Efeu - Die Kulturrundschau

Lyrisches Cinemascope

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2018. Mit vokalem und politischem Sprengstoff eröffnet William Kentridges Spektakel "The Head and the Load" die Ruhrtriennale: Die westeuropäischen Schafe nachtkritik und SZ applaudieren hingerissen, auch wenn sie nicht immer ganz folgen können. Die taz ergründet Transformationsprozesse bei der Biennale in Riga. Der Tagesspiegel bringt eine kritische Würdigung Wolf Wondratscheks, der bald 75 wird. Der Jungle World wird die Musik Stella Sommers zum Verhängnis. Berthold Seeliger antwortet im Perlentaucher auf FAZ-Kritiker Jan Brachmann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2018 finden Sie hier

Kunst

Maarten Vanden Eynde, Pinpointing Progress, 2018 (Installationsansicht). Courtesy of the artist and Meessen De Clercq Gallery, Brussels. Photo Andrejs Strokins


Ingo Arend besucht für die taz die zweite, von der Kunsthistorikerin Agnija Mirgorodskaja initiierte Biennale in Riga. Dass das Geld von Mirgorodskajas millionenschwerem Vater kommt, einem Fischwarenunternehmer aus St. Petersburg, verzeiht er gern angesichts der guten Arbeit von Kuratorin Katerina Gregos, deren Thema in diesem Jahr Transformationsprozesse sind: So "steht im alten Industriehafen Rigas Maarten Vanden Eyndes Skulptur 'Pinpointing Progress'. Der niederländische Künstler hat einen Bus, ein Auto, ein Moped, ein Fahrrad, einen Computer, ein Radio, ein Telefon, eine Kamera und einen Transistor auf einer überdimensionalen Nadel so aufgespießt, dass sie aussehen wie die Stadtmusikanten aus Rigas Partnerstadt Bremen. Eine Stufenleiter der technologischen Evolution, bei der alles immer kleiner wird. Und James Becketts Skulptur 'Palace Ruin' im Park neben der alten Biologischen Fakultät, eine Nachbildung der schwarzen, rauchenden Ruine des 1929 in Flammen aufgegangenen Amsterdamer Glaspalasts, wirkt wie ein Memorial der plötzlichen, unerwarteten Existenzvernichtung."

Anna Boghiguian, A Play to Play, 2013, Installationsansicht im Museum der Moderne Salzburg, 2018, Foto: Rainer Iglar
Im Standard stellt Anne Kathrin Fessler die 72-jährige Künstlerin Anna Boghiguian vor, die sich mit Ökonomie, Kolonialismus, Migration und dem globalen Handel beschäftigt und gerade eine Schau im Salzburger Museum der Moderne hat: "Als 'begehbares Buch' beschreibt Breitwieser die Installation 'Die Salzhändler' (ursprünglich für die Istanbul-Biennale 2015 entstanden). Passend für eine Künstlerin wie Anna Boghiguian, die als stetig Reisende in einer produktiven Diaspora lebend, ihre Ideen vielfach in Künstlerbüchern entwickelt. Es ist eher eine Form von atmosphärischem Lesen, ein poetisch-literarisches Begreifen der Spuren und teils hieroglyphisch notierten Worte und ihrer durchaus rohen wie auch naiven malerischen Bildsprache. All das versucht in diesem leider schlussendlich doch narrationsarm geratenen Denkraum auf die politische, mit dem 'weißen Gold' verknüpfte Historie zu verweisen: auf die Anfänge des Handels, auf Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung."

Besprochen werden die Ausstellung "Hot Sun, Late Sun. Untamed Modernism" in der Fondation Vincent van Gogh in Arles (FAZ) und eine Fotoausstellung aus Thessaloniki, mit der die Europäischen Kulturtage im Museum Europäischer Kulturen in Berlin eröffnet werden (Tagesspiegel, FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Lyrische Bilder: "Gangbyun Hotel" von Hong Sang Soo (Bild: Filmfestival Locarno)
Zum letzten Mal unter Carlo Chatrians Leitung werden heute Abend in Locarno die Preise verliehen. Susanne Ostwald  zieht in der NZZ Bilanz und drückt Hong Sang Soo alle Daumen, schließlich hat er mit "Gangbyun Hotel" einen "überragenden Beitrag" geliefert. Es geht um "einen lebensmüden alten Dichter, der sich ein letztes Mal mit seinen beiden Söhnen trifft, und einer jungen Frau, die vor einer gescheiterten Beziehung mit einem verheirateten Mann geflohen ist und nun Trost von einer Freundin erfährt. In makellosen, lyrischen Bildern führt Hong Sang Soo diese Geschichten parallel, auf dass sie sich zu einem melancholischen Panorama des Daseins an sich weiten."

Bewusst hässlich gehalten: Jan Bonnys "Wintermärchen" (Bild: Filmfestival Locarno)
Dem deutschen Wettbewerbsbeitrag, Jan Bonnys an die NSU-Mordserie angelehnten Film "Wintermärchen", rechnet sie, obwohl sie ihn "hervorragend" findet, weniger Chancen aus: Zu sehr Thema, zu wenig Filmkunst als solche, die in Locarno hoch im Kurs steht. In Frédéric Jaeger von critic.de hat der Film, in dem "das Miteinander von Zügellosigkeit und Terror unnachgiebig das Menschliche des Bösen vorführt", jedoch einen Fürsprecher gefunden. SpiegelOnline-Kritikerin Hannah Pilarczyk sah einen "grenzenlos hässlichen Film. ... Wann hat sich ein deutscher Film zuletzt so vehement und unzweideutig mit Figuren der Zeitgeschichte auseinandergesetzt? Nach 'Wintermärchen' muss sich das deutsche Kino an neue Maßstäbe der politischen wie auch der persönlichen Dringlichkeit gewöhnen."

Katrin Doerksen von kino-zeit.de nimmt neben der McCarey-Retrospektive Milorad Krstics Animationsfilm "Ruben Brandt, Collector" als ganz großes Highlight von Locarno mit. Bei Artechock kürt Rüdiger Suchsland Philippe Lesages "Genesis" zu seinem Festivalhöhepunkt.

Weitere Artikel: Statt künftig den beim Publikum populärsten Film auszuzeichnen, sollte die Academy lieber neue Kategorien für Casting, Stunts und Trailer einrichten, schlägt David Steinitz in der SZ vor. Im Filmdienst schreibt Marius Nobach über das Verhältnis zwischen Cello und Kino. Zum 100. Geburtstag von Robert Aldrich hat der Filmdienst Michael Hanischs Würdigung aus dem Jahr 2003 online gestellt. Im Blog von epdFilm denkt Gerhard Midding darüber nach, warum Aldrich im deutschssprachigen Raum zuletzt so in Vergessenheit geraten ist.

Besprochen werden der neue "Mission Impossible"-Film mit Tom Cruise (Freitag, unsere Kritik hier), Matt Groenings neue Netflix-Serie "Disenchantment" (Welt) und Ed Herzogs Krimikomödie "Sauerkrautkoma" (Zeit).
Archiv: Film

Literatur

Früher "lyrisches Cinemascope" im "urbanen Nirgendwo-Deutschland", heute existenzielle Hochkultur-Sensibiliät in Wien: Wolf Wondratschek wird in wenigen Tagen 75, erfährt derzeit eine Neuausgabe seiner Werke im Ullstein Verlag und wird also von Gregor Dotzauer im Tagesspiegel nicht ganz unkritisch gewürdigt. Wobei der Bruch in Werk und Habitus des Dichters für Dotzauer nur dem ersten Anschein nach so einschneidend ist, darüber hinaus gebe es aber "heimliche Kontinuitäten": "Biografisch ist es die lang eingeübte Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren. ... Literarisch liegt die Kontinuität in einem nichtauthentischen Schreiben und Sprechen, Den existenziellen Schmerz, den es verhandelt, hält es sich durch Rollen, Posen und Spiegelgestalten vom Leibe. Im breitbeinigen Western-Pathos der frühen Gedichte machte das, das drohende Ersaufen im gefühlstriefend Heroischen eingeschlossen, einen Teil seiner Modernität aus."

Weitere Artikel: Im Dlf-Feature befasst sich Birgit Morgenrath mit dem Schriftsteller Dogan Akhanli. Im "Lyriksommer" des Dlf Kultur sprechen Gunhild Kübler und Heinz Ickstadt über die Dichterin Emily Dickinson. Wieland Freund hat sich für die Literarische Welt mit Michael Ondaatje getroffen, dessen neuer Roman "Kriegslicht" in Zeit und FAZ besprochen wird. Marko Martin porträtiert in der Literarischen Welt den argentinischen Schriftsteller Marcelo Figueras. Außerdem bringen die FAZ Zinaida Lindéns Erzählung "Eine gute Europäerin", die im Zusammenhang des Freiraum-Projekts des Goethe-Instituts entstanden ist, und die Literarische Welt veröffentlicht David Foster Wallace' Essay "Über das Schreiben".

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Sechs Koffer" (taz, Welt), Roberto Bolaños Romanfragment "Der Geist der Science-Fiction" (NZZ), Bastien Vivès' Comic "Eine Schwester" (taz), Anna Goldenbergs "Versteckte Jahre (Standard), die Neuauflage von Alberto Breccias Comicadaptionen von H.P. Lovecrafts Horrorgeschichten (Jungle World), Klaus-Jürgen Liedtkes "Nachkrieg" (FR), Michel Decars "Tausend deutsche Diskotheken" (taz), Albertine Sarrazins "Der Ausbruch" (NZZ), Jan Bachmanns Comic "Mühsam: Anarchist in Anführungsstrichen" (Freitag), Christine Zureichs "Garten, Baby!" (FR), Wanda Marascos "Am Hügel des Capodimonte" (SZ) und die Tolkien-Ausstellung in der Bodleian Library in Oxford (NZZ).
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Archiv: Literatur

Musik

Spöttisch hatte FAZ-Musikkritiker Jan Brachmann auf ein Buch Berthold Seligers reagiert, das eine Krise der klassischen Musik diagnostiziert (unser Resümee). In Wirklichkeit, so Brachman, hörten mehr Menschen klassische Musik als je. Berthold Seliger antwortet im Perlentaucher. Erstens lese Brachmann manche Statistik falsch und manche gar nicht, und zweitens komme es nicht nur auf Statistik an: "Fragen Sie mal Abiturienten, was eine Sonatenform ist, oder versuchen Sie, sich von diesen eine Bach-Fuge oder Schönbergs Zwölftonmusik erklären zu lassen. Und Kinder aus ärmeren Haushalten, die weder auf höhere Schulen gehen noch außerschulischen Instrumentalunterricht genießen, haben kaum je Chancen, die klassische Musik überhaupt kennenzulernen. Dies ist tragisch, nicht nur, weil es bedeutet, dass diese Kinder nie die Leidenschaft, die Freuden und Tiefen der Musik kennenlernen werden, sondern vor allem, weil diesen Kindern damit auch eine wertvolle Möglichkeit der Selbstermächtigung fehlt."

Sehr ausführlich befasst sich Nina Mueller in der Jungle World mit dem Schaffen von Stella Sommer einerseits bei Die Heiterkeit, andererseits auf ihrem neuen Soloalbum "13 Kinds of Happiness", auf dem sich die Sängerin und Musiker einmal mehr, nicht als Groß-Erzählerin in Szene setzt: "Erneut sind es mehr Skizzen, Andeutungen von (Seins-)Zuständen und Begegnungen, bei stetigem Wechsel der Sprecherposition," Das Album führt "in die schmerzhaften Grenzbereiche, in denen das Begehren nach Glück zum Verhängnis wird". Doch "selbst wenn es textlich um die unseligen Früchte von Bindungsangst, Kontrollverlust, Selbstbestätigungsdrang oder Narzissmus geht, sorgt der Sound dafür, dass nicht abgebogen wird in die Einbahnstraße der Verzweiflung." Auf Bandcamp kann man in das Album reinhören:



Weitere Artikel: Für die SZ porträtiert Jan Kedves Helena Hauff, die sich aus dem Hamburger Golden Pudel Club in die internationalen Clubs hochgearbeitet hat. In der taz stimmt Jens Uthoff auf das Berliner Festival Pop-Kultur ein.

Besprochen werden International Musics Debütalbum "Die besten Jahre" (taz) und der Dokumentarfilm "Beside Bowie" über David Bowies langjährigen Gitarristen Mick Ronson (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne

Szene aus William Kentridges "The Head and the Load"


Die Ruhrtriennale eröffnete mit einem großen Spektakel von William Kentridge - "The Head and the Load" mit Musik, Gesang, Tanz und Film - über die Ausbeutung Afrikas im Ersten Weltkrieg. Nachtkritiker Andreas Wilink ist begeistert, auch wenn er nicht immer folgen kann: "Einer vertritt die Stimme Afrikas, indes zwei Uniformierte die europäische Dominanz verkörpern wie Popanze in einem Alfred Jarrys 'König Ubu' nicht unähnlichen Grand Guignol. Vokaler Sprengstoff explodiert als 'Kaboom' wie knatternde Salven. Es wird buchstabiert, telegraphiert und verschlüsselt. Ach, könnte man die Codes nur alle knacken und die Enigma-Maschine anwerfen. Das westeuropäische Schaf, in dem historisch bedingt auch der böse Wolf steckt, kann nicht immer folgen. Kentridges virtuose Technik der Animation geht von der Kohlezeichnung aus, deren Spur wieder verwischt. So erhebt sich seine Kunst, wie Phoenix, aus Asche, Ruß und Staub. Und schaut hinüber zu dem gegen den Sturm sich stemmenden Engel der Geschichte: 'das Antlitz der Vergangenheit zugewendet', wie ihn Walter Benjamin bei Paul Klee entdeckt hat. Kentridge collagiert das Fragment." In der SZ sieht Egbert Tholl zufrieden auch die Schuldfrage am heutigen Zustand des Kontinents geklärt.

Virve Sutinen, Leiterin des vor dreißig Jahren gegründeten Berliner Festivals Tanz im August, stellt im Interview mit der Berliner Zeitung das Programm zum Jubiläumsjahr vor. Ein Trend: "Es geht in einigen Stücken des Festivals um Selbstoptimierung. All die Ideologien und Strategien, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, sind auch soziologisch spannend für den Tanz, weil er selbst so nah dran ist am Körper. Extensions, künstliche Knie und Hüften, radikale Deformationen mit denen sich Menschen den aktuellen Schönheitsnormen widersetzen, das ist längst in unser aller Alltag präsent."

Besprochen wird der Salzburger "Jedermann" (Presse) mit Philipp Hochmair in der Titelrolle (mit dem sich der Standard unterhält).
Archiv: Bühne