Der Historiker
Michael Wildt hat mit
"Zerborstene Zeit" gerade ein Buch über die deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945 geschrieben. Im
Gespräch mit Harry Nutt (
Berliner Zeitung) erinnert er an Krieg und
Besatzung in Lemberg, kritisiert, dass man in Deutschland noch immer sehr wenig über die
Gewaltgeschichte Osteuropas wisse und skizziert die Grundlagen des heutigen
ukrainischen Nationalismus: "Im ehemaligen Zaren-Imperium entwickelten sich die jeweiligen Nationalbewegungen
gegen die russische Dominanz, oftmals auch verbunden mit antisemitischer Abgrenzung gegen die jüdische Minderheit, die als angeblich nichtpolnisch, nichtukrainisch ausgeschlossen wurde. Nicht zuletzt bilden die sowjetischen Massenverbrechen gegen die Ukraine wie der
Holodomor zu Beginn der 1930er-Jahre einen zentralen Hintergrund des ukrainischen Nationalbewusstseins heute. … Bei aller notwendigen Solidarität mit der Ukraine heute darf nicht verschwiegen werden, dass Bandera, Führer der militanten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der in der Ukraine vielerorts als Kämpfer gegen den Bolschewismus geehrt wird, ein radikaler
Antisemit war, der mit den Nazis zu kollaborieren suchte."