Efeu - Die Kulturrundschau

Die Befreiung des inneren Tieres

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02.09.2017. Begeistert berichten die Kritiker vom Auftakt des Filmfestivals in Venedig: Besonders Paul Schraders verstörender Film "First Reformed" über einen sich radikalisierenden Priester hat es ihnen angetan. Die SZ wagt einen Blick ins erste Museum für zeitgenössische Kunst in Afrika, in dem Jochen Zeitz afrikanische Kunst jenseits des Eurozentrismus zeigen will. In der taz erzählt Friedrich Christian Delius, wie die RAF das System stabilisiert hat. In der Welt spricht Robert Menasse über die Literaturfähigkeit von Europabeamten in Brüssel. Und die taz schüttelt den Kopf über den atavistischen Feminismus von Sasha Waltz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2017 finden Sie hier

Film


Ethan Hawke in Paul Schraders "First Reformed"

Schlichtweg begeistert ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte vom Auftakt des Filmfestivals in Venedig: "Fünf richtig gute Filme in eineinhalb Tagen", das soll ein anderes Festival erstmal schaffen. Insbesondere das Comeback von Paul Schrader begeistert ihn: In "First Reformed" beobachtet der New-Hollywood-Altmeister, wie ein von Ethan Hawke gespielter Priester an der Umweltzerstörung verzweifelt und sich schließlich radikalisiert. Mit seinen "asketischen Kompositionen" gelinge Schrader "ein ungemein geschlossenes Werk mit deutlichen Anklängen an einen Meister religiöser Dramen, den Dänen Carl Theodor Dreyer." Auch Michael Pekler vom Standard hat der Film beeindruckt: "Schrader findet für diese erbitterte Erzählung über Selbstaufgabe, Demut und Zusammenfall von körperlichem und seelischem Leid wiederholt verstörende Bilder, wie sie seit langem nicht mehr von ihm zu sehen waren."

Von einem "beklemmenden Film" spricht Susan Vahabzadeh in der SZ: "First Reformed" zeige "genau" auf, "wie die Welt in die Sackgasse geraten ist, in der sie gerade steckt." Rüdiger Suchsland von Artechock sah "eine Filmversion von Heideggers Vorlaufen zum Tode". Am Ende eleviert Schrader seine Figuren buchstäblich in excelsis und führt sie "auf das allerschlimmste Ende" zu, nur um dann plötzlich abzubrechen, erklärt Dietmar Dath im Festivalblog der FAZ. Was er etwas schade fand: "Das ist nicht einfach Künstlerkalkül von Schrader, der es damit etwa auf maximale Verunsicherung der Seherwartung abgesehen hat, sondern das ist die Kapitulation eines Films vor diesem Moment, den man nicht vernünftig erklären kann, vor diesem Bruch, von dem der Film einerseits lebt und an dem er andererseits zerbricht. Wenn man sowas Scheitern nennen darf, dann ist Scheitern interessanter, als Leute glauben, die nie bei was Wichtigem gescheitert sind." Internationale Stimmen zum Film sammelt David Hudson bei Criterion.

Weiteres aus Venedig: Ai Weiweis Flüchtlings-Essayfilm "Human Flow" sei "oft bewegend, ebenso oft aber beliebig", winkt Tim Caspar Boehme in der taz ab. Susanne Ostwald von der NZZ hat sich unterdessen voll und ganz in Robert Redford und Jane Fonda verliebt, die ein "Our Souls At Night" ein alterndes Pärchen spielen. Und Christiane Peitz vom Tagesspiegel bekräftigt die allgemeine Begeisterung für Guillermo del Toros Fantasyfilm "The Shape of Water", den bislang alle Kritiker als Festivalfavoriten feiern.

In einem Filmdienst-Essay umkreist der Regisseur Christoph Hochhäusler die Frage, ob und wie sich der archetypische Existenzialismus des klassischen Kinos noch für den Gegenwartsfilm abrufen lässt. "Ich glaube, die Antwort hat unbedingt damit zu tun, bestimmte Realismuskonventionen (...) durch ein neues allegorisches Erzählen zu überwinden. Ein Erzählen also, das nicht 'authentisch' sein will, sondern das wahr wird in der Verwandlung durch den Zuschauer. Ein Kino, das viel stärker als meine Filme bisher mit Rohstoffen, Urbildern, Körpern arbeitet, aber stets mehr ist als die Sehnsucht nach der kinematografischen Antike."

Weiteres: Im taz-Dossier zu "Vierzig Jahre Deutscher Herbst" sieht Detlef Kuhlbrodt nach, wie sich die RAF in der Filmgeschichte niedergeschlagen hat. Besprochen wird  der Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life" (Tagesspiegel, ZeitOnline).

Musik

Florian Bissig resümiert in der NZZ das Jazzfestival in Willisau. Für die SZ plaudert Torsten Groß mit dem deutschen Pop-Hiphopper Casper.

Besprochen werden eine Box mit Aufnahmen von Lee Brilleaux und seiner Band Dr. Feelgood (Standard), der Auftakt des Musikfests Berlin mit der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel), Hype Williams' "Rainbow Edition" (Spex), die Gastkonzerte der Berliner Philharmoniker beim Lucerne Festival (NZZ), das Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters beim Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel) und das Berliner Geburtstagskonzert des Freejazzers Gunter Hampels (Tagesspiegel).

Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte" und zwar in der 47., diesmal ziemlich krautrock-lastigen Lieferung.

Bühne


Bild: Szene aus "Women". Tanz im August. Ute & Luna Zscharnt

"Mit einem Ernst, der fast Angst macht" hat Sasha Waltz beim Berliner Tanz im August ihr Stück "Women" inszeniert, das mit geradezu "atavistischem" Feminismusbezug nach Frauenritualen sucht, berichtet taz-Kritikerin Astrid Kaminski: "Es scheint, dass hier alles, was sich unter dem Begriff vorstellen lässt, aneinandergereiht wird: Kreis-, Opfer-, Prozessionsformationen, Anrufungsgesten, Tranceblicke, Off-Balance-Ekstase-Zustände, indisch anmutende Fingerhaltungen, ballettgeschichtliches Frühlingsopferstampfen, Exorzismuswahn, die Befreiung des inneren Tiers, Fetisch- und Innereienkulte, bacchantisch aus dem Ruder gelaufene Reigen, Abendmahl, Beschwörungs- und Besänftigungsgesänge, Blut (Kunstblut). Es ist, als befänden sich Apoll und Dionysos zusammen in der Brainstormphase." Und in der FAZ kann auch Wiebke Hüster nach Gebell, Gekeuche und in den Mund gestopften Haaren das "Rätsel Frau" nicht lösen.

Für die taz porträtiert Simone Kaempf die im Iran geborene Schauspielerin und Theaterautorin Maryam Zaree, deren biografische Erfahrungen immer auch in ihre Arbeit fließen, zuletzt in das Stück "Kluge Gefühle", das im nächsten Jahr in Heidelberg inszeniert wird und das erzählt, wie traumatische Erlebnisse in der nächsten Generation fortwirken: "Wie die Hauptfigur in 'Kluge Gefühle' ist auch Zaree in einem Gefängnis geboren. Die Eltern wurden im Iran verfolgt und im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert. Als sie zwei Jahre alt war, floh die Mutter mit ihr nach Frankfurt am Main. Sprachlosigkeit kennt Zaree aus familiärer Anschauung, die Themen, bei denen man schon als Kind spürt, dass man besser nicht nachhakt, und das auch lange nicht tut, bis sie doch zutage treten."

Nach anderthalb Stunden System- und Gesellschaftskritik dürfte auch der letzte Zuschauer von Elias Perrigs Orwell-Inszenierung "1984" am Ernst Deutsch Theater begriffen haben: Unsere Gegenwart ist böse, glaubt Nachtkritikerin Katrin Ullmann: "Warum machen wir Selfies? Sind wir nicht alle Big Data? Warum starren wir ununterbrochen auf Bildschirme? Wieso glauben wir den Nachrichten? Sprechen wir mehr mit Siri als mit echten Menschen? Wählt Amazon unsere Lektüre aus? Sind wir eigentlich noch Individuen? Zu den zentralen Ausgangsfragen dieser Inszenierung gesellen sich Tausende warnende Zeigefinger."

Besprochen wird Anne de Keersmaekers Choreografie "Mitten wir im Leben sind/Bach 6 Cello-Suiten" in der Hamburger Elbphilharmonie (taz) und Tom Kühnels Medea-Inszenierung am Staatstheater Hannover (Nachtkritik
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Literatur

Im Gespräch mit Richard Kämmerlings in der Literarischen Welt erklärt Robert Menasse, warum er für seinen neuen Roman "Die Hauptstadt" für vier Jahre nach Brüssel gezogen ist. Der Schriftsteller hatte sich die Frage gestellt: "Sind Europabeamte überhaupt literaturfähig? So musste ich möglichst viele von ihnen kennenlernen. Mich faszinierte, wie dieses Zusammenspiel von Identitäten und Mentalitäten auf der Basis eines gemeinsamen Projekts funktioniert. Die nationalen Klischees werden stärker, aber auf eine selbstironische Weise. ... Der Roman sollte nicht nur von einem Österreicher in Brüssel erzählen, sondern von einer Palette unterschiedlich sozialisierter Menschen, die alle einen bestimmten Teil der europäischen Geschichte mitbringen."

Für das taz-Dossier "40 Jahre Deutscher Herbst" spricht Felix Zimmermann mit Friedrich Christian Delius, der mit seiner Romantrilogie "Deutscher Herbst" einst den RAF-Terrorismus literarisch aufgegriffen und verarbeitet hatte. "Keinen Schmerz" empfindet der Schriftsteller darüber, dass die RAF in einer dialektischen Volte gerade das bekräftigt hat, was sie bekämpfen wollte: "Mit den Jahren hab ich immer mehr die Groteske darin gesehen. Die RAF, die 'das System' sprengen wollte, hatte es stabilisiert. Sie hatte den 'Faschismus' zerstören wollen, aber die übrige Linke mundtot gemacht, geschwächt, verkleinert. Ich glaube schon, dass wir ein anderes Land hätten, wenn es die RAF nicht gegeben hätte. Hätte, hätte … Im Endeffekt ist die große Masse der Linken zu Verfassungspatrioten geworden und hat das gute alte Grundgesetz entdeckt."

Im Logbuch Suhrkamp schwärmt Sibylle Lewitscharoff von den rhetorischen Qualitäten Martin Luthers. Sie schätzt "das Gedrängte der Sprache, die glosenden schwarzen Löcher, die zwischen den oft knapp gehaltenen Sätzen gähnen und damit sofort die Maschinchen der Interpretation in Gang setzen, das ungemein Würzige und Aufgetummelte des Stils, aber auch die komplexen, sprachverstolperten Barrikaden."

Weiteres: In der SZ erzählt Thomas Meinecke, wie er sich einst auf die Spuren von Hubert Fichte begeben hat. Deutschlandfunk Kultur bringt ein Feature von Dominik Müller über "indische Schriftsteller im Zeitalter des Hindu-Nationalismus". Dieter Kassel spricht im Deutschlandfunk Kultur mit Frank Witzel über dessen neuen, in der Spex besprochenen Roman "Direkt danach und kurz davor". Für die Zeit spricht David Hugendick mit Schriftsteller Sven Regener über das Kreuzberg der 80er Jahre, in das jener mit seinem Buchpreis-nominierten Roman "Wiener Straße" aufs Neue zurückkehrt. Holger Heimann porträtiert in der taz die Schriftstellerin Aya Cissoko.Dennis Scheck fügt seinem wöchentlich in der Literarischen Welt ergänzten Kanon Ursula K. LeGuins "Freie Geister" hinzu. Die FAZ bringt Lucia Berlins Erzählung "Bis später" aus der Sammlung "Was wirst Du tun, wenn du gehst", die in wenigen Tagen erscheint.

Besprochen werden Giacomo Leopardis "Opuscula moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen" (NZZ), Jess Jochimsens "Abschlussball" (taz), Jérôme Leroys "Der Block" (taz), Norbert Scheuers "Am Grund des Universums" (FR), Reinhard Kleists Comicbiografie über Nick Cave (Literarische Welt), Sabrina Janeschs "Die goldene Stadt" (FAZ) und Rainer Moritz' Neuübersetzung von Francoise Sagan "Bonjour tristesse" (SZ).

Kunst

Für sie SZ berichtet Jonathan Fischer aus dem von dem Ex-Puma-Chef Jochen Zeitz gestifteten MOCAA in Kapstadt, dem ersten Museum für zeitgenössische Kunst in Afrika, das am 22. September eröffnet werden soll. Nicht nur das von dem britischen Architekten Thomas Heatherwick gestaltete ehemalige Getreidesilo beeindruckt den Kritiker, auch die Sammlung, die mit dem Anspruch antritt, afrikanischer Kunst jenseits des Eurozentrismus der Kunstwelt mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, klingt vielversprechend, meint er. Etwa die "Werkserien von Künstlern wie Kundzanai Chiurai. Der Exil-Simbabwer entlarvt auf satirischen Tafelbildern nicht nur afrikanische Männlichkeits-Stereotype. Er karikiert auch Politiker wie den simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe. Ähnlich kritisch aufgeladen ist etwa Kendell Geers Installation von der Decke pendelnder Ziegel. Schwarze Township-Jugendliche hatten die Steine während der Apartheid aus Protest von Autobahnbrücken hängen lassen - wer erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Nach Hunderten von Jahren, in denen der schwarze Körper in der Kunst unsichtbar blieb, erscheint selbst das Sinnliche politisch."

Auch die Zeiten als Biennalen noch "nichtkommerzielle, unabhängige Oasen" in der Kunstwelt waren, sind vorbei, konstatiert Daghild Bartels in der NZZ mit Blick auf Venedig: "Offiziell wird eingeräumt, dass die Galeristen die - seit eh und je unterfinanzierte - Biennale bei Transport, Aufbau oder Installation, zuweilen auch bei der Produktion der Kunstwerke finanziell unterstützen. Laut 'Financial Times' hat die Galerie Hauser & Wirth zur Schau ihrer Künstlerin Phyllida Barlow im britischen Pavillon Geld beigesteuert, der französische Pavillon erhielt finanzielle Hilfe von drei Galerien. Daniel Buchholz, der Galerist von Anne Imhof, die mit ihrer Performance im deutschen Pavillon den Goldenen Löwen gewann, findet es nur natürlich, dass er, da das geplante Budget nicht ausreicht, aushilft. Immerhin müssen die Akteure, Techniker usw. sechs Monate lang bezahlt und logiert werden. Der generöse Einsatz der Galeristen wird schließlich vergoldet, denn der Biennale-Effekt verheißt steigende Preise für die Künstler."

Architektur

Für den Tagesspiegel hat sich Christiane Meixner die Glasinstallationen der Berliner Künstlerin Isa Melsheimer im Mies-van-der-Rohe-Haus angesehen: "Die gläsernen Berge im Mies-van-der-Rohe-Haus erinnern unmissverständlich an einen expressiven Bau wie das Große Schauspielhaus von Hans Poelzig am Schiffbauerdamm. Geheimnisvoll glitzernd, ein Refugium für den Überfluss. Ästhetischer Widerstand formiert sich in Gestalt jener Architekten, die nach Klarheit streben und jeden Winkel ausleuchten wollen. Transparenz als Prinzip, bis kein Geheimnis mehr bleibt."