Außer Atem: Das Berlinale Blog

Etwas Geklügeltes: Nicolas Wackerbarths 'Halbschatten' (Forum)

Von Ekkehard Knörer
09.02.2013.

Wer kein Geld hat, dreht einen Hausfilm. Der Raum ist bühnenartig begrenzt, die Blickachsen liegen fest, die Blicke bleiben drinnen oder gehen nach außen oder gehen von außen nach innen. "Halbschatten", der Zweitling von Nicolas Wackerbarth, ist ein Hausfilm. Sein Debüt "Unten Mitte Kinn" war etwas anderes, ein Ensemble von Schauspielschülern, weitgehend improvisiert, ein Theaterfilm. Mit dem Improvisieren ist es vorbei. Die Dialoge sind sehr geschrieben, scheinen es jedenfalls. An die Stelle von Bernhard Kellers hochnervöser Kamera treten die hinreißend komponierten Bilder Reinhold Vorschneiders, die zwar das Licht schön haben, aber auch etwas leblos bleiben. So spielen sie leider dem Eindruck zu, den "Halbschatten" insgesamt macht. Er hat etwas Geklügeltes.


Wer kein Geld hat, dreht einen Hausfilm. Der Raum ist bühnenartig begrenzt, die Blickachsen liegen fest, die Blicke bleiben drinnen oder gehen nach außen oder gehen von außen nach innen. "Halbschatten", der Zweitling von Nicolas Wackerbarth, ist ein Hausfilm. Sein Debüt "Unten Mitte Kinn" war etwas anderes, ein Ensemble von Schauspielschülern, weitgehend improvisiert, ein Theaterfilm. Mit dem Improvisieren ist es vorbei. Die Dialoge sind sehr geschrieben, scheinen es jedenfalls. An die Stelle von Bernhard Kellers hochnervöser Kamera treten die hinreißend komponierten Bilder Reinhold Vorschneiders, die zwar das Licht schön haben, aber auch etwas leblos bleiben. So spielen sie leider dem Eindruck zu, den "Halbschatten" insgesamt macht. Er hat etwas Geklügeltes.

Das Haus liegt in Südfrankreich, Nizza. Am Hang. Vor dem Haus ein Swimmingpool, von dem aus der Blick Richtung Meer geht. Bei Nacht ist das toll, Lichtadern im Dunkeln, wie gemalt. Einmal fährt ein großes Schiff durch den Unschärfebereich. Auch das Haus selbst ist ziemlich toll. Beton, Holz, Glas. Der Beton blockt, das Holz vermittelt Wärme, Glas macht Licht und leitet den Blick ins Freie. Es ist ein ganz anderes Haus als das in Angela Schanelecs "Nachmittag", man geht aber sicher nicht fehl in der Annahme, dass das ein Vorbildfilm ist.

In dieses Haus wird die folgende Konstellation eingebaut: Merle kommt an, ihr neuer Freund Romuald ist nicht da, dafür trifft Merle seine beiden Kinder, Felix und Emma, an, die sie noch nicht kennt. Felix ist feindselig, Emma nicht so sehr. Merle schreibt am Pool einen Roman, der Staubsauger der Putzfrau stört. Was auch etwas stört: Merle wird von Anne Ratte Polle gespielt, die vor einigen Jahren einen großen Auftritt hatte in Romuald Karmakars "Die Nacht singt ihre Lieder". Namensgebung als Hommage, aber einen kleinen Hautgout von Anbiederung hat es auch. Man wird in diesem Film von Romuald nicht viel sehen, es spielt ihn dann aber Henry Arnold, das Hermännsche aus Edgar Reitz’ "Zweiter Heimat". Wenn dann noch Lou Castel kurz im Wohnzimmer sitzt, ist der Eindruck, dass das hier alles Second-Hand-Ware – wenn auch vom Edelsten – ist, kaum mehr vor die Haustür zu weisen.



Merle, Felix, Emma, diese drei spannt "Halbschatten" in eine Psychodynamik. Man erfährt fast nichts über Merle als das, was man sieht. Felix pubertiert, Emma trotzt eher spätkindlich und wenn sie zum Geburtstag ihren Lieblingskuchen nicht bekommt, ist großes Drama. Diese Kuchenszene. So etwas wie das Kernstück des Films. Hier gewinnt Merle die Kinder, trotz falschem Kuchen, indem sie den Vater belügt. C’est assez cruel. Überhaupt ist Merle von Gemeinheit nicht frei. Am Anfang lässt sie Felix mit voller Absicht in den Pool springen, obwohl der Verwalter sie gewarnt hat, dass das Wasser noch giftig ist an diesem Abend. Sie spielt ihren Wissensvorsprung aus, immer wieder. Was Wackerbarth nicht ausstellt, was in den Einstellungen mit ihren Vorder- und Hintergründen auch gut inszeniert wird. Aber gerade die Art, in der das Implizite immer etwas zu deutlich gemacht wird, hat etwas Plumpes.

Und der Kuchen. Der ächzt. Und zwar unter der Last, Dingsymbol zu sein, an dem Psychodynamisches ausagiert wird. Es ist wie in einer dieser Kurzgeschichten aus den fünfziger oder sechziger Jahren, in denen aus einer Nichtigkeit etwas ganz Wichtiges wird. Carver oder Böll, eine nicht mehr frische Bedeutungstechnik. Dem Film, der doch etwas Gleitendes haben will, in Stimmungen malt, die Atmosphäre südfranzösischer Tage zu vermitteln versucht, tut das nicht gut. Er ist beim Kuchen und noch mit gewollt beiläufig aufgegriffenen Dingen (Taschenlampe mit Dynamo, Murmeln und dergleichen) oft schwer und ungelenk und ausgedacht bei seinem Versuch, in dieses Haus diese Geschichte zu bauen.

Weiteres geschieht. Auch kommt, was kommen muss, sage keiner, Merle habe es nicht provoziert. Wer nicht kommt, ist Romuald. Die längste Zeit jedenfalls. Und wenn er kommt, ist es zu spät. Für Merle. Und auch für den Film.

Ekkehard Knoerer

"Halbschatten". Regie: Nicolas Wackerbarth. Mit Anne Ratte-Polle, Leonard Proxauf, Emma Bading, Nathalie Richard, Maren Kroymann u.a., Deutschland / Frankreich 2013, 80 Minuten (alle Vorführtermine)