Efeu - Die Kulturrundschau

Gehalt und Gewalt und Leidenschaft

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2017. Frankreich war als Gastland geladen, gekommen war Europa, resümiert die NZZ die Frankfurter Buchmesse. Die FAZ quittiert den Friedenspreis für Margaret Atwood mit einem gemütlichen Lächeln. Die Welt lernt in einer Londoner Ausstellung, dass Oper eine Anti-Brexit-Kunst ist. Die Nachtkritik bewundert, wie Pinar Karabulut in Köln die Leidenschaft von "Romeo und Julia" in Eiseskälte erstrarren lässt. Und die SZ geht mit Sol Calero ins Nagelstudio.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2017 finden Sie hier

Bühne



Eva Gozales: Loge im italienischen Theater, 1874. Musée d'Orsay.

Die Ausstellung "Opera: Passion, Power and Politics" im Londoner Victoria and Albert Museum zeigt sehr schön, freut sich Manuel Brug in der Welt, wie mit der Oper aus populärer Unterhaltung ein Repräsentationsobjekt der Reichen und Mächtigen wurde, aber auch rauschhafte Droge, sozialer Kitt und "Amalgam abendländischer Kulturgeschichte": "Überall spürt man, dass diese souverän erzählte alte Geschichte von Invention, Unterhaltung und vokaler, instrumentaler wie visueller Kunstfertigkeit natürlich auch mit dem unmittelbaren Jetzt zu tun hat. Weil im gegenwärtigen Russland ein Künstler wie der Opern-, Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow den gleichen grausamen Repressalien ausgesetzt ist wie seine Ahnen. Und weil, so formuliert es der künstlerische Berater und Opernregisseur Robert Carsen, gerade die Oper eine Anti-Brexit-Kunst ist, die Schöpfer und Mitwirkende aus vielen Ländern Europas vereinte und vereint." Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper genießt "Gehalt und Gewalt und Leidenschaft". Und auch in der FAZ lobt Gina Thomas den frischen Blick auf die Gattung.


Kristin Steffen und Thomas Brandt in "Romeo und Julia" am Schauspiel Köln. Foto: Krafft Angerer

Exzeptionell findet Martin Krumbholz in der Nachtkritik, mit welch "zartem Enthusisasmus" das Schauspiel Köln Shakespeares "Romeo und Julia auf die Bühne bringt: "'Romeo und Julia'" handelt ein bisschen von der Liebe, vor allem aber vom Tod, und es ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz die junge Regisseurin Pinar Karabulut das Thema angeht, ohne Schnörkel, anscheinend auch ohne Erschrecken vor der Eiseskälte einer Welt, in der die Hitze dieser Leidenschaft erstarrt wie ein Stückchen Blei in einer Wasserschüssel."

Besprochen werden Sabine Boss' Theaterfassung des Kinofilms "Der Verdingbub" am Theater Bern (NZZ), Christian Spucks Choreografie "Nussknacker und Mausekönig" am Opernhaus Zürich (NZZ), das Stück "Pursuit of Happiness" der Tanztruppe En-Knap und dem Nature Theater of Oklahoma beim Steirischen Herbst (Standard) und Markus Poschners Inszeneirung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" in Linz (FAZ).
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Literatur

In Frankfurt ist Margaret Atwood mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Debatten, wie sie von den Friedenspreis-Reden von Carolin Emcke, Navid Kermani und Jaron Lanier in den letzten Jahren ausgingen, sind nach dem Auftritt der kanadischen Schriftstellerin, die ihr eigenes, politisches Schreiben ins Verhältnis zur Welt und deren Unbill setzte, wohl eher nicht zu erwarten. Die Feuilletons jedenfalls reagieren positiv lauwarm. Im Publikum in der Paulskirche wurde oft "gemütlich gelächelt" zu dieser "luftleichten, ahnungsvollen Rede", wie wir in der FAZ von Simon Strauß erfahren. "Sanft und unverfänglich wurden in ihrer Rede allerlei Gedanken angestupst - ein wirkliches Plädoyer, gar eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Preisthema 'Frieden' gab es nicht. Keine besonderen Vorkommnisse also. Um zwölf Uhr mittags verließ man die Paulskirche mit reinem Gewissen. Und fühlte sich frei von Harm und Gedankenschwere."

Franziska Augstein setzt in der SZ denn auch gleich mit Atwoods "bezaubend-spitzbübischem Lächeln" ein und lobt dann insbesondere Eva Menasses Laudatio auf die Preisträgerin. "Mit Bravour und Selbstironie" habe Atwood "ihre Kunst gegen die Ansprüche des Politischen verteidigt", schreibt Ulrich Gutmair im kleinen taz-Porträt und zitiert zum Beleg Atwood: "Was nach Aktivismus meinerseits aussieht, ist meist eine Art tollpatschiges Staunen. Warum hat denn der Kaiser nichts an, und warum wird es so oft als unhöflich empfunden, wenn man einfach damit herausplatzt?" Im 10nach8-Blog auf ZeitOnline porträtiert Bernadette Conrad Atwood und staunt über deren "enorme - und ungewöhnliche - Bandbreite ihrer Themen und Kenntnisse." Weitere Berichte von der Preisverleihung in der FR, in der NZZ im Tagesspiegel. Auszüge aus Menasses Laudatio und Atwoods Dankesrede kann man beim Deutschlandfunk nachhören.

Weiteres von der Buchmesse: Tania Martini berichtet in der taz von den großen intellektuellen Debatten auf der Buchmesse, zu denen Impulse vor allem von den französischen Gästen kamen - insbesondere auch auch von jenen, die, wie Jean-Christophe Bailly oder Geoffroy de Lagasnerie, die aus Protest gegen Macron entweder demonstrativ abreisten oder gar nicht erst eintrafen. "Man kann die Kritik dieser Intellektuellen überzogen, auch holzschnittartig und die Abreise gar kindisch finden. Aber die Häme, mit der sie überzogen werden, lässt auch einige Kritiker blöd aussehen: Erst hypen, dann erledigen? Sind das die Regeln ihres Diskurses? ... Es gibt eine französische Großzügigkeit der Gesten, die vielen in Deutschland nicht einleuchtet. Das weiß man in Frankreich."

Überhaupt: "Man hatte zwar Frankreich als Gastland eingeladen. Aber es kam Europa", schreibt Roman Bucheli in seinem NZZ-Fazit und spannt damit den Bogen vom Deutschen Buchpreis für Robert Menasse über Emmanuel Macrons flammendes Plädoyer zum Auftakt der Buchmesse bis hin zu Daniel Kehlmanns neuem Roman "Tyll". Es ging bei dieser Buchmesse um "die Bruchstücke einer politischen Idee, die Ruinen einer kulturellen Vision, die fiebrigen Visionen eines Staatspräsidenten. Ein schütteres Europa geisterte also verloren durch die Messehallen - und legte sich gleich ins Krankenbett. Darum herum versammelten sich die Schriftsteller, die Philosophen, die Politologen."

Nicht im Krankenbett, sondern bei Suhrkamps Kritikerempfang versammelten sich an einem Moment des Abends am Rande auch Didier Eribon, Annie Ernaux und Edouard Louis. Für Gerrit Bartels vom Tagesspiegel war dies "eines der schönsten Bilder dieser Messe, wie die drei dann, quasi als neues glamouröses Kraftzentrum der französischen Literatur, im Angesicht des riesigen Goethe-Porträts an dem einzigen Tisch in der Unseld-Bibliothek sitzen, schwatzen, lachen und sicher auch Emmanuel Macron einfach mal einen guten sein lassen." Die Welt dokumentiert Sätze, die so auf der Buchmesse gefallen sind.

Weiteres: Thomas David spricht in der NZZ mit Edna O'Brien über deren neuen Roman "Die kleinen roten Stühle".

Besprochen werden Emmanuel Carrères "Brief an eine Zoowärterin aus Calais" (Jungle World), Didier Fassins "Das Leben" (Zeit), Fouad Larouis "Im aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt" (Jungle World), eine Irmgard-Keun-Werkausgabe (Welt), Alban Nikolai Herbsts "Meere" (SZ), eine Ausstellung über August Wilhelm Schlegel im Frankfurter Goethe-Museum (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine Edition mit Film- und Tonaufnahmen von Thomas Mann (FAZ).
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Kunst

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Sol Calero: Amazonas Shopping Center, 2017. Installationsansicht Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin.

Jörg Heiser stellt in der SZ die Arbeiten der vier Künstlerinnen vor, die für den Preis der Nationalgalerie nominiert sind und derzeit im Hamburger Bahnhof gezeigt werden. Zum Beispiel Sol Caleros Installation "Amazonas Shopping Center": "Sie hat eine Art Parallelwelt aufgebaut, die sich über mehrere Raumabschnitte entfalten. Diese Parallelwelt enthält einen voll ausgestatteten Frisier- und Nagelsalon, ein Internetcafé, eine Wechselstube, ein Reisebüro und ein Salsa-Studio. Über alles legt sich wie Morgentau eine pastellfarbene Ornament-Orgie: Karibisch-südamerikanische Frucht- und Deko-Motive treffen sich am gemeinsamen Nenner von Popkultur und Kitsch. Diese Ästhetik ist in Berlin allerdings keineswegs exotisch."
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Film

Um David France' Netflix-Doku über das Leben der schwarzen New Yorker Trans-Ikone Marsha P. Johnson ist eine heftige Debatte entflammt, die Eva-Maria Tepest in der taz zusammenfasst und historisch kontextualisiert: So erhebe die von Armut betroffene Reina Gossett Vorwürfe, dass der Film ihre Recherchen zu einem eigenen Film über Johnson ausbeute - dabei geht "es um mehr als Urheberschaft", erklärt Tepest. "Es geht um die Frage, inwieweit sich eine weiße Kulturindustrie das Schaffen Schwarzer und queerer Künstler*innen aneignet und verkauft."

Weiteres: Für den Freitag spricht Behrang Samsani mit der Schauspielerin Eva Manhardt, die in den 70ern in zwei Filmen des im deutschen Exil arbeitenden, iranischen Regisseurs Sohrab Shahid Saless mitgespielt hat. Die Academy hat Harvey Weinstein ausgeschlossen, meldet Tobias Kniebe in der SZ. David Steinitz gratuliert in der SZ dem Komödienregisseur David Zucker zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Dominik Grafs gestern im Ersten gezeigter RAF-Tatort "Der rote Schatten" (ZeitOnline, NZZ, FR).
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Architektur


Mitarbeiterinnen Mannheimer Büro Ingeborg Kuhler, 1986. Foto: Büro Ingeborg Kuhler, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Überfällig findet jetzt auch Katharina Rudolph in der FAZ die Ausstellung "Frau Architekt", mit der das Frankfurter Architekturmuseum die Frauen in der Architektur, die nicht nur in der Vergangenheit selten öffentlich wahrgenommen wurden: "Mehr als die Hälfte aller Absolventen an den entsprechenden Fakultäten sind weiblich. Doch im Beruf, in den besseren Positionen, da dünnt es sich aus, wie in vielen anderen Bereichen auch. Nur wenige Architektinnen gründen ein eigenes Büro. Laut einer Statistik der Bundesarchitektenkammer aus dem letzten Jahr liegt der Anteil an weiblichen freischaffenden Hochbauarchitekten bei gerade mal knapp 22 Prozent."

In der SZ feiert Gottfried Knapp den mustergültigen Umbau des Münchner Theaters am Gärtnerplatz.
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Stichwörter: Architektinnen

Musik

Die Wiener Philharmoniker "scheinen in dieser Saison (...) das körperlich-wuchtige Musizieren mehr zu forcieren", fällt Stefan Ender vom Standard nach einem von Andris Nelsons dirigierten Beethoven-Konzert auf. "Im Schlusssatz der Siebten wirkten die hohen und tiefen Streicher mit ihrem Hin und Her der aufsteigenden Sexten wie rauflustige Bubengangs im Schulhof, die sich voreinander aufplustern und einen auf dicke Hose machen. Davor und danach war viel Euphorie, aber auch viel Getöse: Die Antworten der zweiten Geigen und der Bratschen auf das Kernmotiv der ersten Geigen (ab Takt 36) gingen im Tumult komplett unter."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Stefan Ender außerdem mit dem Wiener Pianisten Paul Badura-Skoda.

Besprochen werden ein Konzert des Rappers Future (taz, Tagesspiegel), King Krules "The Ooz" (Welt), ein Konzert von The Jesus and Mary Chain (Standard) und das Debüt der allseits gefeierten R'n'B-Sängerin Kelela (Berliner Zeitung).
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