9punkt - Die Debattenrundschau

Der Wechsel des Stilregisters

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2020. Russland dominiert die Debatten. Dass Putin in irgendeiner Weise in die mutmaßliche Vergiftung Alexei Nawalnys verwickelt ist, liegt für die New York Times auf der Hand. Nur Trump hat sich zu der Sache noch nicht geäußert, notiert CNN. Auch in der Debatte um Belarus ist eine Hauptfrage, wie Putin agieren wird. Anderswo ist die Welt nicht besser: Golem.de gibt Aufschluss über die Wahnsinnswelt der "QAnon"-Verschwörer - die aber bis in die Republikaner hinein einflussreich sind. Die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin wird von NZZ und taz sehr positiv aufgenommen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2020 finden Sie hier

Europa

Nachdem sein Transport nach Berlin zunächst verhindert wurde, ist Alexei Nawalny in Berlin eingetroffen, meldet unter anderem Zeit online.

Sarkastisch kommentiert der russische Journalist Oleg Kaschin in der New York Times den mutmaßlichen Giftanschlag auf seinen Freund und Kollegen Nawalny. "Wie im Fall von Sergej Skripal, einem russischen Geheimdienstoffizier, der nach Großbritannien überlief und 2018 mit einem Nervengas vergiftet wurde, werden die Behörden ihre Spuren nun sicherlich so lautstark und plump verwischen, dass kein Zweifel mehr an ihrer Beteiligung besteht. Es gibt wirklich keine Version der Geschichte, in der nicht der Kreml impliziert ist. Schließlich wurde die russische Politik der Ära Putin nach den Gesetzen einer Geheimdienstoperation geregelt."

Das Editorial Board der New York Times verlangt Sanktionen nach dem mutmaßlichen Mordversuch an Nawalny: "Der 'Global Magnitsky Act', benannt nach einem russischen Buchhalter, der in der Haft starb, nachdem er den massiven Diebstahl durch russische Beamte aufgedeckt hatte, erlaubt es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, gegen jeden, der für Menschenrechtsverletzungen oder massive Korruption verantwortlich ist, ein Visumverbot und gezielte Sanktionen zu verhängen." CNN stellt allerdings fest: "Die Trump-Regierung hat bisher noch keine substanzielle Erklärung zur mutmaßlichen Vergiftung Alexei Nawalnys abgegeben, ein scharfer Gegensatz zur europäischen Reaktion."

Eine Militäroperation in Belarus wäre für Putin ziemlich riskant, meint taz-Korrespondetin Barbara Oertel. Eher glaubt sie an einen Austausch der Führerfigur: "Russland könnte versuchen, bei der Bestimmung der Nachfolge für Lukaschenko orchestrierend einzugreifen. Und da dürfte Moskau fündig werden, denn Russophobie ist von keinem der oppositionellen Kandidat*innen bei der Präsidentenwahl überliefert. Das gilt insbesondere für Wiktor Babariko, der nicht zu der Wahl zugelassen wurde und im Gefängnis sitzt. Babariko war bis Mai dieses Jahres Vorstandsvorsitzender der Belgazprombank, die dem russischen Konzern Gazprom gehört."

Die ukrainische Journalistin Anastasia Magazova kommentiert ebenfalls in der taz: "Schon jetzt ist offensichtlich, dass der belarussische Präsident nach dieser Gewaltorgie nicht mehr lange an der Macht bleiben wird. Die Belarussen werden ihm nicht den Schrecken verzeihen, den sie durchleben mussten. Sehr wahrscheinlich hat Lukaschenko das auch schon selbst eingesehen. Die Zukunft der Belarussen ist nicht vorhersehbar. Und doch haben sie schon gewonnen - sie haben ihre Opferbereitschaft gezeigt. Niemand sieht sie mehr als unterwürfige Sklaven, die keine Demokratie wollen."

Auch die Politologin Andrea Gawrich insistiert in der SZ, dass die weißrussische Protestbewegung viel stärker nach innen gerichtet sei als seinerzeit die ukrainische: "Dieser Inlandsfokus geht einher mit der Betonung außenpolitischer Kontinuität, welche die Opposition für den Fall eines Regimewechsels verspricht. Dies wirkt authentisch, ist jedoch - angesichts der großen ökonomischen Abhängigkeit von Russland und einer nach wie vor denkbaren russischen Militärintervention - auch überlebensnotwendig für das Land."
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Kulturpolitik

Erfreut wandelt Ulrich Schmid für die NZZ durch die von Cilly Kugelmann kuratierte neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Dabei resümiert er auch die scharfe Debatte um das Museum, die zum Abgang des vorigen Direktors Peter Schäfer geführt hat - wegen des Streits darum, wo Antisemitismus heute verortet wird (eine Frage, die offenbar nur "Rechte" umtreibt): "Dass auch die neue, großartige Dauerausstellung die Kritiker zur Rechten nicht restlos beglücken wird, ist absehbar. Die engagierten Patrioten möchten mehr Politik, mehr Aktualität und eine vertiefte Darstellung des Problems, das nach ihrer Auffassung die deutschen Juden heute am meisten bewegt: des Antijudaismus, spezifisch des muslimischen Antijudaismus. Und was das angeht, verweigert sich das Museum tatsächlich. Diese Ausstellung ist nicht auf Krawall hin kuratiert."

Auch Klaus Hillenbrand begrüßt in der taz, dass dieser Konflikt gemieden wird: "Dass es ein Leben jenseits von Todesdrohungen und Judenhass gibt, dass Judentum wieder in diesem Land existiert und wie vielschichtig es ist, erfährt man in diesem letzten Kapitel, das mit einer großartigen Videoinstallation endet: Auf 21 Monitoren berichten Menschen über ihr Jüdischsein in Deutschland. Sie sprechen über ihre Hobbys, Berufe, Wünsche und was es bedeutet, ein Jude zu sein."

Stefan Trinks, Kunstredakteur der FAZ, hofft im Leitartikel auf Seite 1 dieser Zeitung, dass das Humboldt-Forum es trotz der bitteren aktuellen Debatten zur Zeit zeigen wird, "dass es eine europäische Tradition gibt, die im Namen der Dekolonisierung zu verteidigen". Es gehöre Mut dazu, "auch jene Geschichte miteinzubeziehen und zu verteidigen, die sich seit Forster, Herder oder den Humboldts jedem europäischen Suprematiegedanken widersetzt hat. Es waren aber die Sammler nichteuropäischer Objekte mit ihrer Empathie, die sich als Alternative und als Korrektoren gegenüber Räubern und Versklavern empfanden und damit viele Zeugnisse indigener Kulturen vor der Zerstörung bewahrten."

Politik

Sabine am Orde spricht in der taz mit Wassim Mukdad, der am Mittwoch in dem Koblenzer Prozess wegen syrischer Verbrechen gegen Menschlichkeit aussagte. Er spricht darüber, wie er gefoltert wurde und welche Angst er als Musiker um seine Hände hatte. Die Folter war eine reine Terrormaßnahme von Baschar al-Assad, meint er: "Ich glaube, dass es um Strafe ging, weil wir uns getraut haben, gegen Basshar al-Assad etwas zu sagen. Das Regime hat auf die Proteste für Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Zivilgesellschaft gleich mit großer Gewalt reagiert. Das sollte Angst verursachen und das Land unter Kontrolle halten."
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Stichwörter: Syrien, Syrienkrieg, Folter

Gesellschaft

Wer endlich mal wissen, worum es sich bei dem überall irrlichternden Begriff "QAnon" handelt - eine komplett verrückte, aber einflussreiche Szenerie rechtsextremer Trump-Anhänger - sollte Elke Wittichs Artikel bei golem.de lesen. Die Verschwörungstheorien, an die die Anhänger mit religiöser Inbrunst zu glauben scheinen, sind bekannt - etwa die Behauptung, die Demokraten betrieben in Washington einen Kinderschänder-Ring. Aber QAnon funktioniert als Sekte, isoliert die Anhänger von der Umwelt und führt zu grotesken Wahnsinnstaten. "13. März 2019: Frank Cali, Mafiaboss der Gambino-Familie, wird vor seinem Haus von einem zunächst Unbekannten erschossen. Dieser erste Mord an einem hochrangigen New Yorker Mafioso seit 1985 weckt zunächst Befürchtungen, dass blutige Abrechnungen folgen könnten. Kurze Zeit später steht jedoch fest: Der Täter war kein Mafiamitglied, sondern ein junger QAnon-Fan, der glaubte, Cali sei in Deep-State-Machenschaften verstrickt." QAnon hat einige prominente Anhänger in der Republikanischen Partei, berichten Matthew Rosenberg und Maggie Haberman in der New York Times, Trump ist der Bewegung wohlgesonnen und unterstützt sie mit Retweets. Hier einige Links zu "Longreads" über "QAnon".

Der Autor Arye Sharuz Shalicar wurde von einer Gruppe von Intellektuellen um Wolfgang Benz und Michael Brumlik angegriffen, weil er den Israelkritiker Reiner Bernstein seinerseits kritisiert hatte. Weil Shalicar, der in Berlin-Wedding aufgewachsen ist, heute im Büro Netanjahus arbeitet, wurde daraus gleich ein Angriff der israelischen Regierung konstruiert (unsere Resümees, siehe auch den Essay von Matthias Küntzel im Perlentaucher). In der Welt wehrt sich Shalicar nun auch persönlich: ""Ich äußere mich in Deutschland und zu Deutschland, weil ich in der Bundesrepublik aufgewachsen bin und mich diesem Land noch immer verbunden fühle. Aber das tue ich nicht als Sprachrohr der israelischen Regierung, sondern als Privatmann und Publizist, der ich auch schon vor meiner Tätigkeit für den Staat Israel war. Meine Bücher, Zeitungsartikel, Facebook- und Twitter-Posts werden weder von der israelischen noch von der deutschen Regierung in irgendeiner Weise gefördert oder 'unterstützt', wie es Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau behaupten darf."

Die Journalistin Jodi Kantor veröffentlichte 2017 ihr erstes Buch "She said", das maßgeblich dazu beitrug, den Weinstein-Skandal ans Licht zu bringen. Im Gespräch mit der taz-Autorin Barbara Junge erinnert sie daran, wie #MeToo aussah, bevor es zur breiten Bewegung wurde: "Es gibt so viele gute Gründe, nicht für eine Story wie diese on the record zu gehen. Heute, drei Jahre später, wissen wir, wie es ausgegangen ist, aber damals gingen diese Frauen ein enormes Risiko ein. Ashley Judd setzte ihre Karriere aufs Spiel, als sie als erste Schauspielerin öffentlich gegen Harvey Weinstein aussagte. Wir wussten nicht, ob die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Würde es jemanden kümmern? Mit welchen Mitteln würde Weinstein zurückschlagen?"

Mit der Maisifizierung der gesamten deutschen Landwirtschaft geht auch die "Landeskultur" verloren, schreibt Rudolf Neumaier in der SZ in einem verzweifelten Artikel über die Auswirkungen der Agrarpolitik auf eine Kulturlandschaft. "Jahrzehntelang hat der Vorrang der bedingungslosen Produktivitäts- und damit der Profitmaximierung das bäuerliche Selbstverständnis geprägt. Wer lässt sich schon von ein paar Schmetterlingszählern reinreden in seine Feldhygiene, wenn er doch das ganze Land ernährt? Ackerrandstreifen, Düngebeschränkungen? Solche Vorgaben sind für viele Bauern ein Affront. Deshalb die leblosen abgehäckselten Feldraine. Deshalb die Maisschluchten möglichst bis zur Straße."
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Ideen

Natürlich war auch Hegel, der überall zum 250. Geburtstag abgefeiert wird, ein Rassist. Albrecht Koschorke liest für seinen Gedenkartikel in der NZZ nochmal Hegels "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" mit den bekannten Ausführungen über die geschichtslosen Afrikaner: "Auffällig an derartigen Bemerkungen, mit denen Hegel den Ausschluss Afrikas aus der Weltgeschichte untermauert, ist der Wechsel des Stilregisters. Sobald Hegel auf die Afrikaner zu sprechen kommt, erteilt er sich eine Lizenz zur Kolportage. Man kann sich gut vorstellen, wie sich sein Auditorium, von der sauren Mühe des Gedankens etwa der 'Phänomenologie des Geistes' oder der 'Logik' entlastet, beim Zuhören an einem Wechselbad aus Frösteln und Schmunzeln ergötzt."
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