Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
27.11.2006. Warum die Top-Einkaufsstraßen von der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten profitieren. Weshalb dezentrale Führung bei Bonnier funktionieren kann. Welche Verlegerin grausam einsam ist. Und wieso der Buchhändler seinen Möglichkeitssinn schärfen soll.

buchreport.express

Die Berliner Generalprobe für einen Einzelhandel ohne Ladenschlussgesetz ist in dieser Woche das Aufmacherthema im buchreport (hier der Artikel). Nach Einschätzung von Fachleuten kristallisiere sich in Hauptgeschäftsstraßen zumindest am Freitag und Samstag ein Toreschluss um 24 Uhr und an anderen Wochentagen um 22 Uhr heraus. Die Immobilienmakler von Kemper's rechnen damit, dass in Folge der Liberalisierung der Ladenschlusszeiten die Top-Einkaufsstraßen und -zentren an Bedeutung gewinnen und die Anzahl der Filialisten zunimmt. Peter Dussmann, Namensgeber des Kulturkaufhauses in Berlin, erwartet sogar, dass bis 2010 auf das Verkaufsverbot an Sonntagen fällt. Unter den Buchhändlern ist das Bild uneinheitlich. So überlässt etwa Thalia jeder einzelnen der 15 Berliner Filialen, wann Schluss ist am Abend.

Seltsame Fußnote zur "Ladenschluss-Killer-Party" bei Dussmann: Am gleichen Tag wurde die Geschäftsführerin Martina Tittel fristlos entlassen. Über die Gründe herrscht Rätselraten. Die Kür des Nachfolgers, Hartwig Schulte-Loh (leitete das Kulturkaufhaus schon von 1997 bis 2000, plädiert für die völlige Ladenschlussfreigabe an sieben Tagen der Woche), könnte darauf hinweisen, dass Tittel beim Thema Ladenschluss anderer Meinung ist als Peter Dussmann.

Ebenfalls in Berlin ist eines der größten Revirements in der Verlagsbranche in den vergangenen Jahren im Gange: Viktor Niemann, Chef der Ullstein Buchverlage, zieht sich zum Jahresende zurück, Nachfolgerin wird Siv Bulitz, die derzeit die Verlage Claassen und List sowie Marion von Schröder leitet. Vom Süddeutschen Verlag wird Klaus Füreder als Marketing- und Vertriebsgeschäftsführer im Februar zu Ullstein stoßen (hier der Artikel). Im Interview mit buchreport verteidigt Niemann die dezentrale Struktur der Bonnier-Verlagsgruppe in Deutschland. Verlage gewännen aus ihrer Regionalität heraus Themen und Autoren. Für die Zukunft schließt Niemann nicht aus, "die Arrondierung der kleinen Bonnier Gruppe weiter vorzunehmen".

Weitere Themen: Christoph Mohn, Sohn von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, ist in den Aufsichtsrat des Medienkonzerns gewählt worden. Der Fachverlag John Wiley übernimmt für 845 Mio Euro den Wettbewerber Blackwell Publishing. Und hier die Bestsellerliste.
Stichwörter: Bonnier, Buchverlage

Börsenblatt

Börsenblatt-Redakteur Holger Heimann gibt ein Update zur Suhrkamp-Fehde (hier der Artikel). Auffällig sei, dass die Autoren schwiegen - sich also weder kritisch noch solidarisch zu ihrem Verlag äußerten. Demgegenüber berichtet Claus Grossner (neben Hans Barlach neuer Anteilseigner) von mehreren Suhrkamp-Autoren, die ihm zum Einstieg gratuliert hätten. Ulla Unseld-Berkewicz befinde sich in einer "grausamen Einsamkeit", sie sei als Geschäftsführerin überfordert und solle zurücktreten. Die Verlegerin will offenbar Strafanzeige gegen Grossner stellen, weil dieser ihr vorgeworfen habe, Verlagsvermögen zu veruntreuen. Im Kommentar greift Heimann die eigentümliche Ausstrahlung des Verlags auf, die dazu führe, dass selbst ein bloßer Wechsel im Lektorat Analysen zur Zukunft des Verlags nach sich ziehe. Dass das Geschick des Verlags als öffentliche Angelegenheit verhandelt werde, könne man als Fluch oder Segen betrachten, lautet das magere Fazit von Heimann.

Mit ein bisschen essayistischer Untermalung von Robert Musil appelliert Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir an den Möglichkeitssinn und dessen "Schwester", die Entscheidungsfreude, des Buchhändlers. Was Casimir meint: Die Sortimenter sollen sich Gedanken machen, wie sie ihr Warenangebot ergänzen können - um nützliche Geschäfte a la PBS (Papier, Büro- und Schreibwaren), die das wirtschaftliche Überleben zu sichern helfen. In ihrer Analyse zum PBS-Markt gelangt Tamara Weise zum Fazit, dass PBS besonders auf einem stagnierenden Buchmarkt an Reiz gewinne.

Im Interview mit dem Börsenblatt deutet die neue Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz vorsichtig neue Koordinaten für den Kurs nach dem Abschied von Viktor Niemann an: Bei Claassen sollen mehr deutsche Autoren erscheinen, außerdem soll bei Ullstein die unterhaltende Belletristik einen größeren Raum erhalten.

Weitere Themen: Osiander (13 Filialen in Süddeutschland) plant für 2006 einen zweistelligen Umsatzzuwachs auf rund 35 bis 36 Mio Euro ein. Ein Dussmann-Sprecher hat die Gerüchte, Martina Tittel sei wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber verlängerten Öffnungszeiten gegangen (worden), dementiert. Reader's Digest (Umsatz: 1,87 Mrd Euro) wird von einem Konsortium unter Führung der Beteiligungsgesellschaft Ripplewood Holdings übernommen. Thomas Blume stellt interessante Musikbücher vor. Ein BWL'er an der Spitze eines archäologischen Verlags - im "Menschen"-Ressort porträtiert Adrienne Braun den Theiss-Geschäftsführer Christian Rieker. Den Fragebogen hat der Autor Thomas Lehr ausgefüllt (Lebensmotto: "Carpe Diem. Ich bin Präsentist").
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