9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2025 - Religion

Auch Berliner Lehrerinnen dürfen künftig im Unterricht Kopftuch tagen, Berlin reformiert sein Neutralitätsgesetz, meldet unter anderem die Welt. Das Neutralitätsgesetz war in Berlin 2005 erlassen worden, nachdem das Bundesverfassungsgericht geurteilt hatte, ein Kopftuchverbot an Schulen könne nur gelten, wenn es in den Ländern ein entsprechendes Gesetz gibt. Aber auch so war die Trennung von Staat und Religion nicht durchzusetzen - nun hat Berlin seinen Widerstand offenbar ganz aufgegeben. Das Thema lockt kein deutsches Medium hinter dem Ofen hervor. Reinhard Müller kommentierte gestern in der FAZ immerhin: "Anpassen muss man sich in jedem Beruf. Und alles machen, was man will, kann man eigentlich nie, solange man mit anderen Menschen zusammenarbeitet. Im Staatsdienst kommen noch einige Anforderungen hinzu; etwa dass man sich auch außerhalb des Dienstes bei politischer Betätigung zu mäßigen hat. Im Dienst soll sich der Beamte gar nicht politisch betätigen. Seine Religion legt er natürlich nicht ab; es darf hier auch keinerlei Diskriminierung geben."

Nicht zufrieden mit der neuen Regelung sind Grüne und Linke, berichtet Susanne Memarnia in der taz. Denn es kann nach wie vor im Einzelfall ein Kopftuchverbot ausgesprochen werden, "wenn aufgrund objektiv nachweisbarer und nachvollziehbarer Tatsachen eine hinreichend konkrete Gefährdung oder Störung des Schulfriedens oder der Neutralität des Staates belegbar ist", so das Gesetz. "An der rechtlichen Unsicherheit für Kopftuch tragende Lehrerinnen werde sich nichts ändern, sagte die Sprecherin für Antidiskriminierung der Grünen-Fraktion, Tuba Bozkurt, der taz. Denn es bleibe unklar, was genau unter einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens oder Verletzung der staatlichen Neutralität zu verstehen ist. 'Durch diese Hintertür könnte die Schulaufsicht jederzeit einer Lehrerin kündigen, es gibt keine Rechtssicherheit für muslimische Frauen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2025 - Religion

In Hamburg hat es Fälle religiöse Mobbings an Schulen gegeben. Besonders Mädchen, die nicht das Kopftuch trugen, wurden von Mitschülern offenbar kritisiert und gehänselt. Stefan Laurin greift bei hpd.de diese Berichte auf und hat bei anderen Bundesländern nachgefragt, ob dort ähnliche Fälle bekannt sind - viele aussagekräftige Antworten hat er nicht bekommen. Das Schulministerium in Hessen schickte immerhin folgende Auskunft: "Unsere interreligiösen Fortbildungsmaßnahmen 'Lernen im Dialog', 'Online im Trialog', 'Abrahamitische Teams', 'religionssensibles Coaching', 'Interreligiöser Kongress', aber auch die Kerncurricula für den Islamischen Religionsunterricht und den Schulversuch Islamunterricht - sowie Ethik - tragen viel dazu bei, dass Inhalte zur Selbstbestimmung der Frau, Gleichheit von Mann und Frau, Wissen über den politischen Islam und zum Islamismus in den Schulen vermittelt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2025 - Religion

In seiner jüngsten FAZ-Kolumne schildert Bülent Mumay auch das immer schlimmere Wuchern der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die nun auf Geheiß Erdogans sogar Koran-Ausgaben auf Missliches überprüfen soll. "1924 hatte Atatürk das Amt mit der Funktion gegründet, die religiösen Dienstleistungen der säkularen Republik zu regeln und zu kontrollieren. Diese Funktion übte Diyanet auch viele Jahre lang aus. Es ließ Moscheen bauen und zahlte den Imamen ihr Gehalt aus, über diese Hauptaufgaben hinaus hatte es keine Verpflichtungen. Unter dem Palastregime aber wurde die Diyanet-Behörde zu einem der wichtigsten Apparate des Staates umgemodelt. Ihr Budget wurde aufgestockt, sodass es nun höher ist als das vieler Ministerien. Um das Bildungswesen religiös auszurichten, wurde ihm Zugang zu den Schulen gewährt. Inzwischen hat es auch die Aufgabe, Bereiche wie das soziale Leben und Familienpolitik zu regeln."
Stichwörter: Diyanet, Mumay, Bülent

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2025 - Religion

In der Welt diagnostiziert der Theologe Rolf Schieder der Gesellschaft eine "Theophobie", also geradezu eine Angst, im öffentlichen Raum über Gott zu sprechen. Doch so entstehe "ein gravierendes Problem: Wenn eine Gesellschaft über Gott öffentlich nur noch schweigt, dann entsteht ein Vakuum, in das religiöse Vorstellungen und Fundamentalismen eindringen, die das Licht der Vernunft scheuen. Religiöser Terror, der durch öffentlichen Diskurs nicht entschärft wird, ist eine reale Bedrohung. Selbst Agnostikern und Atheisten kann das nicht gleichgültig sein. Die Kirchen könnten der viel beklagten 'Säkularisierung' rasch ein Ende bereiten. Sie müssten sich einfach daran machen, der herrschenden Theophobie mit Parrhesia entgegenzutreten. Ihr wäre dadurch abzuhelfen, dass die Kirchen nicht nur bei rituellen Anlässen Gott anrufen, sondern freimütig zum öffentlichen Gespräch über Gott anregen und dort die Vernunft des Gottesgedankens erweisen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2025 - Religion

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Kann Papst Leo XIV. im Krieg gegen die Ukraine vermitteln, fragt sich im Spiegel der Historiker Volker Reinhardt, der auch ein Buch über die Geschichte der Päpste geschrieben hat. Ausgeschlossen ist es nicht, vorab muss das Papsttum aber eine "ehrliche Aufarbeitung" der Geschichte anstreben, denn "erst ab 1958, mit Johannes XXIII., begann eine Öffnung hin zu Demokratie und Pluralismus. (…) Ob das Papsttum für weltweite Friedensdiplomatie geeignet ist, bleibt umstritten. Betrachtet man die gesamte Geschichte, müsste man - frei nach Voltaire - sagen: auf keinen Fall. Doch die Entwicklungen der letzten 67 Jahre lassen einen solchen Versuch durchaus vielversprechend erscheinen, nicht zuletzt durch das Profil des neuen Pontifex. (…) Bewiesen hat er sich mit diplomatischen Fähigkeiten, Gegensätze zu überbrücken und Kompromisse anzubahnen - eine Eigenschaft, die ihn mit seinem Namenspatron Leo XIII. (1878 bis 1903) verbindet."

Geradezu "fatal" findet der Schriftsteller Chaim Noll in der NZZ Lessings in "Nathan der Weise" bemühte Ringparabel, die von der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen ausgeht, verschleiere sie doch das Gewaltpotenzial des Koran: "Der erst im sechsten Jahrhundert aufkommende Islam beutet das spirituelle Potenzial der beiden älteren Religionen systematisch aus, usurpiert ihre Gedanken als seine eigenen und bezichtigt ihre bisherigen Vertreter als Verräter der wahren Offenbarung. Aus ihrer Ablehnung leitet der Koran die Notwendigkeit ihrer Verfolgung und Vernichtung ab. Wodurch auch das Verhältnis zum Krieg ein ganz anderes ist als im Judentum und im Christentum: Er wird nicht, wie dort, ambivalent wahrgenommen, als unvermeidbares Übel, sondern als die eigentliche Erfüllung. Der Islam ist im Kern eine Religion des Krieges, da er seinen Anhängern bis zur völligen islamischen Befriedung der Welt den Glaubenskrieg gebietet. Entsprechend ist das Gottesbild des Koran mit dem der Bibel unvereinbar: Es weckt die Vorstellung eines Kämpfers und Kriegers."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2025 - Religion

In der NZZ schreibt Kacem El Ghazzali, dass die Christenverfolgung in Afrika oder im Nahen Osten im Westen auf weniger Aufmerksamkeit stößt als angebliche "Islamophobie" in den westlichen Gesellschaften. "Im Irak ist die christliche Bevölkerung seit 2003 von etwa 1,5 Millionen auf weniger als 150 000 geschrumpft." Dabei erlebe das Christentum eben in diesen Regionen eine Renaissance. "Die Frage drängt sich auf: Wo bleiben die Kirchen und die christlichen Theologen im Westen, die doch verpflichtet wären, eine Stimme für ihre Schwestern und Brüder im Glauben zu sein? Wer die hiesigen Kirchen medial verfolgt, wird enttäuscht. Sie schweigen, und in ihren interreligiösen Bemühungen wird das Thema der verfolgten Christen kaum angesprochen. Sie bemühen sich nicht nur, eine theatralische Harmonie nach außen zu zelebrieren. Sie machen auch gerne mit, wenn es darum geht, aus angeblicher 'Islamophobie' einen Popanz zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2025 - Religion

In der NZZ skizziert Richard C. Schneider die Entwicklung der jüdischen Identität seit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. bis zum Massaker der Hamas am 7. Oktober. Seitdem ist alles wieder ungewiss, "das Gefühl des Ausgeliefertseins ist zurück, die Unsicherheit - gerade auch durch den wachsenden, aggressiven Antisemitismus weltweit - wächst. Die Unsicherheit wird zusätzlich angeheizt durch die öffentlich geäußerten Präferenzen der gegenwärtigen israelischen Regierung. Nicht nur die beiden rechtsextremistischen Minister Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich, nein, inzwischen erklärte auch Premier Benjamin Netanjahu, dass es zwar wichtig sei, die noch in Gaza befindlichen Geiseln zu retten, doch das noch wichtigere Ziel sei die 'vollständige Vernichtung' der Hamas. Wenn aber der jüdische Staat nicht mehr die Rettung jedes einzelnen seiner jüdischen Bürger zum obersten Ziel macht, bedeutet das dann, dass der talmudische Satz 'Wer ein Menschenleben rettet, dem wird angerechnet, als würde er die ganze Welt retten' nicht mehr gilt? Das fragen sich im Augenblick viele Israeli, die auf den Straßen Israels demonstrieren und die die Fortsetzung des Krieges in Gaza als ein sicheres Todesurteil für die verbliebenen Geiseln sehen."

Vor sechs Wochen veröffentlichte die "International Union of Muslim Scholars (IUMS)" eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, unter dem Titel "Die anhaltende Aggression gegen Gaza und die Aussetzung des Waffenstillstands" (unsere Resümees). Die Organisation, die für sich beansprucht, 95.000 Gelehrte aus 67 Organisationen zu repräsentieren, erklärte es darin zur Pflicht "für alle Muslime und muslimischen Nationen, den Dschihad gegen das zionistische Gebilde und alle, die mit ihm in den besetzten Gebieten kollaborieren, zu führen - seien es Söldner oder Soldaten jeglicher Nation". Dieser Aufruf zum Dschihad hat in Deutschland kaum zu Reaktionen geführt, konstatiert Stefan Laurin bei hpd.de: "Der Humanistische Pressedienst wollte von drei Islamverbänden wissen, wie sie zu dem Aufruf der IUMS stehen. Er fragte beim Zentralrat der Muslime, bei der aus Erdogans Türkei gesteuerten DITIB und bei Milli Görüs nach. Der hpd wollte wissen, ob die Fatwa auch für sie selbst und die Besucher der ihnen zugehörigen Moscheen als gültig betrachtet wird, wie sie zum Inhalt der Fatwa stehen und ob sie die IUMS als für sich relevante Organisation ansehen. Gerade Organisationen, die in Deutschland als Partner von Politik und Kirchen auftreten, hätten allen Anlass gehabt, sich klar von einem solchen Gewaltaufruf zu distanzieren. Doch keine der drei kontaktierten Gruppen tat das - sie schwiegen schlicht: Nicht eine von ihnen antwortete auf die Anfrage des hpd." Aber Laurin hat einen Trost: "Der Verfassungsschutz erklärte auf Anfrage des hpd, die Bedeutung der IUMS halte sich in Grenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2025 - Religion

"Wir sind Papst", können die Amerikaner jetzt rufen. Und tun es auch.

Die Deutsche Welle hat bereits ein längeres Porträt über Robert Francis Prevost, jetzt Papst Leo XIV.. Christoph Strack schreibt: "Die Wahl Prevosts ist gewiss keine Abkehr von den Franziskus-Jahren. In vielem, gerade in sozialen Fragen, wird der US-Amerikaner dem Argentinier folgen. Doch bei anderen Fragen positionierte sich Prevost deutlicher als der bisherige Papst. Beim Streitthema der Weihe von Frauen mahnte er, die Kirche müsse anders sein als die Gesellschaft. Die Weihe von Frauen löse 'nicht unbedingt ein Problem', sondern schaffe vielleicht ein neues."

In der Zeit ist Patrik Schwarz erleichert über die Wahl des Amerikaners, der 25 Jahre in Peru lebte und arbeitete: "Was immer eine kryptokatholische Camarilla im Team Trump von diesem Konklave erhofft hatte, sie haben es nicht bekommen. US-Vizepräsident JD Vance, der letzte Staatsbesucher, der Franziskus am Tag vor seinem Tod besucht hat, wird an dessen Nachfolger kaum mehr Freude haben als an Franziskus. ... Ein scheinbar paradoxer Wunsch der Kardinalsmehrheit ist bereits im Vorkonklave der letzten zwei Wochen sichtbar geworden, wenn man richtig zusammensetzt, was hinter den verschlossenen Türen der Casa Santa Marta debattiert wurde: Nicht hinter Franziskus zurückfallen, bitte, möge der Nachfolger, aber ebenso dringlich den bisher linkesten Papst der letzten fünfzig Jahre nicht noch links überholen."

Im Interview mit Zeit online ist Schwester Katharina Ganz nicht unzufrieden mit der Wahl dieses Papstes, für die Gleichstellung der Frauen in der Kirche erhofft sie sich allerdings - wie von seinem Vorgänger - nicht allzuviel: "So sehr ich Papst Franziskus geschätzt habe in vielem, was er getan und bewirkt hat, seine Beerdigung habe ich mir nicht angeschaut. Ich kann das nicht aushalten, vier Stunden vor dem Fernseher zu sitzen und vor Augen geführt zu bekommen, dass unsere Kirche klar patriarchal ist und ihre Hierarchie ausschließlich aus geweihten Männern besteht. Für mich ist das eine Wunde, unter der ich leide, seit mir nach dem Theologiestudium klar wurde, dass ich dieselbe Ausbildung habe wie Priester. Ich hatte dieselben Vorlesungen wie meine Mitstudenten, habe Griechisch und Hebräisch gelernt, die gleichen Prüfungen gemacht. Die Männer wurden ein halbes Jahr nach dem Studium zum Diakon geweiht, später zum Priester. Und ich sitze bestenfalls im Chorgestühl bei der Messe, singe im Chor oder lese die Fürbitten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2025 - Religion

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Morgen beginnt das Konklave, das einen Nachfolger für Papst Franziskus bestimmen soll. Im NZZ-Interview mit Thomas Ribi erklärt der Historiker Hubert Wolf, was die drängendsten Aufgaben des neuen Papstes sein werden: "Der Papst hat zwar keine Divisionen, aber eine ungeheure moralische Autorität. Die er aber nur in die Waagschale werfen kann, wenn er und die katholische Kirche ihre Glaubwürdigkeit wieder gewinnen, die durch den entsetzlichen Missbrauch verlorengegangen ist. Dazu ist der erste Schritt, dass der neue Papst alle Akten seiner letzten fünf Vorgänger zu diesem Thema in den vatikanischen Archiven freigibt. Damit wir wissen, was sie getan oder auch nicht getan haben. Wer Glauben verkündet, braucht Glaubwürdigkeit. Und der oberste Garant des Glaubens, der oberste Zeuge des Glaubens ist der Papst. Und wenn der nicht glaubwürdig ist, dann glaubt ihm niemand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2025 - Religion

Die Einladung zum Kirchentag 2025 nahm Michael Wolffsohn nur zögerlich an und leider bestätigten sich seine Vorahnungen, wie er in der NZZ erzählt: Bei der Teilnahme an der Podiumsdiskussion "Eine Vertrauensfrage? Deutsche Erinnerung nach dem 7. Oktober" wurde "zwar unausgesprochen, doch unzweideutig die postkolonialistisch gefärbte, kontrafaktische, nahezu global und millionenfach lautstark hinausposaunte Behauptung 'Juden/Israel = Nazis' aufgegriffen. Auf diese Weise erhält die skandalöse Umkehrung von Opfern und Tätern quasi kirchliche Weihen." Schade, findet Wolffsohn, "denn religiös, theologisch und eben über den deutschen Tellerrand hinaus menschheitsethisch ließe sich zum Thema '7. Oktober' so manches fragen und sagen. Ein Beispiel: Was soll, was kann als Reaktion auf den 7. Oktober 2023 gelten? Die Botschaft Jesu aus der grandiosen Bergpredigt (Neues Testament, Matthäus 5,44)? 'Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde.' Oder gelte (Altes Testament, Exodus 21,24) 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'?"