Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

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Magazinrundschau vom 21.03.2006 - Gazeta Wyborcza

Seit Wochen beschäftigen sich die polnischen Medien mit den Präsidentschaftswahlen in Weißrussland. Es werden die diktatorischen Machenschaften von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko beschrieben und oppositionelle Politiker interviewt. In der letzten Wochenendausgabe der Gazeta Wyborcza kommt der prominente Journalist Pawel Scheremiet zu Wort. "Das Regime ist in Panik geraten ob der großen Resonanz auf den Wahlkampf der Opposition. Anders kann ich mir das brutale Vorgehen nicht erklären. Aber trotz der Anzeichen eines Erwachens in der Gesellschaft, sind die Weißrussen noch nicht soweit. Lukaschenko wird siegen, aber es wird ein Pyrrhus-Sieg werden, weil er alle Kräfte des Regimes dafür einsetzen muss, und dadurch seine Autorität verliert."

Adam Michnik greift persönlich zur Feder, um den neuen Roman des Schriftstellers Janusz Andermann zu loben. Es geht darin um einen Schriftsteller, der zuerst in der demokratischen Opposition wirkt, um nach 1989 in Vergessenheit zu geraten. "Dieses Buch erzählt von meinen Zeiten, meinem Millieu und meiner Generation. Es ist ein unheroischer Roman über heroische Zeiten." Beschrieben wird auch, wie die einstigen Helden von den Befürwortern der radikalen Veränderung nach und nach marginalisiert werden. Für Michnik Grund genug, das Buch zu lesen und darüber nachzudenken, was in Polen passiert.

Adam Leszczynski ist fasziniert vom Buch "Postwar" des britischen Historikers Tony Judt. "Judt zeigt, dass Europas Erfolgsstory in den letzten sechzig Jahren seine Wurzeln in den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs hat. Die ganze europäische Politik wurde von Grund auf neu konstruiert, um die Dämonen zu bändigen, die den Kontinent an den Abgrund geführt haben. Der Wohlfahrtstaat, der den westeuropäischen Demokratien eine einmalige Entwicklung beschert hat, erlebt zwar aktuell eine Krise. Aber das ist ein Preis, den es wert war zu zahlen - genau so, wie die Besetzung der östlichen Hälfte Europas durch die Sowjetunion und die fehlende Abrechnung mit Kriegsverbrechern und Kollaborateuren".

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Gazeta Wyborcza

In einem langen, lesenwerten Interview zeigt sich der EU-Abgeordnete und ehemalige Außenminister Polens Bronislaw Geremek überzeugt von der Idee der europäischen Einigung. "Eine Vertiefung der Integration ist gut für Polen, denn in einer schwachen Union werden wir unsere Interessen nicht realisieren können. Polen sollte seine historischen Erfahrungen einbringen und unterstreichen, dass die EU eine antitotalitäre Struktur hat. Und wir sollten die Ostpolitik mitbestimmen. Bisher konnten wir unsere Partner nicht davon überzeugen, dass sie Polens Stimme als eine aus Erfahrung kluge behandeln sollten und nicht wie den Aufschrei einer geplagten Tante."

Piotr Buras ist enttäuscht vom Besuch des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski in Deutschland. "Die Beziehungen zu Deutschland sind in letzter Zeit Geisel innenpolitischer Auseinandersetzungen geworden. Die neue Regierung behandelte den Nachbarn lange wie eine oppositionelle Partei im heimischen Parlament: wenn wir uns in prinzipiellen Dingen unterscheiden, dann haben wir nichts zu besprechen."

Außerdem: Wojciech Orlinski empört sich sich über die Klischees vom unheimlichen Osten, die Eli Roth in seinem von Quentin Tarantino produzierten Horrorfilm "Hostel" bediene. Es geht um zwei amerikanische Rucksacktouristen, denen in einer entlegenen slowakischen Herberge Schlimmes widerfährt. Auch die slowakische Regierung sah sich zu Protesten veranlasst. "In der westlichen Massenkultur gilt Ostmitteleuropa als exotisch und nah zugleich. Ein Schriftsteller bezeichnete dies einmal als 'familiar outlandishness'".

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Gazeta Wyborcza

Vor fünf Jahren begann in Polen eine Debatte, die das nationale Selbstverständnis des Landes in Frage stellte: die "Jedwabne-Debatte". Es ging dabei um den von deutschen Besatzungssoldaten gewollten und von polnischen Bauern 1941 durchgeführten Mord an der jüdischen Bevölkerung der Kleinstadt Jedwabne. Etwa 1600 Juden kamen dabei ums Leben. Die Beteiligung der Polen wurde lange verschwiegen, rüttelte sie doch an dem fundamentalen Geschichtsmythos von Polen als Opfernation. Die Journalistin Anna Bikont, die in der Gazeta darüber berichtet hatte, erzählt, wie die Geschichte nach Aufdeckung der Wahrheit weiterging. "Nur die Täter fühlen sich sicher, und erzählen stolz von ihrem Patriotismus. Diejenigen, die für die Wahrheit gekämpft haben, mussten ausreisen. In Jedwabne selbst gibt es keine Spuren des Verbrechens mehr. Hier gibt es kein Happy End." Die wichtigste Konsequenz der Debatte aber war: "Nach diesem Schock sind alle anderen Tabu-Themen weniger tabu".
Stichwörter: Jedwabne, Patriotismus

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Gazeta Wyborcza

Der polnisch-amerikanische Publizist Andrzej Lubowski analysiert die politischen Folgen des wachsenden Ölpreises. Seine Entwicklung hatte wie kaum ein anderer Faktor Einfluss auf die Geschicke Russlands in den letzten dreißig Jahren - er war größer als Reagan, die "Solidarnosc" und Gorbatschow. "Das Glück kam erst mit Putin - sein Russland lebt vom hohen Erdöl- und Erdgaspreis. Die Kontrolle über das Erdgas ersetzt Nuklearraketen und Panzerdivisionen als Erpressungsinstrumente." Das Problem dabei: "Hohe Energiepreise verhindern Reformen. Khatami versuchte etwas im Iran zu bewegen, als das Öl billiger war. Seine Nachfolger haben keine Reformen nötig". Ähnliches zeichne sich in Moskau ab.

Anlässlich des 50. Jahrestag der Rede Chruschtschows über Stalins Verbrechen erinnert der Historiker und Publizist Piotr Oseka an die Reaktionen in Polen - vom Herzinfarkt und Tod des Parteichefs Boleslaw Bierut, über die Orientierungslosigkeit vieler einfachen Parteimitglieder, bis zum kurzzeitigen politisch-gesellschaftlichen "Tauwetter" unter Gomulka. "Wir sind erschüttert, schrieben Parteifunktionäre. Man muss die Werke Lenins und Stalins neu studieren, auf eigene Faust die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis entdecken, und dann sich erst eine Meinung bilden". Das war der Anfang vom Ende des Kommunismus.

Und: Die Präsidentschaftswahlen in Belarus waren entschieden, bevor der Wahlkampf überhaupt begann - der autoritäre Präsident Lukaschenko wird wieder siegen. Zu einer kleinen Sensation wurde aber letzten Mittwoch eine Debatte mit oppositionellen Kandidaten, bei der Lukaschenko nicht nur geduzt wurde, sondern sich auch unangenehme Fragen anhören musste, schreibt die weißrussische Journalistin Swiatlana Kurs. "Wenigstens dazu waren diese Wahlen gut!"

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - Gazeta Wyborcza

Die Stockholmer Tageszeitung Dagens Nyheter hat in einem Artikel vom 12. Februar behauptet, dass "im Zweiten Weltkrieg neunzig Prozent der holländischen Juden in deutsche und polnische Todeslager abtransportiert wurden". Daraufhin hat Relacje, die Zeitschrift für Auslandspolen, in einem Offenen Brief an Dagens Nyheter gegen den Begriff "polnisches Todeslager" protestiert, berichtet Katarzyna Tubylewicz aus Stockholm. In dem Brief heißt es: "Das ist eine Beleidigung für das polnische Volk. Es sieht so aus, als ob in den schwedischen Medien Moslems geachtet werden, die Beleidigung von Polen aber zulässig ist." Der Chefredakteur von Relacje, Krzysztof Mazowski, hat zum Boykott der Tageszeitung aufgerufen. Der Pressesprecher von Dagens Nyheter, so Tubylewicz, hat inzwischen eingeräumt, dass "polnische Todeslager" eine "falsche und schlampige Formulierung" war, die berichtigt werde. Der Autor des Artikels, Bengt Albons, hat sich inzwischen entschuldigt.
Stichwörter: Geächtet

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Gazeta Wyborcza

In der Wochenendausgabe der polnischen Tageszeitung argumentiert die polnisch-englische Schriftstellerin und Aktivistin Lisa Appignanesi gegen Gesetze, die Religionen, insbesondere Muslime, vor Angriffen schützen sollen. "Man kann nicht in der heutigen, multikulturellen Welt leben, ohne mehrmals täglich beleidigt zu werden! Wenn jede Beleidigung mit Zensur belegt wird, haben wir bald keine freie Kunst, Presse, Gedanken mehr." Auf die Frage, wie weit Redefreiheit gehen kann, antwortet Appignanesi: "Freie Gesellschaften sollten schädliche Meinungen bekämpfen, indem sie gute verbreiten - nicht mit Hilfe von Staatsanwälten und Gefängnissen."

In Polen kommt der Liberalismus in Verruf, bedauert der polnisch-amerikanische Historiker und Philosoph Andrzej Walicki. "Der eingeschränkte Liberalismusbegriff - als ökonomische Doktrin - wurde von polnischen Thatcher-Bewunderern gepflegt, deshalb bietet er jetzt eine gute Angriffsfläche für jene, die ihn mit Verachtung für Schwächere und Sozialdarwinismus gleichsetzen wollen. Das Pflänzchen des Liberalismus, der sich für Toleranz und weltanschauliche Neutralität des Staates einsetzt, wurde in Polen jäh ausgerissen, im Namen einer kollektivistischen, republikanischen Tradition. Genau in diese Richtung geht die Rhetorik des heute herrschenden Lagers".

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Gazeta Wyborcza

"Polen ist ein Land der Neurosen und Tragikomödien. Aber ich mag das, Literatur lebt davon", stellt im Interview mit der polnischen Tageszeitung der Schriftsteller Andrzej Stasiuk fest. Er erzählt, wie seine Herkunft aus Praga, dem ärmeren Viertel von Warschau, auf dem rechten Weichselufer, ihn vorgezeichnet hat: "Moldova, Albanien und Rumänien liegen in gewisser Weise ja auch auf dem falschen Ufer Europas. Ich versuche diese Zweitrangigkeit zu erhöhen. Ich kann nicht sagen, welches Ufer besser oder schlechter ist. Ich kann nur sagen, was mich an dem anderen fasziniert: die Unfähigkeit, die Schüchternheit, die Demut und die Hoffnungslosigkeit. Das Europa auf der besseren Seite könnte ohne sein verzerrtes Abbild nicht existieren."

Im letzten Teil seiner Artikelserie über Arbeitsmigranten in Europa, beschreibt der in Schweden lebende, polnische Publizist Maciej Zaremba die Schattenseiten des schwedischen Wohlfahrtstaates. Aufgrund der einzigartigen gesellschaftlichen Konstellation übten übermächtige Gewerkschaften quasi staatliche Macht aus. "In einer neuen Konstellation - freier Arbeitsmarkt in der EU - reklamieren sie für sich, die Interessen aller Arbeitnehmer in Schweden zu vertreten, ohne die Arbeitgeber oder gar die Arbeitnehmer selbst zu fragen. Das schafft mafiöse Verhältnisse, weil die Einhaltung diese Regeln vom Arbeitsgericht überwacht wird, das ebenfalls mit Gewerkschaftsfunktionären besetzt ist."

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Gazeta Wyborcza

In der Wochenendausgabe der polnischen Tageszeitung findet sich ein Interview mit dem französischen Historiker Daniel Beauvois, der in seinem Buch die Mythen des polnisch-ukrainisch-russischen Zusammenlebens im früheren Ostpolen (sog. Kresy) in den Jahren 1794-1914 dekonstruiert. So nennt er das Verhältnis zwischen den polnisch-katholischen Adligen und ruthenisch-orthodoxen Bauern schlicht Sklaverei, an die Legende von der religiösen Toleranz im frühneuzeitlichen Polen glaubt er auch nicht. "Ein anderes 'Heiligtum' der polnischen Geschichtsschreibung ist die Adelsdemokratie. In Wirklichkeit nahm der Kleinadel kaum am politischen System teil. Wenn ich so etwas sage, werde ich von Historikerkollegen böse angeschaut. Aber die Entzauberung von Pseudohistorie ist meiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe für Osteuropahistoriker. Der Kampf gegen nationale Megalomanien erfordert nüchterne Analyse und Verstand, keine patriotischen Höhenflüge."

Die Analytiker und Politologen Piotr Buras und Tomasz Dabrowski begrüßen den neuen Stil in der deutschen Diplomatie. "Nach den Wahlen vom 18. September weht in der 'Berliner Republik' ein neuer Wind: die Zeit der charismatischen Persönlichkeiten und Ideologien sind vorbei, jetzt herrscht Ernsthaftigkeit und Pragmatismus. Auch in der Außenpolitik wird die Geschichte als Bezugspunkt immer mehr an Bedeutung verlieren, was in Polen eine gewisse Beunruhigung hervorrufen kann."

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - Gazeta Wyborcza

Der Filmkritiker Tadeusz Sobolewski ist begeistert von Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl - die letzten Tage", der letzte Woche in den polnischen Kinos anlief: "Der Film bietet eine seltene Möglichkeit, den Nationalsozialismus von innen zu betrachten - aus einer rein deutschen Perspektive. Aber die Stärke von 'Sophie Scholl' macht vor allem aus, dass es ein aktueller Film ist: Julia Jentsch spielt eine Frau, die, ähnlich wie in 'Die fetten Jahre sind vorbei', sehr überzeugt ist von ihrem Tun. Damit führt sie dem Publikum vor Augen, woran es heute fehlt: am Gefühl für die Wahrheit, an Glauben und Ideen (nicht Ideologien!)".

In Afghanistan beginnt man, die Verbrechen aufzuklären, die während des fast 25-jährigen Bürgerkriegs begangen wurden, schreibt Wojciech Jagielski, der über Jahrzehnte in Afghanistan als Reporter unterwegs war und das Land wie kaum ein anderer Europäer kennt. Anlass ist ein Prozess gegen den früheren Chef der Geheimpolizei unter der kommunistischen Herrschaft, Asadullah Sarwari. "Der Prozess ist ein erster Versuch der Abrechnung mit der neuesten Geschichte, die von Putschen, Revolutionen, Bürgerkriegen, Fremdherrschaft und völliger Zerstörung des Landes gekennzeichnet ist. An diesen Ereignissen hatte Sarwari seinen Anteil, und sein Leben ist beispielhaft für die tragische Geschichte Afghanistans in den letzten fünfundzwanzig Jahren."

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Gazeta Wyborcza

Im dritten Teil von Maciej Zarembas Artikelserie über Wanderarbeiter in Europa geht es um Polen - und nicht nur um den berühmten "polnischen Klempner". Er sprach mit polnischen Familien, in denen alle Geschwister in verschiedenen europäischen Ländern arbeiten: "In Polen gibt es Arbeit, aber wenn ich nicht muss, arbeite ich für das Geld nicht. Wenn ich hier 1100 Euro verdienen kann, muss ich schon das Doppelte bekommen, um mich im Ausland rumzuschlagen" sagt einer von den Bauarbeitern, die in Schweden ihr Geld verdienen. Den schwedischen Baugewerkschaftlern, die besonders aggressiv gegen Arbeiter aus Osteuropa vorgehen, hält Zaremba folgende Geschichte vor: "In den siebziger Jahren haben Tausende von Schweden in den Ostblockländern gearbeitert. Das waren keine 'Gastarbeiter' - sie waren 'delegiert' wie heutzutage die Letten im Norden. Sie verdienten damals 20 Mal mehr als dortige Arbeiter, zahlten keine Steuern, besuchten die besten Restaurants und die teuersten Bordells. Manche nahmen sich sogar billige polnische Stellvertreter, um selbst nicht arbeiten zu müssen. Dass diese ihr Leben riskierten, wenn sie für ihre Arbeitnehmerrechte eintraten, schien die 'Delegierten' damals nicht interessieren, genauso wenig wie es heute die schwedischen Gewerkschafter interessiert."

Der Schriftsteller Jaroslaw Mikolajewski schreibt eine Lobeshymne auf den legendären italienischen Liedermacher Fabrizio de Andre (mehr), der 1999 mit 59 Jahren starb. "Fabrizio de Andre, der italienische Brassens, Okudschawa oder Kaczmarski. Einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Die Nachricht von seinem Tod berührte mich mehr als die Tatsache, dass 1374 Francesco Petrarca starb."