Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts für Träumer

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11.08.2017. Der Tagesspiegel feiert die AK-47-Porträts des Künstlers Zhang Dali. In der SZ protestiert ZKM-Direktor Peter Weibel gegen religiöse Kacheln von Markus Lüpertz in der U-Bahn. In Deutschlandfunk Kultur antwortet Bazon Brock auf den Perlentaucher-Essay von Wolfgang Ullrich. Die taz erklärt, wie man sich a la Kizobazoba kleidet. Die FAZ denkt in Thomas Arslans Roadmovie "Helle Nächte" über Charaktere und Daten nach.

Kunst


Zhang Dali, Slogan 82, 2010. Slogan 71, 2010

Im Tagesspiegel feiert Rolf Brockschmidt die Ausstellung "Body and Soul" des  chinesischen Künstlers Zhang Dali als Ereignis. Es ist vor allem das Schicksal der Wanderarbeiter in China, das ihn beschäftigt, lernt Brockschmidt im Hof des Skulpturenmuseums Beelden an Zee in Den Haag. Dort hat Zhang Dali "den anonymen Helden des chinesischen Wirtschaftswunders" ein Denkmal gesetzt. "Aber Zhang Dali ist auch ein begnadeter Maler, wie seine großformatige Bilder 'AK-47' und 'New Slogans' beweisen. Von Weitem sieht man große quadratische Porträts chinesischer Wanderarbeiter, aber nähert man sich ihnen, erkennt man, dass das Porträt aus dem Schriftzug 'AK-47' oder einer Regierungsparole in chinesischen Schriftzeichen zusammengesetzt ist. Nur die Einfärbung dieser Zeichen ergibt das Porträt. Nähert man sich, verschwindet der Mensch hinter der Parole und man sieht nur die Schrift. Subtil."

Deutschlandfunk Kultur greift den im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag Wolfgang Ullrichs auf, in dem Ullrich eine Spaltung der Kunstszene in Kunst für den Markt und Kuratorenkunst vorhersagt. Im Gespräch mit Timo Grampes lehnt Bazon Brock diese These zwar ab und beharrt darauf, dass Künstler als unabhängige Individuen arbeiten - um dann aber kräftig auf die Kuratoren zu schimpfen: "Das, was in Kassel geboten wird, ist unter aller Sau und hat keinerlei Profil. Die Kuratoren haben auf der gesamten Bandbreite versagt und sind noch absurder organisiert als der Markt. Meinetwegen können die Kuratoren alle zum Teufel gehen."

Erst das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt-Forums, jetzt religiöse Kachel-Bilder in Karlsruher U-Bahnstationen, die der Künstler Markus Lüpertz dort anbringen will. Peter Weibel, Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), hat genug, erklärt er im Interview mit der SZ. Nicht nur, weil die Entscheidung in Karlsruhe völlig intransparent und unter Umgehung der zuständigen Kunstkommission fiel: "Das erinnert mich an das, was derzeit in der Türkei geschieht. Die Hagia Sophia wurde 1931 unter Atatürk in ein Museum verwandelt. Das war eine Entsakralisierung. Der jetzige Staatspräsident möchte dieses Museum wieder in eine Moschee verwandeln. Lüpertz' Sakralisierung von U-Bahnstationen folgt demselben Muster, nur dass er in der Wahl des Ortes deutlich radikaler als Erdogan ist. Die Hagia Sophia war immerhin fast fünfhundert Jahre lang ein religiöser Ort. Das kann man von der Karlsruher U-Bahn nicht behaupten. Wir sehen, wie öffentliche Räume ohne Beteiligung der demokratischen Öffentlichkeit mit christlichen Symbolen besetzt werden..."

Weitere Artikel: Susanna Koeberle schreibt in der NZZ über die Vienna Biennale, die sich dem Einfluss des Roboters widmet. Sabine B. Vogel besucht für die Presse die  Momentum-Biennale im norwegischen Moss, die sich unter dem Titel "Alienation" mit dem Fremden beschäftigt. Im Guardian beschäftigt sich Simon Jenkins mit einem Buch der Kunsthistorikerin Jane Jelley, "Traces of Vermeer", die behauptet nachweisen zu können, dass der Maler Vermeer für seine Gemälde eine camera obscura benutzt hat. In der FAZ kritisiert die Kunstkuratorin Clémentine Deliss, dass Kunst aus Afrika in Europa so oft immer noch als Klischee präsentiert werde.

Besprochen werden eine Ausstellung in Wörlitz über die Freundschaft von Johann Joachim Winckelmann und Franz von Anhalt-Dessau (Tagesspiegel) und Stefan Roloffs Installation "Beyond The Wall" an der West Side Gallery in Berlin (taz).
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Bühne

Serge Aimé Coulibaly / Faso Danse Théâtre & Halles de Schaerbeek Kalakuta Republik Foto: Doune Photo
Heute abend eröffnet das Festival Tanz im August in Berlin mit dem Tanzstück "Kalakuta Republic" des burkinischen Choreografen Serge Aimé Coulibaly, der dem afrikanischen Denker und Musiker Fela Kuti ein Denkmal setzt, erzählt Dorothea Marcus in der taz, die das Stück schon gesehen hat: "Fela Kuti feierte in seinem verwinkelten Haus in Lagos, das heute ein Museum ist, zwar auch manche Drogenparty oder die eigene Hochzeit mit 27 Frauen. Aber als Aktivist und 'antikolonialistischer Panafrikaner' störte er empfindlich die Abläufe des Regimes. Mit seinen Texten hat Kuti das politische Denken in ganz Westafrika geprägt - aber im Privaten konnte es leicht dekadent werden. Auf der Bühne sieht man wie die Freiräume in Privatwahn und Missbrauch kippen und ihre utopische Kraft verlieren. 'Dekadenz kann Selbstzweck sein', wird als Motto eingeblendet, während Männer Machtfantasien ins Mikro brüllen".

Besprochen werden William Kentridges Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" in Salzburg (NZZ), Dada Masilos Choreografie zu "Giselle" und "Schwanensee" beim Impulstanz in Wien (Standard), eine Londoner Produktion des Musicals "Cats" im Admiralspalast in Berlin (Tagesspiegel) und ein Band über zeitgenössisches Theater in China (nachtkritik).
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Design

Brigitte Werneburg spricht in der taz mit Dorothee Wenner über deren Web-Serie "Kinshasa Collection", die sich mit Facetten des internationalen Textilhandels und kongolesischer Mode beschäftigt. Unter anderem gehe es "um das Lingala-Wort 'Kizobazoba'. Das bezeichnet einen typisch kongolesischen Stil, sich zu kleiden. Etwa streetwear, kombiniert mit afrikanischen Elementen, dazu ein wenig Adidas an den Füßen oder ein Hauch Versace unterm Jackett - muss nicht zwingend original sein. Hauptsache, das Ergebnis sieht schick aus. Kizobazoba bedeutet in unserem Projekt aber auch: das Experiment einer neuen Form der Zusammenarbeit: transkontinental, mit Künstlern aus unterschiedlichen Disziplinen, zwischen Internet, Film und Live-Event."
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Stichwörter: Mode, Kongo, Kinshasa

Literatur

Tell dokumentiert die Facebookpostings der kenianischen Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor, die derzeit die Wahl in ihrem Land beobachtet. Petra Zeichner porträtiert für die FR die Schriftstellerin Ivonne Keller, die mit Selfpublishing zum Erfolg gekommen ist. In der SZ-Sommerreihe über die Sommerhäuser großer Schriftsteller schreibt Peter Richter über Kurt Vonneguts Cottage auf Long Island.

Besprochen werden Hari Kunzrus Plattensammler-Roman "White Tears" (SZ), Max Webers "Briefe 1887-1894" (NZZ), Marie NDiayes "Die Chefin" (Welt), Kerstin Preiwuss' "Nach Onkalo" (NZZ) und Lynne Sharon Schwartz' "Alles bleibt in der Familie" (FR).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Yvonne Adhiambo Owuor

Film


Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht... : Georg Friedrich (re.) und Tristan Göbel in Thomas Arslans "Helle Nächte" (Bild: Schramm Film / Marco Krüger)

Mit "Helle Nächte" erzählt der Berliner Regisseur Thomas Arslan sein Drama abermals mit minimalistischen Mitteln: Ein Vater (Georg Friedrich) und ein Sohn (Tristan Göbel) ziehen, voneinander entfremdet, durchs norwegische Hinterland unter der Mitternachtssonne. "Arslans Kino ist nichts für Träumer", stellt Daniel Kothenschulte in der FR fest. Ursula März von der Zeit sah einen "Film über zwei Vollprofis des Schweigens". Christiane Peitz lobt im Tagesspiegel "die feinfühlige Kamera von Reinhold Vorschneider": Sie "porträtiert die beiden in ihren Einsamkeitsblasen, vermittelt physische Nähe und emotionale Distanz mit gezielten Schärfen und Unschärfen." Bernhard Blöchl lobt in der SZ insbesondere den Schauspieler Georg Friedrich, der für seine Leistung n diese Film bei der Berlinale auch mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde: Der Mann spreche "schon mit seiner ganzen Persona jeder Idee der Vorhersehbarkeit Hohn. In Friedrich-Filmen kann alles passieren. Der Mann hat Kühle und Verletzlichkeit im Blick, oft ist er eine Art Reaktionsbeschleuniger, der Katalysator überraschender Wendungen in der Handlung."

Eine schöne Beobachtung macht Bert Rebhandl in der FAZ: Für ihn hat Arslans sprödes Roadmovie vor karger Landschaft auch mit unserem digitalen Informationszeitalter zu tun: "Mit jeder Einstellung wird Michael und Luis  eine Eigenschaft, ein Motiv, eine Andeutung hinzugefügt. Der Film sammelt (und präsentiert) Daten. ... Das erklärt vieles und lässt aber doch auch wieder alles offen. Eine Figur in einem Erzählfilm geht niemals in einem Algorithmus auf, aber ausgerechnet in 'Helle Nächte', einem lakonischen Roadmovie in der erhabenen Natur Skandinaviens, stößt man auf diese Spannung zwischen dem, was im vollen Sinn einen Menschen ausmacht, und dem Komplex an Informationen, aus denen man in Erzählungen unwillkürlich auf Charaktere 'hochrechnet'."

Mit Wang Bings "Mrs. Fang" hat Patrick Holzapfel von kino-zeit.de beim Filmfestival Locarno endlich ein großes Highlight im Festival entdeckt: "Der Film zählt bisher zum absolut Besten in Locarno, weil er sich im Gegensatz zu vielen anderen Filmen hier nicht selbst als Kunst definiert, sondern schlicht etwas filmt, was er sieht. In diesem Fall eine sterbende Frau und ihre Familie, die sie in den Tod geleitet." In der NZZ berichtet Susanne Ostwald weiter vom Festival: "Viele der gezeigten Werke sind in erster Linie selbstreferenziell, und man kann freilich fragen, ob sich die Filmemacher nicht eher der Beschreibung und Analyse drängender Gegenwartsfragen oder geschichtlicher Aufklärung widmen sollten." Aber was, außer die Berlinalisierung von Locarno, wäre damit gewonnen?

Besprochen werden der in Locarno gezeigte "Mann aus dem Eis" mit Jürgen Vogel als Ötzi (bloßes "Steinzeitspektakel", winkt Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de ab), Gurinder Chadhas "Der Stern von Indien" über die Teilung von Indien und Pakistan (Welt), Ceyda Toruns Dokumentarfilm "Kedi" über die Katzen Istanbuls (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), das Biopic über die Sängerin Dalida (Tagesspiegel, Welt, unsere Kritik hier), Jonathan Nossiters "Der Wein und der Wind" (Tagesspiegel) und die Verfilmung von Stephen Kings "Dunkler Turm"-Saga (Standard, FR, Welt).
Archiv: Film

Musik

Ambient, Chill-Out-Musik, New Age und Trance erleben derzeit ein beachtliches Comeback, beobachtet Bjørn Schaeffner. Eine Ursache dafür könnte im Zeitgeist liegen, mutmaßt er in der NZZ: "Weltpolitik und Weltpolitiker mögen heißlaufen, die Natur vor dem Kollaps stehen, während Artificial Intelligence uns demnächst die Orientierung raubt. Die Gegenwart also irritiert und lärmt. Da zieht man sich gerne in ätherische Klangwelten zurück."

Tobias Sedlmaier hat unterdessen dem Nachtdigital-Techno-Festival, das alljährlich und in diesem Jahr zum 20. Mal auf einer Wiese in Sachsen stattfindet, einen Besuch abgestattet. Sein Bericht von Rausch und Entgrenzung hat eine bemerkenswert melancholische Kante:: "Die Sonne ist erneut aufgegangen, die Arme und Körper am Ufer zucken weiter. Irgendwie ist immer Insomnia. In die Rave Cave, eine enge Tanzhöhle, in die sich das Landschulheim verwandelt hat, traben sie wie träge Tiere. Wer jetzt mit der Wasserflasche unterwegs ist, schwebt mit großer Wahrscheinlichkeit in anderen Sphären. Und ist doch mit seiner Einsamkeit alleine, zusammen mit all den anderen Einsamen."

Die chinesische Boygroup FFC-Acrush sorgt derzeit für einiges Aufsehen nicht nur in Fernost. Der Clou: Die Boys sind allesamt Mädchen. Wer das als Zeichen eines Wandels in China sieht, urteilt jedoch voreilig, meint Maxie Römhild in der taz und bezieht sich dabei auf die Genderwissenschaftlerin Jamie J. Zhao, für die Transgender-Bands nichts neues sind. Sie "verweist unter anderem auf die androgyne Gruppe MissTer aus Taiwan, deren Sängerin Jin Tai sich 2014 als lesbisch outete, aber im chinesischen Kontext sei es doch besonders, dass sie sich explizit als 'Boyband bezeichnen." Dazu passend befasst sich Felix Zwinzscher in der Welt mit chinesischem Rap. Von FFC-Acrush gibt es hier ein aktuelles Video:



Weiteres: Stephanie Grimm plaudert in der taz mit der Indieband Grizzly Bear, die ein neues Album veröffentlicht hat. Für den Standard unterhält sich Ljubisa Tosic mit dem Jazzmusiker und Komponisten Gerald Preinfalk. NZZ-Kritiker Marco Frei hörte in Salzburg ein Konzert des Pianisten Igor Levit mit den "24 Präludien und Fugen" op. 87 für Klavier von Dmitri Schostakowitsch, das er "aufregend eigenständig" fand: "Levit schärft die kontemplativen Momente in dem Zyklus, er entwirft vielfach stille, luzid-fragile Reflexionen, die Schostakowitsch fast schon als Impressionisten erscheinen lassen. Mit radikaler Reduktion in Ausdruck und Dynamik nimmt er den pathetischen Überdruck aus der Musik."

Besprochen werden neuveröffentlichte Soloalben von Alan Vega und Martin Rev (Standard), das Comeback von Randy Newman (taz), das Soundtrack-Album "Good Time" von Oneohtrix Point Never (The Quietus, Deutschlandfunk Kultur), ein Konzert der Tuareg-Band Tinariwen (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Sheer Mag (ZeitOnline). Daraus ein Video:

Archiv: Musik