9punkt - Die Debattenrundschau

Ephemeres Aroma der Zeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2017. In der Berliner Zeitung hat Ingo Schulze den Schuldigen für den Aufstieg der AfD gefunden: Es ist der Neoliberalismus. In der NZZ meditiert Cécile Wajsbrot über verborgene Strahlungen, die am Ende auch die Gesellschaften prägen. Während der Spiegel einen Titel über die Macht der Öffentlich-Rechtlichen bringt, wehrt sich tagesschau.de ausgerechnet im "Faktenfinder" gegen den Begriff des "Staatsfunks". Eine Abspaltung Kataloniens könnte auch andere Konflikte wieder aufbrechen lassen, meint die Politologin Sabine Riedel in der taz. Im Tagesspiegel schreibt Shimon Stein den Nachruf auf Sylke Tempel.

Europa

Eine Abspaltung Kataloniens wäre fatal, weil es auch in anderen Regionen in Europa rumort und manche keineswegs völlig ad acta gelegte Frage sich neu stellen würde, meint die Politologin Sabine Riedel in der taz. Dazu gehören das Baskenland und Nordirland nach dem Brexit: "Noch im April 2016 gingen in Bilbao Zehntausende für eine Amnestie von 260 inhaftierten ETA-Terroristen auf die Straße. Dabei schauen sie auf Nordirland, wo die britische Regierung allen ehemaligen Kämpfern der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) Straffreiheit zugesichert hat. Dennoch erweist sich das nordirische Friedensabkommen von 1998 bis heute als brüchig. In den letzten Jahren ist es immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen. Es bedarf nur eines geringen Anlasses, und die alten Wunden reißen wieder auf. Zu einem solchen Stolperstein könnten die Brexit-Verhandlungen werden."

taz-Korrespondent Rainer Wandler berichtet unterdessen über ein Zurückschrecken vor der Unabhängigkeitserklärung in Barcelona - unter anderem weil Dutzende Firmen (wie etwa der Sektproduzent Freixenet) überlegen, die Region zu verlassen.
Archiv: Europa

Ideen

Den Erfolg der AfD verortet Ingo Schulze (Berliner Zeitung) in einer von der EU unterstützten "neoliberalen Quasi-Verfassung, in der alles dem Markt untergeordnet wird" . Und darum weiß er auch, was zu tun ist: "Es geht um eine glaubwürdige Alternative zum Status quo. Es geht nicht darum, auf die AfD zu reagieren, sondern sich endlich der Dinge anzunehmen, die in der besten aller Welten im Argen liegen und worunter sowohl die sozial Schwachen im eigenen Land als erste leiden wie auch insgesamt der Süden unter der Ausplünderung durch den Norden. Eine Abwendung von der Agenda-Politik, vor allem die Rücknahme von Hartz IV, die Bereitschaft, grundsätzliche Defizite des Kapitalismus offen zu benennen und Alternativen vorzuschlagen ...".

In der NZZ fragt sich die Schriftstellerin Cécile Wajsbrot eher tastend, ob die Gewalt, die in den Auseinandersetzungen während des französischen Wahlkampfes zum Vorschein kam, auf die Straße ziehen wird: "Manchmal frage ich mich, ob die mächtigen Unterströmungen, die das Denken einer Epoche durchziehen, nicht den Hintergrund bilden, auf dem sich ein unmittelbareres, aus Reaktionen und Empfindungen bestehendes Denken abzeichnet: ein fließendes, ephemeres Aroma der Zeit. Die Strahlungen oder die radioaktiven Abfälle, die durch die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima vor aller Augen freigesetzt wurden, finden zwar dann und wann Erwähnung ... aber wie wollen wir sicher sein, dass sie nicht eines Tages freigesetzt werden, wie Dämonen, die ein böser Geist aus der Höhle entlässt, wo sie eingeschlossen waren? Diese Bedrohung, von der man - jedenfalls in Frankreich - nur wenig spricht, diese unsichtbare, aber gegenwärtige Gefahr: Steht sie nicht auch drängend hinter dem heute so oft geäußerten Wunsch, Vorhaben schnellstmöglich umzusetzen, Resultate zu sehen, wie man gerne sagt?"

Hans Ulrich Gumbrecht plädiert in der NZZ für eine neue Theorie der Geschlechterdifferenz - die Gendertheorie sei in eine Sackgasse geraten: "Man kann ... sagen, dass der Versuch, das Prinzip der Geschlechtergleichheit - ganz ohne kritische Reflexivität - zu verwirklichen, paradoxerweise im Ausschluss der auch heute breiten Mehrheit von Heterosexuellen endete. Hier liegt die Blindheit der Gender-Ideologie."
Archiv: Ideen

Politik

Richard Volkmann kann bei den Salonkolumnisten die allgemeine Zustimmung zum Friedensnobelpreis für die "International Campaign to Abolish Nuclear Weapons" (ICAN) nicht teilen: "Populär ist es, einen Vertrag auszuarbeiten, der Atomwaffen generell verbietet - zumal in einem ganzen Schwung von Ländern wie Peru, Tansania oder Kambodscha, die Atomwaffen sowieso bestenfalls vom Hörensagen kennen. Dass Atomwaffen trotz der Verheerung, die sie gebracht haben und, ja, auch in Zukunft noch bringen könnten, zugleich ein wesentlicher Baustein in der Friedensarchitektur dieser unserer Welt sind, ist dagegen eine höchst unpopuläre, deswegen aber nicht weniger zutreffende Tatsache."
Anzeige
Archiv: Politik

Kulturpolitik

Die taz bringt einen Schwerpunkt über die Debatte um das Humboldt-Forum und die Provenienzforschung bei Objekten, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Einleitend resümiert Susanne Memarnia die Debatte und präsentiert einen Lösungsansatz: "Larissa Förster, Ethnologin an der FU, erklärte bei der Veranstaltung, Vorbild könnten die USA sein. Dort müssten die Museen Listen anfertigen ihrer Bestände von den 'First Nations' - und diese dürften entscheiden, was sie zurück wollen und was die Museen ausstellen dürfen. Dies sei auch 'unser Vorbild', stimmte Parzinger zu. Man brauche langfristige Kooperationen mit den Herkunftsgesellschaften, müsse gemeinsam die Bestände erforschen. Und: 'Bei Unrechtskontexten muss man über Rückgabe sprechen.'" Das wäre aber noch etwas anderes, als  den Sprechern von Communities die Entscheidung zu überlassen, oder?

Im Gespräch mit der Anthropologin Katharina Schramm vertieft Memarnia das Thema. Hingewiesen wird außerdem auf die neue Dauerausstellung des Museums Treptow, die erste Ausstellung, die sich kritisch mit dem deutschen Kolonialismus auseinandersetzt. Konkret geht es unter dem Titel "Zurückgeschaut" um die "Deutsche Kolonialausstellung" von 1896.

Medien

Gestern Mittag brachte die BZ Berlin die sehr traurige Nachricht, dass die Publizistin Sylke Tempel, Herausgeberin der Zeitschrift Internationale Politik, beim Sturm Xavier am Donnerstag ums Leben gekommen ist. Shimon Stein, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland würdigt Tempel in einem Nachruf im Tagesspiegel. Bei den Salonkolumnisten schreibt Hannes Stein und in der Welt (hier) Richard Herzinger.

Über die Reportage von Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen zum Wahlkampf von Martin Schulz ist viel geredet worden. Bettina Gaus meint in der taz, dass sie besser hätte nie erscheinen sollen - denn hier wäre eine Grenze der Vertraulichkeit überschritten, die auch eine Medien-Demokratie besser respektieren solle: "Martin Schulz hat, wie wir jetzt wissen, schon lange gewusst, dass er die Wahl verlieren würde. Was im Hinblick auf seine analytischen Fähigkeiten durchaus beruhigend ist. Die Botschaft, die bleiben wird, lautet jedoch: Schulz hat sein Publikum angelogen, als er in Hallen und auf Marktplätzen von einem Sieg geredet hat, an den er selbst nicht mehr glaubte. Langfristig wird ihm das nicht nutzen."

Während der Spiegel einen Titel über den Machtfaktor Öffentlich-Rechtliche bringt, wehrt sich tagesschau.de ausgerechnet im "Faktenfinder" gegen den Begriff des "Staatsfunks". Staatsferne sei in Wahrheit der innerste Kern der Anstalten, schreibt Jonas Schreijäg. Und "Für mehr Unabhängigkeit soll in Deutschland auch die Finanzierung sorgen. Im Gegensatz zu anderen Staaten werden ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht aus dem Staatshaushalt finanziert, sondern über den Rundfunkbeitrag (früher GEZ), den jeder Haushalt in Deutschland zahlen muss."
Archiv: Medien