Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2025 - Kunst

Jörg Häntzschel ist in der SZ skeptisch bezüglich der neuesten Entwicklungen in der Raubkunst-Affäre der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (unsere Resümees). Er hegt große Zweifel, dass Meike Hopp als "Provenienzkontrolleurin" ihrem Job überhaupt angemessen nachkommen kann, wo sie zugleich noch Leiterin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und Vorsitzende des Arbeitskreises Provenienzforschung ist, der die SZ-Berichte als "Halbwahrheiten", "konstruiert pauschale Anschuldigungen" und "skandalisierende öffentliche Empörung" bezeichnete, wie Häntzschel weiß: "Stehen also für die vermeintlich neutrale Aufklärerin Hopp die Ergebnisse ihrer Untersuchung bereits fest? Sie hat außerdem in München studiert und jahrelang dort gearbeitet. Die Welt der Provenienzforschung ist winzig. Es ist schwer vorstellbar, wie sie die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen an den Staatsgemäldesammlungen mit Distanz bewerten kann." Für Häntzschel ist klar, warum der Minister niemanden von außen dazuholt, der ein unbelastetes "Mandat" zur Aufklärung erhält: "Der Minister versucht, Versäumnisse an die Staatsgemäldesammlungen auszulagern und sie dem geschassten Maaz anzuhängen. Dabei ist er mitverantwortlich dafür. In Wahrheit will Bayerns Kunstminister seine Versäumnisse nur auslagern."

"Die bayerische Kunstverwaltung erlebt eine Revolution von oben", konstatiert Patrick Bahners in der FAZ, das Handeln des Ministers Blume ist auch ihm ein besonderer Dorn im Auge: "Blume kündigte die Einsetzung von nicht weniger als fünf Kommissionen und anderen Gremien an, die weiter 'schonungslos aufklären' und zu gegebener Zeit Vorschläge zum Umbau der Museumslandschaft ausarbeiten sollen. Die 'Vertrauenskrise' ist nach seiner Einschätzung 'nicht beendet', weil 'neue Vorwürfe' aufgetaucht sind." Diese Vorwürfe hätten aber gar nicht mehr direkt mit dem ursprünglichen Raubkunst-Anlass zu tun, sondern mit "Fehlverhalten" von Aufsichtspersonen, eingeschlossen sexuelle und rassistische Belästigung, aber auch um Überwachung von Mitarbeitern unter Missbrauch von Kameras.

Hier spielt Bahners auf einen Bericht des Dlf-Rechercheurs Stefan Koldehoff an. So "soll es laut den Unterlagen zum Missbrauch von Videoanlagen in den Museumsräumen gekommen sein - demnach wurden diese zur rechtswidrigen Verhaltenskontrolle von Mitarbeitenden eingesetzt. In der Sicherheitszentrale sollen auch andere Datenschutz- und Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden sein. Vorwürfe gibt es nach Informationen des Deutschlandfunks auch bezüglich der Sicherheit der Kunstwerke in mindestens einem Haus der BStGS."

Paul Jandl schließt sich in der NZZ dem Tenor an und nennt den entlassenen Bernhard Maaz ein "Bauernopfer."

Wer in Berlin wohnt, muss jetzt nicht mehr raus nach Brandenburg fahren, um mal Kühe zu Gesicht zu bekommen, es reicht ein Besuch im Kunsthaus Dahlem: Der vor sechzig Jahren verstorbene Künstler Ewald Mataré hat etliche Kuh-Skulpturen geschaffen, die Elke Buchholz für den Tagesspiegel nun (neben einigen anderen Tieren) in der Ausstellung "Nichts ohne Natur" betrachten kann. "An ihnen erprobte er sein Formempfinden, frönte seinem Hang zur Perfektion und zur radikalen Vereinfachung, selbstkritisch bis zur Verzweiflung", hält sie fest, "die Kühe ruhen schwer und massig, sie grasen still oder stehen reglos einfach da. Sie sind die Stars." Auch ein Wandteppich mit "ornamental verknappten Kühen" ist zu entdecken, wichtig war Mataré laut Buchholz vor allem aber die Haptik seiner Werke: "jede Skulptur müsse so beschaffen sein, dass auch Blinde sie genießen könnten, schrieb er einmal. Er begann seine Arbeiten immer als Unikate in Holz, ließ später manches Stück als Bronze gießen, aber nur in kleinen Auflagen."

Weiteres: Ursula Scheer schaut sich für die FAZ die Restauration von Giottos Wandbildern in der Bardi-Kapelle an. Lisa-Marie Berndt interviewt den Künstler Pol Taburet für Monopol. Frauke Steffens spekuliert in der FAZ, was Trumps neue Einfuhrzölle für den Kunstmarkt bedeuten könnten. Die Kulturhauptstadt Chemnitz hat mit dem Karl-Schmidt-Rottluff-Haus nun ein neues Museum vorzuweisen, melden FR und FAZ, benannt ist es nach dem expressionistischen Maler, der die Künstlergruppe "Die Brücke" mitbegründet hatte. Roman Bucheli unterhält sich für die NZZ mit dem Künstler Roman Signer.

Besprochen werden: Die Ausstelllungen "An den Rändern taumelt das Glück: Die späte DDR in der Fotografie" im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus (Monopol), "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn (Filmdienst), "Roman Signer: Landschaft" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und Tobias Rehbergers "on top of surface - beneath some thought" in der Galerie Neugerriemschneider (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2025 - Kunst

Sechs Wochen nach der SZ-Recherche zur Raubkunst-Affäre in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen entlässt Bayerns Kulturminister Markus Blume deren Generaldirektor Bernhard Maaz, verkündet Jörg Häntzschel in der SZ nicht ganz ohne Stolz (unsere Resümees). Maaz fällt aber weich, er wechselt nur ans Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Münchens bisheriger Kulturreferent Anton Biebl übernimmt seinen Posten in der Gemäldesammlung interimsmäßig. Zudem soll ein Team um die Münchner Provenienzforscherin Meike Hopp die bisher geleistete Arbeit an den Münchner Museen überprüfen und "die Vorarbeit liefern für einen 'Runden Tisch', der sich auch jenseits der Provenienzforschung mit dem Umgang mit NS-Raubkunst beschäftigen soll. Dieses für den Sommer geplante 'Forum' soll unter anderem mit Experten und Vertretern von Opferverbänden besetzt sein und wiederum die Einsetzung einer Kommission 'Historische Verantwortung' vorbereiten."

Patrick Guyton weist in der FR darauf hin, dass die SZ-Recherche zum Teil veraltet war: Laut Gemäldesammlungen gehe es nicht um 200, sondern um 97 Bilder, die darüber hinaus nicht sicher als Raubkunst, eher als massive Verdachtsfälle gewertet wurden. Dennoch, zitiert Guyton Kultusminister Blume, "sei 'viel aufgelaufen', von dem er erst 'in den letzten Monaten erfahren' habe. Was ihm da bekannt wurde, 'das lässt mich schlecht schlafen'. Übersetzt heißt das in etwa, und so sieht es auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Sanne Kurz: interner Machtmissbrauch, Mobbing, Bedrohungen - 'sehr schlimme Missstände', sagt Kurz der FR. Dafür spricht auch, dass nun eine Ex-Staatsanwältin die Gemäldesammlungen durchleuchtet und 'jeden Stein umdrehen wird', so Blume."

Ull Hohn, Untitled, 1989. Öl auf Holzkiste. 56 x 112 x 15 cm. Courtesy Privatsammlung, Berlin

Die Werke von William Turner oder Sally Mann, aber auch von Bob Ross kommen Hilka Dirks (taz) in den Sinn, während sie die Gemälde des im Alter von 35 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion gestorbenen Malers Ull Hohn betrachtet, dem das Berliner Haus am Waldsee derzeit die Ausstellung "Revisions" widmet: "Leinwände voll schmantiger, monochromer Farbe, druckgrafisch anmutende Körperbilder, verschwommene Masturbationsszenen und immer, immer wieder amerikanische Landschaften. Ull Hohn taucht viele dieser malerischen Symbole der Spießigkeit betulicher Wohnzimmer und des getrockneten Bluts des amerikanischen Kolonialismus ins Gelb. In ein schwefeliges, chemisches, dickes Gelb, in Pisse, Auswurf und stinkenden Schwefel. ... Lässt man sich auf diese gelben Arbeiten Hohns ein, entwickeln sie einen Sog, so stark, man möchte sie anfassen, seinen Körper an sie pressen, die Farben anlecken. Es ist die überaus drückende Dringlichkeit, die man glaubt, in diesen Bildern spüren zu können, das Elend des Lebens und das Elend des Sterbens."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung über die neusachliche Rostocker Malerin Kate Diehn-Bitt in der Kunsthalle Rostock (FR) und die Ausstellungen "Laure Prouvost. We felt a star dying" im Kraftwerk Berlin (FAZ) sowie "The Return: Works from the North Sea" mit Werken der US-amerikanischen Malerin Lucy Dodd in der Berliner Galerie Sprüth Magers (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2025 - Kunst

Die Innsbrucker Galerie Innsitu präsentiert Fotografien der vor den Nazis geflohenen Wiener Jüdin Gerti Deutsch, die in der Nachkriegszeit Karriere als Fotojournalistin machte. Ivona Jelčić hat sich die Schau für den Standard angeschaut und erfreut sich vor allem am "Gespür der Fotografin für Bildaufbau, Proportion, Licht und Raum. Gerti Deutsch erweist sich auch dort als scharfsinnige Beobachterin, wo traditionelle und moderne Lebenswelten unmittelbar aufeinandertreffen: Auf einer Japan-Reise 1960 entstehen Aufnahmen vom dörflichen Leben und von modernen Großstadtmenschen, von Fischmärkten und vom Architekten Kenzō Tange. Selbst als sie in Japan nach einem Unfall im Krankenhaus landet, legt sie die Kamera nicht aus der Hand und dokumentiert Wartezimmerszenen und die eigene Behandlung."

Außerdem: Die Letzte Generation wird den deutschen Pavillon in Venedig 2026 mitbespielen, meldet monopol. Martin Zips macht sich in der SZ Gedanken über Kunststilimitation Marke ChatGPT.

Besprochen werden Kathrin Linkersdorffs Ausstellung "Microverse" im Haus am Kleistpark, Berlin (taz) und die Schau "Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Essener Museum Folkwang (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2025 - Kunst

Caravaggio: "The Cardsharps". Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas

Auf nach Rom in den Palazzo Barberini, ruft uns Kia Vahland in der SZ zu, denn die dortige Caravaggio-Ausstellung leistet in gleich zweierlei Hinsicht Außergewöhnliches: Zum einen reichert sie den an Caravaggios wahrlich nicht armen Bestand Roms um Leihgaben aus Europa und den USA an, zum anderen befreit sie den Barockkünstler endlich von der "Last moderner Sehnsüchte" und legt den "Menschendenker und Theatermacher" hinter dem Rebell frei, freut sich die Kritikerin: Die Ausstellung "führt dafür Leitmotive aus verschiedenen Schaffensphasen zusammen. Eines handelt von heranwachsender Männlichkeit, und es sind keineswegs Haudegen, die einem hier - braun gelockt wie der Künstler selbst - entgegentreten. Stattdessen ist da ein Junge beim Obstschälen, glücklich versunken in seine Tätigkeit. Oder ein mutmaßliches Selbstbildnis als Weingott Bacchus, der schwer krank wirkt mit seinen blauen Lippen. Es gibt Jünglinge, die von einer Wahrsagerin oder einem Falschspieler ausgenommen werden, und Bilder von Johannes dem Täufer, der mit jugendlich überlangen Gliedmaßen noch nicht zu wissen scheint, welch ein Mann einmal aus ihm werden könnte. Caravaggios Jungs beschreiben das Großwerden als Suche, als Sammlung von Unsicherheiten und Pannen. Auch das Erwachsensein bleibt bei ihm riskant."

Ausstellungsansicht: Kathrin Linkersdorff: Microverse - Haus am Kleistpark. Foto: Andreas Meichsner

An Ovids "Metamorphosen", gar an Stillleben Alter Meister muss Ingeborg Ruthe (FR) denken beim Anblick der Fotografien von Kathrin Linkersdorff, die nun unter dem Titel "Microverse" im Berliner Haus am Kleistpark ausgestellt sind. Als Artist in Residence am Institut für Biologie/Mikrobiologie der Humboldt-Universität hat die Fotografin die Bakterien in biochemischen Verfallsprozessen aufgenommen: "Sterben und unaufhaltsamer Verfall in Schönheit und in Verwandlung zu einem neuen Daseinszustand - so könnte man metaphorisch nennen, was man auf den großen Fotos sieht: Streptomyceten im biochemischen Zerfallsprozess, als 'Siedler' auf einer abgestorbenen Erbsenpflanze mit sich noch im Tode kringelnden Klettertrieben. 'Diese Bakterienart verdaut Pflanzen; befindet sie sich in gesunder Erde, ist sie fähig, eigene Antibiotika zu erzeugen' erklärt die Fotografin. Dabei bilden diese Mikroorganismen leuchtend rote und blaue Pigmente aus, zudem weißliche Sporen, fast wie Puderzucker. Das Experiment in Petrischalen war herausfordernd: Linkersdorff und die Mikrobiologin Hengge erlebten die harmlosen Bakterien nämlich als 'recht launisch, im Verhalten sehr komplex und kaum vorhersehbar'."

Besprochen werden die Ausstellung "Siena. The Rise of Painting, 1300-1350" in der National Gallery in London (FAZ), die Ausstellung "Linder: Danger Came Smiling", die der radikalfeministischen Fotografin Linda Sterling gewidmet ist, in der Hayward Gallery, in London (taz) und die Ausstellung "Von hier aus. Jubiläumsausstellung" im Bündner Kunstmuseum Chur (NZZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2025 - Kunst

Die neue Regierung plant ein Restitutionsgesetz für NS-Raubkunst. Endlich, ruft Jörg Häntzschel in der SZ: "Das Restitutionsgesetz, sollte es kommen, wäre ein großer Fortschritt gegenüber dem Schiedsgericht. Während dies hinter verschlossenen Türen ausgedealt wurde, muss das Gesetz vom Parlament beschlossen werden. Dabei wäre dann endlich Gelegenheit, darüber zu diskutieren, ob Deutschland 80 Jahren nach Kriegsende die Restitution von Raubkunst erschweren oder doch erleichtern sollte. Die Tatsache, dass sowohl der Zentralrat und die Jewish Claims Conference als auch Bayern dieses Gesetz wollen, zeigt, dass diese Diskussion überfällig ist."

Besprochen wird die Ausstellung "Half Frame" von Maria Toumazou im Overbeck-Pavillon in Lübeck (taz) und die Ausstellung "Von Odessa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 - Kunst

Ein unbedingt lesenswertes Interview mit dem syrischen Künstler Bilal Shourba hat Astrid Kaminski für den Bilder-und-Zeiten-Teil der FAZ geführt. Shourba, der durch seine Wandbilder auf den Ruinen von Daraya international bekannt wurde, erzählt vom Krieg in Syrien, der zerstörten Bibliothek von Idlib, vom - vorerst suspendierten - Misstrauen gegenüber Al-Scharaa und von den Anfängen der Revolution, die damals noch nicht in erster Linie von Islamisten geprägt war: "Die Tatsache, dass ich auf zerstörten Häusern malte, die Individuen oder der Gemeinschaft gehörten, gab mir das Gefühl, dass viele Menschen an dem, was ich mache, beteiligt sind. Das ist der eine Teil der Antwort. Der andere Aspekt bezieht sich auf die Dokumentation unserer Realität und die Frage, wie Geschichte darüber geschrieben werden wird. Wir wollten keinen Krieg, wir glaubten nicht an Mord, wir waren, anders als Assads Propaganda es die Welt gleich zu Beginn der Revolution glauben machen wollte, keine Dschihadisten oder IS-Anhänger! Wir waren Menschen, die hungrig waren nach Frieden, Freiheit und Bildung. Dies wollte ich dokumentieren."

In der FAS beschreibt Jonathan Guggenberger die Aufbruchsstimmung in der polnischen Kunstszene nach dem Ende der PiS-Regierung. In Warschau, in der Nationalgalerie Zachęta, hört er "eine bekannte, aber unheimlich schief gepfiffene Melodie. Eine Schrifttafel neben dem großen Fenster bestätigt den Verdacht: 'Wind of Change'. Der Siegeszug des liberalen Westens als Soundtrack, ursprünglich gesungen von den Scorpions, hier in verstimmter Neuinterpretation des Künstlers Nikolay Karabinovych aus dem kriegszerstörten Odessa. Joanna Mytkowska, seit 2007 Gründungsdirektorin des Museums, fasst diese Vision so zusammen: 'Wir müssen uns selbst definieren - wo wir stehen wollen in der globalen Kunstszene.' Dieses Wir besteht für sie aus polnischen, ukrainischen, belarussischen, aber auch georgischen Künstlern." Ein gutes Beispiel, wie diese Selbstdefinition aussehen könnte, ist die Retrospektive der in New York lebenden polnischen Künstlerin Andrea Fraser in der Zachęta: "Interventionen, wie 'Reporting from São Paulo, I'm from the United States' von 1998, zeigen, dass sich die Gegenstände von Frasers Kritik kaum gewandelt haben: Mit fernsehfreundlichem Lächeln performt die Künstlerin als TV-Moderatorin, bringt mit ein paar arglosen Fragen die postkoloniale Pose der 24. Kunstbiennale in São Paulo zum Einsturz - stellt das neokoloniale Denken dahinter aus."

Weiteres: In der SZ berichtet Viktoria Großmann von der Entdeckung einer Büste, die wahrscheinlich Donatello zuzuschreiben ist, in der slowakischen Provinz und Befürchtungen, diese könne von der eher an slowakischer Volkskunst interessierten Kulturministerin Martina Šimkovičová verkauft werden (mehr in der ARD-Audiothek). In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Marc Zitzmann an den Résistance-Kämpfer und Kunstsammler Daniel Cordier, dem derzeit ein Buch und eine Ausstellung in drei Pariser Museen gewidmet sind. Besprochen wird die Ausstellung "Zeiten des Umbruchs" mit späten Werken Egon Schieles im Wiener Leopold Museum (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2025 - Kunst

Dachziegel aus dem 8./9. Jahrhundert. Bild: Koreanisches Nationalmuseum


Wie wenig wir Deutschen eigentlich von Korea wissen, wird FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Dresdner Grünen Gewölbe klar, wo er in der Ausstellung "100 Ideen von Glück" Kunstschätze bewundert, die schon seit den Zeiten Augusts des Starken gesammelt wurden. Es werden "jahrtausendealte Grabfunde wie tönerne Boote auf Rädern präsentiert, die den Verstorbenen sicher ins Jenseits bringen sollen, treue Pferde, Vögel als Seelentiere sowie Lampen als das jenseitige Dunkel erhellende und ebenfalls schützende Beigaben. Selbst die aufwendig ornamentierten Dachziegel und Tempel-Metopenplatten aus dunkel glasierter Keramik können mit zeitgleicher griechischer Tempelschutzzier verglichen werden - alle Kunst scheint in dieser Epoche die oft ungnädigen Götter jeweils fragen zu wollen, wie das Glück stolperfrei zu einem fände? Im vom 4. zum 9. Jahrhundert in Korea dominierenden Buddhismus war die Glücks- und innere Friedenssuche geradezu Staatsziel."

Besprochen werden: "Icons In-Between" im Ikonenmuseum Recklinghausen (FAZ), "From Amber to the Stars. Together with Čiurlionis: Then and Now" anlässlich des 150. Geburtstags des Malers Mikalojus Konstantinas Čiurlionis im Nationalmuseum Kaunas (Monopol), die Retrospektive "Hans Haacke" im Wiener Belvedere (NZZ), "Microverse" mit Fotografien von Kathrin Linkersdorff im Haus am Kleistpark (Tagesspiegel) und gleich zwei Ausstellungen von Andreas Mühe in Frankfurt: "Im Banne des Zorns" in der Kunststiftung DZ-Bank und "Golden American" in der Galerie Anita Beckers (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2025 - Kunst

Die polnische Künstlerin Alina Szapocznikow überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt, im Alter von nur 46 Jahren starb sie an Brustkrebs. Nicht nur in ihrer "Tumor-Reihe", die die vor allem für ihre Körperabgüsse von Mündern und Brüsten in Polyurethan berühmt gewordene Künstlerin in Folge der Krebsdiagnose schuf, verhandelt sie die Themen Körperlichkeit, Leben und Tod, stellt Christina Irrgang (Monopol) in der Schau "Körpersprachen" im Kunstmuseum Ravensburg fest: "Ob in Bronze gegossene Körperfragmente, mit Gold patinierte Maschinenteile, samtweich geschliffene Marmoroberflächen, amorph erhärtetes Polyurethan, im Mund zugerichtete Kaugummi-Plastiken oder vibrierende, doch bestimmt geführte Bleistiftlinien: Die Verbindung von Material und Form wirkt in Alina Szapocznikows Arbeiten unmittelbar, ja brutalistisch. (…) Ihre frühen Bronzen wie 'Exhuminiert' (1955/57), die aus einem kauernden Torso mit fragmentierten Beinen und ausgehöhltem Mund besteht, lassen das Publikum in der Ravensburger Ausstellung den Beginn ihres bildplastischen Arbeitens nachvollziehen. Die Entwürfe für Holocaust-Denkmäler in Gestalt erhobener, greifender Hände zeigen eine visuelle Sprache, der ein stummer, doch spürbarer Aufschrei innewohnt."

Lynn Hershman Leeson, Ohne Titel (Hand Photograph), aus der Serie 25 Windows: A Portrait/Project for Bonwit Teller, 1976/2015. Farbfotografie. ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. © Lynn Hershman Leeson; Foto: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Franz J. Wamhof

Christiane Meixner (Tagesspiegel) kann sich im Basler Museum Tinguely in der Schau "Fresh Windows" erstaunt davon überzeugen, wieviele KünstlerInnen sich von Fenstern inspirieren ließen: "Die Zurschaustellung von Waren wie Fleisch oder Unterwäsche, die der Fotograf Eugène Atget als Flaneur Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris festhielt, mündet in der feministischen Kunst von Maria Teresa Hincapié und Vlasta Delimar, die sich mit dem Blick auf den weiblichen Körper befassen, der im öffentlichen Raum stets ausgestellt wirkt. Peter Blake schuf mit 'The Toy Shop' 1962 eine Assemblage aus Tür und Schaufenster, in dem er vom Scherzartikel bis zur Cowboy-Figur versammelt, was er als Kind begehrte. Dass die Plastikverpackungen in der Auslage eines vorgeblichen Spielzeuggeschäfts nach über 60 Jahren kurz vor dem Zerfall sind, macht nicht nur die Konservatoren nervös - es zeigt auch, wie kurzlebig und fragil diese Wünsche sind."

Besprochen wird die Laure-Prouvost-Ausstellung "We felt a Star Dying" im Kraftwerk Berlin (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2025 - Kunst

Ausstellungsansicht, Lenora de Barros: To See Aloud, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2025. Foto: Felix Gruenschloss

Sprache, in Kunst verwandelt: Das kann man derzeit, so Carmela Thiele in der taz, im Badischen Kunstverein Karlsruhe bewundern. Der widmet der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros eine Ausstellung, die sich unter anderem dem körperlichen Aspekt von Sprache widmet: "Dreh- und Angelpunkt ihres Werks ist die Doppelbedeutung des portugiesischen Wortes 'Lingua', das sowohl Sprache als auch Zunge heißt. Die Zunge liegt diskret verborgen in der Mundhöhle. In ihren Videoperformances untersucht die Künstlerin diesen Muskel am eigenen Leib und stellt seine Beweglichkeit zur Schau oder attackiert ihn. In der Arbeit 'Calaboca (Shut up)' ist die Künstlerin verstummt, während jemand ihr die Buchstaben des Wortes 'Silencio' in die Zunge hämmert. Diese groteske Szene entstand als Fotomontage, die in das Video eingebaut ist."

Stefan Trinks verteidigt in der FAZ das Bayerische Nationalmuseum gegen den in der SZ erhobenen Vorwurf des "saisonalen Antisemitismus" in Bezug auf ein Faltblatt des Museums, auf dem eine klischeeisierte Judas-Darstellung abgedruckt war (mehr hier). Trinks: "An mittelalterlicher Kunst Interessierte wissen, dass rote Haare, Silberlinge und das grellgelbe Gewand die Attribute des Judas im Hoch- und Spätmittelalter sind und den für die Heilserfüllung so wichtigen Jünger Jesu auf nahezu allen mittelalterlichen Altären identifizierbar machen, auch wenn wir heute diese Stereotypisierung schrecklich finden. Oft geht dies außerdem mit einer Verzerrung der Gesichtszüge und einer Hakennase einher, Ausdruck eines strukturellen Antijudaismus des Christentums (Judas als personifizierter Verräter, Juden als 'Christusmörder'), der Pogrome anstachelte. Deshalb aber grundsätzlich jede Darstellung des Judas mit den oben genannten Attributen als antisemitisch zu bezeichnen, würde alle Künstler des Mittelalters summarisch zu Antisemiten erklären." Marcus Woeller greift den Fall in der Welt ebenfalls noch einmal auf und kommt zu einem ganz anderen Schluss. Für ihn liegt eine antisemitische Ausdeutung des Motivs nahe. Und außerdem: "Wenn ausgerechnet Kunsthistoriker die Wirkung von Bildern nicht mehr einschätzen können, dann ist das ein Grund zu Besorgnis."

Ein Gerhard-Richter-Fresko, das der Künstler selbst als "Jugendsünde" bezeichnet, wird bald im Dresdner Hygienemuseum wieder vollständig zu besichtigen sein, vermeldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die Istanbuler Kunstszene meldet sich, berichtet Ingo Arend für monopol, nach der Festnahme Ekrem Imamoğlus zu Wort - gegen Erdoğan. Jan Kage unterhält sich ebenfalls auf monopol mit dem Künstler Christian Thoelke. Donald Trump gefällt das Porträt seiner selbst nicht, das in der Präsidentengalerie des Kapitols von Colorado hängt, teilt uns unter anderem Valerie Dirk im Standard mit. Mark Reichwein spaziert mit Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle an der Saale, für die Welt durch dessen Wirkungsstätte. Susanna Petrin porträtiert in der NZZ die Blumenkünstlerin Bella Meyer.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Invading Space" in der Berliner Galerie Schau Fenster (taz), die Schau "Berliner Realistinnen" im Berliner Haus am Lützowplatz (FR), die Fotoausstellung "Aslan Goisum, Suspect" im Berliner Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst (Tagesspiegel) und die Schau "Ein Jahrhundert in Bildern. Österreich 1925-2025" in der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2025 - Kunst

Jörg Häntzschel traute seinen Augen nicht, als er auf das Programm des Bayerischen Nationalmuseums blickte: Dort war ein Abbild des Judas Iskariot abgedruckt, berichtet er in der SZ, "mitsamt seiner üblichen Attribute: gelber Mantel, Bart, rote Haare und um den Hals ein dicker Geldsack". Es ist ein Detail aus einer Bilderreihe über die Passionsgeschichte. Ist den Verantwortlichen der Antisemitismus der Darstellung nicht aufgefallen? Besonders pikant ist die Angelegenheit, weil Ende März eine Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus im Museum stattfinden wird. "Hätte ein solches Motiv nicht eingeordnet und erläutert werden müssen, zumal wenn es so aus dem Kontext herausgelöst wird? Nicht um der politischen Korrektheit willen, sondern um aufzuklären? Generaldirektor Frank Matthias Kammel scheint das anders zu sehen. In seinen Beteuerungen des Bedauerns hebt er nur auf die 'verletzten Gefühle' des Publikums ab: 'Wir werden zukünftig noch sensibler als bisher auf die Motivwahl achten'" verkündete er. Die Flyer wurden mittlerweile eingestampft!

Der Wolfsburger Kunstverein leidet stark unter Einsparungen, berichtet Bettina Maria Brosowsky in der taz. Das geplante Programm klingt aber trotzdem spannend, meint sie und findet ihren Eindruck mit der erste Ausstellung des Jahres "Auf Reisen" bestätigt. Gut gefallen haben ihr hier zum Beispiel die Arbeiten von Atiye Noreen Lax: "Sie zeigt zwei Videos. Für das erste, 'Restlessness', hat sie viele Jahre lang ihre Füße an verschiedensten Orten gefilmt, ihr empfundenes Nomadentum. Für ihre zweite, 13-minütige Videoarbeit war sie 2024 für sechs Monate in der Türkei unterwegs. Sie bereiste entlegene Gegenden mit familiären Bezügen, aber auch Touristen-Hotspots wie die zentralanatolische Region Kappadokien. Dieses Unesco-Weltkultur- und Naturerbe zeichnen nicht nur bizarre Höhlen vulkanischen Ursprung aus, teils zu Architekturen transformiert, es ist auch hoch frequentierter Ausgangspunkt für Ballonfahrten. Man sieht Scharen asiatischer Touristen in den Himmel aufsteigen - und die Künstlerin fragt sich: Was unterscheidet mich von ihnen? Bin ich nicht nur in Deutschland Fremde, sondern auch in der 'Haymat', so der Titel des Videos gemäß der türkischen Transkription dieses urdeutschen Gefühlspotenzials."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Alex Wissel. Der zwanglose Zwang" im Bielefelder Kunstverein (FAZ) und die Ausstellung "Will McBride - Die Berliner Jahre" im Bröhan-Museum Berlin (Tsp).