Außer Atem: Das Berlinale Blog

Unglaublich nah heran: 'The Oath' von Laura Poitras im Forum

Von Lukas Foerster
14.02.2010.

Abu Jandal war einst Osama bin Ladens Leibwächter. Die Attentäter des 11. September kannte er allesamt persönlich, aus ihrer Zeit in Al-Qaida-Trainingscamps in Afghanistan. Jandal selbst saß im Jemen im Gefängnis, als das World Trade Center kollabierte. Ob er mit in eines der Flugzeuge gestiegen wäre, wenn bin Laden ihn gefragt hätte, will Regisseurin Laura Poitras an einer Stelle von ihm wissen. Er sagt nein, aber man darf da, angesichts seiner sonstigen Aussagen, als Zuschauer durchaus Zweifel anmelden. Nach 9/11 wurde Abu Jandal dann von der CIA verhört und war schnell geständig. Seine Aussagen erwiesen sich im Zug des Afghanistanfeldzugs als äußerst hilfreich für die USA. Zwei Jahre darauf wurde er aus der Haft entlassen, im Rahmen des jemenitischen Al-Qaida-Aussteigerprogramms, das erst kürzlich für Schlagzeilen sorgte, weil an der Vorbereitung des gescheiterten Attentats auf den Flughafen Detroit zwei Absolventen des Programms beteiligt gewesen sein sollen.
Dass der Jemen nicht gerade der perfekte Ort ist, um islamistische Terroristen zu rehabilitieren: auch das zeigt dieser Film. Vor allem aber ist "The Oath" ein Porträt, das schon ob seiner bloßen Existenz erstaunt. Unglaublich nah heran kommt Laura Poitras an Abu Jandal, der nach seiner Entlassung begonnen hat,…

Abu Jandal war einst Osama bin Ladens Leibwächter. Die Attentäter des 11. September kannte er allesamt persönlich, aus ihrer Zeit in Al-Qaida-Trainingscamps in Afghanistan. Jandal selbst saß im Jemen im Gefängnis, als das World Trade Center kollabierte. Ob er mit in eines der Flugzeuge gestiegen wäre, wenn bin Laden ihn gefragt hätte, will Regisseurin Laura Poitras an einer Stelle von ihm wissen. Er sagt nein, aber man darf da, angesichts seiner sonstigen Aussagen, als Zuschauer durchaus Zweifel anmelden. Nach 9/11 wurde Abu Jandal dann von der CIA verhört und war schnell geständig. Seine Aussagen erwiesen sich im Zug des Afghanistanfeldzugs als äußerst hilfreich für die USA. Zwei Jahre darauf wurde er aus der Haft entlassen, im Rahmen des jemenitischen Al-Qaida-Aussteigerprogramms, das erst kürzlich für Schlagzeilen sorgte, weil an der Vorbereitung des gescheiterten Attentats auf den Flughafen Detroit zwei Absolventen des Programms beteiligt gewesen sein sollen.
Dass der Jemen nicht gerade der perfekte Ort ist, um islamistische Terroristen zu rehabilitieren: auch das zeigt dieser Film. Vor allem aber ist "The Oath" ein Porträt, das schon ob seiner bloßen Existenz erstaunt. Unglaublich nah heran kommt Laura Poitras an Abu Jandal, der nach seiner Entlassung begonnen hat, als Taxifahrer zu arbeiten. Manchmal zeigt der Film einfach nur die Taxipassagen durch die Stadt und die Gespräche zwischen Fahrer und Passagier. Das funktioniert beiderseitig: Er lässt sie nahe an sich heran, sie lässt sich auf ihn ein; natürlich nicht mit Haut und Haaren, aber durchaus auch ein wenig (das wird dem Film nicht nur Freunde machen, ist aber wahrscheinlich das interessanteste an ihm) auf seine Perspektive auf die Welt.
Der titelgebende Eid ist zuerst der Al-Qaida-Schwur, der an einer Stelle vollständig zitiert wird. Jandal hat ihn geleistet und ob er ihn gebrochen hat, scheint er selbst nicht wirklich zu wissen. Oder er sagt zumindest nicht, was es genau bedeuten würde, falls er ihn gebrochen hätte. Sobald das Thema zur Sprache kommt, gerät er ins Lavieren. Und er laviert viel, denn er weicht dem Thema nicht aus. Ganz im Gegenteil sucht er in fast manischer Manier die Öffentlichkeit, lässt sich von einem New York Times-Reporter interviewen, tritt im ägyptischen Fernsehen auf. Und lässt sich über Monate hinweg von einer amerikanischen Dokumentarfilmerin begleiten. Deren Film ist das faszinierende Psychogramm eines eloquenten, charismatischen Mannes, der gleichzeitig natürlich äußerst schwer zu ertragen ist, wenn er einen "friedlichen" Dschihad predigt, das religiöse innerfamiliäre Regime aufrecht erhält und junge wannabe-Islamisten unter seine sehr fragwürdigen Fittiche nimmt.
Aber all das ist nur der halbe Film. Die andere Hälfte ist unsichtbar. Da geht es um Salim Hamdan, bin Ladens Chauffeur, der von Abu Jandal mit den Dschihadisten bekannt gemacht wurde und zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in den USA vor einem Militärgericht stand. Vor Gericht sind keine Kameras zugelassen, insofern kann Poitras nur auf einige melancholische Guantanamo-Bilder zurückgreifen. Der Prozess gegen Hamdan findet unter fragwürdigen Vorzeichen statt, das Vergehen, dessen er schließlich schuldig gesprochen wird, wurde eigens in den Strafrechtskatalog aufgenommen, um ihn doch noch hinter Gitter zu bringen. Poitras, eine im besten Sinne journalistisch arbeitende Regisseurin, filmt auch Pressekonferenzen des US-Militärs. Wenn ein Sprecher verlautbaren lässt, dass der Prozess gegen Hamdan der "gerechteste Militärprozess aller Zeiten" ist, hat der Film diese Aussage schon längst auf unterschiedliche Weise dekonstruiert.
Seine Haltung zu den verschiedenen Personen, die in ihm vor der Kamera agieren, trägt der Film nicht am Revers. Das ist eine große Stärke, weil er auf diese Weise nahe liegende Reiz-Reaktions-Schemata hinter sich lassen kann. Die uneingeschränkte Sympathie des Films gehört am ehesten dem amerikanischen Militäranwalt, der gegen die Interessen seiner eigenen Institution Salim Hamdan verteidigt und in Pressekonferenzen sichtlich beschämt das Gebaren der US-Justiz kommentieren muss. An einer anderen Stelle taucht in ähnlichem Zusammenhang ein zweiter, ein anderer Eid auf. Der arabischstämmige CIA-Agent, der Abu Jandal verhörte, erklärt in einer gerichtlichen Aussage seine Ablehnung der als "enhanced interrogation methods" bekannt gewordenen Folterpraktiken in Guantanamo und andernorts mit dem Eid, den er auf die amerikanische Verfassung abgelegt hat.

Laura Poitras: "The Oath". Dokumentarfilm. USA 2010, 96 Minuten. Hier das ausführliche Datenblatt zu dem Film als pdf-Dokument. (Forum, Vorführtermine)