9punkt - Die Debattenrundschau

Zögerlich im Blick auf die Opfer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2017. Aus Angst vor "Alt-Right" sagt Google eine Mitarbeiterversammlung ab, in der über Sexismus und das "Diversity-Memo" eines entlassenen Mitarbeiters diskutiert werden sollte, meldet recode.net. Zeit online konstatiert einen spezifischen Sexismus auch in der deutschen Techbranche. Die FAZ blickt mit Schrecken auf den "Hexensabbat" bei Google. In mehreren Medien wird über linke Solidarität mit dem chavistischen Regime in Venezuela debattert - auch Papst Franziskus wird kritisiert. In Le Monde diplomatique bekräftigt Bénédicte Savoy ihren Standpunkt zur Provenienzforschung.

Internet

Auch in Deutschland ist Sexismus in der Technikbranche allgegenwärtig, berichtet Catharina Felke auf Zeit online mit Blick auf die Diskussion über Google. Grund seien strukturelle Probleme wie 80-Stunden-Wochen oder ständige Erreichbarkeit, die Gleichstellung verhindern würden: "Wo eine Gruppe so dominiert wie Männer in der Techbranche, werden bestimmte Verhaltensweisen und gesellschaftliche Stereotype verstärkt, da Korrektive innerhalb des Teams fehlen. Bis heute ist zum Beispiel das Label 'nur für Frauen' oft negativ besetzt. Maßnahmen, die besonders Frauen fördern sollen, wie zum Beispiel eigene Studiengänge in Informatik, werden belächelt, als sei diese Ausbildung minderwertig oder ein Nachhilfekurs."

Google wollte bei einem stark erwarteten Personaltreffen über das Diversity-Papier von James Damore (unsere Resümees) diskutieren (wobei  die Entlassung des Autors nicht gerade für die Diskussionskultur bei Google spricht) - aber Google-CEO Sundar Pichai hat das Treffen abgesagt, weil die Namen der Teilnehmer an alt-right-Websites geleakt worden waren und man jetzt Angst hat, überhaupt noch zu diskutieren, berichtet Kara Swisher bei recode.net: "Quellen bei Google sagen, dass Angestellte ein 'Doxxing' fürchten, also eine Online-Belästigung, die verschiedene Formen haben kann und die als 'Suche und Publikation privater Informationen über eine Person im Internet, meist in böswilliger Absicht' definiert wird". Mehr Hintergründe dazu bei theverge.com.Auch der Guardian berichtet.

Michael Hanfeld beklagt in der FAZ den "Hexensabbat", der durch die Entlassung Damores und die darauf folgende Polarisierung zwischen beleidigter linker Tugend und den Trollen von Alt-Right ausgelöst worden sei: "So zeigt sich abermals, was geschieht, wenn man Ansichten, die einem widerstreben, die man für falsch, für nicht satisfaktionsfähig hält, mit einem Denkverbotsschild bedenkt."

Außerdem: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons berichtet Niclas Maak über Diskriminierung von Frauen auch in der Architektur.
Archiv: Internet

Politik

In der taz kritisiert Bernd Pickert allerdings aus einer selbst dezidiert linken Warte linke Politiker und Intellektuelle wie Jean-Luc Mélenchon und viele andere in Spanien und Lateinamerika, die kein Wort der Distanzierung vom Chavismus über die Lippen bringen: "Wenn die Linke sich selbst und Venezuela einen Gefallen tun will, dann muss sie die bedingungslose, blinde Solidarität mit der Regierung Maduro aufgeben und auf die Beachtung demokratischer Spielregeln und die baldige Abhaltung von Wahlen drängen. Ein Chavismus, der dabei keine Mehrheit mehr hat, darf auch nicht regieren."

Während sich Pickert aber allzu lange mit guten Argumenten für den Sozialismus aufhält, die seine Kritik am Ende nicht sehr konkret machen, benennt Jacopo Barigazzi bei politico.eu schlicht "6 European die-hard fans of Venezuela's Maduro", als da wären Jeremy Corbyn, Alexis Tsipras, Pablo Iglesias, Jean-Luc Mélenchon, Papst Franziskus und die Cinque Stelle. Über den Papst zitiert Barigazzi den Espresso-Kollegen Sandro Magister: Der Papst habe "skrupellos mit Maduro und dem Chavismus paktiert und war zugleich äußerst zögerlich im Blick auf die Opfer der Repression und Aggression, die auch die Kirche selbst betrifft".

Auch Matthias Rüb im politischen Teil der FAZ ist das von der Opposition in Venezuela bitter beklagte Schweigen des Papstes aufgefallen: "Diese Zurückhaltung gegenüber Maduro und dem sozialistischen Regime in Caracas ist umso bemerkenswerter, wenn man sie mit der fidelen Kritikfreudigkeit des Papstes gegenüber anderen Staatschefs und Regierungsformen vergleicht."
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Kulturpolitik

Rückverfolgbarkeit ist bei Lebensmitteln längst üblich, schreibt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in Le Monde diplomatique und betont noch einmal nachdrücklich ihren Aufruf zur Provenienzforschung. Aber: "Die meisten Museen sind mit Provenienzfragen offenbar überfordert - personell, intellektuell und methodisch. Aber welche Instanzen sind heute überhaupt in der Lage, für Millionen von Objekten - oft Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrem Erwerb - die Herkunft zu ermitteln? Die Museen? Unabhängige Historikerinnen und Historiker? Akademisch ausgebildete, professionelle Provenienzforscherinnen und -forscher? Sicher ist nur, dass objektbezogene Fachexpertise nur bedingt weiterhilft. Wer den Verbleib eines in Paris während der NS-Okkupation beschlagnahmten Picasso-Gemäldes eruieren will, muss kein Picasso-Experte sein, sich aber gut im Pariser Polizeiarchiv auskennen."
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Europa

In Newcastle sind Dutzende Mitglieder eines Missbrauchsrings verurteilt worden, der minderjährige Mädchen mit Drogen gefügig machte und massenhaft vergewaltigte (mehr bei Spiegel online). Die Täter sind, wie auch schon in Rotherham und Rochdale, zumeist pakistanischer Herkunft. Soda Singh möchte diesen Aspekt im Guardian aber nicht thematisieren: "Opfer von Kindesmissbrauch leiden als erste und bekommen als letzte Aufmerksamkeit. Der Fokus auf Hautfarbe und Religion lenkt von der Aufgabe ab, sicherzustellen, dass Verbrechen wie in Newcastle nie wieder stattfinden." Denn zum dem Missbrauch gehört auch, dass die Polizei in vielen dieser Fälle keinen Finger krumm gemacht hat, den Mädchen zu helfen: "In Rotherham, berichtete Alexis Jay, glaubten Polizeioffiziere, 11-jährige Kinder könnten einvernehmlichen Sex haben mit Gruppen von Männern, die drei mal so alt wie sie waren."
Archiv: Europa

Religion

Muslimische Extremisten breiten ihre Macht in Indonesien aus, der tolerante Islam gerät unter Druck, berichten Martine Bulard und Marie Beyer in einem langen Essay in Le Monde Diplomatique und stellen auch gesellschaftliche Veränderungen fest: "Der Soziologe Faisal Sukanta untersucht im Auftrag multinationaler Konzerne das Konsumverhalten der Jugend. Er beobachtet 'seit vier oder fünf Jahren ein Erstarken religiöser Werte, vor allem unter jungen Menschen', dabei gehe es jedoch 'eher um Anerkennung als um Fundamentalismus'. Nachgefragt werden zwar bleichende Gesichtscremes, um den Porzellanteint der japanischen oder südkoreanischen Models zu imitieren -, aber halal sollen sie sein. Gefragt ist auch die Mode von Aniesa Hasibuan, die ihre Hidschab­kollektion letztes Jahr auf der New Yorker Fashion Week vorstellte."

Acht Schüler des vor allem in der westlichen Welt erfolgreichen buddhistischen Gurus, Bestsellerautors und Rigpa-Gründers Sogyal Lakar, der auch vom Dalai Lama geschätzt wird, haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie von physischem, emotionalem und psychischem Missbrauch berichten, schreibt Michaela Haas in der SZ. Dem Problem wird juristisch kaum beizukommen sein, glaubt sie: "Gerade im tibetischen Buddhismus werden hochrangige Lehrer als Repräsentanten des Buddhas betrachtet; ihnen wird deshalb oft auch unkonventionelles oder radikales Verhalten verziehen, und Sex wird sogar als Mittel zur schnelleren Verwirklichung gepriesen. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht der Frontalzusammenstoß zwischen einem im Kern feudalen System des alten Tibet und dem westlichen Hunger nach der altasiatischen Weisheit unvermeidlich."
Archiv: Religion
Stichwörter: Indonesien, Islam