Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3759 Presseschau-Absätze - Seite 42 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2025 - Kunst

Bild: Kerstin Flake, Fake Spaces: 03, C-Print, 2006. © Kerstin Flake

Eine Schau der besonderen Art erlebt Gunda Bartels (Tagesspiegel) mit der Ausstellung "States of Uncertain Domesticities" im Haus Kunst Mitte in Berlin, die sich ganz dem Thema Zuhause widmet: "Konkret und abstrakt zugleich mutet … die Installation 'Nestbau' der Bilderhauerin Liz Bachhuber an. Sie ist ein echter Hingucker. Das riesige Nest, das Bachhuber aus Birkenreisern gewunden hat, ist groß genug, um ein Kind aufzunehmen. Wie praktisch, dass darunter auch gleich ein stählerner Laufstall installiert ist. Seltsam nur, dass das Nest, bei dessen Anblick man sich gleich an Gaston Bachelards Klassiker 'Poetik des Raumes' erinnert fühlt, von bunten Kabelbindern zusammengehalten wird. Das Heim als Ort der Geborgenheit, des Schutzes, der unversehens zum Gefängnis werden kann. Auch für die osteuropäischen Pflegerinnen, die im Video 'Caregivers' von Libia Castro und Ólafur Ólafsson italienischen Familien die Pflegearbeit abnehmen. Solche Botschaften fügen sich nahtlos in die brüchigen Häuslichkeitsszenarien. Aber auch eine späte Wiedergutmachung, wie ein Video der Künstlerin Selma Selman. Sie entwirft in 'A Pink Room of Her Own', inspiriert von Virginia Woolf, ein Zimmer für ihre Mutter, die mit zwölf Jahren zwangsverheiratet wurde und nie ein eigenes besaß."

Eliza Goodpasture (Guardian) macht im RWA Bristol eine tolle Entdeckung: Erstmals seit ihrem Tod wird dort die Avantgarde-Künstlerin Paule Vezelay ausgestellt, die im Kreis von Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Sophie Taeuber-Arp und Jean Arp oder Joan Miro ein ganz eigenes Werk schuf: "Ihre Linien im Raum-Serien umfassen ihre Zeit in Paris und ihre Rückkehr nach England. Diese Arbeiten verbinden Skulptur und Malerei, oft mit Fäden, die über eine Leinwand gespannt sind, um eine Art Reliefskulptur zu schaffen, die an der Wand hängt. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie ihre anderen abstrakten Bilder, aber eine nähere Untersuchung zeigt ihre Dreidimensionalität. Der Ausdruck 'Linien im Raum' scheint Vézelays künstlerisches Ethos schön zu fassen: Ihre Werke kehren alle zu dieser Grundidee zurück."

Weitere Artikel: Nach Notre-Dame nun der Pariser Louvre: Emmanuel Macron hat angekündigt, "einen internationalen Architektenwettbewerb ausschreiben zu wollen, um den Louvre 'neu zu denken, zu restaurieren und zu vergrößern'. Nicht mehr als sechs Jahre soll die Bauzeit dauern, meldet unter anderem Martina Meister in der Welt: "2031 werde Frankreich die 'Neue Renaissance des Louvre' feiern".

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Ruth Wolf-Rehfeldt in der Berliner Galerie ChertLüdde (Zeit), eine Ausstellung mit Fotografien der ehemaligen Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt im Berliner Chateau Royal (taz), die Liliane Lijn-Ausstellung "Arise Alive" im Wiener Mumok (taz, mehr hier), die Ausstellung "Nachts" des Berghain-Türstehers Mischa Fanghaenel in der Berliner Fotografiska (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2025 - Kunst

Erschreckendes berichtet Kerstin Holm in der FAZ über den Stand der Dinge in der russischen Kulturpolitik. Reihenweise werden Museumsleiter entlassen, die nicht zu 100% auf Putin-Linie einschwenken. Ein regierungseigenes Programm mit dem harmlosen Namen "Verwaltungshochschule in der Kultursphäre" geht derweil einen Schritt weiter und macht Museumsmitarbeiter fitt für den ideologischen Kampf: "Teil des Programms sind Trainingsaufenthalte im Wehrertüchtigungslager 'Stal' (zu Deutsch: Stahl) in der Nähe von Nischni Nowgorod, das der kriegsbegeisterte und deswegen mit westlichen Sanktionen belegte Schriftsteller Sachar Prilepin leitet. Deren Teilnehmer werden in Uniformen gesteckt, üben mit Kalaschnikow-Attrappen Angriffsoperationen im waldigen und im urbanen Gelände, die Handhabung von Drohnen und Erste Hilfe im Feld."

Weitere Artikel: Auf Anweisung Trumps stellt die Nationalgalerie in Washington ihre Gleichstellungsprogramme ein, erfahren wir in der FAZ von Frauke Steffens. Gleiches geschieht im Smithsonian Institute, so Maya Pontone auf hyperallergic. Annett Scheffel spricht für die Zeit mit sechs Künstlerin, die in den Bränden in Los Angeles ihre Häuser, Arbeitsstätten oder Kunstwerke verloren haben. Die Documenta hat die sechs Mitglieder ihres wissenschaftlichen Beirats ernannt, wie unter anderem der Standard berichtet. Ebenfalls im Standard lesen wir, dass die "Mona Lisa" im Louvre bald einen eigenen Saal erhält. Philipp Maier berichtet in der NZZ über den Diebstahl eines kulturell bedeutenden Goldhelms, der in Rumänien für Schlagzeilen sorgt.

Besprochen werden die Schau "Lobby Poems" im Wiener Palais Wilczek (Standard), die Gruppenausstellung "Swaying the Current" in der Berliner Zilberman Gallery (taz), die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), die Ausstellung "Hörner/Antlfinger: Parrot Terristories" in den Räumen des Tieranatomischen Theaters, Berlin (Tagesspiegel) und "A New Look at Cimabue" im Louvre (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2025 - Kunst

Else Hertzer, Selbstportrait, vor 1920, 45 x 52 cm, Öl/Lw., Privatbesitz, Foto © Matthias Eckert

Wer hat schonmal von Else Hertzer gehört? Nein? Kein Wunder, meint Verena Harzer in der taz, denn die expressionistische Malerin wurde völlig vergessen, kein einziges ihrer Gemälde hängt in einem deutschen Museum. Zu Unrecht, findet Harzer, und freut sich, dass die Künstlerin Sabine Herrmann ihren Werken im Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 eine Ausstellung widmet: "Es gibt eine Notiz von Eberhard Roters, dem Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, über die Malerin. Auf einer Karteikarte vermerkte er 1990, dass ihre Freundschaft mit dem Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff an ihrem Stil erkennbar sei. Vor allem in den 'kraftvollen expressionistischen Aquarellen der zwanziger Jahre'. Ein gutes Beispiel dafür ist das Aquarell 'Vorstadthäuser' von 1919. Fast ganz in schwarzgrauen Tönen gehalten, ragt im Zentrum des Bildes ein einzelnes, um einen halboffenen Innenhof gebautes Mietshaus auf. 'Wie ein Grabstein', sagt Herrmann, der die Bewunderung für Hertzers Bilder deutlich anzumerken ist. Die schwarzen Fensterhöhlen blicken alle in den engen Hof und lassen die dunklen Wohnungen dahinter erahnen. Die Bäume vor dem Haus sind schwarz und kahl, genau wie die drei einsamen Gestalten dazwischen."

Außerdem: In der SZ erklärt uns Werner Bartens die "Ikonodiagnostik" - die Disziplin, Krankheiten auf Gemälden zu identifizieren. Besprochen wird die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie am Kulturforum in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung mit Kunst von David Lynch: "My House is on Fire. David Lynch" im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2025 - Kunst

Patrick Bahners macht sich in der FAZ anlässlich der Ausstellung "Kritik im Nationalsozialismus", die im Kölner NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist, Gedanken zum Thema. Besprochen wird die Ausstellung "Cimabue neu sehen - Zu den Ursprüngen der italienischen Malerei" im Louvre in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Mary Heilmann" in der Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea in Turin (taz).
Stichwörter: Nationalsozialismus, Louvre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2025 - Kunst

Raubkatze von Antonio Ligabue. Ausstellungsplakat

Spätestens mit Giorgio Dirittis Film "Volevo nascondermi" ("Ich wollte mich verstecken") hat die Wiederentdeckung des italienischen Malers Antonio Ligabue eingesetzt, in den großen Nationalmuseen fehlt der psychisch labile Künstler, dessen Werk immer der "naiven Malerei" zugeordnet wurde, bis heute, weiß Karen Krüger (FAS). Umso glücklicher ist sie, dass mit dem Palazzo Pallavicino und dem Palazzo Albergati in Bologna gleich zwei Häuser dem Maler, der sein Leiden an der Welt in Bildern ausdrückte und sich auch mal in Trance-Zustände versetzte, in denen er die Laute und Bewegungen der zu malenden Tiere nachahmte, Ausstellungen widmen: "Ligabues Fauna ist … nicht unschuldig oder idyllisch, sie ist aggressiv, gewalttätig und rau, und wenn die Leinwände Laute von sich geben könnten, würden aufgebrachtes Vogelkreischen, Fuchsgebell und das wütende Brüllen von Raubkatzen den Palast aus dem 15. Jahrhundert erfüllen. Die Motive sind emotional stark aufgeladen, meistens sieht man einen Kampf um Leben und Tod oder um die Vorherrschaft des Stärkeren, doch nie so, dass sich eine moralisierende Aussage daraus ableiten ließe: Zwei Hähne belauern sich mit hochgestellten Kämmen, aufgeplustertem Gefieder und zum Sprung geduckt; eine Eule weidet in ihrem Versteck eine geschlagene Taube aus..."

Camille Claudel, LʼÂge mûr (Das reife Alter), 1899, Musée Camille Claudel, Nogent-sur-Seine, Foto: © Marco Illuminati

Benno Schirrmeister ist in der taz zunächst irritiert: Ist es eine gute Idee, der Bildhauerin und Rodin-Geliebten Camille Claudel mit Bernhard Hoetger einen anderen Mann zur Seite zu stellen, um ihr zu gebührendem Ruhm zu verhelfen, wie es das Paula Modersohn-Becker-Museum in Bremen derzeit tut? Unbedingt, meint Schirrmeister, denn zum einen reinszeniert die Schau die gemeinsame Ausstellung der beiden im Jahr 1905 in Paris, zum anderen bekommt Hoetgers impressionistisches Werk etwas von Claudels Glanz ab. "Anhand eines alten Fotos hat man im Paula Modersohn-Becker Museum nachempfunden, wie Bernhard Hoetger und Camille Claudel 1905 in der Galerie Blot präsentiert waren, mit Art-Déco-Sockeln und Fächerpalme. Das hat Charme, ohne in Reenactment abzugleiten. In der Betonung des historischen Moments gelingt der Ausstellung, die zwei in ihrer bloßen Zeitgenossenschaft als Künstler*innen erfahrbar zu machen. Gerade dadurch lässt sich erkennen, wie weit sie sich damals vom gemeinsamen Bezugspunkt Auguste Rodin entfernt hatten: Anders als Rodin, arbeitete Claudel die raumgreifende Bewegung schon immer aus. Und Hoetgers Plastiken weisen früh einen Zug ins Monumentale auf, den eigentlich auch Rodin angestrebt habe."

Weitere Artikel: Laurence de Cars, Präsidentin und Direktorin des Pariser Louvre, sendet einen Hilferuf: Das Museum sei "besorgniserregend veraltet", meldet unter anderem Oliver Meiler in der SZ: "Da und dort regnet es sogar rein, neulich musste eine Ausstellung abgebrochen werden, weil der Saal nach einer mittleren Überschwemmung unter Wasser stand." In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 88 Jahren gestorbenen Ost-Berliner Fotografen Thomas Billhardt. In der FAZ resümiert Patrick Bahners eine Diskussionsrunde im Stiftersaal des Kölner Wallraf-Richartz-Museums zu "aktuellen und künftigen Herausforderungen" von Kunstmuseen. In Bilder und Zeiten (FAZ) würdigt Gina Thomas anhand der Ausstellungen "Drawing the Italian Renaissance" in der King's Gallery in London, "Michelangelo, Leonardo, Raphael - Florence" in der Royal Academy in London und "Dürer to Van Dyck - Drawings from Chatsworth House" in den National Galleries of Scotland in Edinburgh die Kunst der Zeichnung.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2025 - Kunst

Franz Gertsch: Huaa...!, 1969, Copyright: Franz Gertsch AG.

Eine Art postmoderne, "hedonistisch getriebene" Realität lernt taz-Kritiker Ulf Ziegler in der Franz Gertsch-Retrospektive "Blow up" in den Hamburger Deichtorhallen kennen, bei der der 2022 verstorbene Künstler zunächst Fotografiertes in nachgerade überwältigende Gemälde übersetzt: "Die Beziehung seiner Malerei - oft nur mit gewöhnlicher Wandfarbe auf unpräparierter Leinwand - zur Fotografie ist vampirhaft. Sie saugt das Fotografische auf und nährt sich davon. Von der Alltagsfotografie nimmt sie: die Kadrierung, den Moment, die Zeugenschaft und die Zärtlichkeit. Zugegeben, die Zärtlichkeit gehört nicht zu einer Theorie der Fotografie. In der Ergründung von Details bleibt der Maler nur vage in der fotografischen Logik, er folgt der Vermutung, was wohl mit einer Linse bei diesem Licht auf Kodachrome gebannt hätte werden können, stilistisch bis in das abstrakteste Flirren. Das Malerische daran ist die komplette Camouflage."

In der Ausstellung "Tedious and Brief" der Israelis Gili Avissar und Tamar Harpaz im Kunstverein Dresden betritt Marcus Boxler für Monopol ein "sensibel kuratiertes Refugium, das durch das große, der Straße zugewandte Schaufenster einlädt. Im Raum levitieren die farbenprächtigen Stoffarbeiten von Gili Avissar in der Nähe des Schaufensters, die Glasarbeiten und Objekte von Tamar Harpaz brauchen die Dunkelheit der abgelegenen Seite. Dort fügen sich ihre installativen Anordnungen von Glasplatten, Spielzeugen, Möbeln und anderen Objekten zu cineastischen Bildern zusammen." Boxler umtänzelt am Anfang die Frage, wie er über eine Ausstellung israelischer Künstler schreiben soll, die heute viele "provozieren" würde und lässt lieber die Künstler und Kuratorin Maja Gratzfeld sprechen. Sie "empfindet die 'Werke wie Waffen, aber weiche Waffen' und betont die 'Leichtigkeit - trotz allem.' Eben diese vermittelt die Ausstellung emotional, sobald sie betreten wird. Wie kleine Gesten, die wir praktizieren, um gegen das alltägliche Grauen zu protestieren. Niemand leugnet hier irgendetwas. Elefanten stehen im Raum, sie sind anwesend. Allerdings verwüsten diese Rüsseltiere den metaphorischen Porzellanladen in Form flatternder Stoffe und fragiler Glasobjekte nur, wenn sie aufgeschreckt werden. Und manchmal kann der Elefant im Raum stehen, ohne zu stören."

Weiteres: Monopol vermeldet den Tod der US-Künstlerin Jo Baer im Alter von 95 Jahren.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2025 - Kunst

Gabriel von Max, Licht!, Anfang der 1870er Jahre. Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst / Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Eigentum des Museums für Westliche und Östliche Kunst Odesa. Foto: Christoph Schmidt

Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie, die in Sicherheit gebrachte Werke aus dem Odessa Museum neben Werken der Sammlung zeigt, ist nicht nur ein "politisches Bekenntnis zur bedrohten Kultur in der Ukraine", hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel fest. Sie wird auch zur "Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte": "Die Paarung zweier Gemälde von Bernardo Strozzi ... demonstriert, wie viel dieser italienische Maler von Caravaggio lernte, dessen Dreiviertel-Figur und Helldunkel-Regie er übernahm. Bei dieser Begegnung stammt das frühere Werk aus Odessa, eine Ecce-Homo-Darstellung (um 1625), bei der das Inkarnat des leidenden Christus im Zentrum erstrahlt. Als Kontrast dazu reißt der Scherge neben ihm seinen Mund voll schwarz verfaulter Zähne auf. Auf dem Berliner Strozzi-Bild - 'Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers' - steht neben der Hauptfigur an seiner Stelle ein junges Mädchen mit glühenden Backen, das gedankenvoll auf den abgeschlagenen Schädel schaut."

Else Hagen: "Perleporten". 1950. ©Hagen, Else / Bono. Foto Nasjonalmuseet / Børre Høstland

Auf "Wolken feministischer Angst" blickt Eileen G'Sell (Hyperallergic) in den intimen Werken der norwegischen Malerin Else Hagen, der das Nationalmuseum in Oslo derzeit mit "Zwischen Menschen" eine große Retrospektive widmet. Hagen malte Mitte des vergangenen Jahrhunderts Frauen in Notlagen: "Ausgrenzung, Demütigung, Sexualisierung, Infantilisierung und Entfremdung im häuslichen Bereich." Und dennoch verlieh sie ihnen immer die Würde, die sie verdienen: "Trotz der Fußgängerhaftigkeit ihrer Schauplätze strotzen die Leinwände vor Energie. In 'The Roles Assigned' (1950), einem von Hagens größten Gemälden, sind drei nackte Frauen von schwebendem, zerknittertem Zeitungspapier umgeben. Zwei tragen weiße Masken mit roten Lippen, aber die dritte - ihr Blick ist auf etwas außerhalb des Bildes gerichtet und ihr Mund ist vor Besorgnis geöffnet - hat mit einer Hand ihre Maske abgenommen, während die andere um den Hals der Frau in der Mitte greift. Ganz links erscheint das maskierte Gesicht einer anderen Frau im Profil, als wolle sie den Konflikt voyeuristisch auswerten. Anonyme männliche Silhouetten prägen den Hintergrund, winzig vor den Körpern der Frauen; Wie in 'The Secret' scheinen sie für das Drama der Szene völlig nebensächlich zu sein."

Weitere Artikel: Auf Monopol würdigt Ingo Arend die Ausstellung "Anlatı Gücü İttifakı / Narrative Power Alliance" im Barın Han in Istanbul, die der immer aggressiveren Anti-Gender-Stimmung in der Türkei queere Kunst entgegensetzt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Henry van de Velde: "Reform of Life" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz und im Henry van de Velde Museum in Chemnitz (Monopol) und Refik Anadols Ausstellung "Glacier Dreams" im Kunsthaus Zürich, in der der türkische Künstler Kunst, KI und Klimakrise zusammenbringt (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2025 - Kunst

Friedrich Nerly, Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein, um 1838,
Bild: © Angermuseum Erfurt / D. Urban

Kaum ein Maler hat unser Venedig-Bild so geprägt wie der gleichwohl heute weitgehend unbekannte Friedrich Nerly, erläutert Stefan Trinks in der FAZ. Nerlys ikonische Nachtbilder der Lagunenstadt haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben - und eine dem Maler gewidmete Ausstellung im Erfurter Angermuseum macht es nun möglich, sein Werk noch einmal neu und umfassend zu erschließen. Trinks findet: Es lohnt sich. "Schreitet man nun auf der linken Wand an den von Rom aus besuchten Orten Olevano und Subiaco entlang und vollendet den Rundgang auf der rechten Wand mit Neapel, Capri und Sorrent, packt einen unwillkürlich schlimmstes Italienfernweh. Durch die hohe Kunst der 'Ölstudien', die als meist nicht verkauftes Arbeitsgrundlage für künftige Bilder im Atelier hingen, doch vor Ort in einer Art Vorimpressionismus-Pleinair auf Malpappe oder Täfelchen hingeworfen wurden, konnte Nerly das unverwechselbare Licht des Südens so festhalten, wie es eine Stunde später schon nicht mehr zu sehen gewesen wäre."

"'Und wie Sie sehen, sehen Sie nichts', das geflügelte Wort des legendären TV-Showmasters Hans-Joachim Kulenkampff taugt als Motto für die Gruppenschau 'After Images' in der Berliner Julia Stoschek Foundation", so Jens Hinrichsen im Tagesspiegel. Gezeigt werden Arbeiten, die das in der Kunst nach wie vor allgegenwärtige Primat des Visuellen in Frage stellen. "Eine einzige Bilderstürmerei, das Ganze. Von Giovanna Repetto, die Handspiegel mit Filzstift dicht gemalt hat, dass sie nichts widerspiegeln, über Rosa Barba, die einen blanken Filmstreifen durch einen Projektor laufen lässt, bis zu Theresa Baumgartner, bei der Glühlampen zu Signalgebern für Morsecodes mutieren."

Außerdem: In der taz rekonstruiert Bettina Maria Brosowsky die kurze Geschichte des Kunsthauses Göttingen, das 2021 seine Pforten öffnete, nun aber bereits wieder schließen musste. Claus Richter gratuliert für monopol Jeff Koons zum 70. In der NZZ bespricht Franz Zelger ein Buch David Schmidhausers über Schweizer Landschaftsmalerei.

Besprochen werden die Ausstellung "inside-out / outside-in" mit Werken des Fotografen Götz Diergarten in der Frankfurter Gallerie Sillem (FR) und die Schau "HELMA: Traumwelten" in der Berliner Galerie Poll (taz Berlin).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2025 - Kunst

Nicole Heinzel, Ohne Titel (Schorfheide), 2018. Foto: Thorsten Jorzick

Nicht weniger als "Welterfahrung im Medium der Zeichnung" will die Ausstellung "Zeichnung. Idee - Geste - Raum" im Bochumer Museum unter Tage vermitteln, und im Tagesspiegel lässt sich Nicola Kuhn gern auf "beglückende Zwiegespräche" mit rund achtzig KünstlerInnen ein. Den Höhepunkt bilden für sie die abstrakten Arbeiten: "Zu einer phänomenalen Serie geraten Ellsworth Kelly, dann Robert Ryman, auf die Hermann Glöckner folgt als Grandseigneur der offiziell unerwünschten DDR-Abstraktion. Seine mit einem einzigen Linienschwung aufs Papier geworfene 'Wellenform von links nach rechts verlaufend' nimmt es locker mit den beiden Amerikanern auf. (…) Zuletzt tritt die Zeichnung in den Raum, niemand könnte dies besser einlösen als Fred Sandback, der stets Schnüre und Stahldrähte von der Decke zum Boden spannte. In Bochum befinden sich drei Linien aus weißem Garn zwar straff an der Wand, in ihnen stecken aber genauso alle Dimensionen, ja die ganze Welt. Er arbeite nicht entmaterialisiert, betonte der Amerikaner stets."

Amy Fleming ist im Guardian sprachlos, dass die Malerin Hélène de Beauvoir in Vergessenheit geraten konnte, dabei stand sie ihrer Schwester Simone in Produktivität und Radikalität in nichts nach, wie die Kritikerin in einer Ausstellung in der Amar Gallery in London feststellen kann: "Die Ausstellung trägt den Titel 'The Woman Destroyed', nach der Sammlung von drei Geschichten von Simone aus dem Jahr 1967, die, abgesehen von Hélènes Porträts ihrer Schwester, die einzige künstlerische Zusammenarbeit der Geschwister war. Hélène schuf eine Reihe von Stichen, die die Gefühle einer der weiblichen Protagonistinnen widerspiegeln, deren Ehemann eine Affäre zugibt. Die Werke wurden damals in Paris ausgestellt und in der Zeitschrift Elle veröffentlicht. (…) 'Hélène war ihrer Zeit voraus', sagt Claudine Monteil, eine enge Freundin der Schwestern, die sechs Bücher über sie geschrieben hat und nach London reisen wird, um für die Ausstellung zu werben. 'Sie malte die Studentenrevolution von 1968 und widmete sich dann den Frauenthemen der siebziger Jahre sowie dem Schutz von Natur und Umwelt. In vielen ihrer Gemälde sind Tiere und Frauen zu sehen, von denen einige unterdrückt wurden. Sie malte auch Einwanderinnen - Frauen, die alles verloren haben. Sie hat das vor 50 Jahren gemacht.'"

Weitere Artikel: Jens Malling erinnert in der taz an den Brand der Nationalgalerie Abchasiens, dem die große Sowjet- und Avantgarde-Kunst umfassende Sammlung zum Oper fiel. In der FAZ gratuliert Stefan Trinks Jeff Koons zum Siebzigsten. Besprochen wird die Ausstellung "Peche Pop - Dagobert Peche und seine Spuren in der Gegenwart" im Museum für angewandte Kunst in Wien (FAZ, mehr hier)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2025 - Kunst

In der FAZ lobt Erhard Grundl, kultur- und medienpolitischer Sprecher der Grünen, Claudia Roths Vorstoß, die "Beratende Kommission" für NS-Raubkunstfälle durch Schiedsgerichte zu ersetzen (unsere Resümees). Besprochen werden die Ausstellung "Politics of Love" im Kunsthaus Hamburg (taz) und die Ausstellung "Böse Blumen" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Welt).
Stichwörter: Schiedsgerichte