Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 06.03.2007 - London Review of Books

Gleich zwei Bücher des marxistischen Stadtgeografen Mike Davis bespricht Jeremy Harding. Das eine, "Planet der Slums", ist ein apokalyptischer Bericht zu Gegenwart und Zukunft der Megacities und vor allem ihrer Slums: "Die formlose, unter den Standards liegende und ihre Grenzen ständig verändernde Ausbreitung ihrer Fläche unter dem Druck der deregulierten Marktwirtschaft ist für Davis das unabwendbare Schicksal der Städte in den armen Ländern. Wenn es im Süden Länder gibt, in denen mehr Menschen in Slums als in den eigentlichen Städten leben, und wenn im Jahr 2020 die Hälfte der Weltbevölkerung in Armut leben wird, dann verdient der Slum mehr Aufmerksamkeit als er bisher von Stadtplanern, Soziologen, Umwelforschern, Epidemiologen und Demografen bekommt." Das zweite Buch, "Buda's Wagon", ist, was der Untertitel verspricht: "Eine kurze Geschichte der Autobombe." Harding findet es "faszinierend".

Weitere Artikel: Mahmood Mamdani erklärt in einem Essay mit dem Titel "Die Politik der Namensgebung: Genozid, Bürgerkrieg, Aufstand", von welch großer Bedeutung Labels und Namen für die Außenwahrnehmung von Konflikten haben. Zur Illustration liefert er eine ausführliche Vorgeschichte der Konflikte in Darfur. Der Literaturwissenschaftler Frank Kermode bespricht zwei neue Übersetzungen des mittelalterlichen Epos "Sir Gawan and the Red Knight". Peter Campbell schreibt über die Ausstellung der "Rigi"-Gemälde von William Turner in der Tate Britain.

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - London Review of Books

In einem ausführlichen Interview erläutert der 2004 durch einen Militärputsch aus dem Amt gejagte Ex-Präsident von Haiti Jean-Bertrand Aristide unter anderem das Funktionieren von Realpolitik: "1994 brauchte Clinton einen außenpolitischen Erfolg, und die Rückkehr zur Demokratie in Haiti bot ihm dafür die Gelegenheit. Wir benötigten ein Instrument, den vor Morden nicht zurückschreckenden Widerstand der Armee Haitis in die Schranken zu weisen - und Clinton bot uns dieses Instrument. Wir hatten nie irgendwelche Illusionen, dass die Amerikaner unsere langfristigen Ziele teilten. Aber ohne sie hätten wir die Demokratie nicht wiedererlangen können."

Gleich zwei Bücher über Pythagoras bespricht M.F. Burnyeat. Beide machen vor allem eines endgültig klar: Mehr oder minder alles, was die meiste Zeit über den Philosophen bekannt schien, war falsch, wie schon Walter Burkert in seinem 1962 erschienenen Buch "Weisheit und Wissenschaft: Studien zu Pythagoras, Philolaus und Platon" nachgewiesen habe. "Das meiste, was Sie über Pythagoras zu wissen glauben, ist Fiktion, vieles davon mit voller Absicht erfunden. Hat er etwa das Theorem der Geometrie entdeckt, das seinen Namen trägt? Nein. Hat er über die Harmonie der Sphären nachgedacht? Ganz sicher nicht." Mit zwei Texten ist Peter Wood vertreten: Zum einen analysiert er das Werk des US-Romanciers Richard Powers, zum anderen beschäftigt er sich mit Akira Kurosawas Film "Yojimbo" und den vielen amerikanischen Filmen, die er inspirierte.

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - London Review of Books

Jenni Diski erlebt in Second Life eine Art Identitätskrise. "Nach einer Weile gab ich es auf, über die Erde zu wandern und stellte Fragen an die hilfreichen Angestellten von Linden Labs, die aus virtuellem Fleisch waren und verfügbar, um dem verwirrten Novizen zu helfen (Sprache wird eingetippt und erscheint in einer kleinen Box auf dem Bildschirm). Sie beantworteten meine Frage 'Was kann ich hier tun?' ohne Ausnahme mit: 'Nun, was würden Sie denn gern in RL tun? Sie können Leute treffen, tanzen, spielen, sich verabreden, Kleider kaufen, rumhängen ... was immer Sie wollen.' Tatsächlich tue ich nur zwei dieser Dinge gerne, aber spielen tue ich ohnehin im Cyberspace und Kleider interessieren mich nur, wenn sie tatsächlich in meinem Schrank oder auf meinem Körper hängen. 'Warum soll ich hier Dinge tun, die ich in der wirklichen Welt schon tue?' 'Weil Sie sie hier besser tun können.' Ich erwärmte mich für die Idee, ein großer Maler zu werden, aber mir wurde nicht klar, wie ich in Second Life etwas gut machen sollte, dass ich im wirklichen Leben auch nicht konnte."

Weitere Artikel: In einem interessanten Artikel rollt Thant Myint-U die Geschichte Burmas seit 1885 auf, um am Ende ein paar Ratschläge für die Zukunft anzubringen. Dazu gehört: Der Westen sollte Burma wirtschaftlich unterstützen und dabei gleichzeitig helfen, Reformen auf den Weg zu bringen, statt auf Reformen zu warten und dann erst zu helfen. Und James Meek stellt ein Buch des Journalisten Lawrence Wright über den Weg Al Qaidas bis zum 11. September vor: "The Looming Tower".

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - London Review of Books

Perry Anderson liefert eine umfangreiche Analyse der Putin-Ära und lüftet nebenbei das Geheimnis von Putins Popularität (der sich dauerhaft Zustimmungsraten von über 70 Prozent erfreut). Positiv aufgenommen werde zum einen sein Image als Mann von strenger und wenn nötig rücksichtsloser Autorität. Zum anderen sei "ein Teil seines kühlen Charismas tatsächlich kultureller Natur. Seine Sprachbeherrschung bringt ihm viel Bewunderung ein. Eine Bewunderung, die allerdings vom Vergleich lebt. Lenin war der letzte russische Staatschef, der in kultiviertem Russisch sprechen konnte. (...) Nun wieder einem Staatschef zu lauschen, der über eine klare, treffende und fließende Ausdrucksweise in einer mehr oder weniger korrekten Sprache verfügt, ist Musik in den Ohren vieler Russen."

Weitere Artikel: Für Michael Wood beweist Alejandro Gonzalez Inarritus Film "Babel", dass auch ein Film, der einem Rezept folgt, schlicht großartig sein kann. Und schließlich wittert John Lanchester den Tod der E-mail.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - London Review of Books

Nach Ansicht von Corey Robin sind es Hannah Arendts Schriften über Imperialismus, Zionismus und Karrierismus, die sie auch für die heutige Zeit bedeutend machen. Interessanterweise jedoch, so Robin, bleiben diese Schriften heutzutage - und trotz des Jubiläumshypes zu Arendts 100. Geburtstag - weitgehend unrezipiert. Warum ist das so? "Der hauptsächliche Grund dafür, dass Arendts Kritik des Karrierismus derzeit gemieden wird, ist folgender: Würde man sich mit ihr beschäftigen, hieße dies, mit dem herrschenden Ethos unserer Zeit auf Konfrontationskurs zu gehen. In einer Zeit, in der der Kapitalismus nicht nur als effizient, sondern auch als Quell der Freiheit gilt, erscheint der Karrierist als Vertreter der gelassenen Toleranz und des Pluralismus. Im Gegensatz zum Ideologen, dessen schwerwiegende Sünde es ist, zu viel zu denken und zu hohe Erwartungen an die Politik zu stellen, ist der Karrierist ein genialer Selbstversorger. Den Schaltstellen der staatlichen Macht zieht er den Marktplatz vor. Er ist realistisch und pragmatisch, nicht utopisch oder fanatisch."

Weitere Artikel: Weihnachten lässt noch einmal grüßen - Anhand von Geza Vermes' anregender Studie "The Nativity: History and Legend" legt Frank Kermode dar, wie es zum Dogma der jungfräulichen Geburt kommen konnte. Jeremy Harding hat das Pariser Musee du Quai Branly besucht und Anstoß an der zwielichtigen Beleuchtung genommen, die den vermeintlich aufklärungsfördernden Museumsbesuch "gefährlich in die Nähe einer Phantasterei von unberührten Welten, die in gütiger und fruchtbarer Dunkelheit dahintreiben", rücken lässt.

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - London Review of Books

Eine äußerst anregende Lektüre, nämlich Lesley Sharps anthropologische Betrachtung der Organtransplantation und ihrer Folgen ("Strange Harvest: Organ Transplants, Denatured Bodies and the Transformed Self") empfiehlt Ian Hacking. "In der Welt der Organtransplantationen hat die Technologie eine neue Art der Verwandschaft geschaffen. Viele Empfänger fühlen sich mit der Familie ihres Spenders sehr verbunden, wobei die Bindung zur Mutter besonders stark ist. (...) Vor fünfzehn Jahren führte der Anthropologe Paul Rabinow den Begriff der 'Biosozialität' ein, um die auf modernen Biotechnologien beruhenden gemeinschaftlichen Bindungen zu bezeichnen. Sharp gibt zu bedenken, dass wir vielleicht eher die Zeugen einer Art Biosentimentalität sind."

Weitere Artikel: John Lanchester wird das ungute Gefühl nicht los, dass Tom Bowers Biografie des mittlerweile wegen Betrugs vor Gericht stehenden aufstiegsgeilen Zeitungsverleger-Ehepaars Black ("Conrad and Lady Black: Dancing on the Edge") vor Schadenfreude nur so trieft. Lorna Scott Fox lobt die politische Feminisierung Chiles. Und Michael Wood hat sich buchstäblich verzaubern lassen von Christopher Nolans komplex-verstricktem Magierfilm "The Prestige".

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - London Review of Books

Der indische Autor Pankaj Mishra hat Schanghai besucht, dessen Aufstieg zur kapitalistischen Megametropole ihm genauso unheimlich ist wie der Bombays: "Als Inder in einer chinesischen Stadt sind einem nicht nur die überfüllten, lebendigen Straßen vertraut, die Läden mit offener Front und die Imbisse, sondern auch die Malls mit ihren luxuriösen Markennamen... Man fragt sich unweigerlich, welche politischen Vorstellungen die neuen reichen Chinesen haben. Dass sie sie nicht bei Wahlen zum Ausdruck bringen können, macht die Frage nicht weniger dringend, welche Rolle sie in China und in der Welt spielen möchten. Die Inder, die das Glück haben, wählen zu dürfen, haben leider nicht die These bewiesen, dass ein freier Markt und regelmäßige Wahlen zu einer aufgeklärten und harmonischen Gesellschaft führen. Indien neue Mittelklasse neigt dazu - konservativ, wenn nicht reaktionär wie sie ist - mit großer Mehrheit Hindu-Nationalisten zu wählen, trotz deren wiederholten Angriffe auf Muslime und ihrer gleichsam mörderischen Indifferenz gegenüber den Armen auf dem Land".

Zum Völkermord in Darfur schreibt Alex de Waal, Direktor des Social Science Research Council: "Eine Militärinvention wird das Töten nicht aufhalten. Diejenigen, die nach Truppen rufen, um sich ihren Weg nach Darfur zu erkämpfen, leiden an einem Erlösungswahn. Es ist eine einfache Wahrheit, dass UN-Truppen keinen Krieg stoppen können, und ihre bisherigen Leistungen beim Schutz von Zivilisten sind alles andere als überragend. Die Idee von Bush und Blair, als Friedensstifter zu agieren, wird nicht weit führen. Die Krise in Darfur ist politisch. Es ist ein Bürgerkrieg, und wie alle Kriege braucht er eine politische Lösung."

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - London Review of Books

Unter vier Darstellungen des Ungarn-Aufstands von 1956 hebt der Historiker Eric Hobsbawm, lange Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Englands, vor allem die von Charles Gati hervor ("Failed Illusions: Moscow, Washington, Budapest and the 1956 Hungarian Revolt"), in der der Autor nahelegt, dass Imre Nagy durchaus als verhängnisvolle Figur gesehen werden müsse, insbesondere, weil er die Attacke auf das Hauptquartier der Kommunistischen Partei am 30. Oktober nicht verhindern konnte. Moskau hätte bereits den Rückzug seiner Truppen angekündigt, als "das Gebäude erobert, der Budapester Parteichef - ein starker Befürworter von Reformen - getötet und 23 Geheimpolizisten vor den Kameralinsen der Weltpresse vom Mob gelyncht wurden. Es war diese Demonstration anarchistischer Wut, kombiniert mit Nagys steigenden Zugeständnissen an maximale Forderungen der Straße, die beide, Moskau und Peking, davon überzeugten, dass die Situation in Ungarn völlig außer Kontrolle war. 'Am Ende', schreibt Gati, 'wurde Nagy ein Revolutionär wider Willen, der den plötzlichen Ausbruch der Gewalt nicht kontrollieren konnte... und das war der Hauptgrund, warum er das Vertrauen Moskaus verlor.'"

Weitere Artikel: Michael Wood ist verblüfft von Jack Nicholsons kranker schauspielerischer Leistung im neuen Scorsese-Film "The Departed": Nicholson spiele seine Gangster-Figur als "Psychopathen, der vorgibt, ein Witzbold zu sein", oder mehr noch, als einen, "der so tut, als würde er nur so tun". Und Andrew O'Hagan amüsiert sich blendend bei der Lektüre des vom britischen Innenministerium herausgegebenen Informationshandbuchs für Anwärter auf die britische Staatsangehörigkeit, "Life in the United Kingdom: A Journey to Citizenship".

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - London Review of Books

Neal Asherson stellt den britischen Lesern - durchaus mit Sympathie - die Grass-Erinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" vor und führt sie auch gleich durch die Diskussion in Deutschland, die nach Grass' spätem Bekenntnis, er sei in der Waffen-SS gewesen, eingesetzt hatte. Auch Asherson überlegt, warum Grass erst so spät darüber gesprochen hat. "In den Jahrzehnten nach dem Krieg waren Ausländer entsetzt über die offensichtliche Unfähigkeit vieler Deutscher zu begreifen, wieviel Leid ihre Nation über andere gebracht hatte. Aber irgendjemand - vielleicht war es Grass - schrieb kürzlich, dass diese Stille die Folge einer anderen, älteren Stille war: der Widerwille der Deutschen, offen darüber zu sprechen, was sie selbst erlitten hatten. Da ist was dran."

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - London Review of Books

Stephen Holmes bedankt sich bei Francis Fukuyama ("After the Neocons: America at the Crossroads") für sein unbarmherziges Ausleuchten der intellektuellen Inkohärenz, die Amerikas Antwort auf den 11. September zugrundeliegen. "Für Fukuyama erledigen die Neocons einfach ihre Hausaufgaben nicht und ignorieren die politischen und sozialen Dynamiken spezifischer Gesellschaften. Statt dessen überpersonalisieren sie jedes Regime, das sie zu destabilisieren suchen, indem sie es mit einem einzelnen verwerflichen Führer identifizieren."

Weitere Artikel: Michael Dobson findet großen Gefallen an Curtis Perrys Studie über die Darstellung des Herrschergünstlings in der frühen englischen Literatur ("Literature and Favouritism in Early Modern England"), die mit dem Klischee aufräumt, der königliche Herrscher sei der Manipulation durch seinen Günstling wehrlos ausgeliefert. John Donne habe sich zwar immer dagegen gesträubt, sein Leben als einheitliche Biografie auszugeben, weiß Colin Burrow, doch John Stubbs ("Donne: The Reformed Soul") macht seine Sache gut, wenn auch mit einem Schuss zuviel Sentimentalität. Für Paul Myerscough ist das Spannende an Douglas Gordons und Philippe Parrenos Filmporträt "Zidane" die Erkenntnis, dass Zizous Gesicht nicht zu entschlüsseln ist und sich selbst der intimitätsheischenden Nahaufnahme widersetzt. Und Peter Campbell lustwandelt durch die Royal Academy und lobt die Sinnarmut in Rodins Skulpturen.