9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2024 - Geschichte

Der Zeithistoriker Tom Würdemann erzählt in der FAZ die finstere Geschichte Syriens unter den Assads. Diese gehören bekanntlich der Minderheit der Alawiten an, die unter französischer Kolonisierung gern einen eigenen Staat gegründet hätten, sich dann aber dem arabischen Nationalismus anschlossen, der alle Differenzen zu tilgen versprach. Aber unter dem Zeichen des Nationalismus gab es in Syrien zwischen 1949 und 1970 15 Militärputsche, so  Würdemann. Das führte zu einer Wende: "Nachdem der soziale Aufsteiger Hafez al-Assad nämlich 1970 seinen früheren Mitstreiter Salah Jadid beseitigt hatte, besetzte er systematisch Militär und die rasch wachsenden Geheimdienste mit Alawiten. Deren traditionelle Loyalität zueinander war eine viel sicherere Bank als die Rhetorik des Panarabismus, in dessen Namen sich in den Jahrzehnten davor zahllose syrische Militärs gegenseitig weggeputscht hatten. Seitdem erlebte Syrien (bis heute) keinen einzigen Militärputsch mehr."
Stichwörter: Syrien, Alawiten, Assad, Haffiz al

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2024 - Geschichte

In der FR schreibt Christian Thomas zum 370. Geburtstag des Aufklärers Christian Thomasius, dessen "radikale Verstandeslehre" auch die "Selbstaufklärung" miteinbezog: "Vor 300 Jahren, im Jahr 1725, war der Adressat seiner Klugheitslehre die Herrschaft, der Adressat seiner Affektentherapie war das Individuum. Ins Heutige transferiert, ließe sich mit Thomasius gegen die Emotionalisierung der Politik argumentieren. Gegen eine affektbeladene Politisierung sämtlicher Lebensverhältnisse. Wenn Thomasius von Tyrannis sprach, dann jedoch nicht nur über eine von oben, sondern eine von innen, dem 'Tyrannen meiner Seele'. Einer Tyrannis durch Leidenschaften und Affekte, einer durch sich selbst, gegen sich selbst, gegen andere. Angesichts der deutschen Misere, heute, mit kremlkompatiblem Gespensterglauben und antiwestlichem Geschnaube, möchte man wenigstens kurz anmerken, dass die Aufklärung in den 'teutschen Landen' in ihren östlichen Landesteilen begann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2024 - Geschichte

Es kann sich auch lohnen, einen "postheroischen Blick" auf Politiker wie Theodor Heuss zu werfen, schreibt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ der Historiker Thorsten Holzhauser, der es wissen muss, denn er ist Geschäftsführer der Stuttgarter Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Heuss war als Liberaler ein aktiver Nazigegner und widersetzte sich Hitlers Aufstieg. Am Ende aber gehörte er zu denen, die für das Ermächtigungsgesetz stimmten und also die Waffen streckten. Keine Strategie gegen die Nationalsozialisten hatte verfangen, so Holzhauser. Und am Ende hätte es allenfalls gezählt, die persönliche Ehre zu wahren. Die Demokraten, standen "weitgehend ratlos vor einem Dilemma, das ihnen die Demokratie selbst stellte: Im Glauben, die Volksherrschaft verlange es, auch ihren Gegnern Respekt zu zollen und Gleichbehandlung zu gewähren, vermochten sie es nicht, sie vor ihnen zu retten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2024 - Geschichte

Gerd Heidemann war ein begnadeter Stern-Reporter, der von seinem Chef Henri Nannen immer nur "genialer Spürhund" genannt worden ist, schreibt Willi Winkler in seinem Nachruf in der SZ. Bis er eben auf Konrad Kujaus "Hitler-Tagebücher" hereingefallen ist. "Nachdem der Betrug aufgeflogen war, wurden seine Chefs mit hohen Abfindungen entlassen, Heidemann wurde wegen Betrugs zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. (...) Henri Nannen hatte ihn persönlich angezeigt. Sein Lieblingsreporter wurde gepfändet. Wenn ihn Forscher aufsuchten, führte er bereitwillig seine Sammlung vor. Da er kein Honorar nehmen konnte, ließ er sich deshalb mit Dingen des haushälterischen Bedarfs aus dem Katalog bezahlen."
Stichwörter: Hitler-Tagebücher, Stern

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2024 - Geschichte

Der Historiker Ernst Piper erzählt in einem Perlentaucher-Essay die Geschichte des Gedenkens in der Gedenkstätte Auschwitz, die sehr lange Zeit eine Geschichte der Vereinnahmung durch polnische, kommunistische oder katholische Opfererzählungen ist: "Das jüdische Leiden in Auschwitz konnte erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 ein Thema werden. Bis dahin waren die Juden, obwohl sie die überwältigende Mehrheit der Opfer stellen, marginalisiert. Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Verfolgung und Ermordung der Juden fand bis 1990 außerhalb des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau nicht statt. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes wurde ein Internationaler Rat des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau gegründet."
Stichwörter: Auschwitz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2024 - Geschichte

Ausgerechnet bei einer Rede in der Knesset hatte sich Helmut Kohl zur "Gnade der späten Geburt" gratuliert und damit in Israel nicht gerade Begeisterung ausgelöst - auch in Deutschland wurde Kohl vorgeworfen, dass er sich damit aus der historischen Verantwortung stehlen wolle. Der Germanist Peter-André Alt begibt sich in der FAZ auf die Spur der Formulierung. Ihre Erfinder sind sozusagen Günter Gaus und Günter Grass. Zustande kam das in einer der berühmten Interviewsendungen Gaus', in diesem Fall mit Grass im Jahr 1965: "Auf die Frage nach seiner Generationserfahrung erklärte Grass, er gehöre zu jenen, die zu jung waren, 'um Nazis zu werden' und zugleich zu alt, 'um diese Zeit abstreifen zu können'. Erst nach dem Krieg habe er gemerkt, so Grass, 'dass der Jahrgang kein Verdienst ist'. 'Eine Gnade', so fügte Gaus an dieser Stelle hinzu. Grass wiederum zögerte kurz und bestätigte dann: 'In dem Fall eine Gnade', aus der, wie er ergänzte, auch eine 'Art Verpflichtung' zur Vermittlung zwischen den Generationen erwachse. Damit war die Formel geboren, ohne dass sie jedoch öffentliche Resonanz auslöste; die Medien griffen sie nicht auf, und auch in politischen Debatten spielte sie einstweilen keine Rolle."

In der FR erinnert Arno Widmann an die Schlacht von Ayacucho 1824, in der die letzten spanischen Truppen aus Kolumbien vertrieben wurden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2024 - Geschichte

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Angela Merkel hat sich  Anwerbungsversuchen der Stasi mit stiller Beharrlichkeit widersetzt, ohne sich in die Dissidenz zu begeben, erzählt in der FAZ der ehemalige Bürgerrechtler Wolfgang Templin, der in Merkels Memoiren mit Interesse ihre Erzählungen über die DDR-Jahre gelesen hat. Ihr Vater, der Pfarrer Horst Kasner, wurde von der Stasi allerdings als "staatsloyal und systemkonform" eingeschätzt, während sich Merkel doch eher an im engen Kreise geäußerte kritische Positionen erinnert. "An welche Rolle, welche Identität ihres Vaters glaubt sie wirklich? Diese Frage bleibt eigentümlich offen." Merkel habe nach der Wende "mit traumwandlerischer Sicherheit ihre Schritte in die richtige Richtung" gelenkt. "Was jedoch nicht zu ihrem DDR-Gepäck gehörte, waren die Kraft und die Fähigkeit, den schlimmsten Feinden und Verächtern der Demokratie mit aller Entschiedenheit und Härte entgegenzutreten. Sich mindestens die eigenen Schwächen und Versäumnisse dabei einzugestehen."
Stichwörter: Merkel, Angela, Stasi

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2024 - Geschichte

Vor 75 Jahren hielt der erste Bundespräsident Theodor Heuss seine kontroverse "Kollektivscham"-Rede, in der er den Deutschen, verklausuliert, aber damals unmissverständlich, die eigenen Vergehen vor Augen führte, erinnert der Historiker Thorsten Holzhauser, der auch für die Theodor-Heuss-Stiftung arbeitet, in der FR. "75 Jahre danach haben Reden wie die von Heuss vieles von ihrer Provokation verloren, ist der Appell an die selbstkritische Auseinandersetzung mit deutscher Verantwortung doch zum wohlfeilen Standard-Sound präsidialer Reden geworden. Und doch ist die Kollektivscham-Rede vom 7. Dezember 1949 wieder aktueller, als man es sich erhoffen würde. Dass das von Heuss erhoffte Vertrauen von Jüdinnen und Juden in die Bundesrepublik angesichts neuer antisemitischer Ausschreitungen und Anfeindungen wieder auf dem Spiel steht, hätte dem ersten Bundespräsidenten schwer zugesetzt. Das Gleiche gilt für alle jene Stimmen, die auch heute noch oder wieder jede Verantwortung dafür von sich weisen oder gar die historische Schuld an den Verbrechen von früher infrage stellen. Entsprechend gut stünde es den Deutschen auch heute wieder zu Gesicht, sich kollektiv zu schämen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2024 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren besuchte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre den RAF-Häftling Andreas Baader im Gefängnis, erinnert in der NZZ Thomas Ribi. Reden konnten sie nur über einen Dolmetscher, ihre Meinungen über den bewaffneten Kampf in Deutschland gingen auseinander und ganz generell mochten sie sich nicht: Baader fand Sartre zu alt und Sartre verkündete beim Verlassen des Gefängnisses: "Was für ein Arschloch, dieser Baader", erzählte später Daniel Cohn-Bendit. Aber die gemeinsame Ideologie überstand alle Animositäten, auch bei Sartre. "Nach der Rückkehr nach Frankreich publizierte er in der Libération einen anklagenden Text mit dem Titel 'Der langsame Tod des Andreas Baader'. Zwei Monate später entführte ein RAF-Kommando den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz, um die Freilassung von Gefangenen zu erpressen. Die große Offensive der RAF begann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2024 - Geschichte

Der Historiker Dieter Langewiesche erzählt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ eine Art Geschichte des deutschen Nationalgefühls und fragt mit seinem Kollegen Ilko-Sascha Kowalczuk, "warum heute ein beträchtlicher Teil der ostdeutschen Bevölkerung sich vom 'Modell Bundesrepublik' abkehrt". Eins wird jedenfalls klar: "Sich zu einer Nation oder einem Volk zu bekennen oder gemeinsam einem Nationalstaat anzugehören, stellt keine Konflikte still. Das ist eine historisch verbürgte Erfahrung. Auch die deutsche Geschichte bezeugt sie. Die Gründung des Nationalstaates von 1871 war in der Bevölkerung kaum weniger umstritten als die deutsche Wiedervereinigung. Vor allem in Süddeutschland fühlte man sich vom übermächtigen Preußen bedrängt. Noch 1904 sah der Liberale Friedrich Naumann die 'süddeutsche Lebensdemokratie' von preußischer 'Herrenmoral' gefährdet."