Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2026 - Musik

Stefan Schicksals freut sich in der FR zu Ostern über eine Einspielung der Johannes-Passion durch das französische Ensemble Pygmalion, die er "plastisch, ergreifend, direkt ansprechend" findet. Die FR gratuliert außerdem dem Komponisten und Trompeter Manfred Schoof zum 90. Geburtstag. Die taz hört Joseph Haydn zu Ostern.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2026 - Musik

Johannes Stein liefert in der taz eine Reportage aus Manila, in der es nicht nur um die bedrückenden Zustände im Land geht, sondern auch um die lokale Punk-Szene, die - wie viele andere linke Oppositionelle dort auch - von der philippinischen Regierung regelmäßig unter Beschuss genommen wird. Etwa durch das "Red-Tagging", wo einzelne Protagonisten in der Öffentlichkeit als "Kommunisten" diffamiert und damit quasi zum Abschuss freigegeben werden. "'Eine Freundin hat sich schon einmal mehrere Monate nicht in ihre Heimatstadt getraut', erzählt die Sängerin Powsa. Ein Freund ihres Vaters habe angedroht, sie zu vergewaltigen, 'wenn er mich noch einmal auf der Straße sieht', sagt sie. Grund waren regierungskritische Äußerungen, die Powsa auf Social Media gepostet hatte. Veranstaltungsorte und Treffpunkte der Linken, wie es auch die Konzert-Location an diesem Abend einer ist, werden von der Regierung potenziell als 'terroristische Zentren' betrachtet. Das Grillrestaurant gibt sich deshalb betont unscheinbar, tarnt sich als harmloser Thunfisch-Grill - während es im Hinterzimmer zur Hochburg der Punkbewegung mutiert."

Einblicke in die philippinische Punkbewegung liefert auch diese (allerdings schon ein paar Jahre alte) Dazed-Doku: 



Deezer positioniert sich im Streaming-Markt als die Plattform für Connaisseure, denen Musik eine absolute Herzensangelegenheit ist. Auch deshalb ist es CEO Alexis Lanternier ein Anliegen, per KI generierte Musik aus den algorithmischen und redaktionellen Empfehlungen fern von den Usern zu halten, sagt er im FAZ-Gespräch mit Jörg Seewald. Kein leichtes Unterfangen, denn "KI-generierte Musik ist in den letzten zwei Jahren immer besser geworden und heute teilweise schwer durch das menschliche Ohr zu erkennen. Seit letztem Jahr sind wir aber in der Lage, KI-generierte Musik zu identifizieren. Aktuelle KI-Tools erzeugen charakteristische Artefakte im Audiosignal, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind, sich jedoch durch mathematische oder maschinelle Analyse schnell und sicher aufspüren lassen. Wir haben Millionen von Songs so aussortiert. ... Diese Maßnahmen erschweren es Betrügern zudem, das System zu manipulieren und dadurch menschlichen Künstlern Einnahmen zu entziehen."

Weitere Artikel: In der taz führt Detlef Diederichsen anhand der Box "We Gotta Grove", die ein ganzes Füllhorn an Studiosessions erstmals legal veröffentlicht, durch die Geschichte der Beach Boys in den Siebzigern. Beim Auftakt seiner US-Tour in Minneapolis trat Bruce Springsteen so kämpferisch wie hoffnungsvoll auf, berichtet Hannes Stein in der Welt. Merle Krafeld spricht für VAN mit dem an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg studierenden Pianisten und Komponisten Mert-Abdullah Çapan, der trotz starker Sehbeeinträchtung seinen Weg geht - in diesem Insta-Reel erzählt er, wie er mit Hilfsmitteln Noten liest. Niels Bossert porträtiert in der NZZ Janine Cathrein, die Sängerin der Band Black Sea Dahu, die vor kurzem ihren Vater verloren hat. Holger Noltze macht sich auf VAN Gedanken über die Ästhetik des Schreis in Raphaël Pichons (gestern im Efeu sehr gefeierter) neuer Aufnahme von Bachs "Johannes-Passion". NRW stockt die Mittel auf, um bei staatlich geförderten Musikprojekten das Niveau der Mindesthonorare für freie Musiker zu garantieren, berichtet Merle Krafeld auf VAN.

Besprochen werden die Aufführung von Bachs Matthäus-Passion bei den Osterfestspielen in Baden-Baden durch das Concertgebouw Orchestra unter Klaus Mäkelä ("ein Meisterstück an Koordination und Voraussicht", lobt Lotte Thaler in der FAZ), Stefan Hentz' Biografie über Miles Davis (NZZ) und Rayes Album "This Music May Contain Hope" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2026 - Musik

Pünktlich zur Karwoche kommt eine aus dem unüberschaubaren Meer der Aufnahmen von Bachs "Johannes-Passion" turmhoch herausragende Einspielung auf den Markt, schreibt ein restlos begeisterter Elmar Krekeler in der Welt. Dafür verantwortlich sind Raphael Pichon und sein Pygmalion Ensemble. "Es rollt ein Meer an, das brodelt und kocht, eine Urgewalt fegt alle Zweifel weg. Das Orchester stampft und grummelt, die Oboen schreien. Der Chor lässt Anrufung und Angst hereinbrechen und Wut und den Triumph im Glauben. ... Es ist eine Musik wie ein Naturereignis. ... Nahezu ein Wunder ist, wie Pichon (...) die Balance hält zwischen Aufschrei und Innigkeit, die Notwendigkeit einer jeden Note hinterlegt und uns, die wir beim Hören immer weiter vorne auf der Bankkante sitzen, den Atem nimmt."



Weiteres: Merle Zils führt in der taz durch die Musik des Münchner Experimentalmusikers Salewski, der von NDW bis zu späten Kollaborationen mit den Krautrockern von Faust alles mitgenommen hat. Leon Frei porträtiert in der SZ den Thüringer Musiker Betterov, dessen "Stimme so klingt, als würde ihm das ganze Gesicht wehtun, leidend, brüllend und träge zugleich". Besprochen werden Kim Gordons Album "Play Me" (FR), Fleas Soloalbum "Honora" (Standard) und ein von Daniel Harding dirigiertes Haydn-Konzert der Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Osterfestpielen (Backstage Classical).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2026 - Musik

Der in Kenia geborene, seit einiger Zeit aber in Berlin lebende Joseph Kamaru, der als Künstler unter dem Namen KMRU firmiert, "zählt zu den interessantesten Musikern zwischen Elektronik und Improvisation", schreibt Stefan Michalzik in der FR und vertieft sich tief in dessen neues, zwischen Ambient, Noise und Field Recordings changierendes Album "Kin": "Im drei Minuten knappen 'With Trees Where We Can See' zu Beginn zieht der Klangstrom lavazäh daher; im entwicklungsreichen finalen Zwanzigminutenstück 'By Absence' ist zunächst ein ostinates Surren grundlegend, am Ende fließen Maschinengeräusche ein. ... Angeregt durch Gespräche mit dem kurz darauf verstorbenen britisch-österreichischen Ambientmusiker Peter Rehberg, hat sich Joseph Kamaru mit dem noisigen Gitarrenspiel aus seiner Jugendzeit in Nairobi beschäftigt. Mit dem Resultat von gewaltigen Klangwänden, die an Shoegaze erinnern, wie in 'Blurred', mit dem sich zwischen Ambient und Jazz bewegenden Wiener Musiker Christian Fennesz an der von Fuzz- und Rückkoppelungseffekten geprägten Gitarre."



Außerdem: Max Dax spricht in der FR mit Little Annie über deren Arbeitsprozess für ihr neues Album. Im Tages-Anzeiger porträtiert Lukas Hausendorf die Popmusikerin Ilira Gashi. Hannah Jauch und Corina Gall sprechen in der NZZ mit dem Schweizer Popduo Lo & Leduc. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das aktuelle Album von James Blake (Standard).

Stichwörter: Ambient, Experimentalmusik, Kmru

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2026 - Musik

Der Musiker James Blake ist zwar nicht hundertprozentig gegen den Einsatz von KI in der Musik, aber Vorbehalte hat er im Großen und Ganzen schon. "Die einzige Musik, die uns wirklich befriedigen kann, ist organisch", meint er im Gespräch mit dem ZeitMagazin. "Allein die Bearbeitung der Stimmen, die vielen Filter, Kompressoren, Pitch-Korrekturen, Autotune und, und, und. Am Ende hört man eine Stimme aus der Mikrowelle. ... Ich glaube, ein Instrument wirklich gut spielen und auch singen zu können, ist 2026 schon ein Akt des Widerstands."

Diedrich Diederichsen versenkt sich für die taz nochmal ganz tief in die Klangwelten der Popol Vuh, genauer: in die frühen Alben der Krautrockband rund um Florian Fricke, die in England gerade neu aufgelegt werden. Zu hören ist auf "Affenstunde", dem Debüt der Band, die später auch einige Filme von Werner Herzog vertonen sollte, "ein ebenso wildes wie virtuoses Gezischel, Gefiepe, Geschrängel, Getappel und kosmisches Geschwelge, bevor es das Signifikat 'kosmisch' für Synthesizermusik gab. Ein Album von Popol Vuh, das einerseits die Möglichkeit des Synthesizers, Klänge problemlos lang und sich langsam verändernd stehen lassen zu können, ausspielt, ohne schon eines der Space- und New-Age-Klischees zu kennen, die mit diesen Möglichkeiten später einhergehen sollten; andererseits pulsieren extrem aufgeweckte Percussionprügel unter dem mal nervösen Vogelschwarm, dann wieder der hochmögenden Stasis des Synthiesounds."



Weitere Artikel: Für die FAZ spricht Jan Brachmann mit Boris Giltburg über Sergej Rachmaninow, dessen gesamtes Klavierwerk der Pianist derzeit einspielt. Besprochen werden Chris Blackwells Buch "Als die Boxen in den Bäumen hingen. Die unglaubliche Geschichte von Island Records" (NZZ), das neue Album von Kanye West, das SZ-Kritiker Joachim Hentschel kaum erträgt angesichts der bizarren politischen Wortmeldungen des Künstlers in den letzten Jahren, und Altın Güns neues Album "Garip" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2026 - Musik

Leon Frei versucht sich in der SZ einen Reim darauf zu machen, warum die US-Indieband Geese bei Jung und Alt aktuell so sagenhafte Erfolge feiert. Mit ihrer Art der an Schulbands erinnernden Nicht-Inszenierung ihrer Auftritte steht die Band jedenfalls eher quer zum Zeitgeist. "Während KI mit sämtlicher Musik der Welt gefüttert wird, haben auch die Mitglieder von Geese ganz offensichtlich sehr, sehr viel absorbiert". Generation Playlist eben. Doch "während KI mit dieser Fülle an Material Songs generiert, indem sie das 'Nächstwahrscheinliche' errechnet ... scheint Geese mit diesem Erfahrungshorizont genau das Gegenteil zu tun: Sie suchen das Unerwartete. ... Eine seltene Mischung aus Chaos und Ordnung im Werk von Geese fordert und überfordert im besten Sinne. Es erklärt sich nicht. Und ist damit ein eigenwilliger, menschlicher Block inmitten von Smartphone-Müdigkeit, die junge Menschen tatsächlich wieder zu MP3-Playern und alten Kameras treiben soll, und einer unaufhaltsamen Welle KI-generierter Musik, die die Streaming-Dienste zu überschwemmen droht. Geese ist das, was dazwischen übrig bleibt und damit etwas menschlich Analoges ausdrückt."



Weiteres: Peter Unfried plaudert in der taz mit BAP-Musiker Wolfgang Niedecken, der am Montag 75 Jahre alt wird. In der FAZ porträtiert Tilman Spreckelsen den Liedermacher Stephan Sulke. Besprochen werden eine Schönberg-Ausstellung in Wien (Standard), ein Frankfurter Konzert von Kraftklub (FR) und das neue Album des Wiener Schrammel-Trios Topsy Turvy (Standard).
Stichwörter: Geese

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2026 - Musik

Hilka Dirks unterhält sich für die taz mit Robyn über deren neues Album "Sexistential". Besprochen werden Ensos Album "Peaceful Dwelling" (FR) und Rayes Album "This Music May Contain Hope" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2026 - Musik

Die Komponistin Charlotte Seither steht in der FAZ einem neuen Antrag zur Strukturreform der GEMA sehr skeptisch gegenüber. Sie fürchtet eine einseitige Übernahme der GEMA durch die Fraktion der Unterhaltungsmusik - nicht nur, was Tantiemen, sondern auch was Stimmrechte betrifft. "E-Komponierende müssen mit der Reform von einem Einkommensverlust von 70 Prozent und mehr ausgehen. Während das Einkommen also drastisch sinkt, wird die Zugangsschwelle zur Ordentlichen Mitgliedschaft gerade nicht abgesenkt - man kann dies nur als gezielten politischen Willen deuten." Denn dafür "muss ein E-Komponist nach der Reform das 9,15-Fache (!) des durchschnittlichen E-Einkommens aufbringen - ein faktisches Knock-out. ... Mit ihrer neuen Gremienarchitektur zeigt die GEMA, dass sie ihr politisches Machtzentrum immer enger im 'Gleich unter Gleichen' aufteilt. Die politische Entscheidungsmacht wird also gerade nicht auf viele, bunte, unabhängige Köpfe verteilt: Wer mit der Reform also nicht nur einen Vielfaltsflyer, sondern auch eine Vielfaltsdemokratie im politischen Maschinenraum der Macht erwartet hat, wird enttäuscht."

Regine Müller resümiert in VAN die Berliner MaerzMusik, die sich im vierten Jahr der Leitung von Kamila Metwaly im Vergleich zu den Jahrgängen ihres Vorgängers Berno Odo Polzer sehr verändert habe - weg von der "Seminaritis", die die FAZ dem Festival einst bescheinigt hat, wieder zurück zur Musik. Zum Auftakt gab es Georg Friedrich Haas' "11.000 Saiten" - zwar keine Premiere, aber "Haas' hochkomplexe Komposition entfaltet erneut ihre sogartige, überwältigende Wirkung, das dem in der Mitte sitzenden Publikum eine auch physisch extreme Erfahrung bietet und ein Klangerlebnis, das mit minimalen Verstimmungen ganz analog ein irisierend leuchtendes Oberton-Spektrum öffnet. '11.000 Saiten' entwickelt sich ganz offensichtlich zu einem Schlüsselwerk dieser Zeit. ... Haas, den man schon als den Bruckner des 21. Jahrhunderts tituliert hat, betont, dass sein Fokus auf die Wahrnehmung gerichtet sei, - 'dass also Musik von Menschen für Menschen gemacht wird - ist für mich der springende Punkt'."

Weiteres: Im VAN-Kommentar freut sich Merle Krafeld zwar, dass immer mehr Häuser im Klassikbetrieb klimaeffizienter werden, allein, es bekommt kaum jemand mit: "Die Klassikwelt, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse sonst auch gerne mal verschläft oder absichtlich ignoriert, sollte sich in diesem Fall vielleicht ausnahmsweise etwas lauter feiern." Julian Weber berichtet in der taz vom Babel-Festival in Marseille. Marcus Stäbler trauert in der NZZ um das Hagen-Quartett, das sich nach seinem letzten Konzert am 28. März auflösen wird und dessen "Wagemut und feinnervige Sensibilität" wohl "schwer zu ersetzen sein wird". In der Jungle World schreibt Vojin Saša Vukadinović zum Tod von Bettina Köster. In VAN berichtet Susanne Westenfelder von ihrem Unbehagen beim Blick auf die Pläne zur Umarbeitung des Evangelischen Gesangsbuchs: Sie drohen "weiter auszuhöhlen, was die protestantische Kirchenmusik einst zu einem einzigartigen kulturellen Projekt machte". Christian Schachinger schreibt im Standard einen Nachruf auf den Pop-Komponisten Chip Taylor.

Besprochen werden neue Alben von Voodoo Jürgens (SZ) und Tyler Ballgame (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2026 - Musik

Nikolai Ott wirft für die FAZ einen Blick auf das Phänomen, dass sich insbesondere jüngere Protagonisten des Deutschrap für "White Girl Music" der frühen Zehnerjahre öffnen und deren Fundus also als Sample-Material aufgreifen. "Die Rapper zeigen, dass daran nichts unmännlich ist. Und mehr noch: dass die alte Unterscheidung zwischen 'echter' Musik und 'Guilty Pleasure' als Statusgeste mittlerweile brüchig wird. ... Auffällig ist nur: So selbstbewusst die Rap-Stars ihre neue Liebe zum Pop zelebrieren, so zurückhaltend bleibt die männliche Gefolgschaft, sich ernsthaft zu White-Girl-Pop oder, einfacher, zu Pop zu bekennen. Stattdessen bleibt es oft beim ironischen Vorbehalt, beim Zwinkern im Satz. In diesem Impuls, die neue Nähe zur Popkultur wegzuschieben, steckt deshalb wohl weniger Geschmack als ein Immunisierungsversuch gegenüber der aktuellen Kulturlandschaft, die sich im Pop-Revival ausdrückt: Wenn die Gegenwart überfordert, wird die Vergangenheit zur sicheren Zone - als Playlist, als Pose, als Erinnerung an eine Zeit, die zumindest im Rückblick geordneter wirkt." Hier greift Souly etwa auf "I Love It" von Icona Pop und Charli XCX aus dem Jahr 2013 zurück:



tazler Karl Bruckmaier gerät beim Blick ins fotografische Begleitmaterial des neuen Live-Albums "Bremen 1965" von Thelonious Monk sehr ins Schmunzeln: Während der Jazz sich in den USA seinerzeit schon ins Anarchische entgrenzt hat, trägt das deutsche Publikum "noch toupierte Haarpracht und Façonschnitt, Kostüm und Anzug, während Monk nach Zeitungsberichten an jenem Abend des 8. März 1965 einen grünen Anzug, knallgelbe Schuhe, eine rosa Krawatte und eine hohe russisch anmutende Pelzmütze präsentierte. Wie irritierend müssen seine exaltierten Bewegungen am Klavier gewesen sein, dieser Sitztanz einer Gottesanbeterin, dieses Scheppern und Klirren, dieses abrupte Abstoppen und neu Anfangen, diese eigentümliche Verwendung eines sich langsam verstimmenden Flügels als Schlagwerk, diese Reinkarnation des Klaviers als afrikanische Trommel. ... Es scheint mir unmöglich, nach diesem Abend weitergelebt zu haben wie davor."



Nicht nur Christian Schachinger im Standard, sondern auch der Perlentaucher hinter diesen Zeilen freut sich über das Comeback von Neurosis, die mit "An Undying Love for a Burning World" nach zehn Jahren ein neues Album vorlegen und mit Aaron Turner einen neuen Mann am Mikro präsentieren. Einst als Hardcore-Punk-Band gegründet, zählt die Band längst zu den Pionieren des Avantgarde-Metal. "Nach über die Jahre veröffentlichten Großtaten wie 'Souls at Zero' (1992), 'Through Silver in Blood' (1996) oder zuletzt 2016 'Fire Within Fires' wähnte man eigentlich, dass zum Thema Verlust, Trauma und überhaupt Welt, die in die Binsen geht, alles gesagt sei." Doch die Band lädt "ein weiteres Mal zum Totentanz ein" und lässt mitunter erahnen, "wie es klingt, wenn sich Pink Floyd in ihrer klassischen Astronautenphase inklusive gezupfter Gitarre und Ikea-Sternteppich-Synthesizer in eine Punker-Hütte verirren würden. ... Wir blasen mit Neurosis metaphysischen Trübsinn" und "am Ende fühlt man sich restlos - und endgültig - verstanden. Das Leben kann jetzt weitergehen. Aber nicht für immer. Danke, so gut schlecht haben wir uns schon lange nicht mehr gefühlt."



"Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet in einigen Traditions-Feuilletons noch immer das Märchen des ungezügelten Genies fortgeschrieben und die Kunst als geniales Machotum verteidigt wird", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical mit Blick auf die Berichterstattung über die Auseinandersetzungen um den Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser. "Könnte es sein, dass es einigen Dinosauriern des Klassik-Feuilletons" - Brüggemann hebt Eleonore Büning, Manuel Brug und Jan Brachmann namentlich hervor - "gar nicht mehr um die Musik und ihre gesellschaftlichen Strukturen geht, sondern darum, dass sie im Wandel des Klassik-Geschäftes ihren eigenen Bedeutungsverlust spiegeln und deshalb mit einem merkwürdigen Furor aus Besserwisserei, Ignoranz und der Verteidigung von schlechtem Benehmen gegen ihn anschreiben? ... Einige Journalistinnen und Journalisten scheinen sich als letzte Gatekeeper der hehren Kunst zu verstehen. Wobei nicht wirklich klar ist, ob sie wirklich noch die Musik verteidigen, oder nur jene Stellung, die sie in dieser alten Welt früher selber einmal ausgefüllt haben: die Position der Autorität und der Macht. Ist das Wehklagen über das Ende der brutalen alten Klassikwelt also letztlich nur ein Wehklagen über das Ende der eigenen Rolle?"

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der Cantautore Gino Paoli im Alter von 91 Jahren gestorben ist - hier das ewig hinreißende Lied "Senza Fine". Besprochen werden ein Auftritt von Clueso in Frankfurt (FR), ein Konzert von Sebastian Gramss und Valentin Garvie in Höchst (FR), Melina Noras Mundart-Album "Momänt" (NZZ), Jack Harlows Album "Monica" (FAZ), eine Netflix-Doku über die Red Hot Chili Peppers (SZ) und Robyns neues Album "Sexistential" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2026 - Musik

"Wow! Das ist wirklich verdammt gut", staunt Maurice Summen in der taz über "A Plea", die Single-Auskopplung aus dem Debüt-Soloalbum "Honora" des Red-Hot-Chilli-Peppers-Bassisten Flea. Leider fällt der Rest des ziemlich jazzigen Albums nicht ganz so überzeugend aus, sondern wirkt eher wie ein Kessel Buntes: "So spielt er auf diesem Album nicht nur Bass, sondern auch Trompete und bläst etwa das legendäre 'Maggot Brain' von Funkadelic. Der Track 'Frailed' klingt wie 90er-Jahre-Electronic zwischen Drum-'n'-Bass-Breakbeat und TripHop-Einschläferung! ... Thom Yorke taucht auf dem Album als Gastsänger auf, genau wie Nick Cave", doch was "leider fehlt, ist ein zweites 'A Plea'. Hätte Flea es tatsächlich geschafft, ein ganzes Album auf diesem Niveau mit seiner Spitzenband einzuspielen, es wäre ein Werk für alle Ewigkeiten geworden. Aber gerade im weltweiten Jazz-Universum gibt es aktuell so unfassbar viel gute Musik, dass das Crossover-Album unseres liebsten Funky-Punks eher wie eine große Ehrerweisung an den Jazz klingt. Ein virtuoser oder innovativer Jazzkünstler ist Flea eben nicht."

Aber schon wirklich toll, wie geschmeidig sich Flea mit seinen über 60 Jahren durch das Video zu "A Plea" tänzelt (bei Netflix ist übrigens gerade eine gar nicht schlechte Doku über die Red Hot Chili Peppers zu sehen): 



Weitere Artikel: Das Comeback der K-Pop-Stars BTS, deren Konzert am vergangenen Samstag weltweit womöglich "Milliarden" gesehen haben, könnte man durchaus "vielleicht zwischen Beatlemania und Mondlandung" hängen, mutmaßt David Pfeifer in der SZ, und "in Seoul selbst ist das Comeback quasi ein Staatsakt". Natalie Lange plaudert im Tagesspiegel mit Popstar Robyn.

Besprochen werden Rosalías Auftritt in Zürich (NZZ), ein von Riccardo Chailly dirigiertes Konzert in Wien des Filarmonica dela Scala mit Pianist Alexandre Kantorow (Standard), ein Konzert von Khatia Buniatishvili in Frankfurt (FR), Meredith Monks Auftritt bei der Berliner MaerzMusik (FAZ, mehr dazu bereits hier) und neue avancierte Rockmusik, darunter Kim Gordons "Play Me" ("es fliegen die postmodernen Fetzen", schreibt Christian Schachinger im Standard).
Stichwörter: Flea