Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

3698 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 370

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2025 - Musik

Der SWR prüft aktuell, ob sich die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) zwecks Einsparung zu einem Kammerorchester verkleinern lässt - und stößt damit erwartungsgemäß auf Widerstand. Hartmut Welscher spricht für VAN mit Ilka Emmert, Michael Gärtner und Susanne Ye aus dem Orchesterverstand. Begründet werde die aktuelle Prüfung "neben medienpolitischem Druck und Geldmangel" damit, "dass sowohl im SWR als auch in der ganzen ARD ein erstklassiges Kammerorchester im Portfolio fehle. ... Wir können das nicht nachvollziehen, denn der regionale Bedarf hat bei Orchestern natürlich Priorität vor dem der gesamten ARD, und diesen Bedarf gibt es in unserem Sendegebiet nicht." Außerdem "gibt es seit 25 Jahren das BR Kammerorchester, das aus Mitgliedern des BR Symphonieorchesters besteht. ... Da wir in der Region für sinfonisches Repertoire bekannt und beliebt sind, und es auch bereits ein renommiertes Kammerorchester, das Kammerorchester der Großregion, gibt, dürfte es künstlerisch schwierig werden, unseren jetzigen hohen Stellenwert beizubehalten. Einige Veranstalter haben uns schon zu verstehen gegeben, dass sie für uns als Kammerorchester keinen Platz mehr in ihren Veranstaltungsreihen sehen."

Benjamin Moldenhauer freut sich in der taz, dass Tapete Records mit einer Zusammenstellung das Werk der Hamburger Band Huah! wieder zugänglich macht. Diese gab es um 1990 herum, mit dabei waren später in der Indie-Szene namhafte Leute wie Knarf Rellöm und Bernadette La Hengst. Zu hören gibt es "Zitatpop, aber nicht, um das eigene Wissen herauszustellen", sondern "um Vielheiten und einen eigenen Bandkosmos zu fabrizieren, in dem man es aushalten und den man auf der Flucht aus der Provinz nach Hamburg mitnehmen konnte." Eine Frühform der Hamburger Schule also? Nicht ganz, denn hier "finden das Politische und die schönsten Popgefühle noch einmal anders zusammen". Diese Lyrics haben "Leichtigkeit und strahlenden Witz. Die musikalische Entsprechung ist ein Punkverständnis, das Rockistisches und laute Gitarren freundlich beiseite schiebt und stattdessen Bubblegumsound und Zitate von potenziell überallher umschließt." Wir hören rein: 



Weitere Artikel: Eine Delegation deutscher Musiker bestehend aus Peter Maffay, Balbina, Herbert Grönemeyer und Christopher Annen hat hinter verschlossener Tür mit Wolfram Weimer diskutiert, ob und wie sich bessere Tantiemenzahlungen für Musiker aus dem Streaming durch politische Interventionen erzwingen lassen können, berichtet Tobias Timm auf ZeitOnline. Für VAN streift Eleonore Büning in der wiedereröffneten Beethovenhalle in Bonn "selig durchs Erinnerungslabyrinth meiner musikalischen Jugend". Joseph Kreider schildert in einem VAN-Essay, wie die Musik von Bach, Beethoven und Wagner ihm dabei halfen, seine Alkoholsucht trocken zu legen: "Während ich mich auf einen weiteren Tag des Widerstands gegen Rückfall und Selbstzerstörung vorbereitete, fühlte ich mich von ihrer Energie fast körperlich gestützt." In der SZ gruselt sich Philipp Bovermann vor der patriotischen Wende des Rappers Kollegah (mehr dazu bereits hier). Und 90s-Revival, CD-Comeback, KI-Schwemme auf den Streamingdiensten und Pop als Trost vor durchlässig werdenden Brandmauern: Das taz-Team resümiert das Musikjahr 2025.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2025 - Musik

Erinnert sich noch jemand an den Rapper Felix Blume, der als Kollegah vor ein paar Jahren durch antisemitischen Schrott aus der unteren Schublade aufgefallen war? Der legt nun unter seinem bürgerlichen Namen ein Comeback hin, mit dem Lied "Deutschland" und fischt darin mit larmoyant-verheultem Patriotismus am rechten Rand. Das freut vor allem die AfD und einschlägige rechtspopulistische Netz-Schleudern, schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Bemerkenswert, "dass Blumes Verwendung antisemitischer Tropen für diese Begeisterung keinen Hinderungsgrund bietet". Das zeigt, "dass der in rechten Kreisen zuletzt gern gepflegte Philosemitismus - sei es aus Zustimmung für die Regierung von Benjamin Netanjahu, sei es, weil man damit Stimmung gegen die pauschal zu Antisemiten erklärten Muslime im Lande machen kann - eben lediglich eine Maskerade ist".

Natürlich fehlt in Blumes Track auch das "Denk ich an Deutschland"-Heine-Zitat nicht. "Dass Heine als Jude im Deutschen Bund große Nachteile erfuhr und das Gedicht, in dem er vor allem von seiner Mutter erzählte, im Pariser Exil verfasste, wird ignoriert", schreibt Johann Voigt in der taz. "Kollegah macht - genauso wie die AfD und die Neue Rechte - passend, was für ihre Argumentation passend gemacht werden muss. Was bleibt, ist ein Stück schlecht produzierte Musik mit Haus-Maus-Reimen. Der pure Populismus."

Weitere Artikel: "Erleichterung, Zuversicht, Freude" war beim Eröffnungskonzert in der nach vielen Jahren und (natürlich) mit viel Verspätung wiedereröffneten Bonner Beethovenhalle zu hören, schreibt Hubertus Spiegel in der FAZ. Auf Backstage Classical resümiert Guido Krawinkel den Abend. Im Dlf Kultur führt Anja Reinhardt "hinter die Kulissen" der Beethovenhalle.

Besprochen werden neue Bücher zur Geschichte des deutschen Popjournalismus (taz), Mavis Staples' Album "Sad And Beautiful World" (FR), ein Liederabend mit Franz-Josef Selig im Frankfurter Opernhaus (FR) und ein Konzert von Nazareth in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2025 - Musik

Max Dax unterhält sich in der Welt mit dem Pianisten Víkingur Ólafsson über dessen neues Album "Opus 109". Er fokussiert damit auf Beethovens neue Schaffensphase nach einer künstlerischen Pause in den Jahren 1815 bis 1820. Dieses "Spätwerk ist unglaublich menschlich. Er lädt uns in 'Opus 109' ein, in seinen privatesten Raum einzutreten. In diesem Sinne ist er ein Pionier der Romantik und vielleicht der erste romantische Komponist der Geschichte. Aber das kosmische Element ist ebenfalls präsent. Denn genau in dem Moment, in dem man glaubt, in seinem Innersten zu sein, hat man zugleich das Gefühl, dass er das Universum widerspiegelt. Vor allem in seinen späten Kompositionen stellt er grundlegende Fragen: Was ist eine Komposition? Was ist ein Thema und was sind Variationen? In diesen letzten Werken transzendiert er sich selbst durch die menschliche Erfahrung. Da erreicht er das Kosmische durch barocke Erfindungen." Wir hören rein: 



Xavier Naidoo ist zurück und gab in Köln ausverkaufte Comeback-Konzerte, eine Tour durch große Hallen ist angekündigt. War was gewesen? Mit immer abstruseren Verschwörungsfantasien, offen antisemitischen Tiraden, Sympathien fürs Reichsbürgermilieu und zusehends wirren Auftritten in der Öffentlichkeit hatte er sich schon vor Corona ins Aus manövriert. Ein halbgares Entschuldigungsvideo sollte 2022 das alles ungeschehen machen, aktuell laufen noch zwei Verfahren gegen ihn. Wirklich "angemessen entschuldigt hat sich Xavier Naidoo nie", kommentiert Sebastian Leber im Tagesspiegel. "Dass einem nun Menschen, die finanziell von Naidoos Comeback profitieren, das Gegenteil weismachen wollen, ist ökonomisch nachvollziehbar, aber trotzdem hochgradig unappetitlich." Naidoo aus nostalgischen Gründen weiterhin zu hören, findet Leber höchst verzeihlich. Aber eben nicht, auf seine Konzerte zu gehen: "Damit normalisiert man ihn und seine Entgleisungen." Michael Pilz rollt in der Welt nochmal Naidoos Abgleiten in den Irrsinn auf. 

Außerdem: Peter Blaha hat in der FAZ zwar Verständnis dafür, dass das hochgradig verschuldete Wien bei seinen zahlreichen Maßnahmen, den Schuldenberg nicht noch weiter anwachsen zu lassen, auch bei der Kultur den Rotstift ansetzen muss, aber dass es im Zuge neben namhaften Theaterbühnen auch ausgerechnet das "weltweit im Fernsehen übertragene Sommernachtskonzert" der Wiener Philharmoniker treffen soll, ärgert ihn dann doch. Arne Löffel spricht in der FR mit DJ Hell über dessen neues Album "Neoclash". Nadine Lange (Tsp) und Jakob Biazza (SZ) schreiben Nachrufe auf den früheren Deichkind-Musiker Malte Pittner.

Besprochen werden Kersty und Sandra Grethers Buch "Rebel Queens - Frauen in der Rockmusik" (FR) und ein Schubert-Abend mit der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2025 - Musik

Cover-Artwork des aktuellen Rosalía-Albums "Lux"

In der Popkultur erfreut sich der Nonnen-Look zuletzt auffälliger Konjunktur, bemerkt Ivana Sokola auf ZeitOnline. Kronzeuginnen sind für sie Rosalía und Lily Allen. Insbesondere erstere zeigte sich vor wenigen Jahren noch sehr lasziv. Hinter diesem "Imagewechsel mag die Sehnsucht nach neuer Tiefe stecken - aber auch die Suche nach einem grundlegend anderen Leben: Nach der freien, aggressiven, aber auch erschöpfenden Sexyness bieten Nonnen einen erfüllenden und unabhängigen Lifestyle. Als weltliche Frau ist der kaum zu erreichen. Als Nonne lebt man bildschirmfrei, minimalistisch, hat eine Macherinnen-Routine mit frühem Aufstehen und ohne Zeit für Prokrastination - vor allem aber: ohne Männer. Die Vogue fragte vor Kurzem: 'Ist es heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?' Und die Kunst sucht parallel dazu nach Transzendenz, Schwesternschaft und Zurückgezogenheit. ...Eine Gemeinschaft unter Gleichen, männerfrei und schwesterlich."

Besprochen werden ein Konzert der Lambrini Girls (FR), ein Konzert von Till Lindemann in Zürich (NZZ) sowie Rebecca Treschers und Andreas Feiths Album "Changing Perspectives" ("Trescher liebt Wärme in den Klangfarben und geduldige Entfaltung komplexer melodischer Prozesse", schreibt Hans-Jürgen Linke in der FR).

Stichwörter: Rosalia, Nonnen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2025 - Musik

Ohne jahrelange Verspätung geht es in Deutschland nicht mehr: Die Bonner Beethovenhalle ist fertig saniert - sechs Jahre nach dem anvisierten Termin, Planungen gehen aufs Jahr 2007 zurück. Das Ergebnis immerhin kann sich sehen lassen, findet Alexander Menden (SZ). Die Halle "sieht weitgehend so aus, wie sie 1959 bei der Ersteröffnung gewirkt haben muss. Siegfried Wolskes Erstlingswerk hat ein offenes Gepräge, der Grundgedanke war die Bescheidenheit und demokratische Gesinnung der noch jungen Bonner Republik. ... Der Konzertsaal selbst wirkt" nun "geradezu surreal makellos. Das Mahagoni-Parkett ist durch geräucherte Eiche ersetzt." Auch an der zuletzt recht trockenen Akustik wurde gefeilt: Die "Rückwand ist von einem doppelten Kupfergewebe bedeckt, durch die der Klang gleichsam hindurchdiffundieren kann. Die lattenrostartigen Wandpaneele links und rechts des Podiums, die immer ein wenig an ein öffentlich-rechtliches Tonstudio erinnerten, wurden mit Gips unterfüttert. Das alles (plus neuer Nachhallanlage) ist auf größere bauakustische Homogenität und ein breiteres klangdynamisches Spektrum angelegt."

Christian Schachinger schwärmt im Standard von der Kunst Sofia Isellas. Die junge Musikerin hat schon im Vorprogramm von Taylor Swift gespielt, macht aber völlig andere Musik - und statt auf verklausulierte Botschaften setzt sie auf Konfrontation: Von Patriarchat und schlechtem Sex hat die Musikerin den Hals jedenfalls gestrichen voll. "Aus den dunklen Kellerecken des britischen Postpunk der späten 1980er-Jahre poltert eine Drum Machine. Zu einem knurrenden Bass gesellt sich gegen Ende ein Sirenenchor mit in die Ohren schneidenden Violin-Glissandi und einer verhallten, mit Phasereffekt versehenen Gruftierock-Gedächtnisgitarre. Sofia Isella spielt alles selbst ein. ...  Darüber raunt Sofia Isella ganz knapp am Ohr im Stil von Billie Eilish. Allerdings werden deren vor zwei, drei Jahren populäre und das Gemüt der Hörerinnen und Hörer beruhigende "sensorische Meridian-Resonanzgeräusche" wie Schlucken, Räuspern und Zähneknirschen weggelassen. Dafür setzt es radikale Texte. ... Die ewige Sexualisierung junger weiblicher Körper, das männliche Starren. Sofia Isella legt in 'Above the Neck' Machtstrukturen offen."



Außerdem: Gregor Kessler resümiert in der taz die Veranstaltung "Alles bleibt gut" zu 45 Jahren Punk in Hamburg. Axel Brüggemann meldet auf Backstage Classical, dass der Kritiker Ernst Strobl gestorben ist.

Besprochen werden die ersten zwei Folgen der auf Disney+ gezeigten Dokuserie "End of an Era" über Taylor Swifts Welttournee (Standard), Konzerte aus der musica-viva-Reihe (FAZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Kompositionen von John Adams und Béla Bartók (FR), ein Konzert der HR-Bigband (FR), ein Frankfurter Weihnachtsoratorium mit den Augsburger Domsingknaben (FR) und die von Stephan Benson eingelesene Hörbuch-Ausgabe von Ozzy Osbournes Autobiografie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2025 - Musik

"Ceasefire now" wurde auf anti-israelischen Demonstrationen und Aktionen der jüngeren Zeit oft und laut gerufen, aber mit dem Waffenstillstand im Gazakrieg haben insbesondere auch in der dafür sehr anfälligen Popkultur die Proteste nicht einfach aufgehört, beobachtet Jens Balzer auf ZeitOnline. Im Gegenteil: Die Parolen werden martialischer und nähern sich damit der Hamas noch weiter an, der Protest scheint sich radikalisieren und verstetigen zu wollen. "Insofern ist es bei den Boykottkampagnen der vergangenen Jahre niemals nur um Frieden und Wohlergehen für die Menschen in der Levante gegangen. Vielmehr haben sie immer auch einen popkulturell vergemeinschaftenden Charakter besessen. ... Bei vielen Künstlern, die sich beteiligen, kann man nicht einmal verlässlich bestimmen, ob sie sich über den Konflikt informieren, ob sie aus echter Überzeugung handeln oder bloß in dem Gefühl, dass es irgendwie richtig ist. Man könnte es schärfer formulieren: Viele Künstlerinnen und Künstler sind Opportunisten. Oder man könnte es noch schärfer formulieren: Der Antisemitismus der Wenigen hat noch nie ohne das Mitläufertum der Vielen funktioniert."  

Inspirierte Musiker schaffen Hommagen, KIs hingegen Plagiate - dass für den Einsatz letzterer größere Summen an jene Musiker, von denen in beiden Fällen gleichermaßen abgekupfert wurde, fließen sollen, findet Detlef Diederichsen in der taz daher nicht einsichtig. Zumal der Einsatz von Technologie und Algorithmen in der Musikproduktion die letzten Jahre ohnehin zum Standard wurde. Er empfiehlt, die allgemeine Aufregung einfach mal etwas runterzupegeln: "Das große Geschäft für KIs liegt in instrumentaler Friseursalon- und Fitnessstudio-Muzak. Kunst interessiert nur eine Minderheit. Das war aber schon immer so. Seit die Musik zu einem Wirtschaftszweig geworden ist, in dem sich viel Reibach machen lässt, war - Verzeihung - Scheißmusik die Norm und Kunst die Abweichung. Ob diese Scheißmusik nun von Menschen oder KIs produziert wird, ist doch eigentlich herzlich egal."

Weiteres: In der taz empfiehlt Ralph Trommer ein vom RBB online gestelltes Morricone-Konzert. Für eine "Bizarrerie" hält es Elmar Krekeler in der Welt, dass der Starpianist Lang Lang Rolf Zuckowskis Kinderlied "In der Weihnachtsbäckerei" aufgenommen hat.

Besprochen werden das neue Chicks-On-Speed-Album "HEARandNOWtopia" (FR), ein Schubert-Abend mit dem Klangforum Wien (Standard), das neue Album von Tame Impala (Jungle World) und das Weihnachtsalbum "Dunkle Magie" des österreichischen Indierockers Oehl ("ein Geschenk", freut sich Anna Weiss in der FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2025 - Musik

Jan Brachmann unterhält sich in der FAZ mit Martin Helmchen, der derzeit alle Klaviersonaten Schuberts einspielt. In den Arbeiten des Komponisten zeigt sich dem Pianisten "so viel Zerrissenheit, Psychotisches, Abgründiges. ... Diese Ausbrüche bei Schubert haben etwas Vulkanisches. Man spürt die ganze Zeit, während man auf der blühenden Wiese läuft, dass darunter die Lava brodelt. ... Und diese Wut bricht aus Schubert heraus ohne jegliche Hoffnung, dass sich durch den Ausbruch etwa ändern würde. Anders als bei Beethoven, der Wut nutzt, um etwas zu konstruieren und sich am Ende daraus zu erlösen. Bei Schubert ist immer klar: Das Schicksal, die Ungerechtigkeit, die stete Ferne des Glücks lassen sich niemals ändern." Besonders deutlich werde das beim langsamen Satz der A-Dur-Sonate D 959, "wo er so vehement dreinschlägt, dass nichts mehr übrig bleibt an Form, Harmonik, Zusammenhang. Da wird ein Grad an Chaos erreicht, der im 19. Jahrhundert nicht mehr überboten werden konnte. Da steht jemand im Auge des Sturms und kann nichts machen."

Hier spielt Helmchen Schubert in Hongkong: 



Ganz tief versenkt sich FR-Kritiker Max Dax in eine Wiederveröffentlichung von Jeff Mills, dessen stilbildendes DJ-Set aus dem Jahr 1995 im Liquid Room in Tokio ein zentrales Stück Technogeschichte dokumentiert: "Was den Detroiter Techno im Unterschied zum Berliner Techno so zeitlos und unwiderstehlich macht, ist bekanntlich seine Nähe zu Motown und Soul. Es ist eine schwer zu beschreibende Melancholie, die den ekstatischen Momenten eine lyrische Note und den Momenten des Innehaltens und des Sammelns eine menschliche Grundierung anheim gibt." Für Dax ist hier "ein Magier am Werk, der, als Schlagzeuger aus dem Jazz kommend, ein DJ-Set als Intensitätsstrahl versteht, als instrumentale Erkenntnisschnittstelle".



Weitere Artikel: Axel Brüggemann blickt in Backstage Classical hinter die Kulissen des PR-Geschäfts im Klassikbetrieb. Clemens Haustein porträtiert in der FAZ die Klarinettistin Sabine Meyer, die in wenigen Tagen ihr letztes Konzert gibt. Thomas Lindemann porträtiert in der FAZ den jungen Pianisten Julius Asal, "der die Musik oft wie Pop oder Jazz behandelt: als etwas, das lebt, das man weitererzählen darf". Axel Brüggemann verzweifelt auf Backstage Classical an der ARD, die mit der Serie "Mozart/Mozart" (in den Worten Johanna Adorjáns in der SZ) mal wieder "in nahezu sensationellem Ausmaß total miserables Fernsehen zeigt". Einfach nur peinlich, wenn es nicht so bitter wäre: Der ESC-Star Nemo gibt laut Agenturmeldungen seinen Pokal zurück - wegen der Teilnahme Israel bei der kommenden Ausgabe des Wettbewerbs.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Besprochen werden Michael Fuchs-Gamböcks und Michael Josephs Buch über die Krautrocklegende Popol Vuh, die in den Siebzigern zahlreiche Filme von Werner Herzog musikalisch unterlegt hat (SZ), ein von Thomas Guggeis dirgiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters Zǘrich (NZZ), Jamie Taylors Buch "Studio Electrophonique" über die New-Wave-Welle aus dem britischen Sheffield um 1980 (taz) die von 50 Cent produzierte Netflix-Doku über den Prozess gegen dessen Konkurrenten Sean Combs (taz), Hayden Chisholms und Philip Zoubeks Album "As If the Stormy Years Had Passed" mit Kompositionen von George Ivanovich Gurdjieff (FR) und ein Sufi-Konzert mit dem belgischen Ensemble Jawa in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2025 - Musik

"Bis Putin tot ist, gehe ich nicht wieder nach Russland", selbst wenn die von ihm verehrten Petersburger Philharmoniker anrufen, sagt Paavo Järvi im VAN-Gespräch mit Alexander Gurdon. Dennoch zeigt der Dirigent Verständnis für Künstler, die hier weniger rigoros handeln - sofern sie nicht öffentlich ein Loblied auf Putin singen. "Manche müssen sich dem Diktator anbiedern, weil sie buchstäblich nirgendwo anders hingehen können. Currentzis dagegen ist wieder eine ganz andere Geschichte - kompliziert, ja, aber keineswegs so, wie der Westen oft denkt. Ich halte ihn mit Sicherheit nicht für einen heimlichen Botschafter Putins. Er macht seine Kunst; er nimmt Geld von dort, wo es verfügbar ist - in diesem Fall eben von Banken oder Institutionen, die in Russland existieren dürfen. So funktioniert das System dort. Und ehrlich gesagt: Auch die Berliner Philharmoniker nehmen Geld von der Deutschen Bank - einer Bank mit einer langen Geschichte von korrupten Krediten an Trump und von anderen Skandalen."

Außerdem: 2025 ist das Jahr der Wiederveröffentlichungen, der Archiv-Anthologien und der allgemeinen Resteverwertung, schreibt Jochen Overbeck in der Welt. In der Welt porträtiert Stefan Grund den Sänger Klaus Hoffmann. Die Agenturen melden, dass nun auch Island den kommenden ESC wegen der Teilnahme Israels boykottieren werde. Der Dirigent Ingo Metzmacher und Albrecht Selge liefern sich in VAN ein Pro-und-Contra-Duell darüber, ob Stockhausens "Gesang der Jünglinge" heute nur noch museal zu hören ist. Judith Valerie Engel spricht für VAN mit der Pianistin Samantha Ege, dem Dirigenten John Andrews und der Musikwissenschaftlerin Leah Broad über Leben und Werk der Komponistin und Pianistin Avril Coleridge-Taylor, die auch deshalb in Vergessenheit geraten ist, weil sie im 20. Jahrhundert noch ganz im Geiste des 19. komponierte. Wir hören rein:



Besprochen werden ein Konzert der lettischen Organistin Iveta Apkalna in Zürich (NZZ), Frankfurter Auftritte des Harfenisten Xavier de Maistre (FR) und der Band Kuhn Fu (FR), ein Berliner Abend mit Max Regers Klarinettenquintetten, die der Solist Jörg Widmann mit dem Signum Quartett aufführte (VAN-Kritiker Albrecht Selge stößt auf Passagen "spröder, zart angebitterter Amabilität") und Rosalías neues Album "Lux", das nach Ansicht des restlos begeisterten FR-Kritikers Stefan Michalzik eigentlich nur (wenn auch "entfernt") mit Queens Album "A Night in the Opera" vergleichbar ist. Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2025 - Musik

Geigenbogenbauer atmen auf, da das Washingtoner Artenschutzübereinkommen mit Blick auf den für sie wichtigen Rohstoff Fernambukholz nicht so rigoros ausgefallen ist, wie zuvor befürchtet, berichtet Stefan Schickhaus in der FR. Das Schweizer Jodeln soll Weltkulturerbe werden, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Besprochen werden ein Konzert von Radiohead in Berlin (Welt, FAZ), ein neuer Memoirenband von Patti Smith (online nachgereicht von der Welt) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter Curtis Hardings "Departures & Arrivals: The Adventures of Captain Curt" (online nachgereicht von der FAZ). Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2025 - Musik

Gerald Felber erkundigt sich im FAZ-Gespräch bei Benjamin Alard nach dem Stand der Dinge in dessen Bach-Projekt: Wohl bis Ende des Jahrzehnts will der französische Organist und Cembalist Bachs Gesamtwerk für Tasteninstrumente aufgenommen haben. Julian Weber (taz) und Christiane Peitz (Tsp) berichten vom Berliner Symposium "Afrodiaspora - Composing While Black", bei dem über die marginalisierte Rolle schwarzer Komponisten und Performer in der Klassik diskutiert wurde. Angesichts des aktuellen Berliner Konzertzyklus von Radiohead (besprochen in FAZ und Tsp) erinnert sich Gerrit Bartels im Tagesspiegel an den Berliner Auftritt der Band am 11. September 2001. Besprochen werden ein von Lahav Shani dirigiertes Konzert der Rotterdamer Philharmoniker mit Alexander Malofeev in Wien (Standard), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Jakub Hrůša (Standard) und Ragawerks Album "Nola" (FR).