Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2025 - Kunst

Gabriela Jolowicz, Nele und Donata im Bistro, 2024. © Gabriela Jolowicz. Der Holzschnitt ist neben anderen derzeit in der Ausstellung "Kirchner Holzschnitte. Benjamin Badock, Gabriela Jolowicz und Thomas Kilpper" in der Bremer Kunsthalle zu sehen


In der SZ stellt Johanna Adorján die Berliner Holzschnitt-Künstlerin Gabriela Jolowicz vor, voller Bewunderung für deren Fähigkeit, mit kleinsten Details die Gegenwart einzufangen: "Holzschnitt ist die älteste Drucktechnik der Welt", lernt sie, und "das erste Massenmedium. Genau das gefällt Gabriela Jolowicz auch so daran. Das Unelitäre. ... Der erste Holzschnitt, den sie je machte - die Jahreszahl 2005 ist eingeritzt -, gab direkt die Richtung vor, die sie bis heute verfolgt. Es war die Ansicht eines Betrunkenen, der in seinem Wagen eingeschlafen war. Sie hatte diese Szene im wahren Leben gesehen, als sie einmal ihren Vater, einen Landarzt, auf seiner Visite begleitete. Aus dem Gedächtnis zeichnete sie, wie der Arm des Mannes aus seinem kastenförmigen Wagen hing, und schnitzte es dann in eine Holzplatte. Ein zufälliger Anblick, einmal gesehen, nicht mehr vergessen, den sie wie einen Schnappschuss in Holz festgehalten hat. Ein Motiv, das nicht gerade danach schreit, als Kunstwerk verewigt zu werden. Genau das macht den aberwitzigen Charme von Gabriela Jolowicz' Arbeit aus: dieser Kontrast zwischen altmodischer Technik und extremer Heutigkeit, zwischen dem handwerklichen Aufwand und der Alltäglichkeit des Motivs."

Weitere Artikel: In der FAZ meldet Kerstin Holm, dass die Direktorin des Puschkin-Museums, Jelisaweta Lichatschowa, entlassen wurde, während sie im Urlaub war: Offenbar hatte sie die russische Museumspolitik etwas zu oft kritisiert und sich dann noch über Stalin lustig gemacht. Sophie Jung unterhält sich in der taz mit dem Künstler Heiner Franzen über dessen Videoprojekt "22 Anchors", für das er Gesprächspausen aus amerikanischen Nachrichtensendungen zusammengeschnitten hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2025 - Kunst

Sigmar Polke: So sitzen Sie richtig (nach Goya). Bild: Skarstedt.

Im Madrider Prado kommt der Künstler Sigmar Polke "zu höchsten musealen Ehren", hält Georg Imdahl für die FAZ in der Ausstellung "Affinities Revealed" fest, die vor allem Polkes Verhältnis zu Francisco de Goya untersucht. Polke faszinierte, dass Goya aufgrund von Materialmangel Bilder übermalen musste und so überraschende Überlagerungen entstanden sind, die nun technisch wieder sichtbar gemacht werden, erfahren wir: "In seinem Großformat 'So sitzen Sie richtig (nach Goya)' verleibt er sich das seltsame 'Capricho Nr. 26' von 1799 ein, jene Radierung mit der karnevalesken Szenerie zweier Mädchen, die jeweils einen Stuhl auf dem Kopf balancieren, wobei Polke, um den Surrealismus perfekt zu machen, auch noch eine Collage von Max Ernst in sein auf Stoff gemaltes Bild einblendet. In sarkastischen Werken bespiegelt Polke in den Achtzigerjahren einen in der Gesellschaft nach wie vor zirkulierenden Faschismus."

Offenbar nicht in der Mannheimer Ausstellung: Felix Nussbaums "Selbstbildnis an der Staffelei" von 1943.



In seinem Abendvortrag zur Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit. Ein Jahrhundertjubiläum" an der Mannheimer Kunsthalle, den die SZ gekürzt online gestellt hat, legt der Soziologe Natan Sznaider Wert darauf, die Bedeutung des neu-sachlichen Denkens auch für unsere Zeit herauszustellen: Die Neue Sachlichkeit ist "ein Versuch, die Wirklichkeit zu erfassen und die nackte Wahrheit aufzuzeigen. Es ist daher auch Aufklärung im besten Sinne. Es geht um das unsentimentale Klarsehen jenseits der üblichen linken und rechten Ideologisierungen der Welt." Auch die Wiederentdeckung jüdischer KünstlerInnen ist ihm ein wichtiges Anliegen, sind diese doch auch in der Nachkriegszeit noch verdrängt worden: Wer 1959 nicht auf dem Fest der Documenta II gezeigt wurde, "war unter anderem der neu-sachliche Maler Felix Nussbaum. Auch er lässt mit seinen Bildern Geschichten sichtbar werden. Nussbaums Werk malt die politische Ausgrenzung, die rassistischen Verfolgungen, die drohende Deportation, ja die eigene Vernichtung. Es ist die Literatur der Neuen Sachlichkeit auf die Leinwand gemalt. Die Eindringlichkeit gerade seiner letzten Gemälde entkoppelt den persönlichen Blick von seinem spezifischen Ort und seiner spezifischen Zeit und bringt auf diese Weise die Mauern der Gleichgültigkeit zum Einsturz, schafft also Räume des Mitfühlens."

Weiteres: Monopol feiert den 70. Geburtstag des Kunstsammlers Timo Miettinen mit einem Interview über finnische Kunst und deutsche Kulturpolitik.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2025 - Kunst

Hans Josephsohn. Ohne Titel. 1990. Laiton. Foto: Katalin Deér. Kesselhaus Josephsohn St. Gallen

Im Monopol-Magazin staunt Elke Buhr: So überraschend leicht und schön hat sie die "archaisch groben" Skulpturen des jüdischen, in Königsberg geborenen Künstler und Holocaust-Überlebenden Hans Josephsohn, der 1938 in die Schweiz floh, selten gesehen. Nun aber hat der Maler und Kurator Albert Oehlen Josephsohns eigensinnige, "schmerzhaft an der Grenze zur Formlosigkeit balancierende" Plastiken im Musée d'Art Moderne de Paris ausgestellt: "Oehlen platziert die Skulpturen in geradezu tänzerischen, geschwungenen Linien im Raum, stellt sie in Metallregale oder auf Holzpaletten wie zum Transport. Er behandelt sie wie Persönlichkeiten, die miteinander in Kontakt stehen, von den frühen, an ägyptische Statuen oder auch an Giacometti erinnernden Stehenden über die schwerbrüstigen Frauenbildnisse bis zu den späten, wie grobe Steingötter wirkenden Köpfen."

Bereits von 2009 bis 2017 war Ralph Gleis Kurator des Wien-Museums, zuletzt leitete er die Alte Nationalgalerie. Seit Anfang Januar ist folgt er auf Klaus Albrecht Schröder als neuer Generaldirektor der Wiener Albertina. Im FAZ-Gespräch mit Hannes Hintemeier sorgt er sich nicht um Kulturbudgetkürzungen unter der FPÖ und gibt einen Einblick in seine Planung, die vorsieht, das Museum "partizipativer" zu gestalten. Man wolle schließlich keine "Zwangsbeglückung". Zudem wage er viel Neues, etwa mit sechs Soloausstellungen über Künstlerinnen, darunter Jenny Saville, Jitka Hanzlová, Leiko Ikemura. "Wir wollen den für die Moderne angeblich immanenten Traditionsbruch untersuchen. Da werden Dürer und Grünewald neben Hauptwerken von Beckmann, Kollwitz und Munch hängen. Und man muss oft zweimal hinschauen, um zu erkennen, was Mittelalter und was 20. Jahrhundert ist. Das sind Projekte, die sich aus der wissenschaftlichen Bearbeitung der Sammlung ergeben, die ich verstärken möchte. Ich möchte auch internationale Kooperationen ausbauen: Wenn eine Kuratorin aus Oslo unsere Sammlung sichtet, tut sie das anders, als wir es tun würden. Skandinavien geht uns ohnehin weit voraus, was die Einbindung des Publikums und auch den Wissenschaftsbegriff in Museen angeht." Für den Standard hat Michael Wurmitzer mit Gleis gesprochen.

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel trifft sich Gunda Bartels mit dem Schweizer Fotografen Lukas Hoffmann, dessen Doppelbelichtungen und Fassadenfotografien derzeit in der Ausstellung "Sidewalks" im Berliner Haus am Kleistpark zu sehen sind. Weitere Nachrufe auf den verstorbenen Fotografen Oliviero Toscani schreiben Reinhart Bünger im Tagesspiegel und Hanno Rauterberg in der Zeit. In der FAZ erzählt die amerikanische Konzeptkünstlerin Kim Abeles von ihrer Arbeit mit inhaftierten Feuerwehrfrauen. Der Chemiekonzern Bayer möchte einen großen Teil seiner mehrere Tausend Werke umfassenden Kunstsammlung verkaufen, weil Bilder Mitarbeiter nicht mehr motivieren, meldet Jörg Häntzschel in der SZ.

Besprochen werden die Ausstellung "24-2=2022" in der Berliner St. Matthäus-Kirche, in der sich die ukrainische Künstlerin Alevtina Kakhidze und die polnische Künstlerin Renata Rara Kaminska mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzen (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Fotogaga. Max Ernst und die Fotografie" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2025 - Kunst

Medardo Rosso, Bambino malato, 1895 Foto: mumok / Markus Wörgötter Museo Medardo Rosso, Barzio

Begeistert stromert Stefan Trinks im FAZ-Auftrag durch die Ausstellung "Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur" im Wiener Mumok. Rosso ist der "bekannteste Unbekannte unter den Bildhauern", erläutert Trinks und sollte in einem Atemzug mit Rodin genannt werden. Neue Wege beschritt er unter anderem darin, dass er in seinem Werk die Bildhauerei konsequent mit anderen Künsten, unter anderem der Fotografie, verband. Besonders radikal sind seine Arbeiten "in der Denkmalplastik. Er holte die Dargestellten buchstäblich wie Rodin seine Bürger von Calais vom Sockel, bringt sie auf Augenhöhe mit dem Betrachter, weil dieser nicht mehr zu jemanden aufschauen sollte, der schon durch diesen 'himmelnden Blick', wie ihn die Kunstgeschichte nennt, heroisiert würde. Im italienischen 19. Jahrhundert des Risorgimento gibt es in jeder Stadt des Belpaese eine Straße, einen Platz oder ein Denkmal für Giuseppe Garibaldi. Auch Rosso versucht sich an einem Denkmal für diesen Nationalhelden, lässt Garibaldi aber nicht stehen, vielmehr unheroisch sitzen."

Einen Föhn stellen Jakob Lena Knebl und Markus Pires Mata im Landesmuseum Darmstadt neben das Bild eines Herrn mit Föhnfrisur, neben einen Mülleimer hängen sie Landschaftsmalerei. Das Kunst- und Designexpertenduo durfte für eine Ausstellung mit dem Titel "Ich muss mich erst einmal sammeln" die Depots des Museums durchforsten. Katharina J. Cichosch war für die taz vor Ort und freut sich: "Die gesamte Schau vollführt eine assoziative Vermengung aus High und Low, Kunst und Design, Natur und Kunst, den schönen und den praktischen Dingen. Vor Ort stellt sich bald eine gute Orientierungslosigkeit ein: Namen, Jahreszahlen, Epochen, bildungsbürgerliches oder akademisches Wissen sollen für den Ausstellungsbesuch keine Rolle spielen. Überhaupt keine, wie das Duo im Gespräch versichert."

Außerdem: Freddy Langer gratuliert in der FAZ dem Fotografen Andreas Gursky zum 70. Laura Ewert trifft sich für Monopol mit der Schweizer Künstlerin Sandra Knecht.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Mauer: vorher, nachher, Ost und West" im Berliner Max-Liebermann-Haus (Tagesspiegel), Max Schaffers Schau "Weihnachtsfeier der Senatsverwaltung für Finanzen (abgesagt)" in der Berliner Galerie Die Möglichkeit einer Insel (taz Berlin), die Schau "Ernst Ludwig Kirchner und die Künstler der Gruppe Rot-Blau" im MASI, Lugano (NZZ) und "Neue Sachlichkeit" in der Kunsthalle Mannheim (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2025 - Kunst

"Bosnian Soldier", 1994 © Oliviero Toscani/Benetton

Der Fotograf Oliviero Toscani, der mit seinen Skandal-Kampagnen für die Modemarke Benetton schockierte und faszinierte, ist im Alter von 82 Jahren gestorben. In den Achtzigerjahren warb er mit riesigen Plakatwänden, die das "blutgetränkte Hemd eines getöteten Soldaten" zeigten, erinnert Freddy Langer in der FAZ. Bald hatte sich für seine Strategie "eine eigene Vokabel etabliert: 'Shockvertising'". Toscani glaubt, so Langer, "sie eröffne den Menschen neue Perspektiven. Die Botschaft traditioneller Werbung, wonach man schön und erfolgreich würde, kaufe man ein bestimmtes Produkt, nannte er abfällig 'Schwachsinn', während er Kleidung benutze, um soziale Themen anzusprechen. Mit dieser Ansicht gewann er auch später noch Kunden. So fotografierte er 2007 für eine Jeans-Kampagne der Firma 'Nolita' das magersüchtige Fotomodell Isabelle Caro nackt ausgestreckt, nur Haut und Knochen."

In der SZ zeichnet Andrian Kreye Toscanis Werdegang nach: "Er hatte den Chef der Sportmarke Kappa überredet, eine Jeans-Kollektion mit dem Produktnamen Jesus herauszubringen. Sein Argument: Der Name habe einen hohen Wiedererkennungswert, sei seit zweitausend Jahren eine der erfolgreichsten Marken der Welt, aber nicht geschützt. Und so hingen zum Start in ganz Italien Plakate, auf denen nur ein Po in einer viel zu engen Jeans-Short zu sehen war, dazu ein Bibelvers als Slogan: 'Wer mich liebt, der folgt mir'." Bei Zeit Online schreibt Christoph Amend den Nachruf.
Stichwörter: Toscani, Oliviero

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2025 - Kunst

So soll es aussehen, das Häuschen auf dem Mond. Foto: The Moonhouse Gallery


Der schwedische Künstler Mikael Genberg "darf nach zwanzigjähriger Vorbereitung ein kleines schwedisches Sommerhäuschen auf den Mond schicken", freut sich Alex Rühle in der SZ. An Bord einer "Hakuto-R-Sonde des japanischen Raumfahrtunternehmens Ispace" soll das Häuschen auf dem Mond einen Platz finden - ein guter Weg, uns daran zu erinnern, wie glücklich wir uns schätzen können auf der Erde zu leben und (noch) nicht auf den Mond ausweichen müssen, findet der Kritiker, wo wir umgeben wären von "grauem Staub und ewiger, tödlicher Stille": "Genberg musste im Verlauf der Planung kleinere Abstriche machen. Ihm schwebte eigentlich ein Haus in der Größe eines Erwachsenen vor. Ispace war seinem Projekt sehr zugetan, will die Firma doch laut Eigenwerbung 'die menschliche Präsenz im Weltraum erhöhen'. Sie war aber nur bereit, sein Kunstwerk mitzunehmen, wenn es nicht mehr als 100 Gramm wiegt. Weshalb das Haus jetzt elf Zentimeter breit und acht Zentimeter hoch ist." Auf dieser Website wird der Countdown bis zum Launch runtergezählt.

Weiteres: In der Berliner Zeitung bespricht Ingeborg Ruthe das Buch "Der Mensch in der Skulptur - Figurative Kunst der Gegenwart" der Kunstkritikerin Helga Meister ("kurzweilig, voller Anekdoten und kompetenter Analysen", findet die Kritikerin). Besprochen wird die Ausstellung "Who, Me?" mit Werken von Adrian Piper in der Kunsthalle Portikus in Frankfurt am Main (taz).
Stichwörter: Genberg, Mikael

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2025 - Kunst

Noch Mitte der Neunziger wurde das Bild "Generativ" der Collage-Künstlerin Annegret Soltau nach Protesten aus mehreren Ausstellungen entfernt, erinnert Freddy Langer in der FAZ, weil es angeblich "schamverletzend" sei. So konservativ ist man heute zum Glück nicht mehr - und so kann Langer ihre Arbeiten in einer Ausstellung im Museum Goch bei Düsseldorf betrachten. Ein bisschen mitgenommen ist er aber auch von diesem Werk, das sich mit schmerzhaften Themen auseinandersetzt: dem verschwundenen Vater, der mangelnden Liebe der Mutter - Kunst ist für Soltau nicht "erlösend", so Langer, das Leid der Künstlerin wird sichtbar. In Bildern "mit bezeichnenden Titeln wie 'Körperöffnung' oder Aufnahmen von zerschnittenen Leibern wie auf dem Tisch eines Kriminalpathologen und zusammengeflickt, als entstammten sie dem Labor eines Doktor Frankenstein. Da sind Körper eng verschnürt oder eingewoben wie von Spinnennetzen, aber nicht aus Lust wie in den japanischen Fesselpraktiken des Bondage, sondern als Metaphern für ein Gefühl der Unfreiheit. Figuren sind neu zusammengesetzt mit enorm vergrößerten Augen oder Geschlechtsteilen anstelle von Bäuchen. Und es sind Gesichter zusammengenäht zu Fratzen aus den Augen, Nasen und Mündern von drei oder vier verschiedenen Menschen, bisweilen auch Tieren."

In der FAZ blickt Frauke Steffens nach Los Angeles, wo die verheerenden Brände auch Museen und Galerien bedrohen. Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ macht sich Raquel Erdtmann Gedanken über visuelle Strategien des historischen Antisemitismus. Dafür zeichnet sie den Lebenslauf des Betrügers Aron Abrahamsz nach, der 1737 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde sowie den Fall des Bankiers Joseph Süskind Oppenheimer, der 1738 in Folge einer antisemitischen Hetzkampagne hingerichtet wurde. Ebendort ergründet Thomas Combrink die graphischen Arbeiten des Schriftstellers Günter Kunert. Außerdem veröffentlicht die FAZ einige Fotografien von Alexandros Avramidis, der ukrainische Soldaten auf einer Pilgerreise in die Ägäis begleitet hat. Zeit Online meldet mit dpa, dass die bildende Künstlerin Katharina Fritsch den begehrten Kaiserring erhält. Besprochen wird die Ausstellung "Karl-Heinz Adler: Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen + Art (tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2025 - Kunst

Ruth Hebler: Karikaturmeter. Bild: Wilhelm-Busch-Museum.

Die Ausstellung "Künstlerische Intervention - Die Freiheit der Kunst - Zehn Jahre nach 'Je suis Charlie'" im Wilhelm-Busch-Museum Hannover versammelt allerhand Karikaturen und Auseinandersetzungen mit dem Anschlag, der vor zehn Jahren von islamistischen Terroristen verursacht wurde, berichtet Nadine Conti in der taz. Die Zeichnungen "sollen den Diskurs zur Freiheit der Kunst wiederbeleben. Der eben nicht nur historisch oder kulturalistisch geführt werden kann, sondern - angesichts von Rechtsruck und neuen Empfindlichkeiten - längst wieder mitten in modernen, europäischen Gesellschaften geführt werden muss, die vielleicht schon dachten, sie wären ihm entwachsen. Herausgekommen ist dabei eine wilde Mischung aus Beiträgen unterschiedlichster Spiel- und Tonarten. Da sind die klugen, nachdenklichen Beiträge einer Ruth Hebler, die etwa mit ihrem 'Karikaturmeter' dazu einlädt, sich zu überlegen, wo man sich selbst auf dem Spektrum der Meinungsfreiheit bewegt - zwischen harmlosem Katzencontent und zensiertem Propheten. Oder unter der Überschrift 'Humor ist eine ernste Sache' mit zwei Dutzend Denkblasen über dem Kopf der Zeichnerin vorführt, wie die Schere im Kopf schneidet: Versteht man das, so wie ich es meine? Lachen hier die Falschen? Auf den Shitstorm habe ich keinen Bock! Ist es das wert?"

Ausstellungansicht. Bild: Kunsthalle Recklinghausen.

Georg Imdahl unternimmt für die FAZ eine Zeitreise in der Ausstellung "Die Anfänge: Radical Innovations", die ihn in die Gründungszeit der Kunsthalle Recklinghausen führt: Sie "erzählt viel von der Kunst im Ruhrpott und den Künstlern um Emil Schumacher und Thomas Grochowiak in der Gruppe 'junger westen', bis heute kleingeschrieben, und von ihrer zeittypischen, regionalen Abstraktion. Deren Bilder hat die Kunsthalle Recklinghausen vielfach angekauft, weniger hingegen die der Malerinnen, die in den Fünfzigern in Recklinghausen in größerer Zahl ausgestellt haben, darunter Jeanne Coppel, Sigrid Kopfermann oder Hal Busse mit sehenswerten Bildern. Ihnen ist jetzt eine eigene Etage vorbehalten, eine andere den Männern. Man wird nicht überhäuft mit Werken, aber das Interesse an den Künstlerinnen ist geweckt.

Weitere Artikel: Im Silent Green im Berliner Wedding treffen bei der Ausstellung "UnNatural Encounters" Natur, Kunst und KI aufeinander, sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der European Media Art Platform. Bernhard Schulz trifft darin für Monopol "nicht nur eine Augen- und Ohrenweide, sondern auch eine zutiefst melancholische Erinnerung an die unvermeidbare Entfremdung des Menschen von der Natur." Eine weitere Besprechung findet sich im Tagesspiegel.

Besprochen werden:  "Still - Moving, Portraits 1992-2024" von Rineke Dijkstra in der Berlinischen Galerie (Monopol), die Hans Haacke-Retrospektive in der Frankfurter Schirn (Taz), "Yoko Ono. Music of the Mind" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (NZZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2025 - Kunst

Wax Follies, female impersonator group from Penang, 1982, found photo collection of Hoo Fan Chon

Sehr angeregt, wenn auch mit leichtem "Kopfbrummen" angesichts der Vielschichtigkeit der Schau kommt Jens Hinrichsen (Monopol) aus der Ausstellung "Young Birds from Strange Mountains" im Schwulen Museum in Berlin, das derzeit einen Überblick über queere Kunst im Pazifikraum gibt. Hinrichsen findet "einen überzeitlichen Resonanzraum, der queere Kulturschaffende über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg verbindet. 'Wissen der Vorfahren' und 'Spirituelle Wege' bilden denn auch zwei Kapitel der Ausstellung, die außerdem mit Überschriften wie 'Verkörperte Versprechen' und 'Tropische Technologien' gegliedert ist. ... 'Bongkar Pasang' heißt eine Soft-Skulptur der aus Yogyakarta stammenden Künstlerin Tamarra. Ein aus rotem Bast geflochtener und mit einer Holzmaske und Glöckchen verzierter Umhang, der auf Transgender-Schamanen in der Bugis-Kultur in Südsulawesi anspielt, denen ihre Götter die Macht verliehen haben sollen, den König zu beraten. Die Volksgruppe der Bugis kannte fünf soziale Geschlechter: 'Makkunrai' (feminine Frau), 'Calabai' (weiblicher Mann), 'Calalai' (männliche Frau), 'Oroané' (maskuliner Mann) und 'Bissu', den männliche und weibliche Energien verkörpernden Menschen, der mit den Göttern sprach."

Kurz nach Giorgia Melonis Regierungsübernahme im Oktober 2022 kündigte ihr damaliger Kulturminister Gennaro Sangiuliano eine große Futurismus-Ausstellung an, mit dem Ziel "die italienische Identität wiederbeleben", erinnert Ulrike Sauer in der NZZ. Nun ist die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom zu sehen, kritische Experten wurden zuvor aus dem beratenden Kuratorium geworfen - zu sehen ist eine Schau, die von der Nähe des Futurismus zum Faschismus nicht viel wissen will. Das könne man ja im Katalog nachlesen, bemerkt Gabriele Simongini, Kurator der Ausstellung und Kunstkritiker der rechten Tageszeitung Il Tempo gegenüber Sauer. Er führt sie lieber zu "Oldtimern und Wasserflugzeugen, die auf dem gebohnerten Museumsparkett platziert wurden. Da steht ein roter, 90 Jahre alter Maserati, den man zwei Tage lang polieren ließ. Am Steuer sei einst Tazio Nuvolari gesessen, der größte Rennfahrer seiner Zeit, sagt Simongini begeistert. Zu sehen ist auch das einzige erhaltene Exemplar des Fiat Siluro Chiribiri, dem 1913 ein Geschwindigkeitsrekord gelang, sowie Europas erstes Motorrennrad der Marke Frera. Die PS-Ikonen verkörpern die futuristische Verherrlichung von Geschwindigkeit, Dynamik und Kraft. Für den Kurator repräsentieren sie zudem die stolzen wirtschaftlichen Leistungen des Landes."

Weitere Artikel: Mit dem Kitsch von Jeff Koons kann Stefan Trinks (FAZ) in der Regel nicht viel anfangen. Wenn Koons seine Werke im Museo de Bellas Artes in Granada aber gemeinsam mit Picasso-Sohn Bernard und Pissaro-Urenkel, dem Kunsthistoriker Joachim Pissarro, nicht nur Werken von Picasso, sondern 36 anderen Werken von der Spätgotik bis zum Barock gegenüberstellt, lässt sich Trinks gern in einen philosophischen Dialog über den Begriff der Reflexion verwickeln. Gern posierte er vor der Kamera, selbst fotografierte Max Ernst nie. Welche große Rolle die Fotografie für den Surrealisten dennoch spielte, erfährt Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Fotogaga" im Berliner Museum für Fotografie, die vor allem Exponate aus der Sammlung Würth zeigt: "Technisch vielseitig wie kein anderer Surrealist schabte, schrubbte, kratzte, schraffierte und schnitt Max Ernst seine Motive zurecht." In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen der Illustratorin Jutta Bauer zum Siebzigsten. Im Tagesspiegel freut sich Alexander Conrad schon jetzt auf das an der Grunewaldstraße in Berlin bis 2027 entstehende "Bildlabor Kleistpark", das die vom Ehepaar Breu geführte Hegenbarth Sammlung Berlin beherbergen wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Träum weiter - Berlin, die 90er" in der C/O Berlin (taz), die Jeewi Lee-Ausstellung "Field of Fragments" in der Pankower Galerie Sexauer (taz), die Ausstellung  "Ein Funke im System - Revision, Perturbation, Selbstdekonstruktion" in der Stadtgalerie Kiel (taz) und die Gerhard Richter-Ausstellung "Verborgene Schätze. Werke aus Rheinischen Privatsammlungen" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (Tsp, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2025 - Kunst

Der Kunsthistoriker Peter Geimer beschäftigt sich auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ mit Gerhard Richters Werkzyklus "Birkenau", der auch im Deutschen Bundestag zu sehen ist. Richters Bilder basieren auf Fotografien, die vier Auschwitzhäftlinge 1944 heimlich anfertigten, um die Nazi-Mordmaschinerie zu dokumentieren. Richter übermalte die Aufnahmen und verwandelte sie in abstrakte Bildräume. Der Bezug auf die Schoah blieb zunächst implizit - in neueren Versionen des Zyklus wird er jedoch explizit betont, teilweise werden Richters Bilder gemeinsam mit Reproduktionen der Originale ausgestellt. Der Zyklus gilt als eines der zentralen Werke in Richters Schaffen und als gelungene künstlerische Bearbeitung des Holocaust. Geimer ist da deutlich skepktischer, schreibt von einer "atmosphärischen Aufladung durch das düsterste Ereignis der deutschen Geschichte bei gleichzeitiger maximaler Unverbindlichkeit der Form", die der Rezeption viele, vielleicht allzu viele Freiheiten lässt. Zumindest, meint er, wären korrekte Fotocredits angebracht: "Es wäre gut, wenn (...) an allen Orten, an denen über den Zyklus 'Birkenau' gesprochen wird, neben dem Namen des Künstlers Gerhard Richter auch die Namen derjenigen genannt würden, die im Sommer 1944 in einer kollektiven Anstrengung und unter Lebensgefahr vier Fotos an die Nachwelt gerichtet haben: Alberto Errera, Alter Fajnzylberg, Abraham Dragon, Shlomo Dragon."

Kulturkürzungen allerorten. Das Kunstforum Wien wird derzeit freilich nicht von Sparplänen der öffentlichen Hand bedroht, sondern vom Rückzug des Hauptsponsors Bank Austria. Hubertus Butin rekonstruiert den Fall für die FAZ und ist entsetzt über das Vorgehen der Bank: "Natürlich hat ein Wirtschaftsunternehmen das Recht und die Freiheit, seine Sponsoringpolitik zu ändern. Doch wie die Bank Austria dabei vorgeht, kann man nur als respektlos und schäbig bezeichnen. An einer fairen Übergangslösung hat Ivan Vlaho bisher kein aufrichtiges Interesse gezeigt, denn die Direktorin und das Team des Kunstforums erfuhren offiziell erst durch die Presseerklärung vom 9. Dezember von den Schließungsplänen. Anstatt zuvor persönliche Gespräche zu führen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wurde Ingried Brugger ohne Rücksicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Gesellschaftliche und kulturpolitische Verantwortung scheint der Vorstandsvorsitzende der Bank nicht zu kennen."

Außerdem: Im Standard zählt Michael Wurmitzer derweil auf, wer in Österreichs Kulturinstitutionen Leitungspositionen übernommen hat. Wilfried Weinke bespricht für die taz ein Buch der Kunsthistorikerin Helene Roth über emigrierte deutsche Fotografen in New York. Katharina Cichosch unterhält sich auf monopol mit dem Galeristen und Künstler Il-Jin Atem Choi über dessen Arbeit als Geschäftsführer der Produzierendengalerie Intershop in Leipzig.

Besprochen wird "Harald Frackmann: A World in Almost 12"X12"" in der Berliner Werkstadtgalerie (taz Berlin).