Maluma und Takete

Ganz und gar Anti-Ödipus

Die Kunstkolumne. Von Ulf Erdmann Ziegler
27.02.2015. Man könnte das Bild der Sexualität, das Will McBride mit seinem fotografischen Korn betörend im Detail gezeichnet hat, als progressiv-protestantisch bezeichnen: offen, kreatürlich, sauber, hell. Erinnerungen an einen Fotografen, der die Bundesrepublik der frühen Siebziger prägte.
Wäre er früh zum Militärdienst eingezogen worden, hätte man ihn nach Korea geschickt, und hätte er das überlebt, wäre er mit dem Zeitgeist der amerikanischen Kunstakademie ein "abstrakter Maler" geworden. Bei Will McBride aber sollte es anders kommen: Er, der mit neun Jahren in Chicago, als Hochbegabter entdeckt, schon die Aktzeichenklasse hatte besuchen dürfen, traf als Collegeboy auf Norman Rockwell, der ihn mochte und förderte - ein optimistischer, geschickter, zum Bodenständigen neigender Maler und Illustrator, der zeitlebens den Boy Scouts of America verbunden war. Von Rockwell lernte der junge McBride, wie man Körper darstellt weit jenseits ihrer Anatomie - Ausdruck und Widerstand. Das sollte der Kern seiner Kunst werden, zu der er später zurückkehren würde; über die er aber als Fotograf weit hinauswuchs. 1955 in Würzburg stationiert, war er 1957 weitergereist nach Berlin. Seine Fotografie, niedriger kann man es nicht hängen, hat Westdeutschland mit hervorgebracht. Es gibt von ihm sogar ein Buch über Adenauer.


Will McBride, Junge wärmt sich auf, Berlin, 1957

Will McBride aber hatte keinen dauerhaften Hang zur Prominenz. Wie die meisten erfolgreichen und stilprägenden Porträtisten, war er ein zurückhaltender, ja scheuer Mensch. Ausgerüstet mit der Leica, der leisesten Kamera überhaupt, begab er sich auf die Suche. "Junge wärmt sich auf" (1957) zeigt einen Jungen in Unterhose bäuchlings auf dem schwarzen Straßenpflaster liegend. Am oberen Bildrand gehen noch mal zwei nackte Kinderfüße vorbei. Das könnte ein klassisches Straßenbild sein, ein "Schnappschuss", aber ist es das? Im Gegenteil, ich glaube, man muss sich McBride als murmelnden, rufenden, flüsternden Fotografen vorstellen, der sein Sujet verzückt entdeckt und mit geringen Eingriffen ins fixe Bild schiebt.

Vor Jahrzehnten schon wurde eine "Bilderflut" beklagt, während aber in Wirklichkeit damals Bilder aufs Sorgfältigste ausgewählt die Öffentlichkeit erreichten. Inzwischen sind die Betrachter wirklich zu Konsumenten geworden. Es ist ganz normal, mit Bildern geflutet zu werden. Das, was Roland Barthes als das metonymische Prinzip beschrieben hat - dass ein Zeichen auf ein anderes verweist, ja ohne Verweis eigentlich gar nicht verständlich wird -, ist längst visueller Standard, sogar innerhalb eines Werks, wie bei Wolfgang Tillmans.

In den sechziger Jahren war das einzelne Bild ikonisch freier, also tendenziell konkurrenzlos; die Bildfolge aber viel enger mit der Vorstellung einer Narration verknüpft. Will McBrides Erzählung war bereits die eines "Lebensgefühls", wenn er das Treiben im Strandbad Wannsee als exotisch vibrierend darstellte oder einen Dampferausflug junger Erwachsener zum "Riverboat Shuffle" stilisierte. Insofern war der junge McBride, der Maler hatte werden wollen und bei den (West-)Berliner Realisten der Sechziger/Siebziger-Jahre sogar eine Zukunft gehabt hätte, nur noch einen Klick entfernt von der Fotoreportage, für ihn damals "so etwas Ähnliches wie die erzählenden Glasfenster im Mittelalter". Für Leute wie ihn wurde twen erfunden, ein Magazin, das jungen Menschen etwas Wichtiges zeigte, nämlich das Vergnügen an der Gegenwart. Anfangs war nicht ganz klar, ob das nur bedeutete, die Mühen des Aufbaus soeben hinter sich zu haben und weniger belastet zu sein als die Eltern; oder ob der Augenblick sich verwandeln würde in ein lautes Ticken, ein intensives Empfinden der politischen Zeit.


Will McBride, Hair-Darsteller in Pappkartons, München, 1968

Noch in Berlin entdeckte er sein erstes wichtiges Modell, Barbara Wilke, die er heiratete. Barbara mit Kugelbauch aus ihren Jeans platzend, Barbara bei der Geburt ihres ersten Kindes: So etwas hatte die Republik noch nicht gesehen. Wie sein Vorbild Norman Rockwell hatte McBride dann drei Söhne. Man wohnte nun in München, wo die Redaktion von twen angesiedelt war, Teil einer jungen Medien-Bohème. Aber die Magazin-Ehe hielt nicht und McBride mischte sich in den Tross europäischer Vagabunden, Toskana, Arles, "ziellos wandern" in Bayern, Popfestival, Demo, Mittelmeerstrand. Auf einer Indienreise illustrierte er 1969 "Siddharta", seine einzige bedeutende Arbeit in fotografischer Farbe und Teil der großen Wiederentdeckung Hermann Hesses. Barbara heiratete als nächstes einen Gourmetkritiker und hieß dann Siebeck.

McBrides fotografische Karriere aber endete nicht mit twen 1971. Seine ganz große Chance kam mit den Atelieraufnahmen für das Aufklärungsbuch "Zeig mal!". Das Buch - schwarzweiß, simpel, unbeschwert, humorvoll - erzählt sexuelle Aufklärung als Kinderspiel. Altersgemäß werden Neugier, Aufregung, Intimität und sexueller Vollzug (wirklich!) gezeigt, wobei die Bildfolge den Schluss zulässt, dass jeder alles sehen kann und folglich auch darf. Während die fotografische Arbeit, vergleichbar der Produktion eines Films, ganz bestimmt nicht im Kollektiv absolviert wurde. Wenn "Zeig mal!" ein Lernschema nahelegt, dann ist es dies: Dass Kinder die Lust von Erwachsenen erahnen sollten, um sich unbekümmert darüber hinwegzusetzen. Die (soeben) Erwachsenen, deren Sexualität gefeiert wird, sind vielleicht ältere Cousins und deren Freunde (auf keinen Fall die Eltern); gestisch ist dieses Buch ganz und gar Anti-Ödipus. Full circle: Ein Kind zu sein als Folge einer Zeugung gilt hier als triumphales Argument - darin liegt der Tabubruch. Das großformatige Buch erwischt genau jenen Moment der Bundesrepublik, in dem Jungsein, alle Jahrgänge eingeschlossen, mit der Option einer sanften Rebellion verknüpft war. Falls das eine Fantasie war, war es eine sehr mächtige. Man könnte das Bild der Sexualität, das McBride mit seinem fotografischen Korn betörend im Detail gezeichnet hat, als progressiv-protestantisch bezeichnen: offen, kreatürlich, sauber, hell. "Zeig mal!" hat in Deutschland alle Versuche einer Indizierung überstanden; "Show Me!" hatte es schwerer.


Michael und Katy, Les Baux bei Arles, 1975

Will McBride hatte sich gut eingerichtet in Deutschland und ist nie wieder zurückgekehrt ins puritanische Amerika. Nach einer Zeit in der Toscana ging er nach Frankfurt am Main, wo ihn Peter Weiermair 1992 mit einer Retrospektive im Kunstverein ehrte, bevor McBride einige Jahre später weiterzog nach Berlin, das nun wieder offen war, offener noch als beim ersten Mal. Dort ehrte ihn in diesem Winter die Foto-Ausstellungshalle C/O Berlin mit einer Schau seines Berliner Frühwerks. Seine journalistische Karriere hinter sich, hatte McBride - früh gealtert, gebrechlich, kahl - begonnen, auf sich selbst als Künstler zurückzuschauen. Dabei zeigte sich, dass er auch ein sehr eleganter Texter war. Es entstand alle paar Jahre ein Retrobuch: "Fototagebuch 1953 - 61" über die Anfänge in Deutschland (1982); "Boys" (1986); "Situationen/Projekte", über seine Arbeit an Skulpturen (1992).

Einmal habe ich ihn in Frankfurt besucht, durchaus mit dem Gedanken, ein Buchprojekt mit ihm zu entwickeln. Bei ihm stand eine Skulptur, die eine stehende Figur zeigte, ein Junge oder ein junger Mann, aber schon einknickend, kurz vor dem Sturz; mit einem Halbsteifen. Er erklärte mir, dass Sterbende - beim Erhängen, im Schlachtfeld - Erektionen bekommen. Für ihn war dies eine Art Anti-Kriegsdenkmal. Und ja, ein Buch: Das würde er sich vorstellen als komplette Rückschau auf Werk und Leben. Es sollte Zeichnung, Malerei und Skulptur einschließen. Ich dachte damals, dass sich niemand für so ein Buch interessieren würde.

Vonwegen: Genau so ein Buch erschien dann 1997 bei Könemann ("I, Will McBride") und ist heute eine Rarität. Die 460 Seiten starke Autobiografie in Bild und Wort setzt beim Großvater ein und lässt danach fast nichts aus. Man findet weltweit kaum einen Fotografen, dessen Werk so gründlich zu Lebzeiten dokumentiert worden ist. Will McBride beschreibt sich als geförderten, aber auch gepeinigten Jungen im Mittleren Westen, der seiner Prägung entfliehen will und bei einer Obsession herauskommt. Er wollte zweierlei, der Junge selbst (geblieben) sein und auf diesen blicken. Das klingt irgendwie nach Unglück, und ich hatte in der Tat nicht den Eindruck, als wenn McBride seine Rolle gefunden hätte, ob selbstgewählt oder nicht.

Nach "Zeig mal!", übrigens, fotografierte er einen Nachfolger, "Zeig mal mehr!". Die langen Haare waren noch da, aber die Frische der Figuren war weg. So wie in der Pop-Musik am Ende der Siebziger Jahre auch. Negativ könnte man über McBride sagen, er habe einen Lebensstil abgeschöpft. Positiv argumentiert - dies wäre mein Standpunkt -, war er ein Bildgeber, ein Erfinder, ein Meister der fotografischen Metapher in einem heiß umkämpften Sujet: Am besten war er, solange Emanzipationen in Gange waren, ein Coming-of-age im großen Maßstab. Dabei war er im Umgang mit Mädchen und Frauen genauso feinfühlig wie mit Jungen und Männern. Seine zärtlichen Bilder von Paaren, Frau und Mann, gehören zum Fundament seines Werks. Später, als man alles durfte und jeder schon irgendwie Bescheid wusste, hat er das Werk verpackt in das enorme Rätsel, das er sich selbst war, und gefragt: Versteht ihr das? - Natürlich nicht! Er wird also bleiben.

Ulf Erdmann Ziegler