9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

351 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 36

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2022 - Kulturmarkt

Der Verlag Ambo/Anthos zieht die niederländische Ausgabe des umstrittenen Buches über den Verrat an Anne Frank zurück, bittet um Entschuldigung und die Buchhandlungen darum, die bereits gelieferten Bestände zurückzuschicken, meldet Jens-Christian Rabe in der SZ. (Unser Resümee) Am Dienstagabend habe ein "niederländisches Forscherteam um den Historiker Bart Wallet, Professor für jüdische Geschichte an der Universität Amsterdam, seine Überprüfung der im Buch präsentierten neuen Ermittlungen zum Verrat von Anne Frank vorgestellt. Die Veranstaltung war eine "Demontage erster Klasse", so Rabe weiter: "In dem 70-seitigen Report Wallets und seiner Kollegen werden die vermeintlichen Fakten und die Methoden des Cold Case Teams tatsächlich skrupulös und eindrucksvoll detailliert zerlegt. Das Cold Case Team behauptet, Arnold van den Bergh hätte das Wissen, das Motiv und die Gelegenheit gehabt, das Versteck zu verraten. Der Report zeigt dagegen, dass alle diese Unterstellungen auf Quellenmissbrauch und amateurhaften Schlussfolgerungen beruhen."
Stichwörter: Frank, Anne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2022 - Kulturmarkt

Jonathan Franzen, Martin Mosebach und weitere namhafte Autoren verlassen den Rowohlt Verlag, meldet Mara Delius in der Literarischen Welt, sie alle gehen zu dtv und damit zur früheren Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz. Delius geht ausführlich den Verwerfungen nach, die Rowohlt erschüttern, seit der Holtzbrinck Konzern seine Verlage nach dem Vorbild von Randomhouse auf mehr Effizienz und Zentralismus trimmen möchte: "2018, in jener Zeit kurz bevor Barbara Laugwitz Rowohlt verließ, war Joerg Pfuhl bei Holtzbrinck der für die Bucherlage zuständige CEO, Chief Executive Officer, davor hatte er dieselbe Position bei Random House innegehabt. Als Pfuhl begann, die jeweiligen Führungskräfte von Rowohlt, S. Fischer, Kiepenheuer & Witsch und Droemer Knaur zu einer übergeordneten Leitungsgruppe zusammenzustellen, gefiel Laugwitz das nicht. Sie pochte auf die grundsätzliche Eigenständigkeit des Verlags und stellte sich damit auch gegen Bestrebungen ihres kaufmännischen Geschäftsleiters Peter Kraus vom Cleff, der gleichzeitig, von Pfuhl eingesetzt, auch als COO, Chief Operating Officer, der Leitungsgruppe agieren sollte. Pfuhl gab dabei auf einer Mitarbeiterversammlung die Losung aus, man möge nicht mehr von den Verlagen Rowohlt oder Fischer im Einzelnen sprechen, sondern bitte von 'HBU', den Holtzbrinck-Buchverlagen. In einem Informationsnewsletter der Geschäftsleitung schrieb Pfuhl 2018, die gemeinsame Geschäftsleitung sei 'für die Koordination und strategische Entwicklung'der Verlagsgruppe 'von hoher Bedeutung', trete aber 'nicht nach außen in Erscheinung'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Kulturmarkt

Einige kleine Verlage haben nun eine Leipziger Ersatzmesse organisiert, freut sich Tilman Spreckelsen in der FAZ. Teilnehmen werden aber auch "Verlage wie Aufbau, C. H. Beck, Hanser und Suhrkamp, aber auch Kampa, Klett-Cotta, Matthes & Seitz oder Schöffling - die Namen der sogenannten Konzernverlage fehlen. Auf sie hatte sich in der Berichterstattung nach der Absage der Messe einiger Unmut konzentriert, obwohl besonnenere Stimmen wie die des Messedirektors Oliver Zille vor einseitigen Schuldzuweisungen - West gegen Ost, Groß gegen Klein - gewarnt hatten."

Die Absage der Leipziger Buchmesse, die durch die Absage wichtiger Akteure nötig wurde, zeigt, dass sich die Buchbranche wie auch Publikum fragmentieren, schreibt Buchmarktexperte Rüdiger Wischenbart in seinem Blog. Und in anderen Ländern geht's noch brutaler zu: "In New York ist nach Jahren der zunehmenden Erosion die größte Business Veranstaltung der Buchbranche, die BookExpo America, de facto eingestellt worden. Immer weniger war den großen Akteuren in der nationalen Book Industry zu vermitteln gewesen, warum sie sich Raum und Aufmerksamkeit mit allen möglichen Anderen aus der vermeintlich gemeinsamen Branche hätten teilen sollen. Lieber arrangierten jene, die es konnten, die Meetings in den eigenen Büros in Manhattan. Da blieb man unter sich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2022 - Kulturmarkt

Den Konzernverlagen die Schuld an der Absage der Leipziger Buchmesse zu geben, ist Adam Soboczynski in der Zeit zu einfach. Generell fehlte es den Verlagen an Mut und "Risikobereitschaft", überhaupt müsse sich das Kulturmilieu die Frage gefallen lassen, "ob es in all den Monaten zum Teil rigider Gesundheitspolitik, die für lange Zeit nicht einmal Veranstaltungen mit Masken zuließ, nicht zu duldsam, zu verständnisvoll, zu staatsfromm eingestellt war. Wer so lange die Verdrängung der liberalen Öffentlichkeit hinnahm, braucht am Ende nicht überrascht zu sein, wenn sie tatsächlich wegrationalisiert wird."

Die Zeit hat außerdem AutorInnen wie Thea Dorn, Anke Stelling oder Jonas Lüscher zur Absage befragt. Für Dorn passt sie "in das Bild, das die 'Kulturnation' Deutschland seit zwei Jahren bietet: Kultur lässt sich bereitwillig als 'nicht systemrelevant' einstufen, folgt weitestgehend widerspruchslos dem neuen kategorischen Imperativ, der da lautet: Handle so, dass du alles unterlässt, wodurch du dich, deine Mitarbeiter und dein Publikum einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzt!" Auch Julia Schoch ärgert sich: "Die Unterwerfung kultureller Dinge - speziell von Büchern - unter marktwirtschaftliche Ansprüche ist an sich schon fatal bis widerlich. Doch selbst wenn man sich auf diese Ebene begibt, lässt sich sagen: Der Umsatz an Büchern, Emotionen, Leserbindung nehmen zuverlässig dort zu, wo Schreibende und Lesende sich begegnen. Die Verkaufszahlen von Büchern sind mittlerweile eng an den Kontakt zwischen beiden geknüpft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Kulturmarkt

Der langjährige Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, will an die Zukunft der Veranstaltung glauben. In die Kritik an den Konzernverlagen, die die Messe nie gemocht hätten, will er im Gespräch mit Torsten Casimir vom Börsenblatt nicht einstimmen. "Eins will ich festhalten: Dass sich jetzt die Konzernverlage mit einem klaren Bekenntnis zur Leipziger Buchmesse zu Wort melden, ist für mich zunächst einmal kein schlechtes Zeichen. Wir nehmen das beim Wort. Und es zeigt doch: Die Absagen hatten in allererster Linie mit der Pandemie zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2022 - Kulturmarkt

Als kulturelles Desaster vor allem für Ostdeutschland wertet Felix Stephan in der SZ die Absage der Leipziger Buchmesse, die in den Zentralen der großen Buchkonzerne in München, Frankfurt und Stuttgart getroffen wurde. Dass sich diese Verlage aber durchaus auf der Lit.Cologne in Köln oder den Buchmessen in Bologna und London zeigen, muss Leipzig besonders bitter treffen: "Wirtschaftlich gesehen ergibt es für die Verlage also durchaus Sinn, die Frühjahrsmesse nach Köln zu verlegen: Wie die Lit.Cologne ist Leipzig mittlerweile ein reines Publikumsfestival, die großen Deals werden längst in Frankfurt und London abgeschlossen. Nur ist Leipzig eben auch das zentrale Monument der ostdeutschen Lesekultur, und dass die Entscheidung über die Absage nun in München, Stuttgart oder Frankfurt getroffen wurde, jedenfalls sicher nicht in Leipzig, ist ein Detail, das die Lage nicht unbedingt entspannt. Mit ihren Besatzern hätten die Ostdeutschen gleich doppelt Pech gehabt, schrieb der Leipziger Germanist Dirk Oschmann kürzlich sinngemäß in der FAZ: Erst kamen die Sowjets, dann die Westdeutschen."

In der taz sieht Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags, hinter der Absage an Leipzig weniger einen Ost-West-Konflikt als vielmehr eine betriebswirtschaftliche Offensive der Konzerverlage: "Tatsächlich wird der Buchmarkt immer stärker durchkapitalisiert. Bürgerliche Clubs wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der von seinen Mitgliedern Traditionsbewusstsein und Einhaltung ungeschriebener Regeln, ja, sogar Fairness erwartet, merken dies etwa daran, dass Großverlage und Buchhandelsketten die Buchpreisbindung hinterfragen, die zwar die Vielfalt in der Branche stärkt, aber eben nicht den schnellen Cent einbringt. In den Sonntagsreden der Branchenprominenz sieht dies noch anders aus, in den Gremien gärt es jedoch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2022 - Kulturmarkt

Offenbar "waren die bösen Geister der Vergangenheit nicht wirklich tot", schreibt der ehemalige Verleger und Literaturhausleiter Rainer Moritz in der FAZ mit Blick auf die Absage der Leipziger Buchmesse. Eine Messe wäre möglich gewesen, aber Leipzig war bei den sämtlich westdeutsche Konzernverlagen seit je unbeliebt, so Moritz und erinnert an die frühen Jahre nach dem Mauerfall, als die großen Verlage quasi nur symbolisch kamen. Zu Frankfurt ist das Verhältnis anders: "Natürlich weiß jeder halbwegs Branchenkundige, dass - hätte man in den Verlagen so viel Einsatz gezeigt wie im vorigen Herbst, als man in Frankfurt eine Notmesse auf die Beine stellte - eine Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr unter klaren Auflagen möglich gewesen wäre. Die Macht der Konzerne hat die Messeleitung in die Knie gezwungen, zum Schaden der kleinen oder mittleren Verlage, für die Leipzig besonderes Gewicht hat."

Eine ganze Reihe von AutorInnen fordert in einem Aufruf, den das Börsenblatt veröffentlicht: "Macht die Buchmesse auf! Wir wollen lesen!"

"Gewissenlos" nennt Jens Christian Rabe heute in der SZ die "True Crime Story", die Harper Collins mit Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank: A Cold Case Investigation" (Unsere Resümees) vorgelegt hat: "Erkundigt man sich in der deutschen Verlagsszene ein wenig über die Geschichte des Buchs, landet man tief im Non-Fiction-Bestseller-Engineering, also der planmäßigen Herstellung von internationalen Sachbuch-Erfolgen. Auf der Londoner Buchmesse 2018 war das Projekt, das eine niederländische Literaturagentur anbot, eines der am heißesten gehandelten. Die Reizwörter damals wie heute: Anne Frank, Verrat, Cold Case Team, FBI, AI. Von Anfang an sei es bei der Bieterschlacht deshalb um viel Geld gegangen, obwohl bloß - nicht unüblich in solchen Fällen - ein kurzer 'Pitch' vorgelegen habe, also eine kleine Skizze des Projekts, ohne Recherche-Ergebnisse. Den Zuschlag bekam Harper Collins. Mutmaßlich für einen Betrag, der siebenstellig gewesen sein könnte - und den spätere Verkaufszahlen natürlich rechtfertigen müssen. Skrupel, Umsicht und Sorgfalt stehen da eher im Weg."

Unterdessen hat das Ermittlerteam, das den Verrat an Anne Frank neu untersucht hat, die Kritik an seinen Ergebnissen zurückgewiesen, meldet die Berliner Zeitung mit dpa. Der frühere FBI-Kommissar und Leiter der Untersuchung, Vincent Pankoke, "sprach von einem Frontal-Angriff - vor allem von Medien in den Niederlanden. 'Mit Medien, die offenbar nur eine Seite der Geschichte präsentieren, kann man einen Fall leicht vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gewinnen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2022 - Kulturmarkt

Zum dritten Mal in Folge wurde nun die Leipziger Buchmesse abgesagt, nicht durch die Stadt Leipzig, sondern aufgrund vieler Verlage, die ihre Teilnahme absagten. Nun steht nicht nur die Zukunft der Messe auf dem Spiel, sondern auch der Vorwurf im Raum, dass die drei großen Verlagsgruppen Randomhouse, Holtzbrinck und der schwedische Bonnier-Konzern "am Beispiel der Leipziger Buchmesse ausprobieren wollten, wie groß ihre Macht tatsächlich ist", schreibt Felix Stephan in der SZ: "Der Vorstoß der Konzerne sorgt ... auch deshalb für so viel Ärger, weil er ökonomisch kurzsichtig, gesellschaftlich rücksichtslos und für die kulturelle Landschaft schädlich ist: Während der Messewochen ist das Buch eines der medial bestimmenden Themen. Die Aufmerksamkeit, die diese Großereignisse herstellen, kommen nicht zuletzt kleineren Verlagen und (noch!) unbekannteren Autoren zugute. Malchow befürchtet in diesem Sinne, ohne die Messen werde sich ein Trend noch verstärken, der seit Beginn der Pandemie zu beobachten ist: Die Verkaufsschlager", die vor allem aus den Konzernen kommen.

Merken wir dazu an, dass auch die Zeitungen eine Rolle in diesem Spiel spielen. Die Zeit, der es so prächtig geht, hat heute keine einzige Buchkritik (als der Perlentaucher anfing, hatte sie ein ganzes "Buch" für Kritiken). Die Welt bringt nur noch einmal im Monat Kritiken. Wo die NZZ ihre Kritiken versteckt, ist auch nicht so ganz klar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2022 - Kulturmarkt

In Frankreich will Vivendi die zweitgrößte Verlagsgruppe des Landes, Hachette, übernehmen. "Das eingespielte Kräfteverhältnis zwischen zwei großen und drei mittelgroßen Verlagsimperien im Land wäre dahin. Es blieben ein Riese und ein paar halbwüchsige Zwerge", erklärt Joseph Hanimann in der SZ. Ähnliche Befürchtungen hat auch Antoine Gallimard, Chef der drittgrößten französischen Verlagsgruppe Madrigall: "Die Marktdominanz eines Einzigen zerstöre die Dynamik des Wettbewerbs, erklärt er und befürchtet, dass der künftige Koloss seine internationale Entwicklungsstrategie zulasten des französischen Buchmarkts betreiben werde. Überdies beunruhigt den Gallimard-Chef auch, dass der neue Großkonzern den kompletten Zyklus von Verlags- und Vertriebsbereich, über die Medien, bis zur Werbeagentur Havas in seiner Hand hätte." Es ist aber noch längst nicht ausgemacht, ob Brüssel dem zustimmen wird. Vivendi gehört überdies in großen Teilen dem fundamentalistischen Katholiken Vincent Bolloré, einem der Hauptfinanziers des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour (unser Resümee).

Die Penguin Random House Verlagsgruppe hat erklärt, dass sie nicht mit einem Stand an der Leipziger Buchmesse teilnehmen will, meldet das Börsenblatt. Der Verlag bedaure sehr, aber bei Randomhouse gelte nach wie vor die Home-Office-Pflicht und man wolle den Mitarbeitern die Messe nicht zumuten."Zugleich habe man die Messeleitung gebeten, der Verlagsgruppe in diesem Jahr dennoch eine Teilnahme an 'Leipzig liest' zu ermöglichen, 'diesem großartigen Lesefest'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2022 - Kulturmarkt

Der Amsterdamer Verlag Ambo Anthos, in dem das neue Buch über den Verrat an Anne Frank erschienen ist, hat sich entschuldigt, berichten in der SZ Thomas Kirchner und Jens-Christian Rabe. "Eine 'kritischere Haltung' zu den dem Buch zugrunde liegenden Recherchen wäre möglich gewesen, schreibt nun Tanja Hendriks, die Verlegerin von Ambo Anthos, in einer internen E-Mail an die Verlagsautoren, über die niederländische Medien am Montag berichteten. Eine zweite Auflage, so Hendriks, werde deshalb vorerst nicht gedruckt." Auch der deutsche Verlag, ein Ableger von HarperCollins, überprüft das Buch jetzt erst, so Rabe und Kirchner, die sich wundern, "dass so brisante Recherchen von den Verlagen, die sie veröffentlichen wollen, vorab offenbar nicht wirklich geprüft werden. Denn ob nun beabsichtigt oder nicht, bedient das Buch die Erzählung, die Juden selbst seien beteiligt gewesen am Holocaust. Dieses Narrativ war und ist im besten Fall fadenscheinig relativistisch, im schlimmsten blank antisemitisch. Schon deshalb führte das Buch bislang zu viel Entsetzen und Kritik."
Stichwörter: Frank, Anne