Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2024 - Kunst

Frances Benjamin Johnston, Präsidentensohn Quentin Roosevelt (links) und Roswell Newcomb Pinckney, Sohn eines Angestellten, im Garten des Weißen Hauses, 1902. Foto: Frances Benjamin Johnston/Library of Congress

"Diese Lady war ein Punk", schreibt Christine Klein in "Bilder und Zeiten" (FAZ) über die amerikanische Fotopionierin Frances Benjamin Johnston. Das ist natürlich rundweg positiv gemeint: "Es waren die Neunzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts, und Fotografie stellte eine relativ neue Technik dar, die noch nicht viele Menschen beherrschten. Diese Stelle als Fotografin des Weißen Hauses behielt sie stattliche fünf Präsidentschaften lang - in voller viktorianischer Montur mit wallendem Rock und Hut. Außer dem politischen Leben der Hauptstadt Washington fotografierte sie Schriftsteller und Kämpfer für Menschenrechte, Arbeiterinnen, Bergwerke und Waffenlager, nackte Männer und küssende Frauen. Sie dokumentierte Schulen für schwarze Menschen und Promi-Hochzeiten der weißen Oberschicht, fotografierte Sehenswürdigkeiten und Naturwunder, noble Gärten, verfallende Häuser - und wie zum Beweis der eigenen Existenz immer wieder sich selbst." (Mehr Bilder von ihr finden Sie hier und hier)

"Ein Gefühl der kognitiven Dissonanz" erlebt SZ-Kritiker Alexander Menden im Wuppertaler von-der-Heydt-Museum, wo er lernt, dass ein Faschist nicht nur großartige Kunst, sondern auch großartige abstrakte Kunst machen konnte. Gezeigt wird eine Retrospektive des argentinisch-italienischen Künstlers Lucio Fontana, der sich auch nach dem Krieg nie vom Faschismus distanzierte und dennoch mit den "Tagli", seinen geschlitzten Leinwänden, einen Einfluss auf die moderne Kunst hatte, der für Menden Malewitschs schwarzem Quadrat gleichkommt. Nach Kriegsende "machte er nicht wie Arno Breker weiter im heroischen Stil, sondern konzentrierte sich auf jene Abstraktion, mit der er sich bereits in den Dreißigerjahren beschäftigt hatte - auch dies also eine Fortführung, keine Zäsur" so Menden und blickt auf "die Serie 'Concetto Spaziale, La Fine di Dio': Diese großformatigen, eiförmigen Leinwände sind, mehr noch als die 'Tagli', Ausdruck von Fontanas Raumverständnis, das die Durchlässigkeit der Fläche zum Prinzip erhebt. Die Perforationen, wie eine fremdartige Schrift die grünen und braunen Farbebenen bedeckend, wirken keineswegs gewalttätig, wie Fontana-Kritiker gerne behaupten. Sie zeugen in ihrer luftigen Großzügigkeit vielmehr von einem geradezu liebevollen Feingefühl des Künstlers für das Stoffliche seines Werks."

Besprochen werden Özlem Altıns Ausstellung "Prisma" in der Berlinischen Galerie (Tsp), die große Matisse-Ausstellung in der Fondation Beyeler (SZ) und die Ausstellung "Carol Rama. Rebellin der Moderne" in der Frankfurter Schirn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2024 - Kunst

Carol Rama, I due Pini (Appassionata) (La signora Macor), 1939. Privatsammlung, © Archivio Carol Rama, Torino, Foto: Pino dell'Aquila

FR-Kritikerin Lisa Berins wähnt sich in einer Gruppenausstellung italienischer Kunst, so genre- und stilübergreifend ist das Werk der Italienerin Carol Rama, das die Frankfurter Schirn nun in einer Retrospektive präsentiert. Ob Bricolagen mit Puppenaugen und Tierkrallen, Muster aus Autoreifen oder monochrome Bilder mit Reis - alle Arbeiten verbindet stets das Grenzsprengende, stellt Berins fest: "Ihre Themen sind höchst persönlich, ja, intim. Schon ihre erste Werkgruppe ist dabei in Motivik und Stilistik derart unangepasst, dass man es noch heute schwer hat, sie in eine Schublade zu stecken. Die Aquarell-Serie, die sie 1936 begann, zeigt: nackte Frauen, häufig mit antik-göttlichem Haarkranz, die einem die Vulva entgegenhalten oder gerade beim Verrichten eines Geschäfts sind, Zungen, die sich aus Mündern schlängeln, Gebisse und weitere, isolierte Körperteile und Prothesen, masturbierende nackte Männer. Würde man diese Aquarelle erotisch nennen? Oder sind sie obszön? Sind sie ein feministischer Kommentar? Ein autobiografischer Ausdruck? Eine gewollte Provokation?"

James Ensor: Bloemen en groenten. 1896. KMSKA

Gleich vier Ausstellungen gönnt Antwerpen dem belgischen Maler James Ensor zum 75. Todestag, staunt Dorothea Zwirner im Tagesspiegel: Das Königliche Museum der Schönen Künste feiert ihn als "Postmodernisten avant la lettre", das Museum Plantin-Moretus konzentriert sich auf den "experimentellen Grafiker", das Fotomuseum präsentiert Ensor als Referenz für die Maskeraden der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman und im Modemuseum wird der Künstler als Inspirator für Modeschöpfer und Maskenbildner betrachtet. Tonangebend ist dabei die Ausstellung im Königlichen Museum, die Ensor auch jenseits seiner "Vorliebe für das Makabre, Morbide und Groteske" zeigt, so Zwirner.

Weitere Artikel: Propalästinensische Demonstranten haben in der Londoner National Gallery Picassos Gemälde "Mutterschaft" attackiert und mit einem Poster überklebt, dass eine weinende Mutter aus Gaza mit verletztem Kind zeigt, meldet Len Sander in der Berliner Zeitung. Niklas Maak gratuliert dem Fotografen Thomas Struth in der FAZ zum Siebzigsten. Nachrufe auf die Künstlerin und Schriftstellerin Anita Albus schreiben Stefan Trinks in der FAZ und Antje Weber in der SZ.

Besprochen werden die Alison Knowles-Retrospektive im Museum Wiesbaden (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Schlaraffenland" im Dortmunder Kunstverein (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2024 - Kunst

Christofano Allori: "Studie eines Knabenkopfes mit Schirmmütze".

Noch bevor sich das Gastland Italien auf der Buchmesse präsentieren kann, begibt sich FAZ-Kritiker Stefan Trinks in Frankfurt auf eine Italienreise der besonderen Art: Unter dem Titel "Fantasie und Leidenschaft" zeigt das Städel nicht nur Barockzeichnungen von Carracci über Guercino bis Bernini, sondern regt auch zu großartigen Wiederentdeckungen an, freut sich Trinks - etwa Giovan Gioseffo dal Sole: "Seine um 1700 entstandene 'Madonna mit dem Kind' ist ein Meisterwerk der Modellierung von Licht und Schatten in Kohle, so sehr, dass ein beinahe weichzeichnerischer, farbiger Eindruck entsteht. Cristofano Alloris 'Studie eines Knabenkopfes mit Schirmmütze' von um 1600 in zwei verschiedenen Röteltönen bietet den Close-up ins Gesicht eines Knaben, das moderner nicht sein könnte: Die Iris funkelt in Rot, der Werkstattjunge wurde zum Role Model für viele Bildgelegenheiten." In der FR macht auch Lisa Berins überraschende Entdeckungen: "Traurig sind die Ansichten der sterbenden Elefantenkuh Hansken, von Stefano della Bella (1610-1664) gezeichnet. Hansken sollte als Geschenk nach Rom gebracht werden, starb aber 1655 in Florenz. Della Bella war vor Ort und fertigte fast schon reportagehaft das am Boden liegende Tier mit schlappem Rüssel und geöffnetem Maul, um das sich Schaulustige versammelten."

Videostill / Video still: Charlotte Johannesson, Untitled, 1981-1985. Courtesy die Künstlerin und / the artist and Hollybush Gardens, London

Carmela Thiele lässt sich in der taz zum Glück nicht abschrecken von dem sperrigen Titel "Key Operators - Weben und Coding als Mittel feministischer Geschichtsschreibung", den der Münchner Kunstverein für seine aktuelle Ausstellung gewählt hat. Entgangen wäre ihr sonst eine Schau, die äußerst "poetisch" dem Zusammenhang von Coding, Weben und Feminismus nachspürt: "Technik und Textilien scheinen auf ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Für das eine sind die Frauen zuständig, für das andere die Männer. Dabei war die Weberei lange harte Männerarbeit. Als um 1800 die Jacquard-Webstühle aufkamen, deren Metall-Lochkarten-Ketten nichts anderes waren als gestanzte Programme, wurden viele Weber und Weberinnen arbeitslos. Aus Protest warfen sie ihre Holzschuhe, ihre Sabots in die Mechanik ihrer fehlerfrei arbeitenden Konkurrenten und brachten sie damit zum Stillstand. An dieses Moment der Selbstermächtigung erinnert die Intervention 'Sabotage or Trophy' von Bea Schlingelhoff (geboren 1971). Sie platzierte Holzschuhe auf den Wänden des Kunstvereins, so dass der Eindruck entsteht, als sei auch im Kunstverein ein Akt der Sabotage im Gange."

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In der FAZ schreibt Andreas Platthaus den Nachruf auf die kurz vor ihrem 82. Geburtstag gestorbene Malerin und Schriftstellerin Anita Albus, die Pflanzenbilder malte, "wie man sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatte" und deren "Kühle und Präzision" sich auch in ihrer fiktionalen Prosa offenbarte als "jene charakteristische Grausamkeit eines Entomologen, der das Schöne töten muss, um es zu erforschen und zu bewahren, während aus ihrer Wissenschaftsprosa tiefe Zuneigung sprach."

Besprochen werden die Ausstellung "Impuls Rembrandt" im Leipziger Museum der bildenden Künste (Tsp), die Ausstellung "Caroline Bachmann: Le Rhin" in der Berliner Galerie Meyer Riegger (taz), die Noah-Davis-Retrospektive in der Kunsthalle Das Minsk in Potsdam (Zeit) und die Salomé-Ausstellung, mit der die Berliner Galerie Deschler, dem "Neuen Wilden" zum Siebzigsten gratuliert (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2024 - Kunst

Arnold Böcklin: Self-Portrait with Death Playing the Fiddle (1872). Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Photo: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Die Ausstellung zu den gotischen Wurzeln der künstlerischen Moderne im Ateneum, Helsinki, die Stefan Trinks in der FAZ durchstreift, ist für den Autor nichts weniger als "die gewagteste des Jahres". Die finnische Schau zeichnet laut Trinks nach, wie skandinavische und andere Künstler sich von vor allem deutscher mittelalterlicher Kunst inspirieren ließen und bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer genuinen modernen Bildsprache fanden: "Der um 1872 aufblühende Symbolismus etwa eines Arnold Böcklins ('Selbstbildnis mit fiedelndem Tod') oder Edvard Munchs mit seinen Vampirinnen, Totenschädeln und verhärmten Kindern wäre ohne mittelalterliche Wurzeln nicht denkbar. Stellvertretend hierfür ist das Museum mit dem Revaler Totentanz tapeziert. Genauso bedeutend wie die alle Stände gleichermaßen in den Tod ziehenden Totentänze waren für die Symbolisten Baldung Griens sinistre Hexensabbate, Generationenbilder und ambigue verführerische Madonnen."

Es muss sich endlich etwas tun in der politischen Auseinandersetzung um NS-Raubkunst, findet SZ-Autor Jörg Häntzschel. Insbesondere die Einrichtung einer Beratenden Kommission erwies sich als weitgehend wirkungslos (unser Resümee): "Zehntausende Werke hängen weiterhin in privaten Sammlungen und in staatlichen Museen. Die Beratende Kommission, die in strittigen Fällen Empfehlungen aussprechen sollte, hat in 21 Jahren nur 24 Fälle bearbeitet, vor allem, weil sie nur dann aktiv werden durfte, wenn beide Seiten zustimmten - also jüdische Familien und deutsche Museen. Es war ein bisschen so, als müsste ein Autobesitzer, dem sein Wagen geklaut wurde, die Einwilligung des Diebs einholen, um den Diebstahl vor Gericht klären zu lassen." Nun soll ein Schiedsgericht eingerichtet werden. Aber wird das Problem dadurch gelöst warden? Bisher spricht wenig dafür, meint Häntzschel.

Weitere Artikel: Silke Hohmann porträtiert die südkoreanische, derzeit in Berlin lebende Künstlerin Mire Lee in Monopol. Mire Lee arbeitet gerne mit Maschinen, die sich auf monströse Art und Weise verselbständigen. Frank Keil unterhält sich in der taz Nord mit dem Maler Dieter Glasmacher über dessen Ausstellung "Das muss geübt warden. Oben - Unten" in der Hamburger Galerie Feinkunst Krueger. Larissa Kikol interviewt für monopol den Künstler Marco Pariani.

Besprochen werden die Ausstellung "Über Grenzen" im Berliner Humboldt Forum, die DDR-Kulturgeschichte über aktuelle künstlerische Positionen erschließt (Tagesspiegel), die Schau "Yoko Ono - Music of the Mind" im Düsseldorfer K20 (SZ, monopol), Cosima von Knyphausens Ausstellung "Maestra" in der Berliner Galerie Thomas Schulte (taz Berlin), "Salomé 70" in der Berliner Galerie Deschler (Berliner Zeitung) sowie die Schau "Dialoge der Sammlung" zur Frühzeit der Fotografie im Photomuseum Braunschweig (taz Nord).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht "Erwin Wurm. Retrospektive zum 70. Geburtstag". Albertina Modern Wien. © Robert Bodnar

Am Künstler Erwin Wurm und seinen Skulpturen scheiden sich die Geister, weiß FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier, die einen finden ihn genial - die anderen oberflächlich. Zur Überprüfung besucht der Kritiker die große Retrospektive in der Albertina Modern in Wien. Eines ist zumindest klar, meint Hintermeier, die "landläufigen Vorstellungen, was eine Skulptur ausmache, unterläuft Wurm konsequent, bis dahin, dass er sie in Luft" auflöst: "Beheizte 'Substitutes', 'Skins' und 'Flat Sculptures' beschließen als Arbeiten aus der jüngsten Zeit die Schau. Dazu gehören große Skulpturen wie 'Rodins Mantel' (2023), der schwebend ohne Körper an dessen Träger, den französischen Schriftsteller Balzac, erinnern soll. Diesem widmet Wurm eine drei Meter zwanzig hohe Aluminiumplastik, Balzac ist nur bis zur Hüfte zu sehen, darüber türmt sich ein Berg von Textilien. Taschen aus Aluminiumguss kommen auf dünnen Stelzenbeinen daher und appellieren an unsere Konsumgewohnheiten. Überlebensgroße 'Skins', für die unter anderem Lars Eidinger Modell stand, gehen von den Sneakern bis zur Hüfte und dann in sich verjüngende, flache Armprofile über, die am Scheitelpunkt in sich verschränkende Hände münden."

Außerdem: Thomas Ribi erinnert in der NZZ an den Kunstsammler Werner Merzbacher, der als Kind vor den Nazis in die Schweiz floh und nun mit 96 Jahren verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Modern Times - Bilder der 1920er Jahre" im Museum für Neue Kunst in Freiburg (FAZ) und die Ausstellung "Über Grenzen. Künstlerischer Internationalismus in der DDR" im Humboldt-Forum in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2024 - Kunst

Stefan Trinks veröffentlicht in der FAZ eine Chronik der "durchgängig propalästinensischen" Artikel im Kunst-Magazin Hyperallergic. Wie zahlreiche Kunst- und Kulturbetriebe reagierte das Medium auf das Massaker des 7. Oktober mit Schweigen, um dann um so lauter gegen Israel zu hetzen. Hier zwei von Trinks aufgeführte Beispiele: "4. März 2024: Mit unverhohlener Freude wird von den massiven Protesten auf der Kunstmesse LA Frieze gegen Israel und dem Messe-Hauptsponsor berichtet: 'Deutsche Bank investiert in Völkermord'. Und 'Dekolonisierung ist mehr als nur ein Schlagwort in einer Pressemitteilung'." Oder: "Das bei der Räumung des Campus der Unis Washington und New York-Columbia beseitigte Propagandamaterial wie beschriftete palästinensische Fahnen wird in Hyperallergic als wüster Ikonoklasmus und als Vernichtung von Kunst beklagt."

Außerdem: Dorothea Zwirner besucht für den Tagesspiegel Ausstellungen zum 75. Geburtstag des Malers James Ensor, die die Stadt Antwerpen zum Beispiel im Königlichen Museum der Schönen Künste und im Museum Plantin-Moretus zeigt. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg Kolbe Museum in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2024 - Kunst

Hamid Zénati, ohne Titel, undatiert, Foto: © Hamid Zénati Estate, Foto: Maximilian Geuter

Leider nur posthum wird dem deutsch-algerischen Textilkünstler Hamid Zénati die Aufmerksamkeit zuteil, die er verdient, bedauert Lisa Berins in der FR. Eingeschränkt durch einen unsicheren Aufenthaltsstatus, konnte Zénati nie die nötigen Schritte gehen, um sich in der Öffentlichkeit zu etablieren, so Berins. Zum Glück zeigt das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt nun in einer "üppigen" Schau seine Werke, die die Kritikerin in einen regelrechten Farbrausch versetzen: "Er bemalte Stoffe, die zum einen eine Budget-Alternative zur Leinwand waren, auf der anderen Seite auch praktisch einrollbar in einen Koffer überall hin mitgenommen werden konnten. Zénati reiste gern und oft; nach Algerien, in die Wüste, nach Indonesien, durch Kuba und Indien. Seine Technik war die des Cut-Outs: Er legte Schablonen auf die Textilien, auf Baumwolle oder Leinen, und malte sie ab. Es müssen unglaublich viele Schablonen gewesen sein, nie scheint sich ein Muster zu wiederholen. Manchmal erinnern die Bilder an volkstümliche Kunst, an Native Art, mal an Pop-Art, an die Abstraktion der frühen Moderne, an Graffiti. Hier und da erkennt man Figuratives; einen Kopf, ein Ufo, eine Gestalt, ein Insekt."

Außerdem: In der taz berichtet Regina Müller von der Versteigerung der Kunstsammlung des Kurators Kasper König. Evelyn Wöldicke wird neue Direktorin der Liebermann-Villa, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Besprochen werden die Erwin Wurm-Retrospektive in der Albertina Modern in Wien (Welt) und die Ausstellung "Albert Oehlen: Schweinekubismus" in Galerie Max Hetzler in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2024 - Kunst


Alex Müller: Der Anfang steht schon fest. Bild: Galerie Haverkampf Leistenschneider.

Die Künstlerin Alex Müller hat in ihrer Ausstellung "Der Anfang steht schon fest" in der Berliner Galerie Haverkampf Leistenschneider mit leicht entfremdeten Alltagsgegenständen ein kleines, wundersames Kuriositätenkabinett geschaffen, das Jonas Sanden im Monopol-Magazin begeistert: "Dem Publikum begegnen vertraute Objekte - eine Badewanne, ein Spiegel, ein Esstisch, Besteck und Sitzmöglichkeiten. Durch Müllers Hand sind sie jedoch zu surrealen Kreationen transformiert und, obwohl in gewohntem Kontext anzutreffen, ihres praktischen Nutzens beraubt. So sind Badewannen für gewöhnlich nicht mit Erbsen ausgekleidet, Tischdecken keine dreidimensionalen Textilreliefs, und Bänke bewegen sich nicht wie ein mechanischer Sysyphos immer wieder vor und zurück. Wie in einem Traum, in dem man die Skurrilität der Situation nicht erkennt, wirken auch Müllers Objekte sehr natürlich in ihrer Umgebung, als hätte es sie schon immer so gegeben. Das Träumerische führt sich in ihren Gemälden fort, in denen Personen mit den abstrakten Hintergründen verschmelzen."

Im Tagesspiegel-Gespräch erinnert sich der in Dresden aufgewachsene Künstler Via Lewandowsky an den Mauerfall - und erste Berührungen mit Westkunst zu DDR-Zeiten: "Die wenigen Momente, in denen Bildwelten, Konzepte und Ideen über Kataloge oder Zeitschriften in diese Grauzone eingedrungen sind, hatten eine enorme Wirkung. Selbst kleine Krümel der Gegenwartskunst aus dem Westen konnten schon Denkrevolutionen auslösen. Sie waren wie Drogen. Ich ging während des Studiums in die Bibliothek des Kupferstich-Kabinetts und habe mir die Kataloge aus dem sogenannten Giftschrank angeschaut. Dafür brauchte es ein offizielles Schreiben eines Professors. Gerade diese Enthaltsamkeit in Dresden, dieses zusätzliche Ausgehungert-werden, weil dort medial nichts ankam, hat später für eine Explosion gesorgt."

Weitere Artikel: "Die Wahrheit ist dem Betrachter zumutbar", ärgert sich Stefan Weiss im Standard bezüglich der Paul Gauguin-Ausstellung "Unexpected" im Wiener Bank Austria Kunstforum, die die Auseinandersetzung mit den kolonialistischen und pädophilen Seiten des Künstlers ins Rahmenprogramm verdrängt hat.

Weiteres: Die Versteigerung aus dem Nachlass des Kunstsammlers Kaspar König hat sechs Millionen Euro eingespielt, meldet die FR. Der Tagesspiegel interviewt den Künstler Via Lewandowsky zu seiner DDR-Herkunft.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2024 - Kunst

Die Künstlerin Gabriele Stötzer, die sich mit ihren feministischen Arbeiten gegen das DDR-Regime auflehnte, saß ein Jahr im Gefängnis, jetzt hat sie den Bremer Pauli-Preis bekommen. Im großen Monopol-Gespräch fordert sie eine internationale "Politikverkehrsordnung", die extremistischen Parteien Politikverbot erteilt. Vor allem aber rechnet sie mit der DDR ab: Die Stasi habe versucht, Leute wie sie zu isolieren und in den Selbstmord zu treiben. In der Haft schließlich habe sie "gelernt, dass der Sozialismus, an den ich geglaubt hatte, eine Lüge war. Der Mensch bedeutete der Regierung gar nichts. Sie waren pleite und verkauften die politischen Gefangenen für viel Geld in den Westen. Die Strafen für die 'Politischen' fielen so hoch aus, damit sie teuer verkauft werden konnten, wie Fleisch. Das hätte ich unserem sozialistischen Staat nie zugetraut. Da habe ich die Hoffnung, den Sozialismus reformieren zu können, verloren."

Weiteres: Antje Weitzel ist ab sofort künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Künstlerhauses Bethanien, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Eine wichtige Ausstellung, die die Frage stellt, wie die Enkel der Holocaust-Überlebenden nach dem Tod der letzten Zeitzeugen die Familiengeschichte weitererzählen, annonciert Klaus Hillenbrand in der taz mit der Schau "Die dritte Generation" im Jüdischen Museum Wien. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Monet und London - Ansichten der Themse" in der Londoner Cortault Gallery (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2024 - Kunst

Daido Moriyama: From "Pretty Woman". Tokyo, 2017. © Daido Moriyama/Daido Moriyama Photo Foundation.

Wie im "Rausch" entstehen die Bilder des japanischen Fotografen Daido Moriyama, der sein Leben lang mit Kompaktkameras hunderte Kilometer durch Städte wie New York, Paris, London, vor allem aber Tokio streunte, meist gar nicht erst durch den Sucher blickte und einfach drauf losknipste, klärt uns Philipp Meier in der NZZ auf. Die "hypnotisierenden" Aufnahmen von Gebäuden, Leuchtreklamen, Passanten und Hotelzimmern sind derzeit in einer Retrospektive im Photo Elysée in Lausanne zu sehen, seine radikalen Ideen im Fotobuch "Farewell Photography" nachzulesen, so Meier und zitiert den Meister: "'Der Titel mag vielleicht ironisch klingen, aber er beschreibt meine Hassgefühle. Ich möchte mich von diesen spirituell friedlichen Fotografien verabschieden - anders gesagt, von Fotografien, denen die Realität fehlt', erklärte er dazu. Moriyama beschreibt sich als einen rastlosen Spaziergänger. Am liebsten macht er Schnappschüsse während des Gehens. Dann sei alles in Bewegung, er selbst und die Welt um ihn herum."