Bauen im Anthropozän: "Architecton" von Victor Kossakovsky VictorKossakovskys neuer Doku-Essayfilm "Architecton" über Stein,Beton und Architektur ist visuell atemberaubend und nicht zuletzt durch die musikalische Untermaltung von EvgueniGalperine ziemlich episch, schreibt Tilmann Schumacher im Perlentaucher. "Kossakovksy interessiert sich offenkundig mehr für den 'Zauber' des Kinos als für die selbstreflexiven Trends des neueren Dokumentarfilms, welchen Fragen nach Autoren- und Zeugenschaft, dem Wahrheitsgehalt seiner Darstellungen und eine Ethik des Filmemachens umtreiben." Die Aufnahmen sind "von einer derartigen, noch die feinsten Gesteintexturen herauspräparierenden Schärfe, dass sie uns wie zum Greifen nahe vorkommen." Es scheint als habe sich der Filmemacher "an der Feststellung des FilmtheoretikersSiegfriedKracauer orientiert, nach der es der Film wie kein anderes Medium vermag, die Welt der besonders kleinen, großen und ephemeren Phänomene für die Menschheit aufzuschließen, sie durch seine technischen Möglichkeiten zu verzaubern, ohne dabei tricksen zu müssen." Faszinierend ist "der unvermittelte Schnitt vom Großen ins Winzige, vom Anorganischen zur Gesellschaft, von der Sinnesüberflutung hin zum Landidyll".
Die Kritik am klimaschädlichen Bauen mit Beton ist dem Film tief eingeschrieben, schreibt Martina Knoben in der SZ - bleibt aber wegen des Erhabenheitspathos des Films, der über weite Strecken mit Drohnen gefilmt wurde, dann doch skeptisch: "Wessen Perspektive nimmt er dabei ein? Die eines Kletterers oder Vogels ist es nicht; es ist ein quasi göttlicher Blick, der umso mehr irritiert, da Kossakovksy selbst immer wieder die Hybris des Menschen anprangert." Marcus Woeller zeigt in der Welt kein Verständnis für Kossakovksys moralischen Rigorismus: "Kossakovsky möchte aufrütteln. Zeigen, dass der Mensch des Anthropozäns seine Lebensgrundlagezerstört. Er ignoriert, dass weltweit gebaut werden muss und es durchaus die Gewissheit in der Architektur wie in der Bauwirtschaft gibt, dass die Industrie sich ändern muss. Pragmatische Lösungsansätze finden in seiner Perspektive nicht statt."
Außerdem: Tobias Kniebe spricht für die SZ mit "Joker"-Regisseur ToddPhillips. Andreas Scheiner blickt für die NZZ auf die Filme von JudeLaw. Besprochen werden ToddPhillips' "Joker: Folie à Deux" (Perlentaucher, NZZ, Welt, Freitag, Presse, mehr dazu bereits hier), ChrisSanders' Animationsfilm "Der wilde Roboter" (Presse), Christina Friedrichs "Zone" (Freitag). SZ und Filmdienst informieren außerdem, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Der Superschurke als Musicalheld: "Joke: Folie á Deux" Mit "Joker: Folie à Deux", seiner Fortsetzung zum zwar kontroversen, aber lukrativen "Joker"-Blockbuster von 2019, bricht Regisseur ToddPhillips mit allen Erwartungen: War der erste Teil noch ein vor Scorsese-Zitaten triefendes Düster-Drama im New-Hollywood-Stil, ist der zweite Teil nun über weite Strecken ein Hollywood-Musical und ansonsten ein Knast- und Gerichtsdrama. JoaquinPhoenix gibt erneut den tragisch-deliranten Superschurken, an seiner Seite steht LadyGaga als geistig ebenfalls nicht voll zurechnungsfähige Amour Fou Harley Quinn. Phoenix ist "genau der richtige Joker für Lady Gagas Harley. Wie schön er tanzt", jubelt Dietmar Dath in der FAZ. "Während sein Körper es nicht ganz hinkriegt, glaubt man, erkennen zu können, dass seine Seele es mühelos schafft. Mal behauptet er die Rampendominanz, mal verspielt er sie lustvoll an Lady Gaga. Seine Rolle entwirft einen Mann, den man so lange erniedrigt und ausgelacht hat, bis er vor lauter Selbstmitleid und Jähzorn glaubt, er dürfe jetzt machen, was er will." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte bescheinigt den Songnummern "eine seltene Intimität. Es gibt viel zu erleben in einem Film fast ohne Handlung, und das in einem Genre, ... in dem die Angst vor der Leere kaum ein sekundenlanges Innehalten duldet."
Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist dagegen unzufrieden. Zwar ist Lady Gaga ein "Besetzungscoup" und liefert "großes Kino". Aber "die Gesangseinlagen fungieren bloß als Realitätsflucht, ohne tatsächliche Konsequenzen für die Figuren. Das Musical war ja im klassischen Hollywoodkino, bei Meistern wie Vincente Minnelli und Stanley Donen, eine hochreflektierte Erzählform über das Verhältnis von Inszenierung und Performance sowie die Künstlichkeit von Realitäten. Bei Phillips fungiert Minnelli aber nur wieder als Schablone für einen filmhistorischen Rekurs - wie schon die Scorsese-Zitate im ersten Film."
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit dem mexikanischen Regisseur MichelFranco über dessen neuen Film "Memory". Pamela Jahn spricht für die NZZ mit OliverMasucci, der aktuell im (in der FAZ besprochenen) ARD-Mehrteiler "Herrhausen - Herr des Geldes" die Hauptrolle spielt. In der FAZschreibt Bert Rebhandl einen Nachruf auf den FilmhistorikerKlausKreimeier.
Besprochen werden ChrisSanders' Animationsfilm "Der wilde Roboter" (FD, FR), JonWatts' auf AppleTV gezeigte Thrillerkomödie "Wolfs" mit BradPitt und GeorgeClooney (Presse) und SarahNeumanns gleichnamige Verfilmung von DoritLinkesRoman "Jenseits der blauen Grenze" (FD).
Im Interview mit dem Standardsprechen der ungarische Filmemacher GáborReisz und seine Produzentin JúliaBerkes über das Filmemachen in Orbáns Ungarn, das sich in den letzten Jahren entschieden geändert hat: "Film war anfangs nicht die Priorität der rechten Kulturpolitik", erklärt Berkes. "Als Fidesz an die Macht kam, wurde ein Ex-Produzent von 'Terminator' und 'Rambo' Leiter der einzigen staatlichen Filmförderstelle. Der neue Leiter war nicht politisch gesinnt und bemerkte schnell, dass Ungarn stärker im Gebiet des Arthouse-Kinos ist. Unter ihm wurden also Filme wie 'Son of Saul' gefördert, die auf Festivals sehr viel Erfolg hatten. Nach seinem Tod 2020 änderte sich alles. Nun liegt der Fokus vor allem auf Komödien und hochbudgetierten Historienfilmen. Für Arthouse-Kino gibt es fast keine Unterstützung mehr. Wir haben uns deshalb gleich für einen Low-Budget-Zugang entschieden." Und Reisz ergänzt: "Das mussten wir auch, weil viele Förderanträge aus politischen Gründen abgelehnt werden - entweder das Skript passt nicht oder die politische Haltung des Regisseurs. Der Kulturkampf ist radikaler geworden."
Weiteres: Jörg Seewald spricht für die FAZ mit Oliver Masucci, der in einem aktuellen ARD-Zweiteiler den von 1989 von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Chef AlfredHerrhausen spielt. Bert Rebhandl weist im Standard auf eine Reihe im Filmarchiv Austria mit Filmen nach E.T.A. Hoffmann hin. Thomas Klein schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf die Schauspielerin MaggieSmith (mehr zu deren Tod hier). Besprochen werden JonWatts' auf AppleTV gezeigte Thrillerkomödie "Wolfs" mit BradPitt und GeorgeClooney (SZ) und die Netflix-Doku "Mr. McMahon" über den Wrestling-Unternehmer VinceMcMahon (Welt).
"Tardes de solidad" von Albert Serra Mit AlbertSerras "Tardes de solidad" hat beim Filmfestival San Sebastián "eine zweistündige immersive Dokumentation" den Wettbewerb gewonnen, "die den Heroismus des Stierkämpfers und seine präzise Choreografie aus nächster Nähe ebenso einfängt wie die Brutalität des tödlichen Duells und das tragische Leid des Tieres", schreibt Thomas Abeltshauser in der taz. Nach der Berlinale im Februar hat also ein weiteres Festival einen Dokumentarfilm ausgezeichnet: "In Zeiten wie diesen scheint die pure Fiktion oft nicht mithalten zu können", überlegtg Abeltshauser, den auch die "Altmeister des europäischen Autorenfilms" eher enttäuschten: "Die Zukunft des Kinos in San Sebastián ist weiblich und jung. Die herausragenden Filme dieses Jahrgangs stammen von Regisseurinnen, allen voran die Spanierin PilarPalomero mit ihrem dritten Spielfilm 'Los Destellos' (Die Funken)." Im Filmdienstresümiert Wolfgang Hamdorf den Festivaljahrgang.
Weiteres: Michèle Binswanger schreibt im Tagesanzeiger über den Erfolg der Schauspielerin PhilippineLeroy-Beaulieu, die in der Serie "Emily in Paris" zwar einen ziemlichen Besen spielt, aber gerade damit ziemlich ankommt. Gina Thomas schreibt in der FAZ zum Tod der Schauspielerin MaggieSmith (mehr dazu bereits hier). Besprochen wird die auf Apple TV+ gezeigte Serie "Midnight Family" (taz).
Maggie Smith in "The Prime of Miss Jean Brodie", 1969 Es war ja zu erwarten, aber wir haben es trotzdem nicht kommen sehen: Maggie Smith ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Die Meldung kam für die meisten Zeitungen zu spät für Nachrufe. Immerhin: In der NZZwürdigt Marion Lehndorf die britische Schauspielerin: "Die Langlebigkeit ihrer Karriere mag auch einem Äußeren zuzuschreiben sein, das nie im Trend lag und daher nicht aus der Mode kommen konnte. Das markante Gesicht, die Augen unter oft halb geschlossenen Lidern, die sie immer ein bisschen müde aussehen ließen. 'She always looksso extreme!', kreischt eine Schülerin in ihrem frühen Erfolgsfilm 'The Prime of Miss Jean Brodie', in dem sie eine Lehrerin spielte. Maggie Smiths Erscheinung schmiegte sich nie dem Zeitgeist an - ganz gleich, welches weibliche Idealbild gerade propagiert wurde. Sie war zu wenig kurvig für die fünfziger Jahre, in denen ihre Karriere begann, zu wenig frech für die sechziger Jahre, nicht lässig genug für die Siebziger und in den 2000er Jahren - zu alt. Jedenfalls nach gängigen Maßstäben. Ihr Werdegang zeigt - mit eindrucksvoller Kontinuität -, dass es trotzdem und auch anders geht."
Hier eine Szene aus "The Prime of Miss Jean Brodie":
Dame Maggie Smith's Oscar-winning performance in THE PRIME OF MISS JEAN BRODIE (1969) remains a touchstone of cinematic brilliance.
In her portrayal of a fiercely passionate teacher at a Scottish all-girls school, Smith captivated audiences with her ability to balance… pic.twitter.com/nE6KOdXo8s
Und natürlich bringt auch der Guardian einen Nachruf, von Peter Bradshaw: "Vielleicht hatte nur die Queen selbst einen höheren Stellenwert als Ikone, vor allem in den Vereinigten Staaten. Bevor sie zur größten Grande Dame der Welt aufstieg, setzte Smith ihren flinken Witz und ihre theatralische Sicherheit in lebhaften Rollen ein, in denen ihre Sexualität und deren Verheimlichung und Unterdrückung von großer Bedeutung waren. In der Neil-Simon-Komödie 'California Suite' von 1978, die ihr einen Oscar als beste Nebendarstellerin einbrachte, war sie eine Version ihrer selbst: eine Meta-Wende als britischer Bühnenstar, der von einer katastrophalen Preisverleihung zurückkehrt und deprimiert ist über den Niedergang seiner Karriere im Alter (was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass ihre eigene Karriere mit dem Alter nur besser wurde) und seiner Ehe mit einem heimlich schwulen Mann, gespielt von Michael Caine."
Hier ein Ausschnitt aus einer Fernsehshow, der zeigt, wie schön England seine Hommagen auf die Akzente der populären Klassen darbringt.
Everyone will be talking about Harry Potter and Downton, but early years Maggie Smith was so so good. pic.twitter.com/YC8YlP5nFp
Mina Marschall gibt einem in "Bilder und Zeiten" (FAZ) das Gefühl, etwas verpasst zu haben, weil man 1999 Jamie Babbits "But I'm a Cheerleader" nicht gesehen hat, "eine satirische Coming-of-Age-Komödie aus den späten Neunzigern, die alle Erwartungen an einen amerikanischen Highschool-Film gnadenlos enttäuscht. Stattdessen wird die christlich erzogene Megan zu einer Konversionstherapie gezwungen. Dabei ist sie, anders als ihre Eltern, zunächst davon überzeugt, nicht lesbisch zu sein. Schließlich sei sie ein Cheerleader, wie sie als Beweis für ihre Heteronormativität anführt. Ihre Eltern erwidern nur, sie esse Tofu."
In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Brigitte Bardot zum Neunzigsten, in der SZ David Steinitz, der eine eher unbekannte Meisterschaft von BB enthüllt: "Neben anderen Talenten muss Brigitte Bardot eine begnadete Pokerspielerin sein. So berichtete es zumindest der im Jahr 2022 verstorbene Regisseur Klaus Lemke - er fehlt jeden Tag - aus leidvoller persönlicher Erfahrung: 'Die Bardot drehte 'Shalako' mit Sean Connery in Almería. Beim Pokern in ihrer Hotelsuite nahm Madame meinem Produzenten Peter Berling siebzigtausend Dollar ab. Die hatten wir vom italienischen Weltvertrieb. Für sie. Für ihre Unterschrift unter einen Vorvertrag für einen Film, den ich drehen sollte. Jetzt hatte sie die siebzig. Und wir nix. Niemand hatte uns vor der Bardot gewarnt.'"
Weiteres: Im Tagesspiegelhuldigt Andrea Dernbach il divoMastroianni, der heute Hundert geworden wäre, in der NZZgratuliert Thomas Ribi. Besprochen wird Todd Phillips' Joker-Fortsetzung "Folie à deux" (die Hanns-Georg Rodek in der Welt maßlos enttäuscht: "Aus dem anarchischen Robin Hood für die Unterprivilegierten ist ein bedauernswertes Weichei geworden, das nur noch an sich selbst denkt.")
Sven Trautwein empfiehlt in der FRHerbstserien der Streamer. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz über das äußerst mühselige Ringen um eine große Reform der Filmförderung. Das Zurich Film Festival (ZFF) lässt die Vorführungen von Anastasia Trofimovas Film "Russians at War" ausfallen, berichtet Andreas Scheiner in der NZZ. Er behauptet, die Ukraine habe Druck auf das Festival ausgeübt, dabei habe keiner der empörten ukrainischen Journalisten oder Politiker den Film gesehen.
Besprochen werden ein ZDF-Film über die letzte Olympia-Kür von Kati Witt (Tsp) und Alexandre Ajas Horrorfilm "Never Let Go" (FR).
Szene aus Alexandre Ajas Horrorfilm "Never let go". Ob es die Monster wirklich gibt, oder sie nur der Einbildung der Figuren entspringen, das bleibt im Horrorfilm "Never let got" von Alexandre Aja lange unklar. Und gerade hier liegt der Reiz dieses "Kammerspiel-Horrors" für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. Es geht um eine Mutter (Halle Berry) und ihre zwei Söhne, die einsam gelegen an einem Haus am Waldrand wohnen. Das Haus dürfen die Kinder nur angeleint an ein dickes Tau verlassen - denn im Wald lauern angeblich die schlimmsten Monster - zumindest erzählt es die Mutter so: "In diesem interessanten Schwebezustand zwischen faktischer und eingebildeter Gefahr bewegt sich Alexandre Ajas Film höchst souverän. Reell ist für die Filmfiguren in jedem Fall ihr Hunger, und als die Mutter schließlich entscheidet, nun müsse der Familienhund gegessen werden, eskaliert die Situation. Motive aus dem Americana-Genre im klassischen Hollywood kommen einem in den Sinn, wo tollwütige Hunde von weinenden Söhnen erschossen werden mussten. Doch anstatt sie letztlich zu bedienen, reißt der Filmemacher das Steuer immer wieder überraschend um." Szene aus "Die Schule der magischen Tiere" Teil drei. Die Reihe "Die Schule der magischen Tiere" ist eine der erfolgreichsten deutschen Kinderfilm-Produktionen dieser Zeit. Und auch der dritte Teil, Regie führte Sven Unterwaldt jr, wird wieder viele Grundschüler ins Kino locken, vermutetPerlentaucher-Kritiker Robert Wagner. Die Handlung um Schüler, die mit ihren magischen Helfertieren Probleme bewältigen müssen, basiert auf der gleichnamigen Buchreihe von Margit Auer und wird auch im dritten Film sorgfältig aufgebaut: "Alles hat Hand und Fuß - nur will die Magie nicht überspringen. Die Figuren sind dafür da, dass sie ihre Probleme schnell lösen und etwas lernen, mit Leben werden sie nicht gefüllt. Die Schauspieler changieren - von von Dohnányi abgesehen - zwischen nett, blass und hölzern. Was die Tiere angeht, verfolgt der Film zwar eine Strategie - das zuerst schreckliche Krokodil, dass dann tapsig ist, die Gefühle hinter den Krallen -, aber auch sie sind bloß zweckdienlich, Charisma oder bleibender Eindruck: Fehlanzeige. Drama und Inszenierung bleiben an so kurzer Leine, dass nichts die kompakte, kindgerechte, harmoniesüchtige Sachlichkeit gefährdet."
Auch Kathleend Hildebrand ist in der SZ nicht so ganz überzeugt. Außerdem bekommt die Serie so langsam ein Problem mit dem Alter ihrer Darsteller, findet sie: "Denn mal ehrlich. Jungs, die nachmittags ihre Muskeln aufbauen und sich gegenseitig 'Bruder' nennen - freuen die sich, ein rülpsendes Krokodil zugeteilt zu bekommen, mit dem sie fortan ihre Tage verbringen sollen?"
Außerdem: Der Schauspieler und Synchronsprecher Jacques Breuer ist mit 67 Jahren verstorben, meldet die FAZ. Im Zeit-Interview mit Katja Nicodemus unterhält sich die Schauspielerin Jessica Chastain über ihren neuen Film "Memory", in dem ein Paar vergangene Traumata und beginnende Demenz durchstehen muss. Die ARD-Serie "Die Zweiflers" hat beim Deutschen Fernsehpreis abgeräumt, melden die Agenturen: Preise gab es in der Kategorie "Beste Drama-Serie" und "Beste Kamera" sowie für Aaron Altaras und Sunnyi Melles als beste Schauspieler; den Hauptpreis gewann die Verfilmung der Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. SZ und Welt bringen Interviews mit Francis Ford Coppola über seinen neuen Film "Megalopolis". Christiane Peitz teilt im Tagesspiegel Neuigkeiten zur Filmförderungsreform von Claudia Roth. Das Werk des belgischen Regisseurs Bas Devos wird im Arsenal-Kino in Berlin gezeigt, meldet Esther Buss ebenfall dort.
Besprochen werden die Julia Charakters Dokumentation "Die Kinder von Korntal" (FR), die Arte-Serie "Die Welt existiert nicht" von Erwan Le Duc (FAZ) und Francis Ford Coppolas Film "Megalopolis" (FAZ), die Dokumentation "Rohbau" von Tuna Kaptan (taz) und die zweite Staffel der Netflix-Serie "Monster" (SZ).
Michael Douglas als Gordon Gekko in "Wall Street" Die Feuilletons gratulieren Michael Douglas zum Achtzigsten. In der FAZ erinnert sich Dietmar Dath an den jungen Douglas, "der auch in den kariertesten Sakkos schnittig aussieht und dessen Haare man vermutlich per Düsenjet aus der Stirn geblasen hat." Er "ist damals knochig wie das Wort 'Karriere', die Kauleiste hat er vom Vater Kirk Douglas, und die Besetzungsbüros dürften ihn lange unter 'sachlicher Schädel' abgeheftet haben - nüchterne Parts, keine Schwärmer, Zartbesaiteten oder halben Hemden, denn selbst die längeren Haare, mit denen er sich zeitweise weicher zu zeichnen versuchte, verstärken den Effekt von Ernst, der von einer Backenmuskulatur ausgeht, die auch entspannt wohl noch irgendwie unentwegt bissig weiter mahlt." Tobas Kniebe beginnt seine Douglas-Hommage in der SZ mit der berühmten Lobrede auf die Gier, die Douglas als Finanzhai Gordon Gekko in Oliver Stones "Wall Street", hält: "Gier hat eben auch - was ein Kompliment sein soll! - Michael Douglas geprägt. Als Darsteller und als Trüffelschwein für Stoffe, als Produzent - sehr oft war er alles zugleich. Normale Stars wollen vor allem geliebt und verehrt werden und Sympathiepunkte sammeln. Michael Douglas war das egal, er wollte mehr." Für die NZZgratuliert Marion Löhndorf.
Eher verhalten reagierte die Kritik bislang auf Francis Ford Coppolas exzentrischen, selbstfinanzierten Science-Fiction-Film "Megalopolis" (siehe hier und hier). Lukas Foerster hält im Perlentaucher dagegen: "Man kommt diesem eigenartigen Film, glaube ich, nicht auf die Schliche, wenn man ihn als ein unvollendetes Epos beschreibt, seine disparat anmutenden, sich ornamental, in Split-Screens und Spiegelungen vervielfältigenden Bilder als die kläglichen Überreste einer abwesenden größeren, vollkommenen Vision betrauert. 'Megalopolis' ist nicht Coppolas 'Gangs of New York'. Das Windige, Windschiefe ist in ihm ist von Anfang an angelegt - weil 'Megalopolis' nicht in die Vergangenheit blickt, sondern eine Wette auf die Zukunft abschließt."
Außerdem: Im Filmdienstporträtiert Esther Buss die Schauspielerin Margaret Qualley, die derzeit im Horrorfilm "The Substance" glänzt. Dessen Regisseurin Coralie Fargeat interviewt derweil Marie-Luise Goldmann in der Welt. In der tazgratuliert Thomas Abeltshauser Pedro Almodóvar zum 75.
Besprochen werden der Kinderfilm "Die Schule der magischen Tiere 3" von Sven Unterwaldt jr. (Perlentaucher), die HBO-Serie "The Penguin" (NZZ), Laurens Pérols "Å Øve - Üben, üben, üben" (Standard), der Paramount+-Streamingfilm "Apartment 7A" (Berliner Zeitung) und die NDR-Serie "So Long, Marianne" (Welt).
Szene aus Azazel Jacobs "Drei Töchter". An Anton Tschechows Stück "Drei Schwestern" muss Caroline O. Jebens auf Zeit Online bei der Netflixproduktion "Drei Töchter" denken. Und nicht nur wegen des Titels: Azazel Jacobs Film über drei Frauen, die sich in einem New Yorker Appartement um den sterbenden Vater kümmern, entspinnt sich zu einem psychologischen Kammerspiel, so die begeisterte Kritikerin: "Bei Tschechow werden bessere Zeiten für die Schwestern nie anbrechen. Und auch in 'Drei Töchter' ist klar: Der Vater wird sterben. So sehen wir den dreien beim Trauern zu, und ihre Reaktionen auf den nahenden Tod verweisen bereits auf die unterschiedlichen Modi der Trauer: Katies Aktionismus angesichts der Machtlosigkeit, Christinas Achtsamkeit gegenüber der Erbarmungslosigkeit, Rachels Rückzug angesichts der Ausweglosigkeit. Obwohl ihre Unterschiede unabdingbar sind für die Spannungen zwischen den Figuren, wirkt ihre Konstellation immer wieder auch eklektisch."
Im NZZ-Interview mit Andreas Scheiner unterhält sich Francis Ford Coppola über die Realisierung seines Films "Megalopolis" (unser Resümee), den er mit 125 Millionen Dollar komplett selbst finanzierte. Dass es in seinem Film um einen Architekten geht, sei kein Zufall: "Weil es mir um das Entwerfen der Welt der Zukunft ging. Wenn Sie einen Architekten anrufen, sagen Sie ihm, wofür er etwas entwerfen soll. Ich glaube, dass es kein Problem gibt, das der Mensch, diese geniale Spezies, nicht lösen könnte. Oder stimmen Sie mir nicht zu, dass der Mensch im Vergleich zu allen anderen Lebewesen außergewöhnlich talentiert und kreativ ist?" Andreas Busche bespricht den Film für den Tagesspiegel, Patrick Holzapfel schreibt für die NZZ.
Weiteres: Hanns-Georg Rodek trifft für die Welt die Regisseurin Yasemin Şamdereli, die in ihrem Film "Samia" das Schicksal der somalischen Leichtathletin Samia Yusuf Omar verarbeitet. In der NZZbeleuchtet Marion Löhndorf Federico Fellinis Liebe zu Rimini. Besprochen werden die Dokumentation "Trauma in Nahost - Der 7. Oktober und seine Folgen", zu sehen in der arte-Mediathek (SZ) und Klaus Sparwassers Klima-Doku "System Change" (taz).
Marc Zitzmann (FAZ) amüsierte sich diese letzten Sommertage in dunklen Kinosälen beim Pariser Festival für ungewöhnliche Filme, dem "Étrange Festival". Zu sehen gab es diesmal unter anderem "Sylvain Perrets'étrange anthologie' von Exzerpten aus Kinowochenschauen der Gaumont. Man bestaunt da Champions des Auf-der-Stelle-Radelns, verheiratete Kinderpuppen, Kreuzritter wider den Voodoo, fernöstliche Exorzisten, boxende Braunbären, dreibeinige Stuten und stierische Einhörner, nicht zu vergessen einen schauderhaft schielenden Hypnotiseur und schräge Schöpfer wie Salvador Dalí, dessen künstlerische Kooperationen mit malenden Seeigeln, fliegenden Sardinen und Freudschen Langusten noch immer das Zwerchfell zum Beben bringen. ... Das Festival verklammert ein (Un-)Geist - jener der Wanderzirkusse von einst mit ihren Clown- und Akrobatennummern, ihren Geisterbahnfahrten und Freakshows. Setzten die frühen Ausgaben auf Themennächte mit Titeln wie 'Satan Superstar', 'Die Kannibalen' oder 'Bestialische Liebe', so mehrten sich später die Hommagen und 'Cartes blanches', das heißt die gerafften Werkschauen und Einladungen an Regisseure, fremde Filme vorzustellen."
Besprochen werden Kate Winslets Biopic "Lee - Die Fotografin" (Standard), eine Doku über Silly-Frontfrau Tamara Danz (BlZ) und eine Doku über Leonard Cohen (Tsp).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Sighard Neckel: Katastrophenzeit In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Sighard Neckel das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen…
Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben Wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der…
Lola Randl: Der lebende Beweis Der lebende Beweis erzählt von einer Frau Mitte 40, die eine zunehmende Entfremdung verspürt - von ihrer Umgebung, ihrer Familie und von sich selbst. Zurückgezogen auf den…
Colleen Hoover: Woman Down Aus dem Amerikanischen von Anja Galic und Katarina Ganslandt. Der Shitstorm um die Verfilmung ihres Romans stürzte Bestsellerautorin Petra Rose in eine Schreibkrise. Sie…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier