Eliza Goodpasture (Guardian) macht im RWA Bristol eine tolle Entdeckung: Erstmals seit ihrem Tod wird dort die Avantgarde-Künstlerin Paule Vezelay ausgestellt, die im Kreis von Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Sophie Taeuber-Arp und Jean Arp oder Joan Miro ein ganz eigenes Werk schuf: "Ihre Linien im Raum-Serien umfassen ihre Zeit in Paris und ihre Rückkehr nach England. Diese Arbeiten verbinden Skulptur und Malerei, oft mit Fäden, die über eine Leinwand gespannt sind, um eine Art Reliefskulptur zu schaffen, die an der Wand hängt. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie ihre anderen abstrakten Bilder, aber eine nähere Untersuchung zeigt ihre Dreidimensionalität. Der Ausdruck 'Linien im Raum' scheint Vézelays künstlerisches Ethos schön zu fassen: Ihre Werke kehren alle zu dieser Grundidee zurück."
Weitere Artikel: Nach Notre-Dame nun der Pariser Louvre: Emmanuel Macron hat angekündigt, "einen internationalen Architektenwettbewerb ausschreiben zu wollen, um den Louvre 'neu zu denken, zu restaurieren und zu vergrößern'. Nicht mehr als sechs Jahre soll die Bauzeit dauern, meldet unter anderem Martina Meister in der Welt: "2031 werde Frankreich die 'Neue Renaissance des Louvre' feiern".
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von RuthWolf-Rehfeldt in der Berliner Galerie ChertLüdde (Zeit), eine Ausstellung mit Fotografien der ehemaligen Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt im Berliner Chateau Royal (taz), die LilianeLijn-Ausstellung "Arise Alive" im Wiener Mumok (taz, mehr hier), die Ausstellung "Nachts" des Berghain-Türstehers Mischa Fanghaenel in der Berliner Fotografiska (Tsp).
Erschreckendes berichtet Kerstin Holm in der FAZ über den Stand der Dinge in der russischen Kulturpolitik. Reihenweise werden Museumsleiter entlassen, die nicht zu 100% auf Putin-Linie einschwenken. Ein regierungseigenes Programm mit dem harmlosen Namen "Verwaltungshochschule in der Kultursphäre" geht derweil einen Schritt weiter und macht Museumsmitarbeiter fitt für den ideologischen Kampf: "Teil des Programms sind Trainingsaufenthalte im Wehrertüchtigungslager 'Stal' (zu Deutsch: Stahl) in der Nähe von Nischni Nowgorod, das der kriegsbegeisterte und deswegen mit westlichen Sanktionen belegte Schriftsteller Sachar Prilepin leitet. Deren Teilnehmer werden in Uniformen gesteckt, üben mit Kalaschnikow-Attrappen Angriffsoperationen im waldigen und im urbanen Gelände, die Handhabung von Drohnen und Erste Hilfe im Feld."
Weitere Artikel: Auf Anweisung Trumps stellt die Nationalgalerie in Washington ihre Gleichstellungsprogramme ein, erfahren wir in der FAZ von Frauke Steffens. Gleiches geschieht im Smithsonian Institute, so Maya Pontone auf hyperallergic. Annett Scheffel spricht für die Zeit mit sechs Künstlerin, die in den Bränden in Los Angeles ihre Häuser, Arbeitsstätten oder Kunstwerke verloren haben. Die Documenta hat die sechs Mitglieder ihres wissenschaftlichen Beirats ernannt, wie unter anderem der Standard berichtet. Ebenfalls im Standardlesen wir, dass die "Mona Lisa" im Louvre bald einen eigenen Saal erhält. Philipp Maier berichtet in der NZZ über den Diebstahl eines kulturell bedeutenden Goldhelms, der in Rumänien für Schlagzeilen sorgt.
Besprochen werden die Schau "Lobby Poems" im Wiener Palais Wilczek (Standard), die Gruppenausstellung "Swaying the Current" in der Berliner Zilberman Gallery (taz), die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), die Ausstellung "Hörner/Antlfinger: Parrot Terristories" in den Räumen des Tieranatomischen Theaters, Berlin (Tagesspiegel) und "A New Look at Cimabue" im Louvre (Tagesspiegel).
Außerdem: In der SZ erklärt uns Werner Bartens die "Ikonodiagnostik" - die Disziplin, Krankheiten auf Gemälden zu identifizieren. Besprochen wird die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie am Kulturforum in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung mit Kunst von David Lynch: "My House is on Fire. David Lynch" im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (tsp).
Patrick Bahners macht sich in der FAZ anlässlich der Ausstellung "Kritik im Nationalsozialismus", die im Kölner NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist, Gedanken zum Thema. Besprochen wird die Ausstellung "Cimabue neu sehen - Zu den Ursprüngen der italienischen Malerei" im Louvre in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Mary Heilmann" in der Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea in Turin (taz).
Raubkatze von Antonio Ligabue. Ausstellungsplakat Spätestens mit Giorgio Dirittis Film "Volevo nascondermi" ("Ich wollte mich verstecken") hat die Wiederentdeckung des italienischen Malers Antonio Ligabue eingesetzt, in den großen Nationalmuseen fehlt der psychisch labile Künstler, dessen Werk immer der "naiven Malerei" zugeordnet wurde, bis heute, weiß Karen Krüger (FAS). Umso glücklicher ist sie, dass mit dem Palazzo Pallavicino und dem Palazzo Albergati in Bologna gleich zwei Häuser dem Maler, der sein Leiden an der Welt in Bildern ausdrückte und sich auch mal in Trance-Zustände versetzte, in denen er die Laute und Bewegungen der zu malenden Tiere nachahmte, Ausstellungen widmen: "Ligabues Fauna ist … nicht unschuldig oder idyllisch, sie ist aggressiv, gewalttätig und rau, und wenn die Leinwände Laute von sich geben könnten, würden aufgebrachtes Vogelkreischen, Fuchsgebell und das wütende Brüllen von Raubkatzen den Palast aus dem 15. Jahrhundert erfüllen. Die Motive sind emotional stark aufgeladen, meistens sieht man einen Kampf um Leben und Tod oder um die Vorherrschaft des Stärkeren, doch nie so, dass sich eine moralisierende Aussage daraus ableiten ließe: Zwei Hähne belauern sich mit hochgestellten Kämmen, aufgeplustertem Gefieder und zum Sprung geduckt; eine Eule weidet in ihrem Versteck eine geschlagene Taube aus..."
Weitere Artikel: Laurence de Cars, Präsidentin und Direktorin des Pariser Louvre, sendet einen Hilferuf: Das Museum sei "besorgniserregend veraltet", meldet unter anderem Oliver Meiler in der SZ: "Da und dort regnet es sogar rein, neulich musste eine Ausstellung abgebrochen werden, weil der Saal nach einer mittleren Überschwemmung unter Wasser stand." In der Berliner Zeitungschreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 88 Jahren gestorbenen Ost-Berliner Fotografen Thomas Billhardt. In der FAZ resümiert Patrick Bahners eine Diskussionsrunde im Stiftersaal des Kölner Wallraf-Richartz-Museums zu "aktuellen und künftigen Herausforderungen" von Kunstmuseen. In Bilder und Zeiten (FAZ) würdigt Gina Thomas anhand der Ausstellungen "Drawing the Italian Renaissance" in der King's Gallery in London, "Michelangelo, Leonardo, Raphael - Florence" in der Royal Academy in London und "Dürer to Van Dyck - Drawings from Chatsworth House" in den National Galleries of Scotland in Edinburgh die Kunst der Zeichnung.
Franz Gertsch: Huaa...!, 1969, Copyright: Franz Gertsch AG. Eine Art postmoderne, "hedonistisch getriebene" Realität lernttaz-Kritiker Ulf Ziegler in der Franz Gertsch-Retrospektive "Blow up" in den Hamburger Deichtorhallen kennen, bei der der 2022 verstorbene Künstler zunächst Fotografiertes in nachgerade überwältigende Gemälde übersetzt: "Die Beziehung seiner Malerei - oft nur mit gewöhnlicher Wandfarbe auf unpräparierter Leinwand - zur Fotografie ist vampirhaft. Sie saugt das Fotografische auf und nährt sich davon. Von der Alltagsfotografie nimmt sie: die Kadrierung, den Moment, die Zeugenschaft und die Zärtlichkeit. Zugegeben, die Zärtlichkeit gehört nicht zu einer Theorie der Fotografie. In der Ergründung von Details bleibt der Maler nur vage in der fotografischen Logik, er folgt der Vermutung, was wohl mit einer Linse bei diesem Licht auf Kodachrome gebannt hätte werden können, stilistisch bis in das abstrakteste Flirren. Das Malerische daran ist die komplette Camouflage."
In der Ausstellung "Tedious and Brief" der Israelis Gili Avissar und Tamar Harpaz im Kunstverein Dresdenbetritt Marcus Boxler für Monopol ein "sensibel kuratiertes Refugium, das durch das große, der Straße zugewandte Schaufenster einlädt. Im Raum levitieren die farbenprächtigen Stoffarbeiten von Gili Avissar in der Nähe des Schaufensters, die Glasarbeiten und Objekte von Tamar Harpaz brauchen die Dunkelheit der abgelegenen Seite. Dort fügen sich ihre installativen Anordnungen von Glasplatten, Spielzeugen, Möbeln und anderen Objekten zu cineastischen Bildern zusammen." Boxler umtänzelt am Anfang die Frage, wie er über eine Ausstellung israelischer Künstler schreiben soll, die heute viele "provozieren" würde und lässt lieber die Künstler und Kuratorin Maja Gratzfeld sprechen. Sie "empfindet die 'Werke wie Waffen, aber weiche Waffen' und betont die 'Leichtigkeit - trotz allem.' Eben diese vermittelt die Ausstellung emotional, sobald sie betreten wird. Wie kleine Gesten, die wir praktizieren, um gegen das alltägliche Grauen zu protestieren. Niemand leugnet hier irgendetwas. Elefanten stehen im Raum, sie sind anwesend. Allerdings verwüsten diese Rüsseltiere den metaphorischen Porzellanladen in Form flatternder Stoffe und fragiler Glasobjekte nur, wenn sie aufgeschreckt werden. Und manchmal kann der Elefant im Raum stehen, ohne zu stören."
Weiteres: Monopolvermeldet den Tod der US-Künstlerin Jo Baer im Alter von 95 Jahren.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung).
Gabriel von Max, Licht!, Anfang der 1870er Jahre. Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst / Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Eigentum des Museums für Westliche und Östliche Kunst Odesa. Foto: Christoph Schmidt Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie, die in Sicherheit gebrachte Werke aus dem Odessa Museum neben Werken der Sammlung zeigt, ist nicht nur ein "politisches Bekenntnis zur bedrohten Kultur in der Ukraine", hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel fest. Sie wird auch zur "Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte": "Die Paarung zweier Gemälde von Bernardo Strozzi ... demonstriert, wie viel dieser italienische Maler von Caravaggio lernte, dessen Dreiviertel-Figur und Helldunkel-Regie er übernahm. Bei dieser Begegnung stammt das frühere Werk aus Odessa, eine Ecce-Homo-Darstellung (um 1625), bei der das Inkarnat des leidenden Christus im Zentrum erstrahlt. Als Kontrast dazu reißt der Scherge neben ihm seinen Mund voll schwarz verfaulter Zähne auf. Auf dem Berliner Strozzi-Bild - 'Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers' - steht neben der Hauptfigur an seiner Stelle ein junges Mädchen mit glühenden Backen, das gedankenvoll auf den abgeschlagenen Schädel schaut."
Weitere Artikel: Auf Monopolwürdigt Ingo Arend die Ausstellung "Anlatı Gücü İttifakı / Narrative Power Alliance" im Barın Han in Istanbul, die der immer aggressiveren Anti-Gender-Stimmung in der Türkeiqueere Kunst entgegensetzt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Henry van de Velde: "Reform of Life" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz und im Henry van de Velde Museum in Chemnitz (Monopol) und Refik Anadols Ausstellung "Glacier Dreams" im Kunsthaus Zürich, in der der türkische Künstler Kunst, KI und Klimakrise zusammenbringt (NZZ).
"'Und wie Sie sehen, sehen Sie nichts', das geflügelte Wort des legendären TV-Showmasters Hans-Joachim Kulenkampff taugt als Motto für die Gruppenschau 'After Images' in der Berliner Julia Stoschek Foundation", so Jens Hinrichsen im Tagesspiegel. Gezeigt werden Arbeiten, die das in der Kunst nach wie vor allgegenwärtige Primat des Visuellen in Frage stellen. "Eine einzige Bilderstürmerei, das Ganze. Von Giovanna Repetto, die Handspiegel mit Filzstift dicht gemalt hat, dass sie nichts widerspiegeln, über Rosa Barba, die einen blanken Filmstreifen durch einen Projektor laufen lässt, bis zu Theresa Baumgartner, bei der Glühlampen zu Signalgebern für Morsecodes mutieren."
Außerdem: In der tazrekonstruiert Bettina Maria Brosowsky die kurze Geschichte des Kunsthauses Göttingen, das 2021 seine Pforten öffnete, nun aber bereits wieder schließen musste. Claus Richter gratuliert für monopolJeff Koons zum 70. In der NZZbespricht Franz Zelger ein Buch David Schmidhausers über Schweizer Landschaftsmalerei.
Besprochen werden die Ausstellung "inside-out / outside-in" mit Werken des Fotografen Götz Diergarten in der Frankfurter Gallerie Sillem (FR) und die Schau "HELMA: Traumwelten" in der Berliner Galerie Poll (taz Berlin).
Nicole Heinzel, Ohne Titel (Schorfheide), 2018. Foto: Thorsten Jorzick Nicht weniger als "Welterfahrung im Medium der Zeichnung" will die Ausstellung "Zeichnung. Idee - Geste - Raum" im Bochumer Museum unter Tage vermitteln, und im Tagesspiegel lässt sich Nicola Kuhn gern auf "beglückende Zwiegespräche" mit rund achtzig KünstlerInnen ein. Den Höhepunkt bilden für sie die abstrakten Arbeiten: "Zu einer phänomenalen Serie geraten Ellsworth Kelly, dann Robert Ryman, auf die Hermann Glöckner folgt als Grandseigneur der offiziell unerwünschten DDR-Abstraktion. Seine mit einem einzigen Linienschwung aufs Papier geworfene 'Wellenform von links nach rechts verlaufend' nimmt es locker mit den beiden Amerikanern auf. (…) Zuletzt tritt die Zeichnung in den Raum, niemand könnte dies besser einlösen als Fred Sandback, der stets Schnüre und Stahldrähte von der Decke zum Boden spannte. In Bochum befinden sich drei Linien aus weißem Garn zwar straff an der Wand, in ihnen stecken aber genauso alle Dimensionen, ja die ganze Welt. Er arbeite nicht entmaterialisiert, betonte der Amerikaner stets."
Amy Fleming ist im Guardiansprachlos, dass die Malerin Hélène de Beauvoir in Vergessenheit geraten konnte, dabei stand sie ihrer Schwester Simone in Produktivität und Radikalität in nichts nach, wie die Kritikerin in einer Ausstellung in der Amar Gallery in London feststellen kann: "Die Ausstellung trägt den Titel 'The Woman Destroyed', nach der Sammlung von drei Geschichten von Simone aus dem Jahr 1967, die, abgesehen von Hélènes Porträts ihrer Schwester, die einzige künstlerische Zusammenarbeit der Geschwister war. Hélène schuf eine Reihe von Stichen, die die Gefühle einer der weiblichen Protagonistinnen widerspiegeln, deren Ehemann eine Affäre zugibt. Die Werke wurden damals in Paris ausgestellt und in der Zeitschrift Elle veröffentlicht. (…) 'Hélène war ihrer Zeit voraus', sagt Claudine Monteil, eine enge Freundin der Schwestern, die sechs Bücher über sie geschrieben hat und nach London reisen wird, um für die Ausstellung zu werben. 'Sie malte die Studentenrevolution von 1968 und widmete sich dann den Frauenthemen der siebziger Jahre sowie dem Schutz von Natur und Umwelt. In vielen ihrer Gemälde sind Tiere und Frauen zu sehen, von denen einige unterdrückt wurden. Sie malte auch Einwanderinnen - Frauen, die alles verloren haben. Sie hat das vor 50 Jahren gemacht.'"
Weitere Artikel: Jens Malling erinnert in der taz an den Brand der Nationalgalerie Abchasiens, dem die große Sowjet- und Avantgarde-Kunst umfassende Sammlung zum Oper fiel. In der FAZ gratuliert Stefan Trinks Jeff Koons zum Siebzigsten. Besprochen wird die Ausstellung "Peche Pop - Dagobert Peche und seine Spuren in der Gegenwart" im Museum für angewandte Kunst in Wien (FAZ, mehr hier)
In der FAZ lobt Erhard Grundl, kultur- und medienpolitischer Sprecher der Grünen, Claudia Roths Vorstoß, die "Beratende Kommission" für NS-Raubkunstfälle durch Schiedsgerichte zu ersetzen (unsere Resümees). Besprochen werden die Ausstellung "Politics of Love" im Kunsthaus Hamburg (taz) und die Ausstellung "Böse Blumen" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Welt).
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