Die Buchmacher

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Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
15.04.2002. In dieser Woche lesen Sie: Warum das neue Buch von John Grisham nicht bei Thalia zu bekommen sein wird. Wo die FAZ an Papier spart. Wie Autoren sich im Internet präsentieren. Warum Oprah Winfrey ihren Buchclub schließt. Und worüber französische Politiker Bücher schreiben. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Börsenblatt, 12. April 2002

Der Buchhandel ärgert sich weiterhin über den Roman "Die Farm" von John Grisham. Der erschien zunächst im Bertelsmann Club und soll erst im August in einer teureren Verlagsausgabe in den freien Buchhandel kommen. "In einem offenen Brief appelliert Jürgen Könnecke, Geschäftsführer der Thalia Holding, an die Verlage, sie sollten nicht mit der Preisbindung spielen und sich an die buchhändlerischen Usancen halten, andernfalls schadeten sie ihrem Vertriebspartner Nummer 1 - dem Sortiment". Thalia ist nicht irgendwer, sondern die umsatzstärkste Buchkette in Deutschland. Könnecke kündigt an, sein Unternehmen werde den neuen Grisham nicht einkaufen: "So werden wir es grundsätzlich auch mit allen anderen gleich gelagerten Fällen halten, die vorab oder gleichzeitig im Club oder als Weltbild-Reader erscheinen." Könnecke kritisiert nicht nur den Bertelmann Club, sondern wirft dem gesamten Konzern vor, "die Spielregeln im Buchhandel gravierend" ändern zu wollen. Vor allem richtet sich seine Kritik jedoch an den Heyne Verlag, der die Grisham-Lizenz an den Club gegeben hat. Interessanterweise antwortet nicht Heyne-Verleger Christian Strasser, sondern Wulf Böttger, Geschäftsführer des Bertelsmann Clubs. In scharfem Ton weist er alle Vorwürfe zurück und erklärt, niemand habe ein größeres Interesse an der Beibehaltung der Buchpreisbindung als die Buchgemeinschaften (dies sind in Deutschland neben dem Bertelsmann Club die Büchergilde Gutenberg und die WBG). "Die Gründe dafür brauche ich nicht zu erklären - sie liegen auf der Hand." Tatsächlich: Ohne Buchpreisbindung würde sich kaum jemand für die Vergünstigungen des Buchclubs interessieren. Beide Briefe gibt es hier. In der Online-Ausgabe des Börsenblatts findet sich bereits ein Kommentar zum Thema. "Rauhe Sitten".

Die zum Axel-Springer-Verlag gehörende Verlagsgruppe Ullstein Heyne List muss noch mehr sparen. Es werde "nicht nur bei den bereits bekannt gegebenen Kürzungen im Ratgebersegment bleiben", schreibt das Börsenblatt. Bei den Ratgeberverlagen Südwest und Ludwig sollen bei Personal und Kosten mindestens zehn Prozent eingespart werden.

Die FAZ wird die Auswahl aus den Frühjahrs- und Herbstprogrammen der Verlage künftig nicht mehr in ihrem Feuilleton, sondern nur noch in der Online-Version veröffentlichen, berichtet das Börsenblatt. Grund seien Sparmaßnahmen, "die auch einen verringerten Seitenumfang mit sich bringen". Die FAZ-Auswahl aus den aktuellen Frühjahrsprogrammen finden Sie hier.

Der Börsenverein kündigt weitere "politische Lobbyarbeit" gegen das neue Urhebervertragsrecht an. Auch sollen Verlage "im Wege von Musterprozessen einzelne Vorschriften verfassungsrechtlich auf den Prüfstand" bringen. Und in einem längeren Beitrag (dem noch ein zweiter Teil folgt) bringt Wulf D. v. Lucius eine "kritisch-wertende Zusammenfassung der Genese des neuen Urhebervertragsrechts".

Nils Kahlefendt stellt eine Reihe von Internetauftritten von Autoren vor. Die Zeiten der großen (oder großsprecherischen) Entwürfe von Online-Literatur scheinen vorbei zu sein: "Beim Surfen durch einschlägige Sites begegnet einem fast durchweg Literatur, die in den überkommenen Strukturen des 'Betriebs' nicht punkten konnte - oder die dort gar nicht erst in Konkurrenz treten wollte." Dagegen nutzt Thomas Hettche seine Seite als "eine Art erweiterte Visitenkarte", Thomas Brussig ist im Netz vertreten, um nicht ständig telefonisch belästigt zu werden: "Die Zeiten, da Sie mich unter einer Vielzahl von Entschudigungen anrufen bzw. anschreiben mussten, um von mir Dinge zu erfahren, die ich schon längst woanders gesagt hatte, sind vorbei." Dann gibt es Autoren wie Alexander Kluge und Elfriede Jelinek, die "Rohmaterial für ganze Magisterarbeiten ins Netz stellen". Und natürlich noch viele, viele andere.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Durch den Streit um die Club-Ausgabe von Grishams "Farm" steht nach Ansicht des buchreport der Branchenkonsens zur Preisbindung auf dem Spiel. Das Thema ist brisant, da derzeit ein Preisbindungsgesetz vorbereitet wird, in dem auch die Rolle der Buchclubs geregelt werden soll. Paragraph 5 sieht vor, den Clubs zu gestatten, Bücher künftig zeitgleich mit dem Buchhandel, aber billiger als dieser anzubieten. Der Buchhandel will diese Regelung verhindern. Nun hat auch die Bertelsmann-Club-Verlegerin Anita Offel-Grohmann einen offenen Brief geschrieben, und zwar an den Börsenverein. Sie fordert den Börsenverein auf, sich für den Club-freundlichen Paragraphen im Gesetzentwurf der Bundesregierung einzusetzen. Dabei müsste der Buchclub-Verlegerin klar sein, dass der Börsenverein in dieser Frage keinen Spielraum habe, meint der buchreport: "Zu groß ist der Widerstand gegen die 'Lex Buchclub' aus dem Sortiment". Anders als beim Streit um das Urhebervertragsrecht "könnte die Branche im anstehenden Gesetzgebungsverfahren mit zwei Stimmen sprechen" und so an Einfluss verlieren: "Denn nicht nur der Börsenverein, sondern auch die Bertelsmänner haben Drähte in die Berliner Politik. Und im Moment scheinen sie wild entschlossen zu sein, diese auch zu nutzen."

Mit "Erzähl mir doch nich, dasset nicht jeht" hat der Mitteldeutsche Verlag einen Bestseller gelandet. Das Buch von Kathrin Finke erinnert an die brandenburgische SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. "'Hildebrandt wollte ihre autobiografischen Erinnerungen bei uns publizieren, doch sie hat das Manuskript vor ihrem Tod im November 2001 wohl nicht mehr fertig stellen können', erzählt Geschäftsführerin Veronika Schneider. (...) Am 15. März wurde der Titel der Öffentlichkeit vorgestellt, drei Tage später war die Erstauflage vergriffen."

Als das Literarische Quartett aufhörte, trauerten die Verlage um einen Umsatzbringer. Sehr viel härter hat es die amerikanische Buchbranche getroffen: Talk-Lady Oprah Winfrey schließt ihren Buchclub. "Der Rückzug kommt nicht etwa, weil die überzeugte Leseratte über Nacht die Lust am Lesen verloren hätte", schreibt der buchreport. "Die Begründung der 47-Jährigen ist vielmehr eine schallende Ohrfeige für die US-Verlage, die sich seit 1996 auf Winfreys Schützenhilfe verlassen konnten": Es gebe zu wenig gute Bücher, die es wert seien, in ihrer Talkshow vorgestellt zu werden.

Weitere Meldungen: Holtzbrinck verordnet seinen Verlagen Urban & Fischer und dem Spektrum Akademischer Verlag (SAV) eine neue Führungsstruktur. Die Buchverlage der Ganske-Gruppe (Hoffmann und Campe sowie Gräfe und Unzer) sind von den Sparmaßnahmen des Unternehmens nicht betroffen. Die juristische Datenbank Legios erhebt künftig keine Grundgebühr mehr. Random House hat acht Millionen Dollar für die nordamerikanischen Rechte am neuen Roman von Charles Frazier bezahlt.

Und hier der Link auf die Bestsellerliste.

Börsenblatt

Prepaid-Mobiltelefone könnten künftig ein Zusatzgeschäft für Buchhändler werden. "Nach den Plänen der Mobilfunkbetreiber soll das bisherige Vertriebsmodell, der Verkauf von so genannten Prepaid-Einheiten über Karten, einem neuen System weichen", schreibt Anke Benstem. "Ab 2004 will etwa die Telekom-Tochter T-Mobile die Karten vollständig durch das Aufladen des Guthabens online ersetzen. Weil der Buchhandel über ein flächendeckendes Netz und - im Gegensatz zu anderen Einzelhandelsbranchen - über eine entwickelte IT-Infrastruktur verfügt, zählt das Sortiment zu den Wunschpartnern der Mobilfunkanbieter als Online-Verkaufsstelle".

In Frankreich schreiben Politiker offenbar häufiger als anderswo Bücher - zum Teil sogar selbst, zum Teil sogar lesbar. Oft suchen sie sich "wahltaktisch geschickt" einen historischen Bezug zu ihrem Wahlkreis, berichtet Ralf Klingsieck. Meist scheinen es Biographien zu sein: Ex-Premier Alain Juppe schrieb über Montesquieu, Jack Lang über König François I., Ex-Parlamentspräsident Philippe Seguin "erst über Napoleon III. und dann über Louis Napoleon". Der ehemalige Staatspräsident und jetzige Chef des EU-Konvents, Valery Giscard d'Estaing schrieb dagegen einen im Jägermilieu spielenden Liebesroman, der "etwas schwülstig" ausfiel.

Weitere Beiträge: Der Fachverlag Wiley-VCH hat den auf naturwissenschaftliche Fachzeitschriften spezialisierten GIT Verlag übernommen. Christoph Kochhan stellt die Ergebnisse einer Verbraucheranalyse zum Thema Reiseführer und Karten vor. Passend dazu hat der Reise- und Outdoor-Verlag Bruckmann ein Touristikportal freigeschaltet.

In einem Extra-Teil geht es um kleinere Verlage. Themen sind unter anderem die Verlagsauslieferung, Print on Demand, das Moderne Antiquariat, die Website-Hersteller TXT, der Kochbuch-Verlag Olli Leeb, der Autorenhaus-Verlag Berlin und die Pressearbeit.
Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Alain Juppe, Antiquariate