist, mit dem Nationalismus Schluss zu machen, als die Deutschen: Ende des 18. Jahrhunderts haben sie den Nationalismus erfunden und um die Mitte des 20, Jahrhunderts haben sie ihn zu seinem ekstatischen Höhepunkt geführt: 50 Millionen Tote. Weshalb sich in Deutschland jedem, der halbwegs lesen und schreiben kann, bei dem Wort Nationalismus automatisch die Nackenhaare aufstellen; weshalb mitten in Berlin ein Denkmal für die sowjetischen Soldaten steht, die die Stadt 1945 unter blutigen Opfern einnahmen; und weshalb es gegenwärtig der größte Wunsch der besten Deutschen ist, in Europa aufzugehen."

Magazinrundschau vom 06.08.2013 - El Pais Semanal

"Er war klein, dick und gefräßig. Die einen sagten, er sei Libanese, die anderen, er sei Deutscher." Jesús Ruiz Mantilla präsentiert: "Andor Zala, Francos jüdischer Freund." Aufgewachsen in Fiume, dem heutigen Rijeka, wo er sich einst als Freiwilliger den italienischen Freischärlern des faschistisch-anarchistischen Fin de Siècle-Poeten Gabriele D'Annunzio anschloss, war Zala Anfang der dreißiger Jahre als Filmverkäufer der 20th Century Fox in Berlin unterwegs. Auf dem Weg von dort ins Exil nach Argentinien blieb er, offenbar nicht ungern, auf den Kanarischen Inseln hängen und machte 1935 im Golf-Club von Teneriffa die Bekanntschaft "eines kleinen, dicklichen Militärs, der wegen seiner wenig vertrauenswürdigen Neigung, sich gegen die gesetzmäßige Regierung zu erheben, mehr oder weniger auf die Kanarischen Inseln verbannt worden war." Zala wurde zu einem der engsten Freunde Francos und machte in den folgenden Jahrzehnten in Spanien eine steile Karriere als Kaufmann und Unternehmer - "so überredete er etwa den Patriarchen der Hilton-Familie, in Madrid das erste europäische Hilton-Hotel zu eröffnen. Als zum Katholizismus konvertierter Andrés Zala wurde er 1972, drei Jahre vor Francos Tod, im Pantheon der spanischen Falange in El Pardo beerdigt, neben mehreren von Francos engsten Vertrauten. Die in Frankfurt lebende spanische Journalistin Yolanda Prieto bereitet ein Buch über Zala vor."

Magazinrundschau vom 30.07.2013 - El Pais Semanal

"Nicht mal ultraliberale Journalisten können nachvollziehen, wie man in Spanien mit dem Thema Zwangsräumungen umgeht." Mikel López Iturriaga unterhält sich mit Ada Colau von der spanischen Antizwangsräumungsbewegung Afectados por la Hipoteca: "Die wichtigste Lehre aus meinen bisherigen Aktivitäten? Au weia, was für eine Frage. Ich weiß nicht Dass der Glaube, alles sei entschieden, falsch ist. Die offizielle Botschaft lautet: Man kann nichts anderes machen, auch wenn du dich bewegst, wirst du nichts erreichen, an allem, was passiert, bist du schuld, schäm dich: du hast über deine Verhältnisse gelebt. Diese Botschaft erfüllt bestimmte Interessen. Du sollst glauben, dass du allein bist. Die größte Schwierigkeit war am Anfang nicht die Macht der Banken, sondern dass die Leute so am Boden waren. Die wichtigste Lehre war, dass genau diese Leute, wenn sie auf Solidarität stoßen und man ihnen ihre Würde wiedergibt, zu Superhelden werden können." "
Stichwörter: Superheld, Superhelden, El Pais

Magazinrundschau vom 16.07.2013 - El Pais Semanal

Bernardo Bertolucci, inzwischen 73 Jahre alt und im Rollstuhl lebend, denkt im Interview über Italien und die Gegenwart nach: "Ich verbringe viel Zeit damit, die Gegenwart zu beobachten. Doch ich beobachte, ohne anwesend zu sein. Ich sehe viel. Und ich habe das Gefühl, dass sich ein sehr starker Wandel vollzogen hat, nur haben wir es nicht bemerkt. Was die Linke angeht: Nach den letzten Wahlen hat sie Selbstmord begangen. Wo lag der Fehler? Ich weiß es nicht. Aber ich würde geradezu von Mutation sprechen. Selbst die Art, Filme zu beurteilen, ist heute völlig anders, was vielleicht daran liegt, dass wir früher nicht ständig mit Bildern bombardiert wurden. Dadurch ist es für einen Film heute viel schwerer, zu überraschen. Als ich 15 war, dachte ich bei dem Wort 'Chinese' an die Chinesen aus Abenteuerromanen. Und ich war so fasziniert, dass ich später nach China gereist bin, um 'Der letzte Kaiser' zu drehen, unvorstellbar, ha ha ha… Aber wie auch immer, in meinem nun schon so langen Leben habe ich viele scheinbar unglaubliche Dinge gesehen und erlebt, und vielleicht ist meine Generation - aber auch die jüngeren Generationen - deshalb unfähig, genau zu begreifen, was vor sich geht. Wir analysieren die Dinge aus einer ein wenig… antiquierten Perspektive."
Stichwörter: Bertolucci, Bernardo, El Pais

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - El Pais Semanal

Javier Cercas erwartet sich wenig von einer Abschaffung der Monarchie: "Ich bin kein Monarchist - niemand, der auch nur einen Funken Verstand besitzt, ist Monarchist, zumindest nicht in dem fast religiösen Sinn, mit dem man herkömmlicherweise Monarchist war. Trotzdem glaube ich nicht, dass die große politische Frage Spaniens zurzeit die Entscheidung Monarchie oder Republik ist. Im Gegenteil, dadurch blendet man, wie mir scheint, unsere wirklichen Probleme nur aus, genau wie man die wirklichen Probleme Kataloniens ausblendet, indem man ernsthaft die katalanische Unabhängigkeit erwägt. Mir ist eine Monarchie innerhalb einer funktionierenden Demokratie - wie etwa in Schweden - tausendmal lieber als eine Republik in einer Demokratie, die nicht funktioniert - wie etwa in Syrien. Ich behaupte nicht, dass eine Monarchie die Probleme Syriens lösen würde - aber warum sollte eine Republik anstelle einer Monarchie die gegenwärtigen Probleme der spanischen Demokratie lösen? Monarchie hin, Republik her, entscheidend ist doch, ob wir in einer besseren oder einer schlechteren Demokratie leben."

Magazinrundschau vom 21.05.2013 - El Pais Semanal

Der argentinische Schriftsteller und Journalist Martín Caparrós erinnert sich daran, wie er dem vor wenigen Tagen gestorbenen "Ex-General, Ex-Präsidenten, Ex-Retter des Vaterlands, Ex-Sträfling und Ex-Mörder Jorge Rafael Videla" kurz nach dessen Amnestierung durch die Regierung Medem 1991 beim Joggen am Rio de la Plata auflauerte: "'Ich werde Ihnen keinerlei Erklärungen abgeben, ich bin hier, um meine täglichen Sportübungen zu absolvieren.' Schon seit einer ganzen Weile lief ich neben ihm her. Er erhöhte das Tempo und tat, als würde er mich nicht hören. Ich schrie ihn an: 'Haben Sie keine Angst, in aller Öffentlichkeit herumzulaufen?' - 'Hätten Sie Angst?' - 'Ich habe nicht getan, was Sie getan haben.' - 'Das ist alles eine Frage des Kriteriums', erwiderte er schneidend. Dafür, dass er so viele Jahre und so viele Tote auf dem Buckel hatte, war er erstaunlich fit. Etwas später versuche ich es noch einmal: 'Wenn ich getan hätte, was Sie getan haben, hätte ich große Angst.' Und er versetzte, immer noch ohne mich anzusehen: 'Wenn Sie etwas getan hätten, wären Sie jetzt nicht hier.'"
Stichwörter: Caparros, Martin, El Pais