FAZ-Autor Matthias Alexander ist ziemlich begeistert von der Ausstellung, die das Frankfurter Städel unter dem Titel "Forever Frankfurt!" einem lokalen Künstler widmet: Carl Friedrich Mylius, der sich, aktiv in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Architekturfotografie verschrieb. Mylius porträtierte eine Stadt im Wandel, fern jeder Sentimentalität: "Er lichtet die Abbruchhäuser mit dem gleichen neutralen Blick ab wie die Neubauten, die sich kurz darauf an ihrer Stelle breitmachen." Diese Aufnahmen sind erstaunlich modern, findet der Kritiker: "Unter einem ausgebrannt-leeren Himmel stehen leicht überbelichtete Häuser an unbelebten Straßen. Die gewissermaßen organische Seite der Stadt, das bunten Treiben ihrer Bewohner, ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblendet. Das Versprechen der Authentizität, mit dem die Fotografie in ihrer Anfangszeit angetreten ist, um die Malerei abzulösen, kann sie in einem wichtigen Punkt nicht einlösen, was ihr aber aus heutiger Sicht gerade einen eigenen künstlerischen Rang verleiht."
Auch Judith von Sternburg zeigt sich in der FRsehr angetan: "Mylius (...) lässt sich nicht in die Karten schauen. Er sucht eine hyperrealistische Objektivität. In echt kann nur ein Adlerauge die Streben der winzigen Fenster sehen, und die Schatten, die die Streben werfen. Oder die stecknadelgroßen Gesichter von aus Stein gehauenen Figuren. Aber das ist alles nicht retouchiert, das ist da. Mylius' Bilder erinnern in wilden Zeiten noch einmal daran, woher Fotos einst den Ruf hatten, nicht zu lügen."
Was reizt die Leute an den derzeit grassierenden immersiven Erlebnisausstellungen? Alexander Menden kann es sich in der SZ nicht recht erklären. Zum Beispiel die "Titanic: Eine immersive Reise" in Köln. Warum zahlen Leute Geld dafür, hautnah bei einem Schiffsunglück dabei zu sein? "Am seltsamsten fühlt es sich aber an, in der 'immersiven Galerie' in einem eigens mit Einstiegslücke versehenen Rettungsboot-Nachbau Platz zu nehmen und dem Dampfer gleichsam aus der Perspektive der Überlebenden beim Sinken zuzusehen. Den stärksten Eindruck hinterlassen dabei die an die Wand projizierten, immer verzweifelter werdenden Morse-Nachrichten des Funkers der 'Titanic' und die Antworten von Schiffen, die viel zu weit entfernt sind, um einzugreifen. Die Todesschreie der im Wasser Treibenden ersparen die Ausstellungsmacher dem zahlenden Publikum. Wer hätte danach noch Lust, sich im Shop mit 'Titanic'-Malbüchern für zehn Euro oder der 'Badeente Titanic-Offizier' für 12,90 Euro einzudecken?"
Weiteres: Museumsbesuch auf Rezept: das gibt es jetzt, und zwar in der Schweiz, weiß Niklas Maak in der FAZ. Maja Goertz unterhält sich für monopol mit der Malerin Sophie Esslinger.
Gerrit Dou, "Alte Frau mit Kerze", 1661, Wallraff Richartz-Museum &. Fondation Corboud. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln. Überwältigt von der Fülle an "Früchten, Getier und Gardinen" und anderen "Requisiten der Augentäuscherei" steht Tagesspiegel-Kritikerin Nicola Kuhn in der Kunsthalle Hamburg. Eine Ausstellung widmet sich illusionistischer Malerei aus unterschiedlichen Epochen. Da gibt es Rebhühner, Totenschädel und viele sehr realistisch gemalte Trauben, aber auch faszinierende Aussichten: "Während Friedrich Wasmann um 1833 aus seiner Kammer tief ins idyllische Anienetal blickt, breitetet sich um 1928-30 vor Xaver Fuhr eine nächtliche Stadt aus, durchschnitten von Gleisen. Fast anarchisch drängt sich das gelbliche Blattwerk einer Zimmerpflanze dazwischen, als würde die Natur ihr Recht zurückfordern. Drinnen, draußen - das Bild wird zur Schwelle der Realitäten. Delaunay übermalte 1912 in seinem Fensterbild, das im Zentrum den Eiffelturm zeigt, gleich den Rahmen mit. Bei dem Rembrandt-Schüler Gerrit Dou beugt sich eine alte Frau mit flackernder Kerze so weit über den Sims, dass sie den Betrachterraum zu beleuchten scheint. Die größte Illusion aber besteht darin, dass wir glauben, sie brennt."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum Das Minsk in Potsdam (FR), die Ausstellung "24-2=2022" mit Werken der ukrainischen Künstlerinnen Alevtina Kakhidze und Renata Rara Kaminska in der St.-Matthäus-Kirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Gordon Matta-Clark: '(Ex)Urban Futures of the Recent Past'" in der Galerie Thomas Schulte (taz)
Besprochen werden die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum "Das Minsk" in Potsdam (Welt) und die Ausstellung Noa Eshkol - Textile Traces" in der Galerie Neugerriemschneider in Berlin (Welt).
Der amerikanische, in Berlin lebende Künstler Fareed Armaly lehnt den Käthe Kollwitz-Preis ab, meldet die Berliner Zeitung mit Bezug auf einen Brief, den Armaly schon im August an die preisverleihende Akademie der Künste geschrieben hatte. Grund sei der "verstörende Trend zur Zensur in Deutschland." Dabei dient ihm "Kollwitz' Leben und Werk zur Rechtfertigung seiner Entscheidung, denn sie sei Künstlerin und Aktivistin gewesen, das Politische habe sich bei ihr mit dem Persönlichen und ihrer Kunst verbunden." Der Künstler gibt an, "eine Verschiebung zum Reaktionären zu erkennen, die darauf abziele, die Stimmen derer, die unter Bezugnahme auf das Völkerrecht für die Rechte der Palästinenser eintreten, zum Schweigen zu bringen. (...) In diesem Kontext der Einschüchterung schienen sich auch liberale Kulturinstitutionen selbst zu zensieren. All dies trage strukturell zur 'fortgesetzten Entmenschlichung der Palästinenser' bei. Wenn er seine Stimme als Künstler bewahren wolle, müsse er den Preis ablehnen."
Max Liebermann, Gartenlokal in Laren, um 1903, Foto: Oliver Ziebe.
Die Liebermann-Villa am Wannsee ist ein geschichtsträchtiger Ort, das möchte die Kuratorin Viktoria Krieger auch mit der neuen Ausstellung "Im Fokus. Gesammelte Geschichten. Liebermanns Werke und ihre Wege" zeigen, was Tagesspiegel-Kritikerin Elke Buchholz sehr begrüßt. Um Liebermanns "außerordentliche Bedeutung im Kulturleben seiner Zeit noch stärker in die Öffentlichkeit bringen" zu können, war das Haus auf Leihgaben angewiesen, erklärt Buchholz: "Fast durchweg sind es großzügige Dauerleihgaben, die auf oft verschlungenen Pfaden zurück an den Wannsee fanden. Erst neulich hat sich wieder ein Privatsammler gemeldet, der lieber ungenannt bleiben möchte. Sein winziges Skizzenblatt hängt jetzt im Entree, als jüngster Neuzugang. Flott und flüchtig hat Liebermann, vielleicht selbst mit auf der Caféterrasse sitzend, 1893 die Leute im Kurort Wildbad festgehalten."
In der FAZ rät Stefan Trinks dringend, die neue Dauerausstellung "Trau deinen Augen" in der Kunstsammlung Gera zu besuchen, lässt sich doch hier die ganze Schaffensbreite von Otto Dix betrachten: Von seinen neusachlichen Werken bis zum Nachkriegswerk, das vor allem durch den Mangel an Farben und Materialien geprägt ist: "Nach dem Krieg wechselt er die christliche Identifikationsfigur und sieht sich jetzt als 'Hiob'. Das 1946 entstandene nun wieder expressiv und pastos-fahl-fehlfarbene Bild - die Schwären auf dem Leib der Leidensinkarnation Hiob etwa sind antinaturalistisch hellblau, weil seinerzeit nicht mehr alle Farben zu bekommen waren und erst einmal auf die weniger beliebten zurückgegriffen werden musste - ist ein gemaltes Mahnmal. Dix zeigt seinen vergesslichen Landsleuten, die plötzlich alle Widerständler waren, dass de facto nur einige wenige in den eben erst vergangenen 'tausend Jahren' die unmenschlich harte Prüfung Gottes auf sich nahmen - und überlebten. Die Bohlen des verkohlten Dachstuhls über dem prophetischen Mahner krümmen sich zu einer zerborstenen Swastika."
Besprochen wird: Die Ausstellung "Modell Neutralität" im Aargauer Kunsthaus (NZZ), die sich mit der politischen Dimension von Kunst auseinandersetzt und dabei ein ums andere Mal in Schweiz-Klischees tappt, wie Kritiker Philipp Meier betont.
Anlässlich der großen Caspar-David-Friedrich-Schau im New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art, erinnert Hanno Rauterberg in der Zeit daran, dass der Romantiker in den USA keinesfalls auf viel Gegenliebe stößt. Schon nach der Wende wurde Friedrich gezeigt, damals befanden die Kritiker, Friedrich sei "hoffnungslos überschätzt, schrecklich verdüstert sei dessen Kunst und derart todesgetrieben, als hätte sich hier, im Dunst seines Zwielichts, schon der deutsche Vernichtungsdrang, der Hitlerismus, vorbereitet. Es gebe in diesen Bildern eine 'Lust an der Selbstaufopferung, die das geistige Schmiermittel des Krieges ist', befand der Kritiker Peter Schjeldahl." Auch heute, so legt die Historikerin Cordula Grewe im Katalog nahe, lasse sich Friedrichs Werk von der Rezeption durch die Nazis nicht ganz trennen. Aber auch: "aktivistischen Kreisen erscheint heute vor allem Der Wanderer über dem Nebelmeer als imperialistische Galionsfigur, ein weißer Mann, fein gekleidet, also reich, erhebt sich über alles und alle - als gehörte ihm die Welt."
Weitere Artikel: Viel zu lange wurde der Fotograf Kilian Breier nicht ausgestellt, seufzt Christian Schröder (Tagesspiegel), der sich umso mehr freut, dass die Berliner Alfred Ehrhardt Stiftung dem Avantgardisten nun die Schau "Abstrakt Konkret - Materie, Licht und Form" widmet. Zu entdecken ist ein subjektiver Fotograf, dessen Werke sich der Malerei nähern, so Schröder: "Wälder wirken undurchdringlich und unheimlich, das Licht ist hinter hoch aufragenden Baumstämmen und Baumkronen, in denen das Laub zu rascheln scheint, beinahe verschwunden. Surrealistische Märchen könnten dort spielen."
Kateryna Lysovenko, I do not want to live in a world that reproduces collective nameless graves, I am against, 2022, Foto: Kateryna Lysovenko Der Kunstverein Hannover präsentiert Arbeiten dreier ukrainischer Künstler. Neben Videoinstallationen von Roman Khimei & Yarema Malashchuk werden die figurativen Bilder Kateryna Lysovenkos (siehe auch hier) ausgestellt. Von denen ist taz-Autorin Bettina Maria Brosowsky ziemlich angetan. Sie fühlt sich an die Arbeiten Maria Lassnigs erinnert: "Wie die große Österreicherin stellt auch Lysovenko den menschlichen, oft weiblichen Körper ins Zentrum ihrer Bilder, mit all den Zuschreibungen von Empfindungs- und Leidensfähigkeit, aber auch Kraft. Oft transformiert sie Körper zu Hybriden zwischen Tier und Mensch oder zu Märchenfiguren wie Meerjungfrauen. Sie führt die Rhetorik totalitärer Regime und ihre Bildpolitik vor, die Fremde oder Unangepasste zu entwürdigen versucht, indem sie diese in die Nähe des Tierischen und Abnormen rückt."
In der FAZ kommentiert Stefan Trinks den Code of Conduct der Documenta. (Unser Resümee) Zufrieden ist er nicht: "Der so schön im Licht der Selbstzufriedenheit funkelnde CoC weist jedoch einen gewaltigen Schönheitsfehler auf, weil er für die Künstlerische Leitung der Documenta gerade nicht bindend ist. Diese muss sich auch künftig nur jeweils drei Monate nach ihrer Ernennung zu einem öffentlichen Lippenbekenntnis durchringen, die Einhaltung der allerallgemeinsten Menschenrechte in Künstlerauswahl und Gestaltung der Documenta zu gewährleisten. Der CoC ist damit das Papier nicht wert, auf dem er nicht steht - weil er bislang eben lediglich im Netz öffentlich gemacht wurde." Der baldigen neuen Künstlerischen Leiterin Naomi Beckwith vertraut Trinks dennoch.
Außerdem: Frederik Hanssen porträtiert im Tagesspiegel den Künstleragenten Alexander Hollensteiner. Marcus Woeller berichtet in der Welt über eine kommende Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in New York. Ingeborg Ruthe gratuliert der Pankower Bildhauerin Carin Kreuzberg in der Berliner Zeitung zum 90. Bernhard Schultz erinnert in monopol an die verstorbene Galeristin Helga de Alvear. Ebenfalls auf monopolspricht Elke Buhr mit der Künstlerin Igi Lọ́lá Ayedun unter anderem über den gegenwärtigen Backlash gegen Diversitätsinitiativen. Und schließlich besucht Lisa-Marie Berndts für monopol die Islamic Arts Biennale 2025 in Dschidda, lässt sich Basil Smash servieren und nimmt die "feinen Risse im großen, staatsgelenkten Narrativ" wahr, das Saudi-Arabien in der Megaausttellung zu zeichnen versucht.
Besprochen wird die Umweltschutzschau "Touch Nature" im Linzer Lentos (Standard).
Bild: Paola Pivi: I know you want it, 2019. Foto:-David Stjernholm. Ausstellungsansicht: We are the Alaskan tourists", Arken Museum of modern Art, Ishoj, 2020 Courtesy the Artist and Perrotin Zwischen all dem "Konformismus und Biedermeier" tut etwas Exzentrik ziemlich gut, findet Annegret Erhard (Welt), die sich in der Pinakothek der Moderne in München die Schau "Eccentric" angesehen hat, deren Bizarrerie jede Menge Toleranz voraussetzt: "Krass und weitab jeder Norm krümmt sich Anna Uddenbergs 'Climber', eine Frauenfigur im nieten- und schnallenbewehrten Catsuit (...), qualvoll uneindeutig und brutal sexualisiert über ein Möbelstück. Der Gynäkologenstuhl der schwedischen Künstlerin mit der Anmutung eines Fitnessgeräts - oder vice versa - verweist auf ein sich ungebremst anbahnendes Amalgam von Mensch und Maschine im Dienst der Selbstoptimierung. Und daneben finden die Altmeister der bei aller Unwahrscheinlichkeit doch zunehmend wahrscheinlichen Gegenwelt des Schreckens und der Transformation ihren Platz: Cindy Sherman, Isa Genzken sowie Max Ernst und Salvador Dalí pfeifen und pfiffen auf die gängigen ästhetischen Regeln. Aber sind sie wirklich Exzentriker? Oder einfach Künstler, die höchst inspiriert Grenzen verschieben, die eigenwillig und radikal überzeugen? ... Gibt es eine Ästhetik der Freiheit? Was unterscheidet sie von der schlicht künstlerisch-originären Bildidee? Kann Exzentrik eine Kategorie der Kunst sein?"
Die Documenta hat einen Code of Conduct veröffentlicht, den sich Saskia Trebing für Monopolangesehen hat. Das Dokument ist ein Kompromiss, wird aber zu Widerspruch anregen, meint sie. So sollte der Kodex auch für die künstlerische Leitung gelten, gilt jetzt aber nur noch intern. Allerdings muss die künstlerische Leitung ihr Konzept drei Monate nach ihrer Wahl öffentlich vorstellen. Auch dass sich der Kodex zur "Gewährleistung von Schutz gegen Antisemitismus, Rassismus und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" bekennt, dabei aber auf die IHRA-Definition zurückgreift, könnte Raum für Konflikte bieten, so Trebing. Problematisch findet sie aber vor allem folgenden Passus: "'Soweit die Documenta künstlerische Äußerungsformen als im Konflikt stehend zu den in diesem Code of Conduct manifestierten Verhaltensgrundsätzen beurteilt, behält sie sich vor, ihre hieraus resultierende Haltung zu kommentieren und dies gegebenenfalls auch im unmittelbaren Wahrnehmungsbereich ausgestellter Kunstwerke durch Kontextualisierungen zum Ausdruck zu bringen.' Hier wird also die Möglichkeit eröffnet, während eines Dissenz' zwischen künstlerischer und organisatorischer Leitung keine einvernehmliche Lösung finden zu müssen, sondern unterschiedliche Beurteilungen nebeneinander stehen lassen zu können. Ironischerweise kehrt hier genau die Strategie wieder, welche die Documenta auch 2022 anwandte, aber nie so klar als als solche benannt hat."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitunggefällt Ingeborg Ruthe Emmanuel Macrons Idee, einen Mehrpreis auf den Anblick der Mona Lisa im Louvre zu erheben, gar nicht schlecht: Könnte man sich in Berlin auch mit der Nofrete vorstellen, meint sie. In der tazberichtet Nadine Conti vom Fall des Bildes "Bunte Wicken und Rosen (Erbsenblüten)" des Malers Lovis Corinth, das seit 2008 von einer jüdischen Familie von der Stadt Hannover zurückgefordert wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Ellen Auerbach und Lea Grundig - Zwei Künstlerinnen in Palästina" im Museum Eberswalde (taz) und die Ausstellung "Trésors du Petit Palais de Genève" mit Werken aus der Sammlung Oscar Ghez in der Hermitage in Lausanne (FAZ).
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (tagesspiegel) und "Im Dialog - Ein fotografisches Gespräch zwischen Walter Vogel und Franziska Stünkel" in der Leica Galerie Frankfurt (FR).
Kateryna Lysovenko, Mermaids embrions, 2023, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Jonathan Guggenberger trifft sich für die FAS mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko, deren Ausstellung "Animals" heute im Kunstverein Hannover eröffnet. Lysovenko war vor dem Krieg nach Österreich geflohen. In Hannover sieht ihr Guggenberger beim Bemalen des Treppenhauses zu. "'Ich male die neun Höllenkreise, wie bei Dante', sagt sie und deutet auf die schwindelerregend hohen Stockwerke über und unter uns. Dünnhäutige Wesen ziehen auf den Wänden vorbei, beten hervorstehende LED-Lampen an, kriechen entlang der Fußleisten und lösen sich Stockwerk für Stockwerk in organischen Formen, in Abstraktion auf. 'Angel folding the sky' heißt die Wandarbeit. Unter der Treppe bäumt sich der namensgebende Engel auf, ochsenblutrot, und faltet mit beiden Händen einen der riesigen gemalten Kokons zusammen." Nicht zum ersten Mal ist Guggenberger irritiert von Lysovenkos Arbeiten: "Schon in Venedig fragte ich mich: Ist das nicht furchtbar kitschig? Esoterisch? Symbolistisch? Folklore? Die ikonischen Posen, die blutroten Körper der Mutterfiguren, die Fabelwesen? Jetzt stehe ich in Hannover und frage es mich wieder. Dann aber packt mich etwas. Diese Spur der Gewalt in den Bildern, das überbordende Fresko-Blau, das die symbolistischen Formen bedrohlich umspült. Der negative Raum zwischen den Figuren."
Ilona Keserü, Big Earth, Water, 1985; Copyright Ilona Keserü. Courtesy the artist and Stephen Friedman Gallery, London and New York. Photo by Todd- White Art Photography.
Die hat sich ja was getraut, staunt FAZ-Kritiker Stefan Trinks, berückt von den enorme Energie ausstrahlenden abstrakten Werken der ungarischen Künstlerin Ilona Keserü, die das Engadiner Muzeum Susch gerade ausstellt. Abstrakte Kunst war nach dem Aufstand 1956 in Ungarn nämlich bis zur Perestoika verboten. Keserü scheint das nicht gekümmert zu haben. Sie hatte noch im Studium die französische Abstraktion kennengelernt: "Das früheste im Muzeum Susch ausgestellte Werk von 1954 trägt zwar noch den konkret-gegenständlichen Titel 'Seegras', doch scheint eine kräftige Meeresbrise das selbige zum formbefreiten Fließen gebracht zu haben. Noch erstaunlicher und eigentlich nur durch den vorhergeahnten Systemzusammenbruch erklärbar sind ihre völlig abstrakten Fresken für das Hochschulinstitut für Atomkraft in Budapest 1988, auf denen die Kernfusion abstrakt durch eine 'Sonne' und einen Keil symbolisiert ist und ansonsten Neutronen und Moleküle mit den Elementen in Pop-Art-Farben kämpfen und alles im Fluss ist." (Mehr zu Keserü hier und hier)
Und hier spricht Ilona Keserü über ihr Bild "Südwind":
Ausstellungsansicht "Peche Pop". Foto: MAK/Christian MendezIn der NZZstellt Paul Jandl den österreichischen Künstler Dagobert Peche vor, der 1923 im Alter von 35 Jahren starb. Peche war ein Star zu seiner Zeit, ein "Anarchist der Verspieltheit", ein Übertreibungskünstler, der dem wohlhabenden Bürgertum Wohnungen einrichtete, die dem faden "Ornament ist ein Verbrechen"-Geist Adolf Loos' spotteten. Schön, dass das Wiener MAK dem fast Vergessenen eine große Ausstellung widmet, freut sich Jandl: "Wie weit ist der Weg von den psychedelischen Tapetenmustern des ehemaligen österreichischen Jungstars bis zu den drogenbunten sechziger Jahren? Wie weit der Weg von Peches monströsen Möbeln bis zu den Design-Delirien der Postmoderne? Diese Frage stellt sich die Ausstellung tatsächlich auch. Sie mischt Künstler, die erst viel später im Geiste Peches gearbeitet haben, ins Geschehen, und so muss man oft zweimal schauen."
Weitere Artikel: Tomasz Kurianowicz unterhält sich für die Berliner Zeitung mit dem Fotografen Harf Zimmermann über dessen Lieblingsobjekt: Brandmauern. In der FAZ denkt Petra Ahne über die Wirkung von Naturfotografie nach.
Anna Boberg: Nordlichter. Bild: Nationalmuseum Stockholm, Vermächtnis Ferdinand und Anna Boberg.
Um den borealen Wald zu erleben, muss man nicht mehr nach Skandinavien reisen, auch die Fondation Beyeler mit der Ausstellung "Nordlichter"" ist eine Möglichkeit, freut sich Philipp Meier in der NZZ. Auf Bildern von Künstlern wie Edvard Munch oder Hilma af Klimt bestaunt er "kristallklare Gletscherseen, verwunschene Biberteiche, vom Wind gepeitschte Küstenstriche, im Sonnenlicht funkelnde Schärenlandschaften und Fjorde - und immer wieder grellgrün glimmende Nordlichter." Dabei gehe es der Schau keineswegs um "kunsthistorische Kategorisierungen", sondern um einen naturwissenschaftlichen Ansatz", erkennt Meier: "Allen Malern der Schau gemeinsam ist die Erfahrung einer überwältigenden Natur, die sie in die Kunst zu übersetzen vermochten. (…) Das Atemberaubende vieler der panoramaartig wirkenden Ansichten rührt nicht nur vom Eindruck der unermesslichen Größe des borealen Waldes her, sondern hat auch damit zu tun, dass die Künstler ihre Landschaften oft von oben zeigen, als hätten sie beim Malen eine Drohne benutzt. Ein weiteres Merkmal der erlesenen und meisterhaft choreografierten Auswahl dieser Landschaftsbilder ist der Umstand, dass sie völlig menschenleer sind. Dies gibt der Schau eine tiefe Stille und vermittelt ein Gefühl, als ob man einer Weltgegend ansichtig würde aus einer Ära lange vor der Ankunft des Menschen."
Caspar David Friedrich ist bisher selten in den USA gezeigt worden, das ändert Max Hollein, Direktor des New Yorker Metropolitan-Museums aktuell mit der großen Retrospektive "The Soul of Nature". Im großen SZ-Interview erklärt er den indirekten Einfluss des Künstlers auf die US-amerikanische Malerei und legt den Ansatz seines Hauses dar: "Damit auch die Kunst der Vergangenheit für den Besucher zum Sprechen kommt, müssen wir zeigen, welche Agenda es gehabt hat" - und er macht Mut zum Scheitern: "Nicht jedes Kunstwerk muss den Betrachter mit Freude erfüllen. Es können genauso auch Angst oder Schrecken damit verbunden sein. Ich finde sogar: Nicht jede Ausstellung über einen Künstler muss immer nur die besten Werke beinhalten, Sie wollen auch einmal zeigen, wo der Künstler gescheitert ist."
Weiteres: Die Kunsthalle Kiel hat Bilder aus dem Nachlass der im vergangenen Herbst verstorbenen Künstlerin Anita Albus erworben, meldet die FAZ. Laut FR übernimmt das Documenta-Archiv in Kassel einen Teilnachlass des Fotografen Wilfried Bauer.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Friedrich Nerly: Von Erfurt in die Welt" im Angermuseum Erfurt (Tagesspiegel) und Anne Imhofs Performance "Doom: House of Hope" im New Yorker Park Avenue Armory (Monopol).
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