Erst im späten 19. Jahrhundert zog die Darstellung von Erwerbsarbeit vermehrt in Malerei, Grafik und Skulptur ein, lernt Jörg Restorff (NZZ) in der Ausstellung "Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne" im LVR-Landesmuseum Bonn: "Um ihren immensen Aufschwung künstlerisch zu bezeugen, beauftragten viele Firmen sogenannte Industriemaler. Deren Aufgabe bestand beispielsweise darin, die boomenden Fabrikanlagen von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Einer der erfolgreichsten Vertreter der jungen Gattung war Otto Bollhagen. Sein sechs Meter langes Bild 'Das Bayer-Werk in Leverkusen' vergegenwärtigt aus der Vogelperspektive einen urbanen Mikrokosmos, der neben den Fabrikgebäuden die Werkssiedlungen, die Infrastruktur sowie die umgebende Landschaft umfasst. Weil das Bayer-Werksgelände von Jahr zu Jahr dichter bebaut wurde, musste Bollhagen zwischen 1912 und 1921 mehrfach aus Bremen anreisen, um den jüngsten Stand der Dinge in seinem Gemälde zu dokumentieren."
Dinah Riese (taz) besucht in Tel Aviv den israelischen Cartoonisten Zeev Engelmayer, der als Kunstfigur Shoshke einer der bekanntesten Künstler Israels ist und als Aktivist gegen die Korruption Netanjahus und für die Rechte der Palästinenser und anderer Minderheiten im Land kämpft. Seit dem 7. Oktober ist er von Cartoons allerdings auf das fast tägliche Zeichnen von Postkarten umgestiegen, er zeichnete das Massaker der Hamas und die Geiseln ebenso wie die humanitäre Katastrophe in Gaza, über die in israelischen Medien kaum berichtet werde: "Hungernde Kinder halten leere Töpfe im Arm. Mütter, die ihre toten Kinder beweinen. Neun Kinder einer einzigen Familie, die in ihrem Zuhause durch israelische Bomben starben, das älteste 12 Jahre alt, das jüngste erst sieben Monate. In der Bildbeschreibung hat Engelmayer die Namen aller neun Kinder aufgeschrieben. 'In israelischen Medien habe ich diese Namen nirgends gefunden', sagt Engelmayer. Er habe sie in ausländischen Zeitungen gesucht."
Weitere Artikel: In der Welt würdigt Boris Pofalla den verstorbenen Fotografen Martin Parr als "warmherzigen Chronisten des Banalen".Weitere Nachrufe in FR, Tsp und unserem Efeu von gestern.
Der britische Fotograf Martin Parr ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Freddy Langer macht in der FAZ klar, wieso seinen Fotografien oft eine gewisse kitschige Geschmacklosigkeit vorgeworfen wurde, die aber eigentlich eine besonders genaue Kritik unserer Zeit ist: "Parrs Kritik an den unerträglichen Zuständen der Welt, den Beispielen für Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Egoismus und Isolation sowie fragwürdigen Auswirkungen der Globalisierung, ist schrill formuliert und beruft sich auf die Annahme, wonach die Satire alles dürfe. Dabei ist es am wenigsten all der Müll und Plunder oder auch der protzende Reichtum, dem er beim Pferderennen in Ascot oder auf Luxusmessen in Dubai begegnet ist, über den man staunt und der zugleich die Bilder oft schwer erträglich macht - es sind vielmehr die Menschen, die den Eindruck vollkommener Zufriedenheit vermitteln und nicht eine Sekunde lang zu glauben scheinen, es stimme mit ihrer Situation etwas nicht. Selbst wenn am Meer eine Frau ihr Sonnenplätzchen ausgerechnet unter der Kette einer monströsen Planierraupe gefunden hat. Oder Urlauber ihre Beine im Wasser baumeln lassen, in dem ganze Fuhren von Unrat treiben."
In Parrs Instagram-Account gibt es zahlreiche seiner Fotos zu sehen.
(Bild: Anfecaro, CC0) Fasziniert berichtet Stefan Trinks auf den Ereignisse und Gestalten-Seiten der FAZ von seiner Reise nach Kolumbien, auf der er die reiche Kunst und Kultur des Landes bewundern durfte. Vor allem beeindruckten ihn die Gedenkstätten und Memoriale - etwa das "Fragmentos", gestaltet von der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo, die auf die brutale Waffengewalt aufmerksam macht: "Unfassbare 69.000 Kilogramm Waffen und Munition übergaben die FARC-Kämpfer bis 2017 an die UN. Die Waffen allein, achttausend Stück von siebenunddreißig Tonnen Gewicht, ließ Salcedo … einschmelzen und zu dem an seiner Oberfläche unruhigen, mithin 'schwankenden' Boden umgießen. ... Den metallenen Spolienboden ihres kritischen Antidenkmals ließ Salcedo zudem von zwanzig Frauen bearbeiten, die in dem jahrzehntelangen Krieg Opfer sexueller Gewalt nicht nur der Guerilla, sondern auch staatlicher Sicherheitskräfte und Söldner geworden waren. Die Wut über ihre Schändung konnten die Frauen in dieser symbolischen Ermächtigungsgeste an den Waffen in Metallplattenform auslassen, indem sie diese stundenlang mit dem Hammer traktieren durften."
Derzeit ist Hito SteyerlsVideoinstallation "The Island", in der ein Superheld mit Hilfe von Quantenphysik gegen Faschismus, Populismus und KI kämpft, in der Fondazione Prada in Mailand zu sehen. Mit Karen Krüger (FAS) spricht sie über ihre Arbeit, die Bedrohung durch KI und Drohnen und ihre Überzeugung, dass der Staat in Deutschland fordere, "dass sich die kulturellen Institutionen in die Logik der Kriegstauglichkeit einordnen sollen … Die Kunst soll ganz explizit instrumentalisiert werden, um nur noch außenpolitischen Interessen zu dienen. Das ist das eine. Das andere ist, dass alles, was mit KI im Kunst- und Kulturbereich gemacht wird, automatisch auch mit der Rüstungsindustrie zu tun hat."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel kommentiert heute auch Birgit Rieger die von der britischen Zeitschrift Art Review veröffentlichte Liste "Power100" (unser Resümee): Auffällig findet sie, "wie stark ArtReview den Abgesang auf die staatlich geförderten Kunstinstitutionen im Westen singt und nicht nur deren finanzielle Kraft, sondern auch deren Unabhängigkeit bröckeln sieht. Nur noch 'scheinbar unabhängig' von der Regierung seien die Institutionen in den USA, in Deutschland sehen sie eine 'Krise der Meinungsfreiheit' in Bezug auf den Israel-Gaza-Konflikt." In der Welt berichtet Boris Pofalla vom Rundgang im kurzzeitig eröffneten Pergamonmuseum.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "KATZEN!" im MARKK Museum am Rothenbaum in Hamburg (FAZ), die Ausstellungen "And so on to infinity - hundert Jahre Griffelkunst" in der Hamburger Kunsthalle sowie "Flirt und Fantasie. Griffelkunst von Max Klinger bis Peter Doig" in der Kunsthalle Bremen, (Welt), und die Max-Beckmann-Ausstellung "Zeichnungen" im Frankfurter Städel (Welt, mehr hier).
Käte Steinitz: Backstroke, 1930, Glasnegativ, 9 x 12 cm, Sprengel Museum Hannover, 2018 Schenkung Steinitz Family Art Collection, Foto: Sprengel Museum Hannover (Repro) Als Kulturbolschewistin und aufgrund ihrer jüdischen Familiengeschichte vom NS-Regime verfolgt, emigrierte die Künstlerin Käte Steinitz 1936 nach New York und damit erlosch die europäische Avantgarde in Hannover, weiß Bettina Maria Brosowsky in der taz. Umso erfreulicher, dass das Sprengel Museum der Künstlerin nun eine Schau widmet, die auch zeigt, wie Steinitz immer wieder ungewohnte Techniken ausprobierte: "So ringt sie der folkloristischen Hinterglasmalerei intensive Bilder ab. Als Sujet dient ihr oft die Bühne: Sie hielt Josephine Bakers freizügige Tanzperformances in einer Simultandarstellung der Bewegungen fest, den Choreografen Harald Kreutzberg besuchte sie bei Proben. Mithilfe reflektierender Silberbronze und Gouache auf Papier gebannt, strahlen die Körper der Tanzenden eine flirrende Stimmung aus."
Weitere Artikel: Der erste Bauabschnitt des Pergamonmuseums ist fertig und für den Tagesspiegel hat Nicola Kuhn zufrieden am Rundgang teilgenommen: Und auch der Pergamonaltar wurde bereits hergerichtet: "Die Kanneluren der Säulenschäfte, jene senkrechten Rillen, sind wieder zu sehen, bis zu fünf Farbschichten mussten dafür herunter." Marcus Woeller (Welt) entdeckt auf der von der Art Review herausgegebenen Liste "Power 100", die die einflussreichsten Personen des globalen Kunstbetriebs kürt, so viele Scheichas, dass er das Ende der bürgerlichen Kunst ausruft: "Die Liste suggeriert jedenfalls, dass sich das Zentrum der Kunstwelt wegbewegt vom westlichen Kulturkapitalismus der Nachkriegszeit - hin zu oligarchischen, aristokratischen, teils neokolonialen Strukturen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Fehlercode 404" mit Werken des jungen russischen Künstlers Alexander Basil in der Berliner Galerie Judin (FR), die Ausstellung "The Invention of Solitude: Ludwig Spaude und Sid Gastl" in der Berliner Galerie Albrecht (Tsp) und die Ausstellung "Utopia. Recht auf Hoffnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Out of Focus. Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5" im Lenbachhaus München (taz) und die Ausstellung "Mongolei. Eine Reise durch die Zeit" im Museum Rietberg (NZZ).
Langsam scheint sich die polnische Kulturszene von dem rechtsextremen Kulturkampf der PiS-Regierung zu erholen, freut sich Lena Reich, die sich für die taz in Warschau umgesehen hat. Ein erstes Queer-Museum hat eröffnet - und im vergangenen Jahr auch das Museum der Moderne, entworfen von dem US-Architekten Thomas Phifer: "Im Innern des weißen Riegels sind Werke polnischer Künstler:innen zu sehen, wie die Skulptur 'Freundschaft' von 1954 von Alina Szapocznikow: zwei Arbeiter, die sich kameradschaftlich die Arme über die Schulter legen. Den äußeren Gliedern fehlen die Unterarme. Das dekonstruierte Doppelstandbild, das einst zur Innenausstattung des stalinistischen Prunkturms gehörte, ist heute eine bittere Metapher auf einstige Bruderländer der Sowjetunion."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Philipp Meier nimmt den aktuell im Taschen-Verlag erschienenen Hokusai-Bildband in der NZZ zum Anlass, eine Hymne auf den wichtigsten japanischen Künstler zu singen, der so viele europäische Künstler beeinflusste. Wenngleich seine erotischen Darstellungen deutlich expliziter waren: "Das hat seinen Grund in den diametral entgegengesetzten Moralvorstellungen, wenn es um Sex geht. In Europa wurde Sex vom Christentum dämonisiert und unterdrückt, in Japan aber war er gesellschaftlich akzeptiert. So bedienten japanische Künstler wie Hokusai eine Augenlust, die man im Westen als Pornografie bezeichnet hätte. 'Frühlingsbilder' ('shunga') hießen diese in Form von Farbholzschnitten und gebundenen Büchern vertriebenen Drucke, die Darstellungen von Liebesszenen mit detaillierten menschlichen Genitalien zum Gegenstand hatten."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Künstler Nikolaus Heidelbach zum Siebzigsten. Im Jungle World-Interview spricht der Kunstwissenschaftler Peter Ulrich Hein über die Malerin Sigrid Kopfermann, eine Vertreterin des Informel, über die Hein auch eine Monografie geschrieben hat.
Besprochen werden die Ausstellung "Turner & Constable. Rivals & Originals" in der Tate Britain in London (Zeit, mehr hier), die Shilpa Gupta-Ausstellung "We last met in the mirror" in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck (taz, mehr hier)
Max Beckmann: "Der Mord". 1933. Städel Museum. Dauerleihgabe aus der Sammlung Karin & Rüdiger Volhard. Foto: Städel Museum. Frankfurt am Main Wie ein "begehbares Werkverzeichnis" erscheint dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks die Max-Beckmann-Ausstellung im Frankfurter Städel, die anhand von mehr als 2200 Zeichnungen in sechs Kapiteln Beckmanns künstlerische Entwicklung von den frühen Berliner Jahren über Frankfurt, das Exil in Amsterdam und den USA bis zu den letzten Jahren dort abbildet: "In der Studie zu 'Die Gefangenen' - eine nackte gefesselte Frau am Boden, umringt von Schergen - bilden sich zwei Grundelemente seines Schaffens aus: Die Gewalt der Welt erzeugt stets eine eigentümliche Gegengewalt auf dem Blatt, häufig jedoch wird diese im Bild auf artifizielle Weise gebändigt wie ein sich zügelnder Marquis de Sade mit Händen in der Tasche. Mit den auf den Rücken gefesselten Händen wirkt die Nackte wie ein griechischer Torso, weil lediglich ihre Armstümpfe zu sehen sind; gleichzeitig ist sie voller Energie, die prallen Körperteile wirken beinahe zum Bersten gespannt - wie noch häufig stoßen hier vitale, jedoch durch äußere Bedingungen gefesselte Kraft ungebremst aufeinander." In der FR freut sich auch Ingeborg Ruthe über diese "umfangreiche Beckmann-Retrospektive auf Papier".
Die US-Regierung hat mit dem amerikanischen BildhauerAlma Allen einen völlig unbekannten Autodidakten benannt, um auf der kommenden Biennale in Venedig den amerikanischen Pavillon zu gestalten. Allen gestaltet biomorphe Skulpturen aus Stein, Holz und Bronze, klärt Marcus Woeller in der Welt auf und vermutet: "Dass das US-Außenministerium sie 'als Symbol für kollektiven Optimismus und Selbstverwirklichung' versteht, wodurch 'der Fokus der Trump-Regierung auf die Darstellung amerikanischer Exzellenz weiter vorangetrieben' werde, dürfte als Affront gelten. Für manche ist Allens Nominierung schon deshalb diskreditiert, weil der bestellte Kurator Jeffrey Uslip 2016 wegen mangelnder 'Rassismussensibilität' bei einer Ausstellung in St. Louis kritisiert worden war. Der Kurator steht heute als Vollstrecker eines kulturpolitischen Kurswechsels da - weg von Diversität und Identität, hin zu einer Bildsprache des Unverdächtigen."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Ayoung Kim. Delivery Dancer Codex" im MoMA PS1 in New York (FAZ) und die Ausstellung "Eine kleine Kunstgeschichte des Punktes" in der Fondation Beyeler in Riehen (NZZ).
Ausstellungsansicht: Christian Tunge / Henie Onstad Kunstsenter Mehr als zehn Jahre nach seinem Tod erhält der norwegische Fotograf Tom Sandberg, der die Fotografie in den nordischen Ländern maßgeblich prägte, eine Retrospektive, freut sich Christian House im Guardian nach seinem Besuch im Henie Onstad Kunstsenter in Oslo. Sandbergs Aufnahmen eignete stets eine poetische Sensibilität, erinnert House. In der Ausstellung sieht man "Aufnahmen von Nieselregen und Pfützen, von Asphalt, der vom Nieselregen glitschig ist. Eine Wasserwelle scheint ein Loch zu haben, eine Gestalt ragt hinter einem regennassen Fenster hervor, eine Dachrinne leuchtet nach einem Wolkenbruch. Ob in kühnem Helldunkel oder sanften Grautönen - diese Bilder besitzen die Kraft, den Alltag traumhaft erscheinen zu lassen. Gleichzeitig wirken sie auf eine etwas verwirrende Weise erhebend, so als würde man ihnen raten, sich sonnig zu kleiden, selbst wenn die Wolken am Himmel schwarz sind."
Weitere Artikel: Auf Zeit Onlinegibt Konstantin Zimmermann einen Überblick über die Aufgaben und Methoden des neuen Schiedsgerichts, das die Beratende Kommission mit Blick auf NS-Raubkunst ablöst. Besprochen wird Shala Millers Installation "Scar Light" im Frankfurter MMK Zollamt (FR).
Benjamin West, Saul and the Witch of Endor, 1777, Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT. Bequest of Clara Hinton Gould Gespenster kommen immer wieder, weiß Philipp Meier in der NZZ, so auch im Kunstmuseum Basel: "Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur" heißt die Schau. Meier fasziniert besonders John Everett Millais' "Speak! Speak!": "Darauf ist ein mitten in der Nacht aufgeschreckter junger Mann zu sehen. Am Fussende seines Himmelbetts zieht eine weiße weibliche Erscheinung die Vorhänge auseinander. Auf dem Nachttisch liegen Liebesbriefe. Hat der Mann nach deren Lektüre von einer verlorenen Geliebten geträumt? In der Kunstgeschichte wimmelt es von solchen Gespenstern. Wenn Geister auch nicht gerade ein Hauptmotiv von Malerei und Skulptur sind, so legen sie doch Zeugnis davon ab, dass die bildende Kunst ein riesiges Bildgedächtnis darstellt - ein Ort der Sedimente von Träumen, Visionen, Erinnerungen und Sehnsüchten, die wie unerlöste Seelen in Bildern wiederkehren."
"Der schlafende Herkules und die Pygmäen", Lucas Cranach d.J., 1551, Foto: Elke Estel, Hans-Peter Klut.
Herkules ist Sinnbild für sehr männliche Männer, Hans-Joachim Müller kann seine Mythologisierung jetzt für die WamS im Dresdner Zwinger nachvollziehen - mit einigen auch ungewöhnlichen Bildern in der Ausstellung "Herkules. Held und Antiheld": "Dass er vom Maler Peter Paul Rubens auch mal sturzbetrunken überrascht wurde, hat seiner Sixpack-Muskulatur keinen Schaden getan. Unsere Lieblingsbilder aber stammen von Lucas Cranach, der den Herakles schlafen, vermutlich schnarchen lässt, während eine Wichtelschar von kriegerischen Pygmäen den unverletzbaren Leib attackiert. Dass er darüber erwacht, kann nicht ausbleiben. Und auch nicht, dass er das Mikrovolk gleich wie die lästigen Fliegen verscheucht. Aber das Beste ist doch, wie er dabei aus dem Bild schaut mit der schönen Aufforderung: 'Bin ich nicht gut …?'"
Weiteres: Auf der Art Basel Miami Beach stellt Marcus Woeller für die WamS fest: Der Kunstmarkt und seine Messen sind angespannt. Berit Dießelkämper freut sich in der Zeit über die Wiederauferstehung des Studio Museums, das in Harlem Schwarze Kunst ausstellt. Nicht-europäische Besucher des Louvre zahlen ab Januar 32 Euro Eintritt, das ist eine Steigerung von 45 Prozent, bemerkt der Tagesspiegel. Das zusätzliche Geld soll in die Renovierungsarbeiten fließen.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Roger Melis - Fotografie" im Leonhardi-Museum Dresden (FAZ) und Chris Noltekuhlmanns "Berlin Night After Glow" in der Berliner Torstraße 66 (Monopol).
John Singer Sargent, The Daughters of Edward Darley Boit, John Singer Sargent, 1882. Foto: Wikipedia Nicola Kuhn kann es im Tagesspiegel kaum fassen, dass es 150 Jahre gedauert hat, bis der amerikanische Maler John Singer Sargent, der als Porträtist der Reichen und Schönen in Paris startete, wieder in Frankreich ausgestellt wurde. Das Musée d'Orsay geht das Wagnis ein und Kuhn ist hingerissen: "Auch wenn die opulenten Bildnisse schon damals aus der Zeit gefallen wirkten, weil sie in der Tradition der Porträtkunst eines Tizian oder van Dyck standen, üben sie noch heute eine große Anziehungskraft aus. 'Die Töchter von Edward Darley Boit' (1882) etwa, vier Mädchen zwischen vier und 14 Jahren im großen Flur der elterlichen Wohnung mit pompösen Vasen, spielen auf Velázquez' 'Las Meninas' an. Wie sie verloren im Raum mit ihren weißen Schürzen stehen und den Betrachter aus großen Augen anschauen, möchte man sofort ihr weiteres Schicksal ergründen."
Nicht allzu lange hält das Vergnügen, das Bernhard Schulz (Monopol) beim Wiedererkennen von Schauspielern wie Robert Redford oder Clint Eastwood in den schrillen Gemälden und Collagen des amerikanischen Künstlers Richard Hawkinserlebt. Erkennt er in der Ausstellung "Potentialities" in der Kunsthalle Wien doch, dass "dass da zwar Gesichter und Köpfe zu sehen sind - aber sehr oft eben nur diese. Die Körper fehlen, oder sie gehen in den Farbwirbeln unter. In seinen Videos, teils mithilfe von K.I. geschaffen, wird Hawkins deutlicher: Da baumeln dann bluttriefende Häupter vor der (vermeintlichen) Kamera und verdrehen die Augen. (…) Hawkins, so formuliert es die Kunsthalle in einem Ausstellungstext, habe 'eine einzigartige Praxis entwickelt, die auf der Lust am Betrachten und der Dynamik von Begehren basiert'. Die Freude am Schauen teilt sich dem Besucher unmittelbar mit, die Dynamik des Begehrens erschließt sich erst in zweiter Linie."
Hubert Spiegel stutzt in der FAZ: Die Bundeskunsthalle Bonn verfügt über einen Ausstellungsetat von 6 Millionen Euro (zum Vergleich: beim Kunstmuseum Bonn sind es 300.000 Euro) - und dennoch sagt sie die für Juni geplante Ausstellung "Social Fabric. 55 Jahre Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Bonn" aus "Kostengründen" ab.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Daniel Spoerri. Ich liebe Widersprüche" in den Deichtorhallen Hamburg (taz) und die Jacques-Louis David-Ausstellung im Louvre, die dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks nicht nur Werke des Malers zeigte, der unter drei verschiedenen Regimen malte, sondern die vor allem damit punktet, dass sie drei Versionen des Gemäldes "Tod des Marat" zusammengetragen hat.
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