Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2024 - Kunst

Andreas Rossmann bilanziert in der FAZ die ersten Monate des neuen Uffizien-Chefs Simone Verde. Yelizaveta Landenberger berichtet von der Ukraine-Biennale in Chemnitz. Besprochen wird die Ausstellung "Richard McGuire - Then and There, Here and Now." im Cartoonmuseum Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2024 - Kunst

Bild: Akosua Viktoria Adu-Sanyah.

Ganz fasziniert von deren Neuartigkeit betrachtet Lisa Berins für die FR die Arbeiten der Fotokünstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah im MMK Zollamt Frankfurt. Die Ausstellung "Corner Dry Lungs", die auch aus der Trauer um ihren verstorbenen Vater entstanden ist "eine Work-in-Progress-Schau: Das Zollamt MMK ist zu einer Art begehbarem Studio der 1990 in Bonn geborenen und in Zürich lebenden Künstlerin geworden. Ihre Arbeit ist das Eintauchen in den Prozess der Fotografie. Niemals würde man sagen, dass diese monochromschwarzen Bilder analoge Fotografien sind. Sie sind es - auf der einen Seite. Andererseits sind sie das Ergebnis einer konzeptuellen Auseinandersetzung mit dem Material und dem Entstehen von Fotografie - ein Experimentieren auf der Metaebene. Dafür rollt Adu-Sanyah analoges, glänzend beschichtetes Fotopapier aus, das durch die wenigen Halogenlampen im Raum belichtet wird und damit eigentlich zerstört ist. Es färbt sich zunächst gelb und lachsrosa, dann violett. Danach bearbeitet sie das Papier mit Schwämmen und einem chemischen Entwickler, der die belichteten Stellen - also das gesamte Papier - schwarz färbt."

Die FAZ fragt beim Kunstfestival Steirischer Herbst nach, wie Heimatliebe aussehen kann, die nicht rechts ist. Jetzt, wo in Österreich Wahlen anstehen und die FPÖ eine reelle Chance hat, über Budgetkürzungen ihre Vorstellungen von Kunst durchzusetzen, liefert das Grazer Festival in verschiedenen Sparten erfolgreiche Gegenbeispiele, die von Victor Sattler bestaunt werden: "Das Video 'Voices' (2024) von Ieva Epnere ist ein kleines Meisterwerk. Es zeigt schöne Trachtenmode, wie sie die FPÖ öfter beim Steirischen Herbst sehen möchte, Stichwort Volkskultur. In diesem Fall ist es aber keine österreichische Tracht, sondern eine lettische. Und getragen wird sie nicht ausschließlich von gebürtigen Letten, auch nicht von Schauspielern, sondern von Mitgliedern eines obskuren Chors in Graz, dem Österreicher und Ukrainer angehören. Manche von ihnen seien auf unergründliche Weise zu ihrer Liebe für Lettland gekommen. Sie wirken im Video verloren in Raum und Zeit, scheinen voller Sehnsucht zu sein. In Detailaufnahmen und Totalen singen sie zwischen stillen Passagen ein lettisches Volkslied über den Sonnenauf- und -untergang."

Weitere Artikel: Die FAS begibt sich für die Ausstellungsreihe Borusan Contemporary in wochenends leergeräumte Istanbuler Bürogebäude. Kaspar König ist erst vor kurzem verstorben, jetzt wird seine Sammlung auf seinen eigenen Wunsch hin versteigert, berichtet die Wams.

Besprochen werden die Sylvia-Hagen-Ausstellung "Spuren: Bronze - Ton - Papier" auf Schloss Neuhardenberg (FR), die Thomas-Schütte-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (SZ) und die Ausstellung "THEATER" im Berliner Fluentum mit Werken von Calla Henkel und Max Pitegoff (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2024 - Kunst

Installation von Chiharu Shiota im KZ Ebensee. Foto: Oskar C. Neubauer

Das KZ Ebensee, eine Außenstelle des KZs Mauthausen, liegt in den Bergen nahe dem oberösterreichischen Kurort Bad Ischl, Zwangsarbeit und Mord sollten hier unauffällig abgewickelt werden, erinnert Regine Müller in der taz. In die dort liegenden Stollen hat sich die Künstlerin Chiharu Shiota mit 300 Kilometern Schnüren vorgearbeitet und bei Müller einen bestürzenden Eindruck hinterlassen: "Wassertropfen zittern schwer an den abertausenden von roten Schnüren, aus denen Shiota ihre Arbeit gewirkt hat. Im kalkulierten Gewirr der Fäden hat sie einen Reigen von 25 schwebenden roten, überlebensgroßen Kleidern hintereinander aufgehängt. Es sind feierlich schlichte, bodenlange Gewänder, die für religiöse Rituale taugen würden. Die Kleider haben ihre leeren Ärmel leicht ausgebreitet, die langen Schleppen sind von unsichtbarer Hand wie die Brautschleier bei royalen Hochzeiten leicht angehoben, damit nichts den schmutzigen Boden berührt. Schwerelos scheinen diese Gewänder von den Schnüren - sind es die Schicksalsfäden der Nornen?"

Claude Monet, Quai du Louvre, Detail, 1867 © Kunstmuseum Den Haag - bequest Mr. and Mrs. G.L.F. Philips-van der Willigen, 1942

Für seine Abschiedsausstellung setzt Ralph Gleis, scheidender Direktor der Alten Nationalgalerie, noch einmal auf seine geliebten Impressionisten, sogar Monets "Paris-Triade" ist dank Leihgaben aus Ohio, Den Haag und Paris erstmals vollständig in Deutschland zu sehen, staunt Ingeborg Ruthe, die in der Berliner Zeitung mit Monet, aber auch Caillebotte, Pissarro oder Renoir noch einmal vom Balkon aus auf Paris vor dem Modernisierungsboom blickt: "Allesamt waren sie begeistert von der Gegenwart, vom Zukunftsglauben, vom modernen Städtebau. Es gibt nur bunte, keine düsteren Schatten, kein Omen der Barrikadenkämpfe, des Blut-Mai 1871, des Deutsch-Französischen Krieges. Das Leben ist schön, trotz der Schlechtigkeiten der Welt: Es ist Frühling." Im Tagesspiegel feiert auch Bernhard Schulz die Ausstellung.

Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Ulrich Seidler von den Protesten gegen den CDU-Landrat Michael Geisler, der die seit einem Jahr durch Sachsen und Sachsen-Anhalt tourende Ausstellung "Es ist nicht leise in meinem Kopf" mit Porträts von Asylsuchenden kurzerhand aus den Räumen des Landratsamtes Sächsische Schweiz/Osterzgebirge in Pirna verbannte. Besprochen wird die Ausstellung "Mark Dion: Delirious Toys" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2024 - Kunst

Franz Gertsch: Huaa…!, 1969 Dispersion på ubehandlet halvlærred © Franz Gertsch AG

Monopol-Kritikerin Cornelia Ganitta erschrickt geradezu vor der Wucht der gigantischen Gemälde des Fotorealisten Franz Gertsch, die aktuell in einer Retrospektive im Louisiana Museum in Humlebæk zu sehen sind. Hingerissen ist die Kritikerin aber auch von den Holzschnitten, "die Gertsch ab Mitte der achtziger Jahre nach fotografischen Vorlagen anfertigte. Sie entstanden in aufwendiger Handarbeit aus verschiedenen Holzarten, hochwertigen Pigmenten und Japanpapier. Landschaft und Natur standen im Mittelpunkt der Künstler-Welt, die er nicht nur perfekt, sondern auch emotional wiedergeben wollte. (…) In seiner späteren Auseinandersetzung mit Natur- und Landschaftsmotiven wechselte Gertsch zwischen Malerei und Holzschnitt, bevor er in den 1990er-Jahren wieder zum Pinsel zurückkehrte. Aus Gräsern und einem vermeintlichen Unkraut, der Pestwurz, malte er 2021 Bilder von poetischer Schönheit in Lapislazuli."

Alice Springs: Sirpa Lane, Paris 1972.  © Helmut Newton Foundation.

Die Breite an Stars, die Alice Springs alias June Newton in ihrem Leben ablichtete, ist beeindruckend - reicht sie doch von Michel Foucault über Jane Birkin bis David Hockney, staunt Max Florian Kühlem in der SZ. Ergriffener aber zeigt er sich von den intimen Porträts, die Springs von sich und Ehemann Helmut Newton machte und die nun ebenfalls in der Retrospektive im Schloss Moyland in Bedburg-Hau zu sehen sind, etwa im Film "Helmut by June" von 1995: "Wie auf vielen Fotos sieht man sie auch im Film häufiger mit der Videokamera vor dem Spiegel stehen - als müsse sie sich vergewissern, nicht zu verschwinden an der Seite ihres berühmten Mannes. 'Die Zeitungen nennen ihn den König der Könige', sagt sie aus dem Off. 'Feministen nennen ihn einen Ausbeuter der Frauen. Sie fragen mich: Wie kannst du leben mit so einem Monster? Ich sage: Es ist leicht.'"

Kaum ein Künstler setzt sich derart intensiv mit dem Tod auseinander wie Gregor Schneider, sein radikalstes Projekt, einen Menschen auszustellen, der "eines natürlichen Todes stirbt oder gerade eines natürlichen Todes gestorben ist" blieb ihm aufgrund ethischer Einwände bisher verwehrt, weiß Jörg Restorff in der NZZ. Mit seinem aktuellen Projekt "Ars Moriendi", entstanden mit den Münchner Kammerspielen, nähert er sich aber seiner Idee: "Münchner, die alt oder schwer krank sind, wurden eingeladen, an dem Kunstprojekt ... mitzuwirken. In einer geschlossenen Kabine machen 120 Kameras gleichzeitig ein Bild des Teilnehmers. Aus den Einzelfotos entsteht danach ein dreidimensionales Gesamtbild der Persönlichkeit. Schließlich führt Schneider mit der Person ein Gespräch - über das Leben, über den Tod, über die Beweggründe, bei der Aktion mitzumachen. (...) Der Porträt-Scan und ein kurzes Tonprotokoll sind vom 19. Oktober an über eine App abrufbar - allerdings nicht überall, sondern nur an einem bestimmten Ort im Münchner Stadtraum: einem Ort nämlich, der in der Biografie des Teilnehmers eine herausragende Rolle spielt. Auf diese Weise wird das Gedenken im öffentlichen Raum individuell verankert."

Weitere Artikel: Für die taz berichtet Sophie Jung in einem vom Festival unterstützten Text vom Steirischen Herbst, der dieses Jahr unter dem Motto "Horror Patriae" in der Neuen Galerie Graz stattfindet und bei dessen Eröffnung bereits die Polizei einschreiten musste: "weil der in Wien lebende Künstler Yoshinori Niwa ... ein großes Fake-Wahlplakat direkt am Ausgang der Stadtbrücke installiert hatte. Fratzenartige, KI-generierte Wohlstandsmenschen schwingen darauf vor Alpenpanorama eine Käsekrainer-Wurst und werben mit der verdrehten Nazi-Sentenz 'Jedem das Unsere' für die 'Ehrlichste Partei Österreichs', kurz EPÖ."

Besprochen werden die Ausstellung "Christoph Schlingensief: Deutschlandsuche" in der Berliner Galerie Crone (Welt, mehr hier), die Ausstellung "La BD à tous les étages" im Centre Pompidou Paris (SZ, mehr hier), die Noah-Davis-Ausstellung im Postdamer Minsk Museum (FAZ, mehr hier), die Richard-Schwarz-Ausstellung im Klocker-Museum in Tirol (Standard) und der von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur und der Universität der Künste Berlin herausgegebene Prachtband "Karl Blossfeldt. Photographie im Licht der Kunst" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2024 - Kunst

Unter dem Titel "Les voix des fleuves/Crossing the water" findet derzeit die 17. Biennale von Lyon statt, eines der wichtigsten französischen Kunstevents, und im Tagesspiegel atmet Nicola Kuhn auf: Zwischen all den politischen Kunstereignissen fällt diese Biennale "sanfter, weiblicher" aus. Mitunter aber wird es auch bizarr, etwa in den Werken von Annette Messager, die in den Apothekerräumen des Grand Hotel-Dieu ausstellt: "In den geöffneten Schubladen und Schranktüren der ehemaligen Apotheke, ganz oben auf den Regalen neben geschnitzten Putten, hocken ihre Chimären aus Kuscheltier und realen Bewohnern der Natur, die präpariert sind. Das Gürteltier trägt einen Hundekopf aus Plüsch, auf einer Ente sitzt der Stoffkopf eines Huhns und umgekehrt, von oben äugt ein Fuchs niedlich aus den Knopfaugen eines Kuscheltiers herunter, in der Ecke eines Schranks hängt eine Fledermaus mit lachender Fratze. Es könnte einen schütteln, aber diese Art danse macabre ist keine Erfindung der Gegenwart, es gab ihn schon im Mittelalter. Jahrhunderte später sind wir dem Machbaren sehr viel näher gerückt."

Knapp hundert Jahre ist es her, dass Maurice Vlaminck in einem deutschen Museum gezeigt wurde, was möglicherweise auch an dessen Nähe zur Kunstpolitik der Nazis lag. Zum Glück spart die "prächtige" Retrospektive im Barberini Museum in Potsdam die Irrungen des Franzosen nicht aus, meint Ingeborg Ruthe (FR), die sich dann aber doch mehr am "rigoros farbkrachenden" Frühwerk erfreut: "Hier gärt schon der Most für die weit hochprozentigere Kunst des 20. Jahrhunderts. (…) Vlamincks wilder Stil war der deutschen Moderne, den 'Brücke'-Malern und der sieben Jahre später gebildeten Gruppe 'Blauer Reiter' nahe: die Stimmung als Weltzugang in einer synthetisierten Bildsprache. Die 'Fauves' wollten vor allem mit den Farben spielen. Dinge und Figuren hatten keine atmosphärischen Licht- oder Schattenseiten mehr. Alles erschien fast schemenhaft oder heftig konturiert. Wider alle künstlerischen Konventionen."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung kommentiert Ingeborg Ruthe die baldige Schließung des Berliner Grosz-Museums: "Es ist erstaunlich, wie abgeklärt der vor zwei Jahren so kühn und ambitioniert gestartete kleine Museumsverein nun das Feld, also den attraktiven Ausstellungsort in der Bülowstraße, räumt." Auch die Kunsthalle Baden-Baden stellt ihre Arbeit ein, zumindest solange das Badische Landesmuseum dort einzieht, während das Karlsruher Schloss saniert wird, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellungen "Gisèle Vienne: This Causes Consciousness to Fracture - A Puppet Play" im Berliner Haus am Waldsee, die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (beide SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Van Gogh, Poets & Lovers" in der Londoner National Gallery (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2024 - Kunst

Alison Knowles, Beans Rolls, 1963-64, Courtesy Alison Knowles. Foto: © Studio Alison Knowles

Gemeinsam mit Nam June Paik und George Macunias brachte die amerikanische Künstlerin Alison Knowles den Fluxus nach Wiesbaden, wirklich bekannt wurde sie im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern hierzulande nie, erinnert Katharina J. Cichosch, die sich in der taz freut, dass das Kunstmuseum Wiesbaden Knowles nun eine überfällige Retrospektive widmet. Ihre bekannteste Performance, die Zubereitung einer gigantischen Portion Salat, ist zwar nicht zu sehen, zu entdecken ist dennoch ein üppiges Werk, das Performances ebenso umfasst wie Buchobjekte oder Collagen und durch sein "Gespür fürs Magische" besticht: "Großformatige Cyanotypien auf Stoff, von der Sonne oder der Künstlerin selbst bedruckt, Foto- und Materialcollagen, Setzkästchen mit Alltagsfundstücken, große Bahnen naturgeschöpfter Papiere, die zum Relief über- und untereinandergelegt wurden. Konzentriert sind ihre Zusammenstellungen, oft aus dem gewöhnlichen Alltag geschöpft, aber reich. Und dann gibt es dreidimensionale Arbeiten wie das 'Fingerbook 3', ein Tableau zum Durchfahren mit den Fingern - Literatur zum wörtlichen Begreifen..."

Sarah Morris: "Library of Congress [Capital]", 2001. Privatsammlung, Devon, UK © Sarah Morris Foto: Stephen White / White Cube

Piet Mondrian hätte das Werk von Sarah Morris geliebt, ist sich Tagesspiegel-Kritikerin Adrienne Braun sicher - auch wenn die amerikanische Künstlerin ihre geometrischen Formen mit Bedeutung auflädt. Allerdings lassen meist nur die Werktitel erkennen, "dass bei ihren Gemälden reale Städte Pate standen", stellt die Kritikerin in der Retrospektive "All Systems Fail" im Kunstmuseum Stuttgart fest: Die "Farbflächen sind die ganz subjektive Antwort von Sarah Morris auf die Metropolen, die sie bereist. Mit dieser künstlerischen Haltung, die ästhetische Fragestellungen dem eigenen Empfinden unterordnen, weist die Malerei von Sarah Morris inzwischen eher in die Vergangenheit. Diese unbeschwert daherkommenden, poppigen Farbflächen erzählen vom Luxus einer Generation, die sich ganz dem Oberflächenreiz hingeben konnte und Selbstbezüglichkeit als Qualitätssiegel verbuchte - ohne den Anspruch, intellektuell tiefer zu graben oder sich ernsthaft der gesellschaftlichen Realität zu stellen."

Weitere Artikel: Monopol meldet, dass das kleine Grosz-Museum in Berlin wegen Förderungslücken vorzeitig schließen muss. In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zum Tod der DDR-Fotografin Barbara Berthold. Ebenfalls in der Berliner Zeitung besucht Ida Luise Krenzlin das Hotel Continental in Berlin Treptow, ein 2022 gegründetes Kunstzentrum zur Unterstützung von Künstlern aus der Ukraine und anderen Ländern, in denen Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden, aber auch für unabhängige Künstler aus der Freien Szene Berlins. Ein weiteres Werk von Ai Weiwei ist zerstört worden, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Täter, ein notorisch bekannter Kunstzerstörer, (…) nutzte einen unbeobachteten Moment im Foyer des Palazzo für seine Aktion. Dort war Ai Weiweis 'Porzellankubus' platziert, eine würfelförmige Skulptur aus blau-weiß glasierter Keramik."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "After Images" über Bildverweigerung in der Julia Stoschek Collection in Berlin (taz) und die Ausstellung "Auftreten im Bild. Positionen im kolonialen Kräftefeld" im Wiener Photoinstitut Bonartes (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2024 - Kunst

© Gerelkhuu Ganbold, 2023, Detail eines Bildes aus dem Zanabazar Museum

Stefan Trinks macht in der FAZ darauf aufmerksam, dass 2024 "deutsch-mongolisches Jahr" ist - bisher wird leider nicht viel darüber geredet, dabei werden gerade junge, mongolische Künstler immer erfolgreicher. In einer Schau im Museum Zanabazar in Ulaanbaatar ist nun eine Kooperation deutscher und mongolischer Künstler zu sehen: "Hart geht Gerelkhuu Ganbold mit der Politik seines Landes ins Gericht, wenn er auf einem Tableau 99 mongolische Krieger als Repräsentanten der alten Ordnung wie Warhol vervielfältigt, sie jedoch mit blutigen Schlieren überzieht. Ansonsten geißeln auf den oft Thangkha-artigen Bildern alte Dämonen neue Unarten wie Handysucht oder Neoliberalismus. Die deutschen Künstler des zweiwöchigen, quer durchs Land ziehenden Kunstcamps werden mit diesen verwoben: Über Eck zu einem Anti-Handybild hängen die mittlerweile von Miami bis Asien in Museen vertretenen Reiseaquarelle und Mind-Map-Collagen Franz Ackermanns, von denen das Eindrücklichste jenes Flug- und Flammenauge Albertis mit ausgreifenden Sehnerven zeigt, das mit seinen Strahlen-Wimpern dystopisch wie ein Mix aus mongolischer Sonne und Big Brother über einer Würfel-Stadt mit Sat-Schüsseln schwebt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ), Frans Hals in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ) und Lars Eidingers Fotoausstellung "O Mensch" im K21 in Düsseldorf (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2024 - Kunst

Henri Matisse, La fenêtre ouverte, Collioure (Das offene Fenster), 1905. National Gallery of Art, Washington, D. C.


NZZ-Autor Philipp Meier zeichnet anlässlich der großen Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler den künstlerischen Lebensweg Matisse' nach, der ein glattes Gegenprogramm zur herrschenden Kunstauffassung heute bietet, weil der Maler sich irgendwann entschied, dass Kunst nur dazu dienen sollte, "das Glück des Lebens zu feiern. Und dies ganz im Sinn eines L'art pour l'art, wie es Baudelaire imaginierte. Die Poesie habe keinen anderen Zweck als sich selbst, war dieser überzeugt: 'Sie kann keinen anderen haben, und kein Gedicht wird je so groß, so edel, so wahrhaft seines Namens würdig sein wie das Gedicht, das einzig um des Vergnügens willen, ein Gedicht zu schreiben, geschrieben wurde.' Diese Definition trifft auch auf das Werk von Matisse zu - eine Kunst, die schließlich im reinen Ornament ihre Vollendung fand. In seinen späten Scherenschnitt-Kompositionen - insbesondere der ikonischen 'Nu bleu'-Serie - befreite er nicht nur den weiblichen Akt aus seiner ihn einschließenden Umgebung zu einer autonomen und beinahe abstrakten Bildsprache. Der ganzen überbordenden Entfaltung der Welt ließ er nun gleichsam ihren freien Lauf in wuchernden Scherenschnitt-Bildern voller Akrobaten, Tanzenden, Badenden und Masken, mit Blumen- und Pflanzenmotiven."

Weitere Artikel: Der Standard unterhält sich mit der schweizerisch-österreichischen Künstlerin Nives Widauer über ihre Illustrationen zur Standard-Spezialausgabe zur österreichischen Nationalratswahl. Die FAZ unterhält sich mit dem Fotografen Sebastiao Salgado über KI-Kunst, die er wenig überraschend als seelenlos empfindet.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2024 - Kunst

Bild: Noah Davis, Untitled, 2015. The Museum of Modern Art, New York. © The Estate of Noah Davis. Courtesy The Estate of Noah Davis und David Zwirner

Der schwarze kalifornische Maler Noah Davis starb 2015 im Alter von nur 32 Jahren, 2022 wurde sein Werk auf der Biennale in Venedig gezeigt, nun präsentiert das Minsk Musem Potsdam die erste große Werkschau in Deutschland und in der Berliner Zeitung bewundert Ingeborg Ruthe die gleichermaßen "zärtlichen" wie "beunruhigend idyllischen" Bilder mit Alltagsszenen von Afroamerikanern, die sie ein wenig an Peter Doig oder Edward Hopper erinnern: "Alles mutet freundlich an, aber etwas stimmt nicht: Diese behutsamen Bilder hinterlassen ein Gefühl der Leere, die ein wenig unheimlich wirkt. Das Bildpersonal ist figurativ bis abstrahiert in oft verschwommene, stimmungsvolle Wohn-, Stadt- und auch Natur-Landschaften gesetzt. Oder es tanzen schwarze 'Schwanensee'-Ballerinen auf der Grünfläche zwischen genormten Siedlungs-Häuserzeilen am Stadtrand von Los Angeles. Auf dem nächsten Gemälde sitzt ein schwarzes Kind mit Knopfaugen wie in einem Comic auf dem Bett; neben ihm dicke Bücher. Als besage das, was afroamerikanische Mütter, Väter, Lehrer, Pastoren den Kindern immer wieder predigen: 'Lerne, lerne! Bildung macht Dich frei!'"

Die Welt erscheint heute als Künstlerausgabe, gestaltet von der britischen Künstlerin Tracey Emin, die in den letzten Jahren gegen Blasenkrebs kämpfte, ihr Leiden auf Instagram dokumentierte und Krankheit und Genesung auch in der aktuellen Welt-Ausgabe malerisch verarbeitet, wie Marcus Woeller schreibt: Zu sehen sind "weibliche Akte, Paare, schemenhafte Figuren, die sich in abstrakter, expressiver Malerei auflösen. Viele der Bilder sind schockierend, schmerzhaft anzuschauen, andere offenbaren eine große Zärtlichkeit der Künstlerin zu ihren Sujets. Doch immer wieder läuft Farbe die Leinwände herunter oder tränkt den Stoff, so wie Emins Körperflüssigkeit den Verbandsmull in ihrem Tagebuch. Sie habe nie Blut malen wollen, bekennt sie, aber in ihrer Malerei gebe es nun eine Verbindung zu den von ihrem Körperinnersten bemalten Stofffetzen in ihrem Skizzenbuch. Es sind mit die kraftvollsten Kunstwerke, die Emin seit Jahren geschaffen hat."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Landschaftsfotografien von Barbara Klemm in der Frankfurter Galerie Peter Sillem (FR), die Van-Gogh-Ausstellung "Poets & Lovers", mit der die Londoner National Gallery ihren zweihundertjährigen Geburtstag feiert (Tagesspiegel) und Wolfgang Asholts Buch "Das lange Leben der Avantgarde. Eine Theorie-Geschichte (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2024 - Kunst

Jef Verheyen, sein Werk Le Vide (Die Leere) gegen den Himmel haltend, ca. 1965; Foto: Gerald Dauphin / Collection Fotomuseum Antwerpen.

Das Museum Morsbroich war einst Teil der rheinischen Avantgarde und fiel dann in einen "Dornröschenschlaf", aus dem es Direktor Jörg van den Berg in den letzten Jahren erweckte, freut sich Lars Fleischmann in der taz. Aktuell ist dort unter dem Titel "gegen den Himmel" eine Gegenüberstellung der Werke des Belgiers Jef Verheyen, der als einer der Wegbereiter der monochromen Malerei gilt, und der Kölner Künstlerin Johanna von Monkiewitsch zu sehen: "Verheyens Bilder und von Monkiewitschs Arbeiten in Video, Installation, Fotografie und Skulptur strahlen eine eigentümliche Ruhe aus. ...  Von Monkiewitsch fotografiert und filmt Lichtstimmungen, hält sie in Pigmentdrucken fest oder projiziert sie auf Marmor und Moltonbahnen. Damit teilt sie die DNA mit den Impressionisten: In den Fotografien 'Morsbroich' oder 'Tel Aviv', die lichtdurchflutete Wände in den titelgebenden Städten zeigen, erkennt man einen konzeptuellen Ansatz, der auch einen Claude Monet zwischen 1892 und 1894 die Fassade der Kathedrale von Rouen zigfach malen ließ. Die Bilder von Verheyen, die vor einem halben Jahrhundert entstanden sind, werfen auch die Frage auf, ob es möglich ist, ein Temperament oder eine Stimmung einzufangen, oder um kurz einen oft missbrauchten Begriff zu rehabilitieren: Verheyen versuchte, Atmosphären so gut wie möglich mit den Mitteln der Malerei wiederzugeben."

Vom Futurismus bis zum Actionpainting - der Wut von Künstlern verdanken wir im letzten Jahrhundert die größten Kunstwerke, erinnert sich Hanno Rauterberg in der Zeit wehmütig. Und heute? Ist die Wut nicht mehr Teil der Avantgarde, sondern der Populisten - und die Kunst zieht weiter: "Erschöpft hat sich ihr Drang, stets etwas Neues und Unabsehbares hervorzubringen; heute setzt die Szene auf Remix, Remake und Recycling. Und auch die alte Idee des prinzipiellen Dagegenseins hat sich verflüchtigt: Nicht Negation, sondern das sozial und ethisch Produktive, eine kollektive, rundum achtsame Kunst gilt nun als erstrebenswert."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 86 Jahren verstorbenen Kunstsammler Christoph Müller. Stefan Trinks gratuliert in der FAZ der französischen Kuratorin Catherine David zum Siebzigsten und er schreibt zum Tod der Kunsthistorikerin Gerda Panofsky.

Besprochen werden die Mark-Bradford-Werkschau in den wiedereröffneten Rieckhallen im Hamburger Bahnhof (FAZ), die Ausstellung "Die lieben Nachbarn - Deutschland und Österreich" im Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst in Hannover (FAZ) und die Ausstellung "I only work with lost and found - Goldrausch 2024" im Kunstraum Bethanien in Berlin (taz).